Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
WEBERVÖGEL. 1BANDVOGEL, 2 PARADIESWIDA, Weibchen, 3 Männchen; 4 BLUTFINK, 5 FEUERWEBER
verheerend in die Felder einfallen können, schwärmen längere Zeit im Lande umher, mausern dabei und kehren schließlich zu demselben Baume, welcher ihre oder ihrer Jungen Wiege war, oder wenigstens in dessen Nähe zurück. Hier herrscht einige Monate lang ein sehr reges Leben; denn der Bau der Nester erfordert viel Zeit, und die Vögel sind so eifrig und baulustig, daß sie oft das fast ganz fertige Nest wieder einreißen und ein neues errichten. Die Nester sind ohne Ausnahme Kunstbauten und entweder aus Pflanzenfasern oder aus biegsamen Grashalmen, die, wie es scheint, durch den Speichel der Vögel noch besonders geschmeidigt werden, zusammengeschichtet oder gewebt. Wahrscheinlich brüten alle Webervögel mehrmals im Jahre, und daraus dürfte es zu erklären sein, daß man selbst in wenig verschiedenen Gegenden eines Landstriches frische Nester und Eier in verschiedenen Monaten des Jahres findet. Die Jungen sind in solchen Nestern wohl geborgen. An dem schwankenden Gezweige kann sich keine der so gern nesterplündernden Meerkatzen, kein anderes Raubsäugetier erhalten: es stürzt zum Boden, ins Wasser hinab, wenn es mit Räubergelüsten sich naht. Bei gewissen Arten, so beim Mahaliweber, wird das Nest noch außerdem gegen Angriffe verwahrt, indem die bauenden Eltern Dornen mit den Spitzen nach außen einflechten. Innerhalb ihres Nestes also sind alte und junge Weber gegen jeden gewöhnlichen Feind gesichert. Die Ostafrikaner betrachten auch diese Kunsterzeugnisse unserer Vögel mit gleichgültigem Auge; andere Völkerschaften aber haben sie wohl, wenn auch teilweise mit dem Sinne des Märchendichters, beobachtet. So hat man in manchen Nestern Lehmklümpchen gefunden, und das Volk hat sich dies flugs zu erklären gewußt, indem es sagt, daß der Webervogel des Nachts in diesen Lehm Leuchtkäfer einklebe, die dazu bestimmt sein sollen, sein Nest zu erleuchten. Nach Bernsteins Angaben hat der feste Bau des Bayawebervogels die Grundlage gegeben zu der malayischen Sage, daß derjenige, welcher so glücklich ist, eines dieser Nester auseinander zu nehmen, ohne dabei einen der es zusammensetzenden Halme zu zerbrechen, in dessen Innerem eine goldene Kugel finde. Sämereien aller Art, namentlich Halm- und andere Körnerfrüchte nebst Schilfgesäme bilden die bevorzugte Nahrung der Weber. Außerdem jagen sie sehr eifrig Kerbtiere und füttern namentlich mit solchen ihre verhältnismäßig zahlreiche Brut heran. Raubzüge gegen die Felder unternehmen sie hauptsächlich nach der Brutzeit, während sie die gewaltigen Schwärme bilden. Dann nötigen sie den Menschen, zumal den Bewohner ärmerer Gegenden, der in seinem Getreidefelde sein Ein und Alles besitzt, zur ernsten Abwehr. Außer dem Menschen haben sie in den Edelfalken und Sperbern ihrer Heimatsländer viele und gefährliche Feinde. Auf unserem Tiermarkte kommen mehrere, wenn auch fast nur westafrikanische Arten ziemlich häufig vor; denn sie sind zählebige Vögel, welche die Beschwerden, Entbehrungen und Qualen des Versandes leicht ertragen, bei einigermaßen entsprechender Pflege vortrefflich im Käfige ausdauern, und, falls man ihnen Gelegenheit gibt, ihre Kunst auszuüben, auch bald zu weben beginnen und in Gesellschaft ihresgleichen leicht zur Fortpflanzung schreiten. Aus diesen Gründen dürfen sie als die empfehlenswertesten Käfigvögel bezeichnet werden, die ihre Familie zu bieten vermag. Ihr Gesang ist allerdings nicht viel wert; dafür aber weben sie zur wahren Augenweide ihres Pflegers außerordentlich fleißig an ihren kunstvollen Bauten. * Die Viehweber (Textor) kennzeichnen sich durch bedeutende Größe, starken, kegelförmigen, seitlich zusammengedrückten, an der Wurzel aufgeworfenen, an den Schneidenrändern geschweiften Schnabel, die sehr kräftigen Füße und den rundlichen Fittich, unter dessen Schwingen die viexte oder fünfte die längste ist. Brehm, Tierteben. 3. Auflage. IV. 23
Im Ostsudan habe ich den Alektoweber (Pextor albirostris und alecto, Dertroides, Alecto und Alectornis albirostris) kennen gelernt. Seine Länge beträgt 25, die Breite 36, die Fittichlänge 12, die Schwanzlänge 9em. Das Gefieder ist einfarbig, mattglänzend schwarz, das Kleingefieder aber an der Wurzel weiß, welche Färbung hier und da zur Geltung kommt, die zweite bis fünfte Schwinge außen in der Mitte schmal weißlich gesäumt, das Auge braun, der Schnabel horngelb, an den Schneiden und an der Spitze bläulich, der Fuß schmutzig grau.
Eine zweite Art der Gattung, der Viehweber (Textor dinemelli, Alecto dinemelli, Dinemellia leucocephala), ist merklich kleiner, nur 20 em lang. Kopf und Unterseite sind weiß, der Mantel, die Schwingen und der Schwanz schokoladebraun, alle Federn lichter gesäumt, ein kleiner Flecken am Flügelbuge, der Bürzel und die Schwanzdecken aber scharlachrot, die Zügel endlich schwarz. Der Schnabel ist unrein schwarzblau, der Fuß dunkelblau. Der Alektoweber bewohnt ganz Mittelafrika, der Viehweber das Innere des Erdteiles und Abessinien. Ersterer wird in Süd- und Ostafrika durch nahe Verwandte, den Büffelund Mittelweber, vertreten, deren ich aus dem Grunde Erwähnung thun muß, als sich die nachstehende Lebensbeschreibung zum Teil auf sie bezieht. Die Viehweber zählen zu den auffallendsten Mitgliedern ihrer Familie. Sie verleugnen die Sitten und Gewohnheiten der Verwandten nicht, erinnern jedoch in mehr als einer Hinsicht an die Drosseln; sie sind Webervögel, ihre Nester aber haben mit denen unserer Elstern mehr Ahnlichkeit als mit den zierlichen Bauten, die ihre Verwandten aufführen. Alle Arten leben vorzugsweise auf Viehweiden, am liebsten in der Nähe von Herden, meist in Gesellschaft von Glanzstaren und Madenhackern. Vom Büffelweber sagt A. Smith Folgendes: „Erst als wir nördlich über den 25. Grad südlicher Breite gelangt waren, trafen wir diesen Vogel, und wie die Eingeborenen versichern, kommt er auch selten weiter südlich vor, aus dem einfachen Grunde, weil dort die Büffel seltener sind. Wo wir ihn antrafen, fanden wir ihn stets in Gesellschaft der Büffel, auf deren Rücken er saß, und zwischen denen er umherflog. Er hüpfte auf den Tieren herum, als ob er ein Madenhacker wäre, und bekümmerte sich nur um seine Nahrung, die vorzugsweise aus den Zecken bestand, welche sich an die Büffel festgesetzt hatten. Dies lehrte uns die Eröffnung ihrer Magen zur Genüge. Auf den Boden kamen sie, um den Kot der Büffel zu durchsuchen. Nächst dem Dienste, den sie den Büffeln durch Ablesen gedachter Schmarotzer erweisen, nützen sie noch dadurch, daß sie ihre Freunde warnen, wenn irgend etwas Verdächtiges sich zeigt. Dann erheben alle Büffel die Köpfe und entfliehen. Die Büffelweber besuchen nur Büffel, und diese haben keinen anderen Wächter, während die Madenhacker dem Nashorne gehören.“ Den Alektoweber habe ich zwar nicht auf den Büffeln beobachtet, zweifle jedoch nicht, daß auch er dem Herdenvieh Ostsudans unter Umständen die gleichen Dienste leistet. Er gehört übrigens nicht unter die häufigen Vögel des Landes. Ich habe ihn erst südlich des 16. Grades der nördlichen Breite und nicht oft gefunden. Wo er vorkommt, bildet er Gesellschaften; einzeln sieht man ihn nicht. Die Trupps sind nicht so zahlreich wie die der Edelweber, immerhin aber noch ziemlich stark, wie man am besten nach der Anzahl der Nester einer Ansiedelung schließen kann. Ich zählte auf einzelnen Bäumen 3, 6, 13 und 18 solcher Nester. Es gehört aber auch schon ein ziemlich großer Baum dazu, um so viele dieser sonderbaren Gebäude zu tragen. Jedes Nest ist nämlich ein für die Größe des Vogels ungeheurer Bau von mindestens Im im Durchmesser. Es besteht aus Reisern und Zweigen, zumal
aus denen der Garatmimose, die trotz ihrer Dornen benutzt werden. Diese Zweige legt und flicht der Vogel zu Astgabeln, aber so wirr untereinander und so unordentlich zusammen, daß man beinahe bis in das Innere der Nestkammer blicken kann. Von außen sieht das Nest kratzborstig aus. Ein Eingang führt in das Innere. Er ist im Anfange so groß, daß man bequem mit der Faust eindringen kann, verengert sich aber dann mehr und mehr und geht endlich in einen Gang über, der gerade für den Vogel passend ist. Der
Viehweber (Textor dinemelli) und Aleltoweber (Textor albirostris). ½ natürl. Größe.
innere Teil des Nestes ist mit feinen Würzelchen und mit Gras ausgefüllt. Übrigens gibt von Heuglin an, daß die Nester zuweilen noch viel größer seien, nämlich 2 —3 m Länge und 1— 1„5 m Breite und Höhe erreichen können. In einem solchen Haufen sind dann 3—8 Nester angelegt; jedes einzelne ist in der beschriebenen Weise mit feinem Grase und Federn ausgefüttert und enthält 3—4 Eier, die 26 mm lang, 20 mm dick, sehr feinschalig sowie auf weißlichem Grunde mit größeren und kleineren, grauen und leberbraunen Punkten und Flecken gezeichnet sind. Ein solcher Nestbaum wird nun zu gewissen Zeiten des Jahres von einer überaus lärmenden Gesellschaft bewohnt. In der Nähe Chartums beobachtete ich, daß der schwarze Weber zu Anfang der Regenzeit, also Ende August, brütet. In der Samhara 23*
nistet er im April. Ich weiß nicht, ob die Viehweber während der übrigen Zeit des Jahres ebensoviel Lärm verursachen wie während der Brutzeit. Die Ansiedelungen, die ich kennen lernte, machten sich schon von weitem durch das Geschrei der Vögel bemerklich. Die Stimme ist sehr laut und verschiedenartig. Während weniger Minuten, die ich unter einem Baume verweilte, schrieb ich mir folgende Laute nieder: Eines der Männchen begann: „ti ti terr terr zerr zäh“, das andere antwortete: „gai gai zäh“, ein drittes ließ den Ton „guik guik guk guk gäh“ vernehmen. Andere schrieen: „güUgü gün gü gäh“, und einige spannen nach Kräften. Es ging zu, wie bei einem Bienenschwarme. Die einen kamen, die anderen gingen, und es schien beinahe, als hätten sich fast noch alle ausgeflogenen Jungen auf dem Baume versammelt, denn mit den wenigen Nestern stimmte die erhebliche Menge der Vögel nicht überein. Der Alektoweber klettert meisterhaft, läuft rasch und behende und fliegt leicht, viel schwebend, jedoch ziemlich langsam und mit auffallend hoch getragenen Fittichen dahin. Sein Wesen ist friedfertig, sein Hang zur Geselligkeit nicht geringer als bei seinen Verwandten. Im Käfige verträgt er sich mit allen Vögeln, die ihn nicht behelligen, dauert bei einfacher Nahrung trefflich aus und schreitet unter geeigneter Pflege ebenfalls zur Fortpflanzung. * Zwei von mir in Nordostafrika und später im Käfige vielfach beobachtete Arten der Gattung der Baumweber (Ploceus) mögen die teilnahmswerten Vögel genauer kennen lehren.
Der Pirolweber (Ploceus galbula, Hyphantornis und Textor galbula) zählt zu den kleineren Arten der Gattung: seine Länge beträgt etwa 13, die Fittichlänge 7, die Schwanzlänge 4,5 em. Die Stirn bis zum vorderen Augenrande, Zügel, Kopfseiten und Kinn sind kastanienrotbraun, Oberkopf, Hals und Unterseite gelb, die Oberteile olivengelb, auf dem Bürzel lebhafter, die Schwingen und deren Deckfedern olivenbraun, außen olivengelb, innen breiter schwefelgelb gerandet, die größten Oberflügeldecken am Ende gelb, eine Flügelquerbinde bildend, die Schwanzfedern bräunlich olivengelb, außen und am Ende olivengelb gesäumt. Der Augenring ist rot, der Schnabel schwarz, der Fuß fleischrötlich. Beim Weibchen ist die olivengrünlichgraue Oberseite auf Mantel und Schultern mit dunkeln Schaftflecken gezeichnet; ein Augenstreifen, die Kopfseiten und die Unterteile sind blaßgelb, auf dem Bauche ins Weißliche ziehend. Der Pirolweber findet sich in Abessinien von der Küste des Roten Meeres an bis in das Hochgebirge hinauf, sonst aber auch im ganzen Ostsudan, an geeigneten Orten in großer Anzahl.
Der Masken- oder Larvenwebervogel (Ploceus abessinicus, larvatus und flavoviridis, Hyphantornis abyssinica, larvata und flavoviridis, Loxia abyssinica, Textor flavoviridis) ist merklich größer als der Pirolweber. Seine Länge beträgt 17, die Breite 28, die Fittichlänge 9, die Schwanzlänge 5,3 em. Vorderkopf und Kehle sind schwarz, auf dem Hinterkopfe in Rotbraun übergehend, Nacken, Hinterhals und Unterseite hochgelb, zwei Schulterflecken wiederum schwarz, die dunkel olivenbraunen Schwingen außen schmal olivengelb, innen breit schwefelgelb gesäumt, Armschwingen und Schulterfedern lebhaft gelb umrandet, die matt olivengelbbräunlichen Steuerfedern innen breit gelb gesäumt. Der Augenring ist karminrot, der Schnabel schwarz, der Fuß rötlich hornfarben. Im Winterkleide gleicht das Männchen dem oberseits auf olivengrünem Grunde durch dunkle Schaftstriche gezeichneten, auf der Braue, den Kopfseiten und Unterteilen gelben Weibchen, zeigt
auch wie dieses eine breite, durch die gelben Endränder der größten Oberflügeldeckfedern gebildete Flügelquerbinde. Die Baumweber vereinigen gewissermaßen die Eigenschaften verschiedener Finken in sich. Dies spricht sich in ihrem ganzen Wesen aus. Nur die unter allen Umständen sich gleichbleibende Geselligkeit ist ihnen eigentümlich. Morgens und abends erscheinen sie scharenweise auf gewissen Bäumen, während der Brutzeit selbstverständlich auf denen, welche die Nester tragen. Die Männchen sitzen auf der Spitze der höchsten Zweige und singen.
AS AIE V–EERH IH
Pirolweber (Plocens galbula) und Maskenweber (Ploceus abessinieus). ¾ natürl. Größe.
Der Gesang ist keineswegs schön, aber im höchsten Grade gemütlich. Es spinnt, schnalzt, schnarrt und pfeift durcheinander, daß man gar nicht daraus klug werden kann. Die Weibchen setzen sich neben die Männchen und hören deren Liedern mit wahrer Begeisterung zu. So treibt es die Gesellschaft bis ein paar Stunden nach Sonnenaufgang; dann geht sie auf Nahrung aus. In den Mittagsstunden sammeln sich verschiedene Flüge, manchmal Tausende, in Gebüschen um Lachen oder in solchen, welche an einer seichten Stelle des Stromes stehen, schreien und lärmen in ihnen nach Art unserer Sperlinge und stürzen plötzlich alle zusammen auf einmal an das Wasser, nehmen hier einen Schluck und eilen so schnell wie möglich wieder in das Gebüsch zurück. Zu diesem eiligen Trinken haben sie ihre guten Gründe; denn ihre Hauptfeinde, die Sperber und die kleinen Falken, lauern über den Bäumen auf sie und stoßen pfeilschnell unter sie, sowie sie das sichere Gebüsch verlassen. Gewöhnlich verweilt eine Webervogelschar stundenlang an einer Stelle, und während dieser