Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Vor 30 Jahren (Mitte der fünfziger Jahre) brütete sie noch nicht in Schwaben und in der nördlichen Schweiz.“ Der gedrungene, kräftige Leib, die kurzen Flügel und die schwachen Beine lassen vermuten, daß die Grauammer ein schwerfälliger Gesell ist. Sie hüpft am Boden in gebückter Stellung langsam umher, zuckt dazu mit dem Schwanze und fliegt mit Anstrengung unter schnurrender Flügelbewegung in Bogenlinien, jedoch immer noch schnell genug, weiß auch mancherlei geschickte Wendungen, die man ihr nicht zutrauen möchte, auszuführen. Ihre
Lockstimme, die beim Auffliegen oft wiederholt und auch im Fluge häufig ausgestoßen wird, ist ein scharfes „Zick“, der Warnungsruf ein gedehntes „Sieh“, der Ton der Zärtlichkeit ein sanfteres „Tick“, der Gesang weder angenehm noch laut, dem Geräusche, das ein in Bewegung gesetzter Strumpfwirkerstuhl hervorbringt, in der That ähnelnd, da auf ein wiederholtes „Tick tick“ ein unnachahmliches Klirren folgt und das sonderbare Tonstück beendet. Während des Singens nimmt die Grauammer verschiedene Stellungen an und bemüht sich nach Möglichkeit, mit ihren Gebärden dem mangelhaften Gesange nachzuhelfen. Liebens-⸗ würdige Eigenschaften zeigt sie nicht, ist im Gegenteile ein langweiliger Vogel, der außerdem friedfertigeren Verwandten durch Zanksucht beschwerlich fällt. Das Nest wird im April in eine kleine Vertiefung in das Gras oder zwischen andere deckende Pflanzen, immer nahe über dem Boden, gebaut. Alte Strohhalme, trockene Grasblätter, Hälmchen bilden die Wandungen; die innere Höhlung ist mit Haaren oder sehr feinen Hälmchen ausgelegt. Die 4—6, etwa 24 mm langen, 18 mm dicken Eier haben eine feine, glanzlose Schale und sind auf matt gräulichem oder schmutzig gelblichem Grunde, und zwar am stumpfen Ende am dichtesten, mit rotbläulichgrauen Punkten, Fleckchen und Strichelchen gezeichnet und geädert. Die Jungen werden mit Kerbtieren groß gefüttert und sind zu Ende Mai flugbar; sobald sie selbständig geworden, schreiten die Alten zur zweiten Brut; wenn auch diese glücklich vollendet ist, scharen sich alle in Flüge und beginnen nun ihre Wanderung. Man stellt der Grauammer des leckeren Bratens halber mit dem Gewehre oder mit dem Strichnetze, auch wohl auf eignen Herden nach. Für das Gebauer fängt man sie nicht.
Häufiger, jedoch kaum mehr verbreitet, ist die Goldammer (Emberiza citrinella, sylvestris und septentrionalis). Die Länge beträgt 17 em, die Breite 27, die Fittichlänge 8,5, die Schwanzlänge 7 em. Kopf, Hals und Unterteile sind schön hochgelb, die Stirn, ein von ihr aus über den Augen bis zum Nacken, ein zweiter vom hinteren Augenrande bis auf die Schläfe verlaufender Längsstreifen und der Hinterhals olivengraugrün, spärlich dunkel längsgestrichelt, Kopf und Kopfseiten zimtrotbraun, Bürzel und Oberschwanzdecken etwas dunkler, Mantel und Schultern fahl rostbraun, die unteren Körperseiten mit dunkelbraunen, zimtbraun gesäumten, die oberen mit breiten schwarzen Schaftstrichen gezeichnet, die Schwingen schwarzbraun, die der Hand mit schmalen blaßgelben, die Armschwingen und deren Decken mit breiten fahl rostbraunen Außen-, die größten Oberflügeldecken auch mit rostbraunen Endsäumen, eine Querbinde bildend, geziert, die Schwanzfedern schwarzbraun, außen schmal heller gesäumt, die beiden äußersten innen mit breiten weißen Endflecken ausgestattet. Der Augenring ist dunkelbraun, der Schnabel dunkelblau, an den Schneiden heller, der Fuß rötlichgelb. Bei dem Weibchen sind alle Farben matter, Scheitelflecken, Augenbrauen, Kinn und Kehle deutlich gelb, Kropf und Brust matt rostbräunlich gefärbt. Nord- und Mitteleuropa, ebenso ein großer Teil Asiens, namentlich Sibirien, sind die Heimat der Goldammer. In Deutschland fehlt sie keinem Gaue, steigt auch im Gebirge bis gegen die Waldgrenze auf und darf da, wo zwischen Feldern, Wiesen und Obstpflanzungen niedrige Gebüsche stehen, mit Sicherheit erwartet werden. Im Süden gesellt sich ihr, hier und da vertritt sie die über ganz Südeuropa lückenhaft verbreitete und ebenso in der Schweiz, in Frankreich, Belgien, England und Südwestdeutschland stellenweise vorkommende, ihr in Sein und Wesen, Stimme und Gesang höchst ähnliche Zaunammer, Hecken-, Zirb-, Pfeif- und Frühlingsammer, Zaunund Waldemmerling, Moosbürz, Zizi ꝛc. (Emberiza eirlus und eleathoraz).
Ihre Länge beträgt 15,8, die Breite 24, die Fittichlänge 7,5, die Schwanzlänge 7 em. Der auf dem Scheitel schwarz gestrichelte Kopf, der Hinterhals, die Halsseiten und ein breites Querband über den Kropf sind graugrün, Augenbrauen und ein Streifen unter dem Auge, die durch ein schwarzes Zügelband getrennt werden, sowie ein breites, halbmondförmiges Schild zwischen Kehle und Kropf gelb, Kinn, Oberkehle und ein von letzterer ausgehender, bis hinter die Ohrgegend reichender Streifen schwarz, die Unterteile hellgelb, seitlich zimtrot, Bauch und Schenkelseiten mit dunkeln Schaftstrichen geziert, Mantel und Schultern zimtrot, die Federn am Ende grau gesäumt und dunkel geschaftet, Bürzel und Oberschwanzdecken grünbräunlich, die Schwingen dunkelbraun, außen schmal fahl, Armschwingendecken
Zaunammer (Emberiza eirlus) und Zippammer (Emberiza cia). d.e natürl. Größe.
und hintere Armschwingen außen breit zimtbraun gesäumt, die Oberflügeldecken grünbraun die größten am Ende rostfahl gerandet, wodurch eine Querbinde entsteht, die Schwanzfedern dunkelbraun, außen fahl gesäumt, die äußersten beiden mit breiten weißen Längs-⸗ flecken geziert, die auf der äußersten Feder fast die ganze Außenfahne mit bedeckt. Das Auge dunkelbraun, der Schnabel oberseits schwarz, unterseits licht bräunlich, der Fuß licht rötlich. Dem Weibchen fehlen das Schwarz der Kehle und die beiden gelben Streifen am Kopfe; die Federn der Unterteile sind gelblich, dunkel geschaftet; der zimtrote Flecken an der Brustseite ist blässer. Während des ganzen Sommers trifft man unsere allbekannte Goldammer paarweise oder ihre Jungen in kleinen Gesellschaften an. Die Alten gehen mit Eintritt des Frühlings an ihr Brutgeschäft. Oft findet man schon im März das Nest, das aus groben, halb
verrotteten Pflanzenstengeln, Grashalmen und dürrem Laube erbaut, innen aber mit Grashalmen und Pferdehaaren ausgelegt ist, in niederem Gesträuche, meist nahe auf dem Boden, zwischen Stämmen oder im dichten Gezweige steht und spätestens Anfang April das erste Gelege enthält. Dieses besteht aus 4 —5 Eiern, die 21 mm rlang, 15 mm dick, feinschalig, auf trübweißem oder rötlichem Grunde mit dunkleren bunten Flecken und Äderchen gezeichnet und bekritzelt sind und von beiden Eltern wechselseitig bebrütet werden, wie beide sich auch der Sorge um die Brut gemeinschaftlich widmen. In günstigen Jahren brütet sie zwei⸗, nicht selten dreimal. Solange die Brutzeit währt, ist das Männchen sehr munter, singt vom frühesten Morgen bis zum späten Abend sein einfaches, aus 5 —6 fast gleichen Tönen und dem um eine Oktave höheren, etwas gezogenen Schlußlaute bestehendes Liedchen, welches das Volk sich in die Worte übersetzt hat: „S'is, s'is noch viel zu früh“ oder „Wenn ich 'ne Sichel hätt', wollt' ich mit schnitt“, oder endlich, um mit Mosen zu sprechen, „Wie, wie hab' ich dich lieb“. Der Sänger sitzt beim Singen auf einer freien Astspitze und läßt den Menschen sehr nahe an sich herankommen, sich und sein Treiben daher leicht beobachten. Nach der Brutzeit sammelt sich alt und jung zu Scharen, die bald sehr zahlreich werden, und schweift nun zunächst in einem ziemlich kleinen Gebiete umher, vereinigt sich wohl auch mit Lerchen und Finken, selbst mit Wacholderdrosseln. In strengen Wintern wird unser Vogel gezwungen, sich seine Nahrung von den Menschen zu erbetteln, und kommt massenhaft, oft als gern gesehener oder wenigstens geduldeter Gast in das Gehöft des Landmannes herein, kehrt aber im nächsten Frühjahre auf seinen Standort zurück. Hier und da wird er auf besonderen Herden gefangen; doch hat er in dem Raubzeuge ungleich gefährlichere Feinde als in dem Menschen. Berühmter als die Goldammer ist die Gartenammer oder der Ortolan, Urtlan,
Utlan, Fett-⸗, Feld- und Sommerammer, Gärtner, Jutvogel, Windsche, Grünzling, Heckengrünling (Emberiza hortulana, chlorocephala, badensis, antiquorum, pinguescens, delicata, malbeyensis, buchanani und tunstalli, Euspiza und Glyei-spina hortulana). Ihre Länge beträgt 16, die Breite 26, die Fittichlänge 8, die Schwanzlänge 7 em. Kopf, Hals und Kropf sind matt graugrünlich, ein schmaler Augenkreis, Kinn und Kehle sowie ein Streifen vom Unterschnabel herab, der unterseits durch einen schmalen dunkeln Bartstreifen begrenzt wird, gelblich, die übrigen Unterteile zimtrostrot, auf den Unterschwanzdecken lichter, die Oberteile matt rostbraun, Mantel und Schultern durch breite dunkle Schaftstriche gezeichnet, die Schwingen dunkelbraun und, die erste weiß gesäumte ausgenommen, mit schmalen fahlbraunen, die hintersten Armschwingen und deren Deckfedern mit breiten rostbraunen Außensäumen, die oberen Flügeldecken auch mit rostbraunen, eine Querbinde bildenden Endsäumen geziert, die Schwanzfedern dunkelbraun, außen fahl gesäumt, die äußersten beiden Federn innen in der Endhälfte, die äußersten auch in der Mitte der Augenfahne weiß. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel wie der Fuß rötlich hornfarben. Beim Weibchen sind Kopf und Hinterhals bräunlichgrau, Kehle und Kropf roströtlich, alle diese Teile mit feinen schwarzen Schaftstrichen gezeichnet, Kinn, Kehle und ein Streifen unter den braunen Backen, der unterseits durch einen schmalen Bartstreifen begrenzt wird, roströtlichgelb. Auch die Gartenammer verbreitet sich über einen großen Teil Europas, kommt aber immer nur hier und da, in vielen Gegenden nicht oder äußerst selten vor. In Deutschland bewohnt sie ständig die unteren Elbgegenden, die Mark und Lausitz, Schlesien, Westfalen und die Rheinlande. Häufig ist sie in Südnorwegen und Schweden und gemein in Südeuropa, außerdem Brutvogel in Holland, England, Frankreich, Rußland, im mittleren Asien bis zum Alatau, in den Gebirgen Kleinasiens und Palästinas. Im Winter wandert
sie bis West- und Ostafrika, bezieht mit Vorliebe Gebirge und steigt in ihnen bis zu einem Höhengürtel von 3000 m empor. „Die Gartenammer“, so äußert sih Marshall, „war 1835 bei Berlin, Potsdam und Charlottenburg schon ein häufiges Tier, fehlt jedoch noch in Anhalt, aber bereits 12 Jahre später ist sie bei Zerbst keine Seltenheit mehr; 1885 wird festgestellt, daß sie in Oldenburg von Jahr zu Jahr zunimmt. Bei Frankfurt a. M. und bei Mainz wird sie 1853 noch vermißt, doch haben sich einzelne Pärchen shon im Oden-walde angesiedelt; um dieselbe Zeit ist sie in der Lausiz schon gemein, kommt aber 4—6 Jahre später erst nad Böhmen. Südlicher scheint sie noch vollständig zu fehlen, wenigstens
Gartenammer (Emberiza hortulana) und Kappenammer (Emberiza melanocephala). */s natürl. Größe.
in der Schweiz und Schwaben war sie vor 30 Jahren nicht vorhanden, bei Wien auch 1879 noch) nicht. E3 verdient darauf hingewiesen zu werden, daß der Ortolan bisweilen ver-streut in einer Gegend als Brutvogel auftritt, um dann wieder auf eine Neihe von Jahren zu verschwinden: eine Thatsache, die auch dafür spricht, daß der Vogel in unserer Tierwelt noch ein Neuling ist und noch nicht so recht festen Fuß gefaßt hat. In Südeuropa sind Gartenammer und Grauammer weit zahlreicher und allgemeiner bis an die Gestade des
| Atlantischen Ozeans verbreitet, also wohl auch früher eingewandert; von diesen südlichen
Einwanderern dürften, außer den zahlreichen Stücken der Provence, die bei Genf, in Südtirol und Südsteiermark brütenden abstammen.“ Im südöstlichen Europa, zumal in Griechenland, ebenso in Kleinasien, Palästina, Westasien und Nordafrika gesellt sich ihr die auch in Süddeutschland und auf Helgoland erlegte,
Rostammer (Emberiza caesia, rufibarba und rufigularis, Fringilla und Glyei⸗- spina caesia) zu, die sich von ihr, der nächsten Verwandten, durch grauen Kopf und graue Kropfquerbinde, blaß zimtrote Kehle, dunkel zimtrote Unterseite, kleinere weiße Endflecken der äußeren Schwanzfedern und korallenroten Schnabel unterscheidet. Leben und Betragen unterscheiden die Gartenammer wenig von anderen Arten ihrer Familie. Sie bewohnt ungefähr dieselben Ortlichkeiten wie die Goldammer, beträgt sich ihr sehr ähnlich, singt aber etwas besser, obschon in ganz ähnlicher Weise. Der Lockton lautet wie „gif gerr“, der Ausdruck der Zärtlichkeit wie ein sanftes „Gi“ oder ein kaum hörbares „Pick“, das Zeichen unangenehmer Erregung ein lautes „Gerk“. Nest und Cier gleichen den bereits beschriebenen. Ersteres steht ebenfalls nahe an der Erde, gewöhnlich im dichtesten Gezweige niederer Bäume; letztere, 4—6 an der Zahl, sind 19 mmelang, 15 mm dick und auf hell- oder weißrötlichem und rötlichgrauem Grunde schwarzbläulich gefleckt und geschnörkelt. Bereits die Römer wußten das schmackhafte, zarte Fleisch der Fettammer zu würdigen und mästeten sie in besonders dazu hergerichteten Käfigen, die nachts durch Lampenschein erhellt wurden. Dasselbe Verfahren soll jetzt noch in Italien, dem südlichen Frankreich und namentlich auf den griechischen Inseln angewendet werden. Dort fängt man die Fettammern massenhaft ein, würgt sie ab, nachdem sie den nötigen Grad von Feistigkeit erhalten haben, siedet sie in heißem Wasser und verpackt sie zu 200 und 400 Stück mit Essig und Gewürz in kleine Fäßchen, die dann versendet werden. Gutschmecker zahlen für so zubereitete Ortolane gern hohe Preise. Eine der schönsten ihrer Unterfamilie ist die Zippammer, Bart- und Rotammer,
Steinemmerling (Emberiza cia, lotharingica, canigularis, barbata, meridionalis, pratensis und hordei, Citrinella cia und meridionalis, Euspiza, Buscarla mund Hylaespiza cia, Abbildung S. 345). Die Länge beträgt 18, die Breite 24, die Fittichlänge 7,5, die Schwanzlänge 7,8 em. Kopf und Hinterhals sind aschgrau, Kopfseiten, Kehle und Kropf etwas heller, ein breiter Augenstreifen, Backen und Kinn weißlichgrau, zwei Streifen, die den Brauenstreifen oberhalb und unterhalb einfassen, und von denen der eine vom Nasenloche bis zum Nacken, der andere über die Zügel bis auf die Schläfen reicht, sowie ein dritter, der sich vom Mundwinkel herabzieht und sich mit den beiden ersten am Ende durch einen schmalen Querstreifen verbindet, schwarz, Mantel und Schultern rostrotbraun, alle Federn dunkel geschaftet, Bürzel, obere Schwanzdecken und die Unterteile zimtrostrot, auf der Bauchmitte heller, die Schwingen schwarzbraun, außen schmal, die hinteren Armschwingen und deren Deckfedern hier und am Ende breiter rostbraun gesäumt, die Oberflügeldecken dunkelgrau, ihre größte Reihe schwarz, am Ende rostfahl, wodurch eine Querbinde entsteht, die Schwanzfedern, mit Ausnahme der beiden mittelsten, dunkel braunschwarz, die beiden äußersten in der Endhälfte innen weiß, die Außenfahne der äußersten ebenso. Der Augenring ist dunkelbraun, der Oberschnabel schwarz-, der untere lichtbraun, der Fuß licht hornfarben. Bei dem im allgemeinen matter gefärbten Weibchen sind die schwarzen Längsstreifen des Kopfes minder deutlich, der Oberkopf braun, dunkel längsgestrichelt, der mittlere Streifen grau, der Augenstreifen fahlweiß und das Grau der Kehle und des Kopfes mit verwaschenen dunkeln Tüpfelchen gezeichnet. In Deutschland bewohnt die Zippammer, die sich aber immer weiter nordwärts ausbreitet, hauptsächlich die Rheinlande, namentlich den Mittelrhein zwischen Irlich und Linz, und ebenso das südöstliche Baden, hier auf die höheren Bergthäler, dort auf die Weinberge des rechten Rheinufers sich beschränkend; nicht minder selten kommt sie in Osterreich vor.