Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Häufig dagegen ist sie in Südeuropa, namentlich in Spanien, Italien und Griechenland, außerdem in Westasien. Von hier aus durchreist sie den größten Teil Asiens bis zum Himalaja, in dessen westlichem Teile sie regelmäßig auftritt. Sie ist ein Gebirgsvogel, der nach meinen in Spanien angestellten Beobachtungen die Ebenen meidet. Halden mit möglichst zerrissenem Gesteine bilden ihre Lieblingsplätze. Hier treibt sie sich zwischen und auf den Steinen und Blöcken nach Art anderer Ammern umher. Auf Bäume oder Sträucher setzt sie sich selten. Im übrigen ist sie eine echte Ammer in ihrem Betragen und in ihren Bewegungen, im Fluge und in der Stimme. Ihr Ruf, ein oft wiederholtes „Zippzippzipp“ und „Zei“, entspricht ihrem Namen. Der Gesang ähnelt dem der Goldammer, ist aber kürzer und reiner; Bechstein hat ihn sehr gut mit „zizizizirr“ wiedergegeben. Das Nest hat man am Rhein, wo sie an einzelnen Orten nicht selten nistet, in den Ritzen und Höhlungen der Weinbergsmauern gefunden. Die 3—4 Eier sind 21mm lang, 16 mm dick, auf grauweißlichem Grunde mit grauschwarzen und zwischendurch mit einigen grauen Fäden, oft gürtelartig in der Mitte des Eies, umsponnen, diese Fäden aber nicht kurz abgebrochen, die Eier also dadurch leicht von den oft ähnlich gezeichneten der Goldammer zu unterscheiden. Auch die Zippammer brütet wahrscheinlich zweimal im Jahre; in Spanien bemerkten wir ihre Jungen jedoch nicht vor dem Juli. Um Mitte August begann bereits die Mauser. Am Rhein erscheint der Vogel zu Anfang April und verweilt dort bis zum November. In Spanien fanden wir ihn im Winter zu sehr großen Flügen vereinigt außerordentlich häufig an allen sonnigen Abhängen der Sierra Nevada.
Ein nicht minder schöner Vogel, die Weidenammer (Emberiza aureola, sibirica, dolichonia, pinetorum und selysii, Euspiza, Hypocenter und Passerina auréola), gehört Nordasien an, bewohnt jedoch auch den Nordosten Europas in zahlreicher Menge und verfliegt sich von hier aus nicht allzu selten nach Westeuropa, während die Hauptmenge ihre Winterreise nach Südchina, Cochinchina, Assam, Barma und die Länder des westlichen Himalajas richtet. Die Länge beträgt 18, die Breite 28, die Fittichlänge 8,8, die Schwanzlänge 4, em. Die Oberteile, ein Querband unter der gelben Kehle und die Kropfseiten sind tief rostbraun, Mantel- und Schulterfedern mit undeutlichen Schaftflecken und schmalen weißlichen Außensäumen, Zügel, Kopfseiten und Kinn schwarz, die Unterteile gelb, seitlich durch rotbraune Schaftstriche geziert, die Unterschwanzdecken weiß, die Schwingen dunkelbraun mit fahlbraunen, die hinteren Armschwingen mit breiten rostbraunen Außensäumen, die rotbraunen Handschwingendecken mit breiten fahlweißen, eine Querbinde bildenden Endrändern gesäumt; ein großes Feld auf den oberen und die unteren Flügeldecken sind weiß, die äußerste Schwanzfeder weiß, innen an der Wurzel und am Ende dunkel, die zweite innen durch einen weißen Längsstreifen geschmückt, die übrigen haben die Färbung der Handschwingen. Das Auge ist rötlichbraun, der Schnabel gelblich, der Unterschnabel rötlich, der Fuß bräunlich hornfarben. Beim Weibchen sind die Oberteile rostbräunlich, dunkel geschaftet, die Bürzelfedern rotbraun, ein über die Kopfmitte verlaufender, ein Augenbrauen- und ein über die Unterbacken ziehender Streifen sowie die Unterteile gelblich, an den Seiten etwas dunkler und hier ebenfalls durch Schaftstriche gezeichnet. Im ganzen mittleren Sibirien, und zwar in Niederungen wie im Gebirge, bis zu 2000 m Höhe, zählt die Weidenammer zu den häufigsten Arten ihrer Unterfamilie. Nicht minder zahlreich tritt sie auch in Osteuropa, namentlich im mittleren und südlichen Ural, auf, von hier aus bis zur Dwina und dem Südwesten des Onegasees sich verbreitend. Auf unserer Reise haben wir sie auffallenderweise nur an wenigen Stellen, und zwar im Krongute Altai, gefunden. Wasserreiche Gegenden, die mit buschigen Weiden gut bestanden sind, bilden ihre bevorzugten Aufenthaltsorte. Nächstdem herbergt sie in sonnigen Birkenhainen,
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nie aber in Nadelwaldungen. Auch sie trifft, von ihrer Winterreise kommend, erst spät im Frühjahre, selten vor den ersten Tagen des Mai, am Brutgebiete ein, treibt sich hier ganz nach Art der Goldammer umher, läßt wie diese den so vielen Arten gemeinsamen Lockton, ein scharfes „Zip zip“, vernehmen, singt aber, auf hohen Zweigspitzen sitzend, besser als die meisten Ammern, da der einfache Gesang sich durch drei kurze, voneinander wohl unterschiedene, flötende Strophen auszeichnet. Die Nester, die Henke auf den Dwinainseln nördlich von Archangel am 16. Juni fand, standen niedrig am Boden oder nicht hoch darüber im Grase, Gestrüppe und Gesträuche versteckt, waren auf einer Unterlage aus trockenen Halmen, Blättern und Gewürzel erbaut und mit feinen Würzelchen, Bastfasern, zarten Grasblättern, zuweilen auch mit einzelnen Haaren und Federn ausgelegt. Die 5—6 Eier, deren Längsdurchmesser 23 und deren Querdurchmesser 17 mm beträgt, sind auf grünlichem oder bräunlich grauweißem Grunde mit kleinen und großen, teilweise ineinander geflossenen verwaschenen Schalenflecken von grünlicher oder bräunlichgrauer Färbung und mit brandfleckiger Zeichnung, Punkten, unregel—⸗ mäßigen Flecken, Haarzügen und Schnörkeln von brauner und schwarzer Farbe geziert. Nach der Brutzeit schart sich alt und jung in zahlreiche Flüge und begibt sich allmählich auf die Wanderung. Bei dieser Gelegenheit werden in der Umgegend von Moskau oft sehr viele berückt, und sie sind es, die dann auch lebend bis in unsere Käfige gelangen. Südosteuropa von Istrien an, namentlich Dalmatien und Griechenland, viele Inseln des Adriatischen Meeres, die Levante und einen großen Teil Südwestasiens bis an die Nordund Westprovinzen Indiens, insbesondere aber Persien, bewohnt die Kappenammer, Königsammer, Ortolankönig (Emberiza melanocephala, granativora und simillima, Euspiza melanocephala, Fringilla crocea, Xanthornus caucasicus, Passerina und Granativora melanocephala; Abbildung S. 347), durch den kräftigen, spitzkegelförmigen, fast gleichkieferigen Schnabel mit kleinem, länglichem Höcker vor dem Gaumen, die stämmigen Füße, langen Fittiche, unter deren Schwingen die erste die längste ist, und den mäßig langen, am Ende geraden Schwanz von anderen Ammern unterschieden. Ihre Länge beträgt 18,5, die Breite 29, die Fittichlänge 9,8, die Schwanzlänge 8 em. Der Kopf ist schwarz, die Oberseite lebhaft zimtrotbraun, durch schmale und verwaschene gräuliche Endsäume geziert, die ganze Unterseite hochgelb; die dunkelbraunen Schwingen und Steuerfedern zeigen fahlbraune, an den hinteren Armschwingen und Deckfedern sich verbreiternde Außen-, die kleinen zimtbraunen Deckfedern gelbgraue, die bräunlichen größten Flügeldeckfedern weiße Endsäume, die eine Querbinde herstellen. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel hornblau, der Fuß bräunlichgelb. Dem Weibchen fehlt die schwarze Kappe; die Oberseite ist gräulich rostrot, die Kehle weiß, die übrige Unterseite weißlich rostfarben. Ende April trifft die Kappenammer, aus ihrer Winterherberge kommend, in Griechenland, kaum später auch in Istrien ein. An einem schönen Frühlingsmorgen sind in Griechenland oft alle Hecken am Meeresufer, die man Tages vorher vergeblich nach ihr absuchte, förmlich bedeckt mit dem in voriger Nacht angekommenen Könige der Ortolane. Dieser begibt sich nunmehr sofort nach seinen Brutstätten, Weinbergen der Ebene oder noch unbebauten, mit Salbei und Stechdorn bestandenen Hügeln, baut sein Nest, brütet, erzieht die Jungen und verläßt die Heimat wieder zu Ende Juli oder im August, um seiner Winterherberge zuzuwandern. Sein Zug richtet sich jedoch nicht nach Südwesten, sondern nach Südosten. Von Persien, dem Brennpunkte seines Verbreitungsgebietes, mag er ausgegangen sein und Kleinasien und die Balkanhalbinsel erst später aufgefunden haben; durch Persien, woselbst er noch immer und bis zu fast 3000 m Höhe überall häufig ist, wandert er der Herberge zu. Wenige Wochen nach seinem Abgange aus Europa erscheint er in Dekhan
und in den oberen Provinzen von Hindostan, schlägt sich in ungeheure Flüge zusammen, richtet arge Verwüstungen in den Getreidefeldern an und verläßt das Land im März erst wieder. Hinsichtlich ihres Betragens unterscheidet die Kappenammer sich von anderen Ammern unwesentlich; doch behauptet Graf von der Mühle, daß sie sehr dumm und wenig scheu sei, und man oft in Versuchung käme, das singende Männchen mit dem Stocke zu erschlagen. Um die Fortpflanzungszeit setzt sich das Männchen frei auf die Spitze eines Strauches oder Baumes und läßt beständig seinen einfachen flötenden Gesang vernehmen, wogegen das Weibchen sich soviel wie möglich verbirgt. Das Nest steht am Boden in oder an stachligem Gestrüppe, gewöhnlich sehr versteckt, ist nachlässig gebaut, aus dürren Pflanzenstengeln und Blättern sperrig zusammengefügt, im Inneren mit feinen Würzelchen, Hälmchen, Blattfasern und Pferdehaaren ausgelegt und enthält in der ersten Hälfte des Mai 5 —7 Cier, die 24 mm lang, 18 mm dick, auf bleich bläulichgrünem Grunde mit deutlicheren oder verwaschenen aschgrauen, grünlichen oder rötlichgrauen Flecken gezeichnet sind. In Persien sammeln sich nach der Brutzeit Tausende und andere Tausende von Kappenammern, streichen, gefürchtet ärger noch als die Heuschrecken, von Ort zu Ort und beginnen lange vor ihrem Wegzuge schon die Felder zu plündern. Außer den vorstehend geschilderten Ammern haben noch mehrere Arten der Gattung Deutschland oder wenigstens Europa besucht. Es sind die folgenden: Die in Ostsibirien heimische Fichtenammer (Emberiza leucocephala, pythiornis, albida und bona⸗- parti), die, größer als die Goldammer, am Kopfe, mit Ausnahme einer weißen Platte, grauschwarz, im übrigen, bis auf einen weißen Zügelstreifen, tief zimtrotbraun, am Halse hinten grau, vorn weiß, auf dem Oberkörper und am Kropfe zimtrostrot, auf den Unterteilen weiß gefärbt und oberseits durch dunkle Schaftstriche und fahle Säume der Federn gezeichnet ist; die ebenfalls Ostsibirien entstammende Goldbrauenammer (Emberiza chrysophrys und chlorophrys, Citrinella chrysophrys), die, kleiner als die Goldammer, auf dem schwarzen Kopfe durch einen weißlichen Mittel- und je einen goldgelben Brauenstreifen, auf der rostbraunen Oberseite durch breite, an der weißen Kehle durch schmälere schwarze Schaftflecken, auf den weißen, seitlich bräunlichen Unterteilen durch braune Schaftstriche geschmückt ist; und die in der Wüste lebende Streifenammer (Emberiza striolata, Fringilla, Fringillaria und Polymitra striolata), deren vorwaltend zimtrotbraunes Gefieder auf dem Kopfe in Aschgrau übergeht und hier oberseits sechs aus dunkeln Schaftstrichen gebildete, gleichlaufende Längsstreifen zeigt. deg;e ́d- - Bezeichnende Erscheinungen des äthiopischen Gebietes sind die Webervögel (Ploceidae), die außer Afrika nur noch in Südasien und Australien auftreten. Innerhalb dieser Familie vereinigt man gegen 300 Arten sehr verschiedener Singvögel und betrachtet als ihre gemeinschaftlichen Merkmale die Bildung des Handflügels, der stets zehn Schwingen zählt. Nester der Webervögel verleihen gewissen Bäumen Mittelafrikas und Südasiens einen prächtigen Schmuck. Bäume, die mit einem Teile ihrer Krone ein Gewässer beschatten, werden von diesen gefiederten Künstlern allen übrigen vorgezogen und manchmal mit Nestern förmlich bedeckt. Weberansiedelungen können daher geradezu als hervorstechendes Merkmal für Mittelafrika, Indien und die Eilande des Indischen Inselmeeres gelten. Es ist bezeichnend für die eigentümlichen Künstler, daß sie stets in größeren Gesellschaften brüten.
Erste Ordnung: Baumvögel; zwölfte Familie: Webervögel. Ein Webervogelnest an einem Baume ist eine Seltenheit; gewöhnlich findet man ihrer 20, 30, selbst 100 und mehr. Die ungemeine Festigkeit dieser künstlichen Nester läßt sie jahrelang Wind und Wetter Trotz bieten, und so kann es kommen, daß man an demselben Baume, welcher eben von einer Ansiedelung der Vögel bevölkert ist, noch die Nester von drei und vier früheren Jahrgängen hängen sieht. Einen solchen Schmuck gewahrt man innerhalb des Verbreitungsgebietes der geschicktesten Webervögel überall, im Gebirge wie in der Ebene, in dem einsamen Walde wie unmittelbar über dem Hause des Dörflers. Das Treiben gewisser Arten von Webern in Niederguinea schildert Pechuel⸗Loesche: „Von Webervögeln nisten namentlich Ploceus nigerrimus und P. cinctus in oder an Dörfern oder Faktoreien auf Ölpalmen, noch lieber auf frei stehenden Wollbäumen. Im dichten Laube der letzteren bleiben die nicht nur nach Hunderten, sondern nach Tausenden zählenden, ebenso fest wie kunstvoll geflochtenen Nestbeutel zum Teile verborgen; auf ersteren, die von den geschickten Baumeistern gewöhnlich vollständig ihrer Fieder entkleidet werden, fallen sie um so mehr auf. Da die Eingeborenen nicht daran denken, die unruhigen Scharen zu belästigen, kümmern sich diese gar nicht um das Thun der Menschen. Sie sind ebenso arglos wie regsam und fleißig und vollführen im Streite um die besten Plätze, beim Brüten und Atzen wie bei ihren Versuchen, sich als Sänger hören zu lassen, einen zwar großen, aber anheimelnden Lärm. Zum Weben holen sie sich das geschmeidige und zähe Material am liebsten von nahestehenden Ölpalmen, wählen aber in der Regel zunächst eine bestimmte aus, der es dann freilich übel ergeht. Sie verfahren ganz ordnungsmäßig. Flatternd fassen sie mit dem Schnabel den Rand eines Fiederblättchens, wo es am Wedelschafte ansitzt, und trennen, sich fallen lassend, ein schmales Band der ganzen Länge nach ab; in gleicher Weise gewinnen sie ein zweites und drittes ꝛc., bis von dem Fiederblatte nur noch die dünne Mittelrippe übriggeblieben ist. Dann streifen sie das nächste, die folgenden ab, und endlich, wenn an dem einen riesigen Wedel nicht eine Spur von Grün mehr vorhanden, erlesen sie den benachbarten. Sind sehr viele Vögel an der Arbeit, so beginnen sie auch an mehreren zugleich. Mit rastloser Emsigkeit schwirren die kleinen Baukünstler um den Wipfel: zahllos kommen sie und zahllos fliegen sie ab, lang flatternde Bändchen mit sich tragend; sie achten nicht des Menschen, der von unten zuschaut, welch außerordentliche Verwüstung sie anrichten. Nur kurze Zeit, und die volle Krone der stolzen Palme ist verschwunden; was davon übrig ist, gleicht dem Besenreisig. Dann wird eine zweite und dritte in Angriff genommen, manchmal ein Dutzend geplündert, ehe die Nesterstadt vollendet ist.“ Die Weber (Ploceinae) sind die größten Mitglieder und bilden den Kern der nach ihnen benannten Familie. Meist gestreckt gebaut, zeichnen sie sich außerdem durch ihren verhältnismäßigen langen und schlanken, obwohl noch immer kräftigen Kegelschnabel, ihre hochläufigen, langzehigen, mit derben, scharf gekrümmten Nägeln bewehrten Füße, langen, jedoch stumpfen Flügel, unter deren Schwingen die vierte die längste zu sein pflegt, und ihren kurzen, leicht gerundeten Schwanz aus, lassen sich daher mit anderen Familienverwandten kaum verwechseln. Gelb oder Rötlichgelb und Schwarz sind die vorherrschenden Farben ihres Gefieders; es gibt aber auch vorwaltend schwarze, rote, sperlingsgraue und weißliche Weber. Der Kopf oder das Gesicht pflegt dunkel gefärbt zu sein; der Rücken ist meist grünlich oder rötlichgelb, die Unterseite rein gelb, licht⸗ oder dunkelrot gefärbt. Alle Weber treten häufig auf und zeichnen sich durch eine auch während der Fortpflanzungszeit nicht gestörte Geselligkeit aus. Nach der Brutzeit schlagen sie sich in Flüge zusammen, die sehr oft zu vielen Tausenden anwachsen und unter Umständen wahrhaft