Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
leisten nicht alle Ageln Gleiches. Ich habe einzelne kennen gelernt, die in der That allerliebst shwaßten und hierin unermüdlich waren, von der großen Mehrzahl aber nichts anderes erfahren, als daß sie anfänglich schrieen oder in ohrenbelästigender Weise stümperten, später dagegen ebenso stumm wie faul wurden, ununterbrochen fraßen, sich zu einem förmlichen Klumpen mästeten und endlich an Verfettung zu Grunde gingen. Zudem zeigten sie sich anderen Vögeln gegenüber unfreundlich und zänkifch, mißhandelten ihre Käfigenosjen,
Hügelaßel (Lulabes religiosus). 3/3 natürl. Größe.
verunreinigten das Gebauer in widerwärtiger Weise und verleideten auch dem eifrigsten Liebhaber ihre Pflege und Wartung. Australien, Indien und die malayischen Länder sind die Heimat einer Gattung eigentümlich gestalteter Vögel, die man als Mittelglieder zwischen den Staren, Würgern und Schwalben betrachtet und deshalb Schwalbenstar oder Shwalbenwürger (Artamus) genannt hat. Jhre Merkmale liegen in dem kräftigen Leibe, dem kurzen, fast kegelförmigen, an der Wurzel breiten, auf dem Firste und seitlich abgerundeten Schnabel, der an der feinen Spitze kurz übergebogen und seitlich leicht eingeschnitten ist, den kurzläufigen und kurzzehigen, aber kräftigen Füßen, die mit wohl ausgebildeten, gebogenen und spitigen Krallen bewehrt sind, den langen Flügeln, in denen die zweite Schwinge die Spiße bildet, und dem kurzen oder mittellangen, geraden oder leicht ausgeschnittenen Schwanze sowie dem ziemlich dicht anliegenden, düsterfarbigen Gefieder.
Die Schwalbenwürger, etwa 20 Arten an der Zahl, bevorzugen waldige Gegenden bis zu 1000 m Höhe und darüber und in solchen gewisse Lieblingsbäume. So findet sich die beschriebene Art hauptsächlich da, wo die Palmyrapalme auftritt, und hat deshalb von den Eingeborenen den Namen Palmyraschwalbe erhalten. Eine auf Java lebende Art wählt solche Gegenden, wo ausgedehnte, mit kurzem Grase bestandene Triften oder Felder mit kleinen Gehölzen und Gärten abwechseln oder wenigstens durch einzeln stehende Bäume die zur Annehmlichkeit des Lebens erforderlichen Bedingungen enthalten. Die Bäume dienen zu Sammel⸗ und Ruheplätzen, werden daher auch zum Mittelpunkte des Jagdgebietes. Bernstein berichtet, daß die javanische Art sich auf ihrem Lieblingsbaume mit Leichtigkeit beobachten, ja von ihm kaum vertreiben lasse, vielmehr auch dann immer und immer wieder zu ihm zurückkehre, wenn sie Verfolgung erleidet. Nach der Brutzeit trifft man gewöhnlich die ganze Familie auf einem Baume an, und wenn man dann eines der Mitglieder wegschießt, fliegen die anderen zwar augenblicklich fort, lassen sich auch wohl kurze Zeit anderswo nieder, kehren jedoch immer bald wieder zurück, so daß man noch einen zweiten und selbst einen dritten aus demselben Schwarme wegschießen kann. Nach vollendeter Brutzeit vereinigen sich in geeigneten Gegenden zuweilen zahlreiche Gesellschaften, und dann gewährt der Lieblingsbaum ein sehr anziehendes Schauspiel. Unter dem Schwarme herrscht vollste Freiheit. Jeder einzelne Vogel scheint unabhängig von den anderen zu handeln, jeder das zu thun, was gerade sein Bedürfnis erheischt. Einer oder der andere verläßt den Zweig, auf dem er unter seinen dicht gedrängten Gefährten saß, hüpft auf und nieder, jagt einem Kerbtiere nach und kehrt dann auf den alten Sitz zurück. Der Schwarm besteht nicht immer aus Mitgliedern einer einzigen Art; denn die Schwalbenwürger vereinigen sich sehr häufig mit anderen Vögeln, namentlich mit Familienverwandten oder mit Schwalben; ja verschiedene Arten der Familie brüten auf demselben Baume einträchtiglich zusammen.
Der Schwalbenwürger (Artamus fuscus, Ocypteérus rufiventer und leucorhynchus) ist auf Kopf, Kinn, Kehle und Bürzel düster aschbraungrau, auf Mantel und Schultern dunkler, am Zügel schwarz, auf der Unterseite matt rötlichbraun; die schieferschwarzen Schwingen sind außen schiefergrau verwaschen, die schieferschwarzen Steuerfedern am Ende weiß gerandet. Das Auge ist braun, der Schnabel bleiblau, an der Spitze schwarz, der Fuß bleiblau. Die Länge beträgt 17, die Breite 38, die Fittichlänge 13, die Schwanzlänge 5 em. Unser Vogel ist mehr oder minder gemein in den verschiedenen Gegenden Britisch-Indiens und bis nach Barma, Siam und China verbreitet, kommt auch auf Ceylon vor, aber, wie Oates angibt, nicht auf den Andamanen und Nikobaren. Im Himalaja findet er sich während des Sommers bis zu 1600 m Höhe. Von seiner vorteilhaftesten Seite zeigt sich der Schwalbenwürger nur im Fluge. Auf den Boden herab kommt er selten, beweist auch durch sein ungeschicktes Betragen, daß er hier nicht zu Hause ist. Der Flug wird von Bernstein mit dem eines Raubvogels verglichen, weil der Schwalbenwürger fast ohne Flügelschlag mit ausgebreiteten Fittichen dahinschwebt und durch einfaches Heben oder Senken des einen und anderen Flügels die Richtung bestimmt. Die Bewegung ist jedoch verhältnismäßig langsam und hat nichts mit der reißenden Schnelligkeit der kleinen Edelfalken oder der Schwalben gemein. Jerdon hingegen sagt, daß der Flug der beschriebenen Art zierlich und schwalbenähnlich sei und in ihm rasche Flügelschläge mit sanftem Gleiten bei ausgebreiteten Schwingen abwechseln, daß der Vogel sich sehr oft in Kreisen drehe, bei Verfolgung eines Kerbtieres aber auch reißend und geradeaus dahinfliege. Wenn schönes Wetter die Kerbtiere in höhere Luftschichten gelockt hat, sieht man die Schwalbenwürger in den zierlichsten und gefälligsten Schwenkungen in der Höhe kreisen. Unter solchen Umständen verweilt der Schwarm oft lange Zeit fliegend in hoher
Luft, und dann erinnern die Vögel durchaus an die Schwalben. Dasselbe ist der Fall, wenn sie hart über der Oberfläche eines Gewässers auf und nieder streichen, hier und da ein Kerbtier von den Wellen wegnehmen, Augenblicke lang auf passenden Zweigen des Ufergebüsches ausruhen und dann von neuem ihre Jagd beginnen. Hierbei vereinigen sie sich zuweilen zu so zahlreichen Gesellschaften, daß das Wasser, wie Gould sagt, von ihrem Gegenbilde verdunkelt wird. Auch die Stimmlaute, die man vernimmt, ähneln dem Lockrufe der Schwalbe, sind jedoch rauher und eintöniger. Einen eigentlichen Gesang scheinen die Schwalbenwürger nicht zu haben. Höchst sonderbar ist die Gewohnheit einer australischen Art, sich nach Art eines Bienenschwarmes in Klumpen aufzuhängen. Gould hat dies zwar nicht selbst beobachtet, aber von Gilbert und anderen erfahren. Einige Schwalbenwürger klammern sich an die Unterseite eines dürren Zweiges, andere an diese fest, und so geschieht es, daß sich zuweilen eine so große Menge aneinander hängt, daß der ganze Klumpen den Raum eines Scheffelmaßes einnimmt. Bernstein berichtet, daß die Nester der von ihm beobachteten javanischen Art zwischen den Schmarotzern, welche die Palmenstengel bedecken oder in den Blattwinkeln der Palmenbäume angelegt und aus trockenen, groben Halmen, Wurzeln, Blättern, Flechten und Moosstücken roh und unordentlich zusammengebaut sind, deshalb ein liederliches, zerzaustes Außeres haben, während das Innere eine regelmäßige, abgeflacht halbkugelige Vertiefung bildet und mit feinen Stoffen, namentlich mit den biegsamen Fasern der Arengapalme und zarten Halmen zierlich ausgelegt ist. Das Nest der indischen Art wird, nach Jerdon, noch außerdem reichlich mit Federn ausgepolstert, ist aber, wie Oates mitteilt, ebenfalls recht liederlich gebaut und wird in Baumhöhlungen, auf der Oberfläche starker, wagerecht ausgelegter Zweige oder auf der Krone hoher Baumstümpfe angelegt. Die Brutzeit umfaßt die Monate März bis Juli; das Gelege bilden in der Regel drei, auf weißem Grunde rostbraun gezeichnete Eier. Ob auch das Männchen brütet, ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen; die Jungen aber werden von beiden Eltern aufgefüttert und auch lange nach dem Ausfliegen noch behütet und ernährt. Man sieht dann die Kinderschar dicht nebeneinander gedrängt auf einem Aste sitzen, während die Alten die Bäume jagend umschweben und zu den Jungen zurückkehren, sobald sie im Fange glücklich waren. Soviel bekannt, werden die Jungen ausschließlich mit Kerbtieren groß gefüttert, und diese bilden auch das bevorzugte Futter der Alten. Gefangene Schwalbenwürger gewöhnen sich leicht ein, dauern trefflich im Käfige aus und gelangen daher zuweilen lebend nach Europa. Der Pirol, Pfingst-, Kirsch- und Gottesvogel, Bülow, Schulz von Milo,
Widewal, Weihrauch, Berolft, Bieresel, Pirreule, Goldamsel, Golddrossel, Regenkatze, Gelbling ꝛc. (Oriolus galbula, aureus und garrulus, Coracias oriolus), vertritt die in 75 Arten über die östliche Erdhälfte, insbesondere deren Wendekreisländer verbreiteten Kurzfußstare (Oriolidae), deren Merkmale in dem kräftigen, fast kegelförmigen, auf dem seitlich abgerundeten Firste seicht gebogenen, mit der Spitze ein wenig überragenden Ober- und beinahe gleich starken Unterschnabel, den kurzläufigen Füßen, langen und ziemlich spitzigen Fügeln, unter deren Schwingen die dritte die längste zu sein pflegt, dem mittellangen, gerade abgeschnittenen Schaͤnze und dem dichten, meist prachtvoll, nach Geschlecht und Alter verschieden gefärbten Kleide liegen. Unser Pirol, Vertreter der artenreichsten gleichnamigen Gattung (Oriolus), ist prächtig licht orange- oder gummiguttgelb; Zügel, Schultern und Flügeldeckfedern haben schwarze Färbung; die Schwingen sind schwarz,
schmal weiß, die hinteren Armschwingen schmal gelblich gerandet, die Handdecken in der Endhälste gelb, die Schwanzfedern schwarz und mit breitem, von außen nach innen abnehmendem auf den beiden mittelsten bis auf einen Spitzensaum verschmälerten gelben Endbande geziert Weibchen, Junge und einjährige Männchen sind oberseits gelblichgrün, unterseits gräulichweiß, die Federn dunkel geschaftet, am Bauche rein weiß, an den Schenkeln und Unterschwanzdecken hochgelb, ihre Schwingen olivenschwärzlich, außen fahl weißlich gesäumt, die Schwanzfedern gelblich olivengrün, innen am Ende mit einem gelben Flecken geschmückt. Das Auge
Pirol (Oriolus galbula). ½ natürl. Größe.
ist karminrot, der Schnabel schmutzig rot, bei Weibchen und Jungen grauschwärzlich, der Fuß bleigrau. Die Länge beträgt 25, die Breite 45, die Fittichlänge 14, die Schwanzlänge 9em. Der Name Pfingstvogel ist insofern passend gewählt, als der Pirol erst gegen Pfingsten hin, in der ersten Hälfte des Mai, bei uns eintrifft. Er ist ein Sommergast, der nur kurze Zeit in seiner Heimat verweilt und schon im August davonzieht. Diese Angabe gilt für ganz Europa, mit Ausnahme des höchsten Norden, und für den größten Teil Westasiens, welche Erdstrecken als die Heimat des Pirols betrachtet werden müssen; doch berichtet Alfred Walter, daß er in Turkmenien zwar vorkomme, aber wahrscheinlich nicht brüte. Auf seinem Winterzuge besucht er ganz Afrika, einschließlich Madagaskars. Seinen Aufenhalt wählt er in Laubwäldern und namentlich in solchen der Ebene. Eiche und Birke sind seine Wohnbäume, Feldgehölze, die aus beiden bestehen, daher seine Lieblingsplätze. Eine einzige Eiche zwischen anderen Bäumen vermag ihn zu fesseln, eine Eichengruppe im Parke seine Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 26
Scheu vor dem Treiben des Menschen zu besiegen. Nächstdem liebt er Schwarz- und Silberpappel, Rüster und Esche am meisten. Im Nadel-, zumal im Kiefernwalde, kommt er ebenfalls vor, immer aber nur dann, wenn in dem Bestande auch Eichen oder Birken vorhanden sind. Das Hochgebirge meidet er. Der Pirol erinnert ebenso an die Drosseln wie an die Fliegenfänger, zuweilen auch an die Raken, unterscheidet sich jedoch auch wiederum von allen genannten. „Er ist“, sagt Naumann, „ein scheuer, wilder und unsteter Vogel, der sich den Augen der Menschen stets zu entziehen sucht, ob er gleich oft in ihrer Nähe wohnt. Er hüpft und flattert immer in den dichtest belaubten Bäumen umher, verweilt selten lange in dem nämlichen Baume und noch weniger auf demselben Aste; seine Unruhe treibt ihn bald dahin, bald dorthin. Doch nur selten kommt er in niedriges Gesträuch und noch seltener auf die Erde herab. Geschieht dies, so hält er sich nur so lange auf, als nötig ist, ein Kerbtier und dergleichen zu ergreifen. Ausnahmsweise bloß thut er dann auch einige höchst ungeschickte, schwerfällige Sprünge; denn er geht nie schrittweise. Er ist ein mutiger und zänkischer Vogel. Mit seinesgleichen beißt und jagt er sich beständig herum, zankt sich aber auch mit anderen Vögeln, so daß es ihm, zur Begattungszeit besonders, nie an Händeln fehlt. Er hat einen dem Anschein nach schweren, rauschenden, aber dennoch ziemlich schnellen Flug, der, wenn es weit über das Freie geht, nach Art der Stare in großen, flachen Bogen oder in einer seichten Schlangenlinie fortgesetzt wird. Über kurze Räume fliegt er in gerader Linie, bald schwebend, bald flatternd. Er fliegt gern, streift weit und viel umher, und man sieht oft, wie einer den anderen viertelstundenlang jagt und unablässig verfolgt.“ Die Lockstimme ist ein helles „Jäck jäck“ oder ein rauhes „Kräck“, der Angstschrei ein häßlich schnarrendes „Querr“ oder „Chrr“, der Ton der Zärtlichkeit ein sanftes „Bülow“. Die Stimme des Männchens, die wir als Gesang anzusehen haben, ist volltönend, laut und ungemein wohlklingend. Der lateinische und deutsche Name sind Klangbilder von ihr. Naumann gibt sie durch „ditleo“ oder „gidaditleo“ wieder; wir haben sie als Knaben einfach mit „piripiriol“ übersetzt: die norddeutschen Landleute aber übertragen sie durch „Pfingsten Bier hol'n; aussaufen, mehr hol'n“, oder „Hest du gesopen, so betahl och“, und scheinen in Anerkennung der Bedeutung dieser Wahrsprüche an dem „Bieresel“ ein ganz absonderliches Wohlgefallen zu haben. In Thüringen weiß man von derartigen Redensarten nichts; demungeachtet ist der Pirol ein überaus gern gesehener, überall willkommener Vogel. Er gehört zu den fleißigsten Sängern unseres Waldes. Man hört ihn bereits vor Sonnenaufgang und mit wenig Unterbrechung bis gegen Mittag hin und vernimmt ihn von neuem, wenn die Sonne sich neigt. Aber auch an schwülen Tagen ist er, abweichend von anderen Vögeln, rege und laut. Ein einziges Pirolpaar ist fähig, einen ganzen Wald zu beleben. Wenige Tage nach seiner Ankunft beginnt der Pirol mit dem Baue seines künstlichen Nestes, das stets in der Gabel eines schlanken Zweiges aufgehängt wird. Es besteht aus halbtrockenen Grasblättern, Halmen, Ranken, aus Nesselbast, Werg, Wolle, Birkenschale, Moos, Spinnweben, Raupengespinst und ähnlichen Stoffen, ist tief napfförmig und wird inwendig mit feinen Grasrispen oder mit Wolle und Federn ausgepolstert. In der Regel wählt der Pirol einen höheren Baum zur Anlage des Nestes; doch kann es auch geschehen, daß er es in Manneshöhe über dem Boden aufhängt. Pechuel-Loesche sah ein derartig niedrig angebrachtes Nest vor einer Försterei in Anhalt und zwar im Vorgarten, etwa 15 Schritt von der Hausthür; die Vögel waren nichts weniger als scheu, ließen sich durch vorübergehende Menschen nicht stören und suchten allzu Neugierige durch Scheinangriffe und Lärmen vom Neste zurückzuschrecken. Das Pärchen baute drei aufeinander folgende Jahre sein Nest an der nämlichen Stelle. Zunächst werden lange Fäden mittels des Speichels auf den Ast geklebt und mehrere Male um diesen gewickelt, bis die Grundlage des Baues
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