Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
hergestellt worden ist, die übrigen Stoffe sodann dazwischen geflochten und gewebt. Beide Geschlechter sind in gleicher Weise am Baue thätig; nur die innere Auspolsterung scheint vom Weibchen allein besorgt zu werden. Anfang Juni hat das Weibchen seine 4—5 glatt-— schaligen und glänzenden Eier, die durchschnittlich 30 mm lang, 21 mm dick und auf hellweißem Grunde mit aschgrauen und rötlich schwarzbraunen Punkten und Flecken gezeichnet sind, gelegt und beginnt nun eifrig zu brüten. Es läßt sich schwer vertreiben; denn beide Geschlechter lieben die Brut außerordentlich. „Ich besuchte“, sagt Päßler, „ein Nest täglich, jagte das Weibchen vom Neste und bog die Zweige herab, um bequemer in das Innere sehen zu können. Da stieß das Weibchen ein lang gehaltenes, kreischendes Geschrei, ein wahres Kampfgeschrei aus, stürzte sich von dem nahe stehenden Baume auf mich hernieder, flog dicht an meinem Kopfe vorbei und setzte sich auf einen anderen, mir im Rücken stehenden Baum. Das Männchen eilte herzu: derselbe Schrei, derselbe Versuch, mich zu vertreiben. Beide zeigten sich gleich mutig, beide gleich besorgt um Nest und Eier.“ In den Mittagsstunden löst das Männchen das brütende Weibchen ab, und dieses eilt nun förmlich durch sein Gebiet, um sich so schnell wie möglich mit der nötigen Nahrung zu versorgen. Nach 14—15 Tagen sind die Jungen ausgebrütet und verlangen nun mit einem eigentümlichen „Jüddi jüddi“ nach Nahrung. Sie wachsen rasch heran und mausern sich bereits im Neste, entfliegen diesem also nicht in dem eigentlichen Jugendkleide. Wird einem Pirolpaare sein erstes Nest zerstört, solange Eier darin sind, so nistet es zum zweiten Male; werden ihm jedoch die Jungen geraubt, so schreitet es nicht zur zweiten Brut. Kerbtiere der verschiedensten Art, namentlich aber Raupen und Schmetterlinge, Würmer und zur Zeit der Fruchtreife Kirschen und Beeren, bilden die Nahrung des Pirols. Er bedarf viel und kann deshalb einzelnen Fruchtbäumen schädlich werden; doch überwiegt der Nutzen, den er leistet, den geringen Schaden, den er durch seine Plündereien in den Gärten uns zufügt, bei weitem, und er verdient daher Schutz, nicht Verfolgung, wie er sie, schon seiner Schönheit halber, leider noch vielfach erdulden muß. Gefangene Pirole dauern nur bei bester Pflege mehrere Jahre im Käfige aus, überstehen die Mauser schwer und erlangen danach ihre Schönheit meist nicht wieder, werden daher auch nur von sachkundigen Liebhabern im Gebauer gehalten. Naumanns Vater zog Pirole allen anderen Stubenvögeln vor und erlebte an ihnen die Freude, daß einige von ihnen ihm das Futter aus den Händen und aus dem Munde nahmen oder ihn, wenn er ihnen nicht sogleich etwas gab, mahnend bei den Haaren rauften. Über Afrika, Südasien und Australien verbreiten sich die Würgerschnäpper oder Drongos (Dicrurus), eine aus etwa 32 Arten bestehende Gattung, von der wir nur eine einzige, besonders hervorragende Art zu beschreiben brauchen.
Diese, der Flaggendrongo (Dicrurus paradiseus, platurus, reétifer, rangoonensis, grandis, malabaricus, malayensis, malabaroides, formosus und singularis, Cuculus paradiseus, Lanius malabaricus, Edolius paradiseus, malabaricus, malabaroides, rangoonensis, grandis, cristatellus, dentirostris, crissae, brachyphorus, formosus und affinis, Chibia malabaroides, Dissemurus paradiseus, malabaricus, grandis, brachyphorus, formosus, setifer und affinis), ist gekennzeichnet durch mittellangen, starken, an der Wurzel sehr verbreiterten, auf dem gekielten Firste gewölbten, vor demselben ausgekerbten Schnabel, kurzläufige, mittellangzehige, mit stark gebogenen, spitzigen Krallen bewehrte Füße, lange Flügel, unter deren Schwingen die fünfte und sechste die Spitze bilden, und hartes, glänzendes, am Mundwinkel zu starren Borsten umgewandeltes 26*
Gefieder und unterscheidet sich von den Verwandten auch nur durch eine Federhaube am Vorderkopfe und die sehr verlängerte, nacktschaftige, am Ende mit einer Fahne besetzte äußerste Feder des sonst gegabelten Schwanzes. Das reiche Gefieder ist gleichmäßig schwarz, stahlblau glänzend, das Auge braun, der Schnabel wie der Fuß schwarz. Die Länge beträgt 36, einschließlich der äußersten Schwanzfedern 60, die Fittichlänge 17, die Schwanzlänge 19 und 44 em. Die Würgerschnäpper gehören zu den auffallendsten Vögeln ihrer Heimatsländer. Von der Seeküste an bis zu 2500 m Höhe findet man sie an geeigneten Orten überall, die einen in offenen Gegenden, die anderen inmitten der Waldungen. Manche Arten sind sehr häufig, andere seltener. In Indien mag man, laut Jerdon, hingehen, wohin man will: überall wird man einem dieser Vögel begegnen. Man sieht sie auf dürren Zweigspitzen eines hohen Baumes, auf dem Firste eines Hauses, auf den Telegraphenstangen, auf niederen Büschen, Hecken, Mauern und Ameisenhaufen sitzen und Umschau halten. Nicht selten findet man einzelne auch als treue Begleiter der Herdentiere, auf deren Rücken sie sich ebenso ungescheut niederlassen wie auf ihren gewöhnlichen Warten. Die meisten sind den ganzen Tag über in Thätigkeit; einige aber jagen, wie unser Mauersegler, noch lange nach Sonnenuntergang, scheinen sogar, wenn der Vollmond am Himmel steht, während der ganzen Nacht, wenn auch nicht in Thätigkeit, so doch wach und munter zu sein; denn man hört dann ihre lebhafte und nicht zu verkennende Unterhaltung zu allen Stunden. Nach Levaillants Bericht versammeln sich einzelne Arten gegen Sonnenuntergang auf gewissen Lieblingsbäumen und betreiben hier gemeinschaftlich ihre Jagd; bei anderen dagegen scheint dies nicht der Fall zu sein; wenigstens erinnere ich mich nicht, den Trauerdrongo Nordostafrikas (Dicrurus divaricatus) je in größerer Anzahl vereinigt gesehen zu haben. Doch ist es mir recht wohl glaublich, daß unsere Vögel unter Umständen gesellig sein können; es wird dies namentlich dann der Fall sein, wenn irgend welche Ereignisse ihnen ergiebige Jagd eröffnen. Während der Brutzeit scheint jedes Paar für sich zu leben und das einmal gewählte Gebiet gegen andere seiner Art hartnäckig zu verteidigen. Der vorhin erwähnte Würgerschnäpper, den ich beobachtete, hat auf mich einen ungünstigen Eindruck gemacht. Ich habe geglaubt, in ihm einen der langweiligsten Gesellen unter den mittelafrikanischen Vögeln zu erkennen. Die Paare saßen gewöhnlich still und faul auf einer Astspitze und schauten nach Nahrung aus. Vorüberfliegende Kerbtiere bewogen sie, sich zu erheben; sie eilten der ins Auge gefaßten Beute mit leichtem, obgleich etwas schlaffem Fluge nach, verfolgten sie mit scheinbarem Ungeschicke und kehrten, wenn sie wirklich glücklich waren, wieder auf denselben Ast zurück oder ließen sich an einer ähnlichen Stelle auf einem anderen Baume nieder, auf diese Weise ein gewisses Gebiet durchstreifend. Dem Schützen schauten sie dumm gutmütig in das Rohr, ohne an Flucht zu denken. Meinen Erfahrungen widersprechend lauten die Angaben anderer Beobachter, und da diese übereinstimmen, muß ich es entweder mit einer sehr wenig befähigten Art zu thun gehabt oder im Beobachten nicht gerade vom Glücke begünstigt gewesen sein. Levaillant, Jerdon, Gilbert, Blyth und andere Forscher bezeichnen die Drongos als hochbegabte Tiere, die sich nicht bloß leiblich, sondern auch geistig auszeichnen. Der Flug, ein Mittelding zwischen dem eines Fliegenfängers und einer Schwalbe, ist nicht gerade schnell, geschieht in Wellenlinien und besteht aus wenigen Flügelschlägen, auf welche längeres Gleiten folgt. Wenn aber der Drongo irgendwie erregt ist, bewegt er sich so schnell, daß er fast jeden Feind überholt. Auf den Boden herab kommt er nur dann, wenn er gerade dort unten eine Beute aufzunehmen hat; wirklich zu gehen aber vermag er nicht. Einen Trunk oder ein Bad nimmt er im Fluge. Im Gezweige beweist er nicht mehr Geschick als andere Vögel, die ungefähr dieselbe Lebensweise führen. Er wählt einen leicht zugänglichen Ast, fußt auf
diesem und versucht, sich im Gleichgewichte zu halten; anderweitige Bewegungen vermag er nicht auszuführen. Unter den Sinnen steht das große, immer lebhafte Auge unzweifelhaft obenan. Der Würgerschnäpper gewahrt ein fliegendes Kerbtier schon in weiter Entfernung, und sein Auge versagt ihm, wie aus Vorstehendem zu schließen, auch in der Dämmerung seine Dienste nicht. Daß das Gehör kaum minder tüchtig ist, beweisen diese Vögel durch Singfertigkeit und Nachahmungsvermögen, welch letzteres man wenigstens bei einigen Arten beobachtet hat. Die gewöhnliche Stimme der Würgerschnäpper ist ein lautes, unangenehmes, rauhes Pfeifen oder ein eigentümliches Geknarr, das schwer wiederzugeben, aber so absonderlich ist, daß man es, nachdem man es einmal hörte, niemals verkennen wird. Das Geschrei des Flaggendrongo hat Sir Walter Elliot durch die Silben „tschirung tschirung“ auszudrücken versucht. Wenn die Brutzeit herannaht, singen die Männchen fast aller Arten in höchst angenehmer Weise. Jerdon sagt, daß manche Leute den Gesang der Königskrähe Dierurus ater), einer der bekanntesten indischen Arten der Familie, eintönig und unangenehm finden und den Vogel deshalb spottweise Nachtigall nennen, er aber bekennen müsse, daß er gerade diesen Drongo, dessen Stimme auch Oates sehr angenehm nennt, den Künder des Tages, immer gern gehört habe; Levaillant vergleicht das Lied einer afrikanischen Art mit dem Gesange unserer Drossel; Bernstein zählt eine auf Java lebende Art, den
Graudrongo (Dicrurus einereus), zu den besten Sängern der Insel; von Heuglin spricht dem Trauerdrongo tonkünstlerische Begabung zu und meint, daß im Gesange, obgleich er nur eine lispelnde und schwatzende Weise genannt werden dürfe, viel Abwechselung liege; mich endlich hat ein von mir gepflegter Flaggendrongo durch die Kraft, Reichhaltigkeit und Klangfülle seines Vortrages ebenso in Erstaunen versetzt wie durch seine Fähigkeit, anderer Vögel Stimmen oder ihm vorgepfiffene Lieder nachzuahmen. Die Würgerschnäpper haben jedoch noch andere gute Eigenschaften. Sie sind nicht bloß geschwätzig, sondern auch lebendig, thätig und unter Umständen höchst mutig. Die Königs-⸗ krähe verdankt ihren Namen ihrer Gewohnheit, alle Krähen, aber auch alle Falken, die ihr Gebiet durchfliegen, anzugreifen und zu verfolgen. Zumal während der Brutzeit, vom Mai bis Juli, wenn das Weibchen auf den Eiern sitzt, legt das Männchen schärfste Wachsamkeit und dabei bewunderungswürdige Kühnheit an den Tag. „Sobald eine Krähe oder ein Milan sich dem Nistbaume naht“, erzählt Jerdon, „stürzt sich der kleine, kühne Drongo mit größter Entschiedenheit eilfertig auf den Räuber und verfolgt ihn auf weithin. Ich habe allerdings niemals gesehen, daß er sich auf dem Rücken eines Falken festsetzt und diesen mit dem Schnabel und den Krallen für einige Augenblicke bearbeitet, wie Philipps beobachtet zu haben versichert; wohl aber muß ich bestätigen, daß er sich den Anschein gibt, als wolle er ihm eins versetzen. Gelegentlich vereinigen sich wohl auch andere Drongos mit dem ersten Angreifer, um den gemeinsamen Feind zu vertreiben.“ Blyth beobachtete, daß ein Drongo auf das Palmeneichhorn stieß, und Gurney bemerkt, daß der Singdrongo ohne Besinnen die größten Raubvögel angeht. Die Dreistigkeit der Würgerschnäpper erreicht den höchsten Grad, wenn einer von ihnen eine Eule oder irgend einen anderen auffallenden und dem Anschein nach unbehilflichen Vogel entdeckt hat. Der freche Zwerg erhebt sich unter solchen Umständen wiederholt rasch in die Luft und stößt, laute und rauhe Töne von sich gebend und den Schwanz abwechselnd breitend und zusammenlegend, von oben mit Heftigkeit hernieder. Daß sich die Rauflust der Drongos auch ihresgleichen gegenüber bethätigt, ist sehr erklärlich: Jerdon beobachtete, daß zuweilen ihrer 4 oder 5, förmlich zu einem Knäuel geballt, auf dem Boden auf das heftigste miteinander kämpften. Alle Würgerschnäpper nähren sich ausschließlich von Kerbtieren, und zwar sind es vorzugsweise die Bienen und ihre Verwandten, denen sie nachstreben. Die großen Arten
verzehren auch Heuschrecken und Grillen, Wasserjungfern, Schmetterlinge und dergleichen; stechende Kerbtiere scheinen aber unter allen Umständen die bevorzugte Beute zu bilden. Am Vorgebirge der Guten Hoffnung nennt man sie geradezu Bienenfresser, und nach Levaillants Versicherung verdienen sie diesen Namen mit vollem Rechte. „In der Regel“, erzählt der Genannte, „jagen die Würgerschnäpper des Abends vor Sonnenuntergang und des Morgens vor Sonnenaufgang den betriebsamen Kerbtieren nach. Zu diesem Endzwecke vereinigen sich die Inwohner eines Waldes auf einem einzeln stehenden Baume, am liebsten auf einem abgestorbenen oder wenigstens auf einem solchen, welcher viele dürre Aste hat, und warten hier entweder die Rückkunft oder den ersten Ausflug der Bienen ab, die honigbeladen zu ihren Wohnbäumen im Walde zurückkehren oder von diesen herkommen. Von dem lebhaften und geräuschvollen Schauspiele, das sich um solchen Baum entwickelt, kann man sich einen Begriff machen, wenn man sich vorstellen will, daß gegen 30 Vögel ohne Unterlaß den Baum umfliegen und währenddem alle Schwenkungen ausführen und alle die Haken schlagen, die der Fang der vor ihren wohlbekannten Feinden flüchtenden Bienen erfordert. Einzelne Würgerschnäpper, die ihre Beute fehlten, stürzen sich sofort auf eine andere Biene und führen zuweilen 5 oder 6 prächtige Schwenkungen nacheinander aus, bald nach rechts, bald nach links, bald nach oben, bald nach unten sich wendend, bis ihnen entweder der Fang geglückt oder sie ihrer Anstrengungen müde geworden sind. Jede Bewegung fast wird mit lebhaftem Schreien begleitet, und alle Jagdgenossen einer Gesellschaft schreien zu gleicher Zeit und in verschiedenen Tönen. Unter dem Baume selbst findet man die Überreste der Mahlzeiten in reichlicher Menge, Bienen, denen nur eine Hälfte fehlt, andere, die noch leben, ferner abgerissene Flügel und dergleichen. Erst die Stunde, in welcher die Nachtraubvögel ihre Jagdflüge beginnen, endet die Arbeit der Drongos.“ Beim Betriebe ihrer Jagd beweisen die Würgerschnäpper viel Verstand. Levaillant ist überzeugt, daß sie die Zeit, in welcher die Bienen massenhaft zurückkehren, genau beachten; Gurney beobachtete, daß jeder Steppenbrand sie aus weiter Ferne anlockt. Sie wissen, daß das gefräßige Feuer, das den Grasbestand vernichtet, auch alle in ihm versteckten Kerbtiere auftreibt, finden sich deshalb vor der brennenden Linie ein und halten, dank ihrer Kühnheit, gute Ernte. Ohne Scheu vor den Flammen stürzen sie sich durch den dichtesten Rauch und verfolgen noch in Meterhöhe über den Flammen das einmal ins Auge gefaßte Kerbtier. Philipps beobachtete eine eigentümliche List der Drongos. Ein kleiner, kerbtierfressender Vogel verfolgte eine große Heuschrecke, nach welcher auch eine Königskrähe schon ein paarmal geschnappt hatte. Plötzlich erhob diese den allen Vögeln wohlbekannten Warnungsruf, den sie auszustoßen pflegt, wenn sich ein Raubvogel zeigt, unzweifelhaft nur in der Absicht, den anderen Verfolger des Kerbtieres zu verscheuchen. Die List glückte auch vollkommen; denn jener zog ab, und die Königskrähe hatte wenige Augenblicke später die Heuschrecke in ihrem Magen. Das Brutgeschäft fällt, bei einigen Arten wenigstens, in verschiedene Zeiten des Jahres. Die Nester werden in ziemlicher Höhe über dem Boden erbaut, nach Art unserer Pirolnester regelmäßig zwischen Astgabeln aufgehängt, gewöhnlich nicht versteckt und deshalb auch Wind und Wetter ausgesetzt, höchst leichtfertig aus wenigen kleinen Zweigen und Würzelchen zusammengeschichtet, oft nicht einmal im Inneren ausgefüttert, im günstigsten Falle mit einigen Haaren ausgekleidet. Das Gelege besteht aus 3 oder 4, manchmal 5 Eiern, die auf weißem oder rötlichweißem Grunde mit helleren oder dunkleren roten und braunen Punkten gefleckt sind. Das Männchen greift während der Brutzeit selbst den seinem Neste nahenden Menschen heftig an. Alle in Indien lebenden Würgerschnäpper sind beliebte Käfigvögel der Eingeborenen. Sie gewöhnen sich leicht an die Gefangenschaft und an einfaches Futter, werden zahm und