Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
zu werden, auf den Kanaren eines Schlagbauers, der aus zwei seitlichen Abteilungen besteht, den eigentlichen Fallen mit aufstellbarem Trittholze, getrennt durch den mitten inne befindlichen Käfig, in welchem der Lockvogel sitzt. Dieser Fang wird in baumreichen Gegenden, wo Wasser in der Nähe ist, betrieben und ist in den frühen Morgenstunden am ergiebigsten. Er ist, wie wir aus eigner Anschauung wissen, ungemein anziehend, da er dem im Gebüsche versteckten Vogelsteller Gelegenheit gibt, die Kanarienvögel in größter Nähe zu beobachten und sich ihrer anmutigen Bewegungen und Sitten ungesehen zu erfreuen. Wir haben auf diese Weise binnen wenigen Stunden 16—20 Stück, eines nach dem anderen, fangen sehen; die Mehrzahl davon waren indes noch unvermauserte Junge. Besäße man, was nicht der Fall ist, auf den Inseln ordentlich eingerichtete Vogelherde, so würde der Ertrag natürlich noch ein weit lohnenderer sein. „Wir haben Kanarienwildlinge genug in der Gefangenschaft beobachtet und mitunter deren ein bis anderthalb Dutzend auf einmal besessen. Der Preis junger, bereits ausgeflogener Vögel pflegt in Santa Cruz, wenn man mehrere auf einmal nimmt, etwa 25 Pfennig für das Stück zu betragen. Frisch gefangene alte Männchen werden mit 1 Mark bezahlt. In Canaria sind, trotz der daselbst herrschenden größeren Billigkeit, die Preise um vieles höher, was allein schon hinreichen würde, ihre größere Seltenheit dort darzuthun. Es sind unruhige Vögel, die längere Zeit brauchen, ehe sie ihre angeborene Wildheit ablegen, und sich, besonders in engen Käfigen zu mehreren zusammengesperrt, das Gefieder leicht zerstoßen. Sie schnäbeln sich sehr gern untereinander, und die jungen Männchen geben sich binnen kurzem durch fortgesetztes lautes Zwitschern zu erkennen. Kaum gibt es einen weichlicheren Körnerfresser. Man verliert die meisten an Krämpfen, deren zweiter oder dritter Anfall mit dem Tode zu endigen pflegt. Die wilden Hähnchen gehen mit großer Leichtigkeit Verbindungen mit der gezähmten Art ein und werden äußerst treue, liebevolle Gatten, welche nicht aufhören, die Dame ihres Herzens aufs zärtlichste zu füttern, meist sogar die Nacht auf deren Neste sitzend zuzubringen. Sie bieten jedem anderen Vogel, der ihnen zu nahe kommt, die Spitze; ja ein älteres Männchen, dem beim Kampfe mit einem Grünlinge von diesem doppelt stärkeren Gegner der Beinknochen durchbissen worden war, hörie in diesem beklagenswerten Zustande nicht auf, durch schmetternden Gesang seinem Widersacher aufs neue den Handschuh vor die Füße zu schleudern und konnte nur durch rasche Entfernung aus dem Gesellschaftsbauer gerettet werden. Die Mischlinge beider Arten heißen in Teneriffa Verdegais und werden besonders hochgeschätzt. Wir haben von einer hochgelben Mutter gefallene gesehen, die sich durch große Schönheit und ganz ungewöhnliche Zeichnung empfahlen. Sie waren am Oberleibe dunkelgrün, unten von der Kehle an rein goldgelb gefärbt. Diese Vögel galten für etwas Außerordentliches und Seltenes. In den Hecken, die auf den Kanaren von zahmen und wilden angelegt werden, befolgt man den Grundsatz, einem Männchen letzterer Art seiner großen Thatkraft wegen stets zwei Weibchen zu gesellen.“ Eine Schilderung des zum Haustiere gewordenen Kanarienvogels muß ich mir an dieser Stelle versagen, darf dies wohl auch unbedenklich thun, da bereits so viel über Kanarienvögel, Kanarienzucht und Kanarienhandel geschrieben worden ist, daß ich meine Leser mit dem ausgiebig abgehandelten Gegenstande nicht behelligen will. Die wenigen Arten der Rosengimpel (Pinicola) kennzeichnen sich durch verhältnismäßig schmächtigen, auf dem Firste aber immer noch merklich gewölbten, seitlich ausgebauchten, an den bogenförmigen Schneiden eingezogenen, mit der Spitze über den ebenfalls gebogenen Unterteil vorragenden Schnabel, kräftige, mittellangzehige Füße, die durch stark gekrümmte, spitzige, seitlich zusammengedrückte Nägel bewehrt werden, mäßig lange Flügel,
Erste Ordnung: Baumvögel; elfte Familie: Finken. unter deren Schwingen die drei ersten, unter sich annähernd gleichlangen Schwingen die Spitze bilden, mittellangen, innen schwach ausgeschnittenen Schwanz und prachtvoll purpurrote Färbung des Gefieders der Männchen.
Der Karmingimpel, Karminhänfling oder Brandfink, Tuti der Hindu (Pinicola erythrinus, Carpodacus erythrinus, Pyrrhula erythrina, Fringilla erythrina und incerta, Loxia cardinalis, rosea und erythraea, Coccothraustes erythrina und rosea, Linaria erythrina, Erythrothorax erythrina, rubrifrons und ruber, Erythro. spiza erythrina und rosea, Chlorospiza incerta, Haemorrhous roseus, Pyrrhulinota rosaecolor und roseata, Propasser sordidus), ist vorherrschend karminrot, auf dem Hinterhalse und Rücken braungrau, durch dunklere, karminrot überhauchte Flecken gezeichnet, auf dem Bauche, den Schenkeln und unteren Schwanzdeckfedern schmutzig weiß; die dunkelbraunen Schwingen sind außen rostgelblichweiß gesäumt, die Schulterfedern hell bräunlich umrandet und karminrot überflogen, die Steuerfedern graubraun und etwas lichter, die Oberschwanzdecken karminrot gesäumt. Beim Weibchen ist anstatt des Karminrots ein fahles Graubraun vorherrschend und die Zeichnung aus dunkleren Längsflecken hergestellt. Das Auge ist braun, der Schnabel licht⸗, der Fuß dunkel hornfarben. Die Länge beträgt 16, die Breite 26, die Fittichlänge 8, die Schwanzlänge 6 cm. In Europa bewohnt der Karmingimpel ständig nur den Osten, insbesondere Galizien, Polen, die Ostseeprovinzen, Mittel⸗ und Südrußland, außerdem aber ganz Mittelasien vom Ural an bis Kamtschatka. Von hier aus wandert er regelmäßig nach Süden hinab, durch China bis Indien und durch Turkistan bis Persien, erscheint ebenso nicht allzuselten in Ostdeutschland, hat in Schlesien und Schleswig gebrütet und ist wiederholt in Mittel⸗, West⸗ und Süddeutschland, Holland, Belgien, Frankreich, England und Italien beobachtet worden. Auf seinen Brutplätzen trifft er um Mitte Mai, frühestens zu Ende April ein und verläßt sie im September wieder. Zu seinem Aufenthalte wählt er sich mit Vorliebe dichte Gebüsche in der Nähe eines Gewässers, auch wohl mit Rohr und Gebüsch bestandene Brüche, beschränkt sich jedoch nicht auf Niederungen, sondern kommt auch im Hügellande und selbst im Gebirge bis über 2000 m Höhe vor. Häufig ist er nirgends, wird vielmehr überall einzeln beobachtet und bildet während des Sommers niemals zahlreiche Schwärme. Unmittelbar nach seiner Ankunft vernimmt man seinen ungemein anziehenden, wechselreichen und klangvollen Gesang, der zwar an den Schlag des Stieglitzes, Hänflings und Kanarienvogels erinnert, aber doch so eigenartig ist, daß man ihn mit dem keines anderen Finken verwechseln kann. Dieser Gesang ist ebenso reichhaltig wie wohllautend, ebenso sanft wie lieblich, zählt überhaupt zu den besten, die dem Schnabel eines Finken entklingen. In Kamtschatka hat man, wie von Kittlitz uns mitteilt, diesem Liede sinnreich einen russischen
Text untergelegt: „Tschewitscha widäl“. (Ich habe die Tschewitscha gesehen!) „Tschewitscha“ heißt aber die größte der dortigen Lachsarten, der geschätzteste von allen Fischen des Landes und somit das vornehmste Nahrungsmittel der Einwohner; sie kommt ungefähr mit dem Vogel zugleich in Kamtschatka an. Jener Gesang wird nun so gedeutet, als ob er die Ankunft des Lachses verkünde, und der Karmingimpel ist sonach in einem Lande, dessen Bewohner sich hauptsächlich von Fischen ernähren, nicht nur der Verkündiger der schönen Jahreszeit, sondern auch des sie begleitenden Erntesegens.“ In der That hört man den russischen Worten ähnelnde Laute mit besonderer Betonung oft in den Strophen des Gesanges. Während des Vortrages zeigt sich das Männchen gewöhnlich frei auf der Spitze des Busches, in welchem oder in dessen Nähe das Nest steht, sträubt die Federn des Scheitels und der Brust, als wolle es die volle Pracht seines Gefieders entfalten, verschwindet sodann und trägt noch einige Strophen in gleichsam gemurmelter Weise im Inneren des Busches vor, erscheint aber
im Sommer nicht beherbergen; in Mittel- und Süddeutschland dagegen zählen sie ebenso wie in Holland, Belgien, Frankreich und England zu den seltensten Erscheinungen. Diesen unfreiwilligen Wanderungen in die südlich ihres Vaterlandes gelegenen Gegenden verdanken wir den größten Teil der Kunde, die wir von ihrem Betragen besitzen. Die Scharen, die bei uns ankommen, zeigen sich als höchst gesellige Vögel, halten sich bei Tage truppweise zusammen, streifen gemeinschaftlich umher, gehen gemeinsam auf Nahrung aus und suchen nachts vereint den Schlafplatz auf. Auch in der Fremde bilden die ihnen vertrauten Nadelwaldungen ihren bevorzugten Aufenthalt, und namentlich diejenigen, in welchen das Unterholz aus Wacholder besteht, scheinen von ihnen gern aufgesucht zu werden. In den Laubhölzern finden sie sich weit seltener; baumlose Ebenen durchfliegen sie so eilig wie möglich. Anfangs zeigen sie sich in der Fremde als harmlose, zutrauliche Vögel, als Tiere, welche die Tücke des Menschen noch nicht erfahren haben. Sie bleiben ruhig sitzen, wenn der Beobachter oder der Jäger sich dem Baume naht, auf welchem sie sich versammelt haben, schauen dem Schützen dummdreist ins Rohr und lassen es, gleichsam verdutzt, geschehen, wenn dieser einen um den anderen von ihnen wegfängt oder vom Baume herabschießt, ohne an Flucht zu denken. Man hat mit Erfolg versucht, einzelnen, die sich gerade mit Fressen beschäftigten, an langen Ruten befestigte Schlingen über den Kopf zu ziehen, überhaupt erfahren, daß auch die plumpesten Fangvorrichtungen gegen sie angewandt werden dürfen. Von ihrer rührenden Anhänglichkeit zu ihren Gefährten erzählen alle, die sie in der Freiheit beobachten konnten. So fing man auf einem Vogelherde von einer Gesellschaft, die aus vier Stück bestand, drei auf einen Zug und bemerkte zu nicht geringem Erstaunen, daß auch der Freigebliebene freiwillig unter das Netz kroch, gleichsam in der Absicht, das Geschick der übrigen zu teilen. Doch würde man irren, wenn man dieses Gebaren als einen Beweis geistiger Beschränktheit auffassen wollte; denn Erfahrung witzigt auch sie und macht sie ebenso mißtrauisch, scheu und vorsichtig, wie sie, laut Collett, am Brutplatze zu sein pflegen. In seinem Benehmen erinnert der Hakengimpel vielfach an die Kreuzschnäbel. Er zeigt sich durchaus als Baumvogel, der im Gezweige wohl heimisch, auf dem Boden hingegen fremd ist. In den Kronen der Bäume klettert er sehr geschickt von einem Aste zum anderen, hüpft auch mit Leichtigkeit über ziemlich weite Zwischenräume; die Luft durcheilt er fliegend ziemlich schnell, nach Art der meisten Finken weite Bogenlinien beschreibend und nur kurz vor dem Aufsitzen schwebend; auf dem Boden aber hüpft er, falls er überhaupt zu ihm herab kommt, mit plumpen Sprüngen einher. Der Lockton ist flötend und ansprechend, dem des Gimpels ähnlich, der Gesang, der auch während des ganzen Winters ertönt, mannigfach abwechselnd und wegen der sanften, reinen Flötentöne in hohem Grade anmutend. Während der Wintermonate bekommt man von dem reichen Liede selten eine richtige Vorstellung; der Vogel singt dann leise und abgerissen; im Frühlinge aber, wenn die Liebe sich in ihm regt, trägt er sein Lied mit vielem Feuer kräftig und anhaltend vor, so daß er auch den, der die Leistungen der edelsten Sänger kennt, zu befriedigen versteht. In den tageshellen Sommernächten seiner eigentlichen Heimat singt er besonders eifrig und wird deshalb in Norrland der — Nachtwächter genannt. Sein Wesen ist sanft und friedfertig, sein Benehmen gegen den Gatten hingebend und zärtlich im allerhöchsten Grade. In der Freiheit nährt sich der Hakengimpel von den Samen der Nadelbäume, die er zwischen den geöffneten Schuppen der Zapfen hervorzieht oder von den Asten und Zweigen und auch vom Boden aufliest; außerdem nimmt er verschiedene andere Sämereien oder Beeren mancherlei Art gern an und betrachtet Baumknospen oder Grünzeug überhaupt als Leckerbissen. In den Sommermonaten wird er nebenbei vielleicht von Kerbtieren, insbesondere von den in seiner Heimat so überaus häufigen Mücken sich ernähren und mit ihnen wohl auch seine Jungen auffüttern; doch liegen hierüber bestimmte Beobachtungen nicht vor. WWWMMXWWI
Über die Fortpflanzung haben wir bisher nur dürftige Berichte erhalten; denn der Hakengimpel kommt im Sommer in der Regel nicht südlich von Wermeland und Dalarne vor. Doch hat er ausnahmsweise schon einmal mitten in Deutschland genistet und zwar zum Glück in unmittelbarer Nähe des Wohnortes unseres Naumann, dessen Vater die erste Beschreibung des Nestes geben konnte. Dieses stand in einem lichten Hartriegelstrauche auf einem kleinen Stämmchen, etwa 1,5 m hoch über dem Boden, so frei, daß man es schon von weitem bemerkte. Es war ziemlich leicht, kaum besser oder dichter als ein Grasmückennest gebaut; dürre Pflanzenstengel und Grashalme bildeten die äußeren Wandungen; der innere Napf war mit einzelnen Pferdehaaren ausgelegt. Das Gelege bestand aus vier Eiern. Naumann beschreibt auch diese, jedoch, wie wir später erfahren haben, ungenügend. Sie sind etwa 25 mm lang und 20 mm dick, ähneln in Färbung und Zeichnung denen des Gimpels, haben eine schöne, blaßblaue Grundfarbe, sind am stumpfen Ende verwaschen rotbraun gewölkt und zeigen dort auch einzelne kastanienbraune Flecken. Nach Wolleys Befund steht das Nest in Lappland regelmäßig auf niedrigen Fichten, ungefähr 4m über dem Boden. Lange, dünne, schmiegsame Zweige bilden den manchmal äußerst locker verflochtenen Außenbau, feinere Wurzeln, Baumflechten und vielleicht auch Halme die dichtere, mit jenem zuweilen nur lose zusammenhängende innere Auskleidung. Das Gelege enthält regelmäßig vier Eier. Nach Naumanns Beobachtung brütet nur das Weibchen, wird aber währenddem von dem Männchen durch seine herrlichen Lieder unterhalten. Gefangene Hakengimpel gewöhnen sich binnen wenig Stunden an den Käfig, gehen ohne Umstände an geeignetes Futter, werden bald ebenso zahm wie irgend ein anderer Gimpel, halten aber selten längere Zeit im Gebauer aus und verlieren bei der ersten Mauser in letzterem unwiederbringlich ihre prachtvolle Färbung. * Von den Rosengimpeln hat man neuerdings eine ebenfalls in Asien vorkommende Art der Unterfamilie, den Meisengimpel (Uragus sibiricus, Loxia sibirica, Pyrrhula sibirica, caudata und longicaudata, Carpodacus sibiricus, Abbildung S. 313), getrennt und zum Vertreter der Langschwanzgimpel (Uragus) erhoben. Der Schnabel ist verhältnismäßig schwach und sein Oberkiefer nur wenig über den unteren gebogen, der Fuß schwach, der Flügel, unter dessen Schwingen die vierte die Spitze bildet, stumpf, der Schwanz dagegen körperlang und stufig, in der Mitte aber ausgeschnitten, das Gefieder endlich seidig weich. Das alte Männchen ist prachtvoll rosenrot, silbergrau überflogen, eine Stirnbinde hoch rosenrot, der Rücken ist dunkler, weil hier die Schaftstriche deutlicher hervortreten und nur eine rote Federkante übriglassen, der Bürzel hoch karminrot; Kopf und Kehle sind weißlich, atlasglänzend, besonders nach der Mauser, die überhaupt dem ganzen Vogel ein lichteres Kleid verleiht, weil alle frischen Federn ziemlich breite weiße Säume tragen, die erst nach und nach abgenutzt werden. Jede einzelne Feder ist am Grunde dunkelgrau, sodann blaß karminrot und licht gerandet. Die kleinen Oberdeckfedern und Schulterfedern sind auf der Außenfahne und am Ende weiß oder mindestens weiß gerandet, die drei äußersten Steuerfedern bis auf die dunkeln Schäfte und einen dunkeln Rand am Grunde der Innenfahne, der nach der Mitte des Schwanzes zu an den einzelnen Federn größer wird, ebenfalls weiß, die mittleren nur weiß gerandet. Das Weibchen ist hell olivenfarben oder graugrün. Die Länge beträgt 18 em, die Fittichlänge 8, die Schwanzlänge 9 em. ö Der Meisengimpel, der sich zuweilen nach Südosteuropa, ja selbst bis nach Ungarn verfliegen soll, bewohnt sumpfige, mit Rohr bestandene Gegenden Ostasiens, namentlich Ostsibirien, Ostchina und die Mandschurei, außerdem Ostturkistan. Radde fand ihn