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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

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Der Wüstengimpel, Wüstenfink, Wüstentrompeter, Moro (Pyrrhula githaginea und payraudaei, Bucaneêtes githagineus, Erythrospiza githaginea, Fringilla githaginea und thebaica, Carpodacus crassirostris und payraudaei, Serinus githagineus), trägt ein prachtvoll gefärbtes, wie aus Atlasgrau und Rosenrot gemischtes Gefieder. Das Rot gewinnt mit vorschreitendem Alter an Ausdehnung und Stärke und tritt im Frühlinge, wann das Gefieder den höchsten Grad der Ausfärbung erreicht, am vollendetsten auf, so daß es dann den purpurnen Schmelz der unsere Saaten schmückenden Radeblume, die dem Vogel seinen wissenschaftlichen Namen lieh, an Schönheit weit hinter sich zurückläßt. Gegen den Herbst hin verblaßt es zusehends und ähnelt dann mehr dem des Weibchens, dessen Hauptfärbung ein gesättigtes Gelbrot ist. Mannigfache Farbenabstufungen sind zu bemerken: einzelne Männchen erscheinen wie in Blut getaucht, andere sind wüstengrau. Der rote Farbstoff beschränkt sich nicht auf das Gefieder allein, sondern breitet sich auch über die Oberhaut des Körpers, so daß ein gerupfter Wüstentrompeter als eine wahre kleine „Rothaut“ erscheint. Scheitel und Nacken sind auch im Hochzeitskleide rein aschgrau mit seidenartigem Glanze, Schultern und Rücken mehr oder weniger bräunlich aschgrau mit rötlichem Anfluge, die größeren Flügeldecken blaßbräunlich, breit rosenrot gerandet, die Schwingen und Steuerfedern dunkel braungrau, an der äußersten Fahne karminrot, an der inneren weißlich gesäumt, an der Spitze licht gerandet. Das Weibchen ist am ganzen Oberleibe bräunlichgrau, auf der Unterseite heller grau, rötlich überflogen, auf dem Bauche schmutzig weiß. Die Länge beträgt 13, die Breite 22, die Fittichlänge 9, die Schwanzlänge 5 em. Wer die Wohnsitze dieses Gimpels kennen lernen will, muß der Wüste zuwandern; denn ihr ausschließlich, aber ihr im weitesten Sinne, gehört der Vogel an. Bolle fand ihn als

häufigen Brutvogel auf den Kanarischen Inseln und zwar vorzugsweise auf Lanzarote, Fuertaventura und Gran Canaria; ich traf ihn nicht minder häufig in dem größten Teile Oberägyptens und Nubiens bis gegen die Steppen hin, wo er allgemach verschwindet, begegnete ihm aber auch vereinzelt in dem wüstenhaften Arabien; außerdem verbreitet er sich über Persien und Sind. Von seiner Heimat aus besucht er jeden Winter als Gast die Insel Malta, hat sich auch auf die griechischen Inseln, in die Provence und bis nach Toscana verflogen. Die Ortlichkeit, die er bevorzugt, muß vor allem baumlos und von der heißen Sonne beschienen sein. „Der schüchterne Vogel“, sagt Bolle, der auch ihn eingehender als jeder andere vor ihm geschildert hat, „will sein Auge frei über die Ebene oder das

Wüstengimpel (Pyrrhula githaginea). 9 natürl. Größe.

Hügelgelände schweifen lassen. Was er vorzieht, sind die dürrsten und steinigsten Orte, wo der in der Mittagshitze aufsteigende Luftstrom über verbranntem Gesteine zittert. Nur wenig Gras, im Sommer verdorrt und gelb gebleicht, darf zwischen den Steinen hervorragen, nur hin und wieder niederes Gestrüpp zerstreut der Erde entsprießen, damit dem Wüstengimpel wohl sei an einer Stelle. Da lebt er denn, mehr Geröll- als Felsenvogel, ein Dickschnäbler mit den Sitten eines Steinschmätzers, stets gesellig, wenn die Sorgen der Fortpflanzung ihn nicht vereinzeln, familienweise oder in kleinen Trupps. Von Stein zu Stein tanzt das muntere Vögelchen, oder es gleitet in meist niedrigem Fluge dahin. Selten vermag der Blick es weit in die Landschaft hinaus zu verfolgen; denn das rötlichgraue Gefieder der Alten verschmilzt so unmerkbar mit der gleichartigen Färbung der Steine und mehr noch der blattlosen Euphorbienstämme und Zweige wie das Isabell der Jungen mit Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 21

—* —— dem fahlen Gelb von Sand, Tuffstein oder Kalk. Gar bald würden wir seine Spur verlieren, wenn nicht die Stimme, die eine der größten Merkwürdigkeiten des Vogels ist, unser Wegweiser, ihn aufzusuchen, würde. Horch! ein Ton, wie der einer kleinen Trompete schwingt durch die Luft: gedehnt, zitternd, und wenn unser Ohr ein feines ist und wir gut gehört haben, werden wir diesem seltsamen Klange vorhergehend oder unmittelbar nach ihm ein paar leise, silberhelle Noten vernommen haben, die glockenrein durch die stille Wüste hinklangen. Oder es sind sonderbar tiefe, dem Gequake des kanarischen Laubfrosches nicht unähnliche, nur weniger rauhe Silben, die, hastig wiederholt, hintereinander ausgestoßen und mit fast gleichen, aber schwächeren Lauten, bauchrednerisch, als kämen sie aus weiter Ferne, beantwortet werden. Nichts ist wohl mißlicher, als Vogeltöne durch Buchstaben wiedergeben zu wollen: beim Moro dürfte es vorzugsweise schwierig sein. Es sind eben Stimmen aus einer besonderen, für sich bestehenden Sphäre, die man vernommen haben muß, um sich eine richtige Vorstellung davon zu machen. Niemand wird einen wirklichen Gesang von einem Vogel so beschaffener Gegenden erwarten. Die erwähnten abenteuerlichen Klänge, denen er oft noch eine Reihenfolge krähender und schnurrender anhängt, vertreten bei ihm die Stelle eines solchen. Sie passen in ihrer Seltsamkeit so vollkommen zu der gleichfalls ungewöhnlichen Umgebung, daß man ihnen stets freudig lauscht und auf sie horcht, sobald sie schweigen. Da, wo das Erdreich aus nichts als Flugsand besteht, verschwindet der Moro. Er ist nicht dazu gemacht, wie ein Brachhuhn oder wie ein Wüstenläufer über den Sand zu laufen. Auch steiles, felsiges Gebirge scheint er nicht gerade aufzusuchen; desto mehr liebt er jene öden, schwarzen Lavaströme voll gletscherartig klaffender Risse und Schlünde, auf denen kaum ein Hälmchen grünt, die ihn aber durch die sicheren Schlupfwinkel, welche sie in ihren Höhlungen darbieten, anzulocken scheinen. Nie sieht man den Wüstengimpel sich auf einen Baum oder Strauch niederlassen. In bewohnteren Gegenden sind diese Vögel ziemlich scheu; da aber, wo die Einsamkeit und das Schweigen der Wüste sie umgibt, noch recht zutraulich, am meisten die Jungen, die man oft unvermutet auf einem Steine neben sich sitzen und einem mit den munteren, schwarzen Augelein ins Gesicht schauen sieht.“ Ganz ähnlich ist es in den Nilländern. Hier belebt der Wüstengimpel von Siut an stromaufwärts die felsigen Ufer des Nils und zwar an manchen Stellen in erstaunlicher Menge. Da, wo die Wüste bis an das Stromthal herantritt, darf man sicher sein, ihm zu begegnen. In Nord- und Mittelnubien fällt er wie unsere Finken in Flügen von 50 —60 Stück auf den Feldern ein oder streicht auf ihnen und zwischen dem Gebirge umher. Je wilder und zerklüfteter die Felsen sind, um so sicherer ist er zu finden. In der eigentlichen Wüste begegnet man ihm auch, jedoch fast ausschließlich in der Nͤähe der Brunnen. Hier ist er gewöhnlich der häufigste Vogel oder teilt mit den kleinen Wüstenlerchen und Wüstenammern das arme Gebiet. Gefangen gehaltene Wüstengimpel, die Bolle pflegte, waren sanft, friedlich, gesellig und verträglich, keck und anmutig. Sie riefen und antworteten sich gegenseitig fortwährend, bald mit schönen und hellen, aber kurzen, bald mit langgedehnten, dröhnenden Trompetentönen, bald mit reinen und leisen Lauten, die an den Klang eines Silberglöckchens erinnerten, bald mit ammerartigem Geschnarre. Dem quakenden Tone „kä kä kä“, den sie am häufigsten wiederholen, antwortet in der Regel ein viel tieferer, leise und kurz ausgestoßener. Diese bald rauh, fast krächzend, bald flötend klingenden, immer aber höchst ausdrucksvoll vorgetragenen Silben drücken durch ihre Verschiedenheit jede Anderung in der Gemütsstimmung des Vogels aus. Selten hört man ein zwar unzusammenhängendes, aber langes Geplauder wie das kleiner Papageien; sie rufen auch gackelnd wie Hühnchen „kekek kekek“ 3—4mal hintereinander. Ein lautes „Schak schak“ ist der Ausdruck des Erstaunens

oder Mißtrauens beim Anblicke ungewohnter Dinge. Am lautesten trompeten die Männchen (die Weibchen haben diesen Ton überhaupt nicht) im Frühlinge. Dabei legen sie den Kopf ganz nach hinten über und richten den weit geöffneten Schnabel gerade in die Höhe. Die leiseren Töne werden mit geschlossenem Schnabel hervorgebracht. Beim Singen, auch sonst zur Paarungszeit, führen sie die erheiterndsten Bewegungen aus. Sie tanzen förmlich umeinander herum und treiben sich scharf, wenn sie in erregter Stimmung sind. Bei der Verfolgung des Weibchens nehmen die Hähnchen nicht selten mit senkrecht emporgerichtetem Körper und weit ausgebreiteten Flügeln die Figur eines Wappenbildes an. Es scheint dann, als seien sie im Begriffe, den Gegenstand ihrer Zärtlichkeit in die offenen Arme zu schließen. Die Nahrung des Vogels besteht in der Freiheit fast ausschließlich aus verschiedenen Sämereien, vielleicht auch noch aus grünen Blättern und Knospen; Kerbtiere scheint er zu verschmähen. Wasser ist ihm Bedürfnis. „Wie spärlich, trüb und lau auch die Quelle rinnt, sie muß durch einen, wenn auch meilenweiten Flug täglich einmal wenigstens erreichbar sein.“ Er erscheint morgens und nachmittags in Gesellschaften an der Tränke, trinkt viel und in langen Zügen und badet sich dann wohl auch in seichterem Wasser. Im März beginnt die Brutzeit. Die männlichen Vögel haben ihr Prachtkleid angelegt und sich mit dem erkorenen Weibchen vom Fluge getrennt, sind jedoch nicht aus dem Verbande der Gesamtheit geschieden. Vereint sieht man die verschiedenen Pärchen auf den zerklüfteten Felsen sitzen; lauter und öfter als sonst ertönt der langgezogene Trompetenton des Männchens, und lerchenartig umgeht dieses das Weibchen. Obgleich ich am Nile die Paare Baustoffe eintragen sah, wollte es mir doch nicht gelingen, mehr zu entdecken. Auch Bolle hat, so vielfach er sich nach dem Neste umgeschaut, keines auffinden können, wohl aber von den Ziegenhirten der gedachten Inseln erfahren, daß die Wüstengimpel in den Schlünden der Lavamassen oder auf der Erde unter großen überhängenden Steinen nisten; Tristram nur berichtet, daß das Nest ausschließlich aus feinen Würzelchen und schmiegsamen Halmen besteht. Die 3—4 Eier sind etwa 18 mm lang, 12 mm dick und auf blaß meergrünem Grunde mit rotbraunen Pünktchen und Flecken gezeichnet, die am spitzigen Ende sehr vereinzelt, auch im übrigen zerstreut stehen, gegen das stumpfe Ende hin aber einen aus feinen Schnörkeln, Zickzaͤcklinien und großen, hell rotbraunen, an den Rändern verwaschenen Flecken gebildeten Kranz zu zeigen pflegen. Gefangene Wüstengimpel sind, weil man sie in ihrer Heimat nicht verfolgt, seltene Erscheinungen in unseren Käfigen. Ihr Betragen ist höchst anmutig, ihre Anspruchslosigkeit ebenso bemerkenswert wie ihre leichte Zähmbarkeit. Bolles Pfleglinge schritten mehrmals zur Brut und erzielten kräftige Junge. Die letzte Gattung der Unterfamilie umfaßt die Kreuzschnäbel (Loxia), gedrungen gebaute, großköpfige, etwas plumpe Finken. Ihr Schnabel ist sehr stark, dick, seitlich zusammengedrückt, an den Schneiden eingebuchtet, der obere Kiefer auf dem schmalen Firste zugerundet, in eine lange Spitze ausgezogen und sanft hakenförmig abwärts gebogen, der untere, der den oberen an Stärke übertrifft, in einem ähnlichen Bogen umgekehrt nach oben gebogen und mit jenem bald auf der rechten, bald auf der linken Seite gekreuzt, der kurze, starke Fuß mit langen und kräftigen Zehen ausgerüstet und mit tüchtigen, bogig gekrümmten, spitzigen und doppelschneidigen Nägeln bewehrt, der Flügel ziemlich lang und schmal, in ihm die erste Schwinge über alle anderen verlängert, der Handteil durch schmale und länglich zugerundete, der Armteil durch breitere und ziemlich gerade abgeschnittene Schwingen ausgezeichnet, der Schwanz kurz und deutlich gegabelt, das Kleingefieder dicht, weich, je nach Alter und Geschlecht auffallend verschieden. 21* —

Die größte und kräftigste Art der Gattung ist der Kiefernkreuzschnabel, Kiefernoder Tannenpapagei, Krummschnabel und Roßkrinitz (Loxia pityopsittacus, Orucirostra pityopsittacus, subpityopsittacus, pseudopityopsittacus, brachyrhynchos und intercedens). Seine Länge beträgt 20, die Breite 30, die Fittichlänge 11, die Schwanzlänge 7 em. Der Schnabel ist auffallend stark, dick und hoch, oben und unten in einem fast vollständigen Halbkreise gebogen und nur wenig gekreuzt. Kopf, Kehle, Gurgel, Brust und Bauch sind mehr oder minder lebhaft rot, vorn hell mennigrot bis johannisbeerrot, auf den Backen gräulich, auf der Kehle aschgrau überflogen, die Federn des Rückens graurot, an der Wurzel grau und an der Spitze rot gesäumt, die des Bürzels lebhafter rot als das übrige Kleingefieder, die des unteren Bauches hell aschrot oder weißlich, graurötlich überflogen, die Schwung-, Oberflügel-, Deck- und Steuerfedern grauschwarz, rotgrau gesäumt, die Unterschwanzdeckfedern weißgrau, dunkler gestrichelt und rötlich überflogen. Beim Weibchen sind Scheitel- und Rückenfedern tiefgrau, erstere grüngelb, letztere graugrün gerandet, Zügel- und Vorderbacken licht-, Hinterbacken dunkelgrau, Nacken und Hinterhals graugrüngelb, die lichtgrauen Unterteile, mit Ausnahme der Kehle und der weißgrauen Brust und Bauchmitte, durch breite grüngelbe Federränder geziert, die Schwingen und Steuerfedern grauschwarz, grünlich gesäumt, unterseits tiefgrau, die grauschwarzen Unterschwanzdeckfedern an der Spitze weiß. Beim jungen Vogel sind Kopf und Nacken grauschwarz, weißgrau gestrichelt, Zügel und Backen tiefgrau, die Federn des Rückens schwarzgrau, grüngrau gesäumt, die des Bürzels grüngelb, dunkel längsgestrichelt, die der Unterteile weißgrau mit helleren und dunkleren tiefgrauen Längsstreifen, die Schwung- und Schwanzfedern grauschwarzgrünlich oder lichtgrau gesäumt, die oberen Schwingdeckfedern an der Spitze lichtgnau, wodurch zwei schmale Binden auf den Flügeln gebildet werden.

Der Fichtenkreuzschnabel, Tannen- und Kreuzvogel, Krinitz (Loxia eur-virostra, europaea, balearica und albiventris, Crucirostra curvirostra, europaea, abieètina, media, montana, pineétorum, paradoxa, macrorhynchos, longirostris und balearica), ist kleiner, der Schnabel gestreckter und minder gekrümmt, seine sich kreuzende Spitze länger und niedriger als beim Kiefernkreuzschnabel. Die Länge beträgt 17, die Breite 28, die Fittichlänge 9, die Schwanzlänge 6 em. Kopf, Nacken und Unterkörper sind ebenso gefärbt wie bei jenem, die Backen hinten tief graubraun, die Federn des Unterbauches weißgrau, die Schwingen und Steuerfedern nebst ihren oberen Decken grauschwarz, rötlichgrau gesäumt, die Unterschwanzdecken schwarzgrau mit weißen rötlich überflogenen Spitzen. Beim Weibchen ist die Oberseite tief-, die Unterseite lichtgrau, jede Feder gelbgrün gerandet, der Bürzel grüngelb. Das Gefieder der Jungen ist oberseits schwarzgrau, grünlich gekantet, unterseits weißlich, mit mehr oder minder deutlichem grünlichen Scheine, schwarzgrau in die Länge gefleckt.

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