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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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während des ganzen Jahres am mittleren Amur. Im Splätherbste rotten sich die Paare zu Flügen von 10 —30 Stück zusammen und streichen, wobei sie stets einsilbig pfeifende Töne vernehmen lassen. „Bei Irkutsk stellen sich diese Züge erst zu Ende des September in größerer Anzahl ein. Dort werden sie samt Meisen, Kreuzschnäbeln, Gimpeln und Schneeammern von Vogelstellern gefangen; sie halten sich aber meist nur kurze Zeit im Bauer und verlieren die ihnen eigne Lebhaftigkeit dann fast gänzlich. Bis gegen den November hin trifft man sie am häufigsten auf dem Durchzuge an. Später werden die einzelnen Paare seßhaft und bewohnen mit den Dompfaffen dicht bestrauchte Bachufer, halten sich auch gern in der Nähe des Getreides da auf, wo solches gestapelt wird, wie dies auf Halden in lichten Waldgegenden zu geschehen pflegt. Am Onon traf der sibirische Gimpel im September mit dem Seidenschwanze zusammen; hier belebte er die Inseln. Im Burejagebirge ließen sich größere Banden erst zu Ende des September sehen. Sie waren, wie immer, außerordentlich munter. Niemals flogen sie gleichzeitig, vielmehr immer einzeln; dabei lockten sie fleißig. Der Flug geschieht in sehr flachen Bogen; die Flügel verursachen ein leises Schnurren.“ In Daurien tritt unser Vogel häufig auf. Laut Dybowski, dem wir die eingehendsten Mitteilungen über seine Lebensweise verdanken, verweilt er hier während des Sommers auf südlich gelegenen Berghängen und bezieht erst im Spätfrühlinge die Niederungen, zumal die dichten Haine, die Flüsse, Bäche und Quellen der Steppe umgeben. ö In der ersten Hälfte des Juni beginnt der Meisengimpel mit dem Baue seines Nestes. Dieses geschieht auf Zwergbirken, selten auf Weiden- und Lärchenbäumchen, regelmäßig 1,5—2 meüber dem Boden und immer möglichst nahe am Hauptstamme, ist so künstlich gebaut, als ein dickschnäbeliger Vogel überhaupt vermag, erinnert an das Nest des Gartensängers und besteht aus verschiedenartigen dürren, an der Sonne gebleichten Halmen, die mit Nessel⸗, Weiden- und anderen Pflanzenfasern durchwebt, innerlich aber mit feinem Grase, Pferde⸗, Reh- und Hasenhaaren, manchmal auch Federn, zierlich und sauber ausgepolstert werden. Das Gelege bilden 4, seltener 3 oder 5, denen des Karmingimpels ähnliche, sehr schöne Eier, die 19 mm lang, 14 mm dick und auf tief blaugrünem Grunde spärlich, nur am dicken Ende dichter mit bräunlichen Flecken und Strichen gezeichnet sind. Während des Nestbaues läßt das Männchen seinen leisen, jedoch angenehmen Gesang verlauten. Bei Annäherung eines Menschen warnt es das Weibchen durch einen pfeifenden Laut, infolgedessen letzteres dem Neste sofort entfliegt und sich entfernt. Verweilt man in der Nähe des Nestes, so kehrt es nach geraumer Zeit zwar wiederum zurück, legt aber auch jetzt seine Scheu nicht ab. Sucht der Kuckuck sein Nest heim, so zerstört es dieses selbst und benutzt die Stoffe zum Aufbaue eines neuen; verliert das Pärchen das Gelege oder die Brut, so verläßt es sogleich die Gegend. Unser Gimpel, Blut⸗, Rot-, Gold-, Loh-, Laub- und Quietschfink, Rotgimpel, Rotschläger, Rotvogel, Dompfaff, Domherr, Pfäfflein, Gumpf, Giker, Lübich, Lüff, Luh, Lüch, Schnil, Schnigel, Hale, Bollenbeißer, Brommeis (Pyrrhula europaea, vulgaris, rufa, peregrina, germanica und pileata, Fringilla pyrrhula), ist auf dem Oberkopfe und an der Kehle, auf Flügeln und Schwanz glänzend dunkelschwarz, auf dem Rücken aschgrau, auf dem Bürzel und dem Unterbauche weiß, auf der ganzen übrigen Unterseite aber lebhaft hellrot. Das Weibchen unterscheidet sich leicht durch die aschgraue Färbung seiner Unterseite und die weniger lebhaften Farben überhaupt. Den Jungen fehlt die schwarze Kopfplatte. Der Flügel ist in allen Kleidern durch zwei gräulichweiße Binden geziert, die in der Gegend des Handgelenkes verlaufen. Als Abänderungen *

kommen weiße oder schwarze und bunte Gimpel vor. Die Länge beträgt 17, die Breite 28, die Fittichlänge 9, die Schwanzlänge 6 em. Der Gimpel bewohnt, mit Ausnahme des Ostens und Nordens, ganz Europa, den Süden unseres heimatlichen Erdteiles jedoch nur als Wintergast. Im Osten und Norden

Europas und ebenso in ganz Mittelasien wird er vertreten durch den Großgimpel (Pyrrhula rubicilla, major und coceinea, Loxia pyrrhula), der sich zwar einzig und allein durch bedeutendere Größe, aber so ständig unterscheidet, daß man die zuerst von meinem Vater ausgesprochene Trennung beider Arten anerkennen muß. Der Großgimpel brütet noch in Preußen und Pommern, nicht aber im Westen Deutschlands, erscheint hier auch nur während des Zuges; der Gimpel wiederum kommt schon in Pommern nicht mehr vor. Die eine wie die andere Art, auf deren Trennung ich im nachfolgenden nicht weiter Rücksicht nehmen will, ist streng an den Wald gebunden und verläßt ihn, solange sie Nahrung findet, gewiß nicht. Erst wenn der Winter den Gimpel aus seiner Wohnstätte vertreibt, kommt er gesellschaftsweise in Obstpflanzungen und Gärten der Dörfer oder in Feldgebüsche, um hier nach den wenigen Beeren und Körnern zu suchen, die andere Familienverwandte ihm noch übriggelassen haben. Zu Anfang des Striches sieht man oft nur Männchen, später Männchen und Weibchen untereinander. Solange nicht besondere Umstände zu größeren Wanderungen nötigen, bleibt er im Vaterlande; unter Umständen dehnt er seine Wanderungen bis nach Südspanien oder Griechenland aus. Er wandert meist bei Tage und fliegt womöglich von einem Walde zum anderen. „Der Name Gimpel“, sagt mein Vater, „ist als Schimpfwort eines als beschränkt zu bezeichnenden Menschen allbekannt und läßt auf die Dummheit unseres Vogels schließen. Es ist nicht zu leugnen, daß er ein argloser, den Nachstellungen der Menschen keineswegs gewachsener Gesell ist: er läßt sich leicht schießen und fangen. Doch ist seine Dummheit bei weitem nicht so groß wie die der Kreuzschnäbel; denn obgleich der noch übrige Teil einer Gesellschaft nach dem Schusse, der einen Vogel dieser Art tötet, zuweilen auf oder neben dem Baume, auf welchem sie erst saß, wieder Platz nimmt: so weiß ich doch kein Beispiel, daß auf den Schuß ein gesunder Gimpel sitzen geblieben wäre, was allerdings bei den Kreuzschnäbeln zuweilen vorkommt. Wäre der Gimpel wirklich so dumm, wie man glaubt, wie könnte er Lieder so vollkommen nachpfeifen lernen? Ein hervorstechender Zug bei ihm ist die Liebe zu seinesgleichen. Wird einer von der Gesellschaft getötet, so klagen die anderen lange Zeit und können sich kaum entschließen, den Ort, wo ihr Gefährte geblieben ist, zu verlassen; sie wollen ihn durchaus mitnehmen. Dies ist am bemerkbarsten, wenn die Gesellschaft klein ist. Diese innige Anhänglichkeit war mir oft rührend. Einst schoß ich von zwei Gimpelmännchen, welche in einer Hecke saßen, das eine; das andere flog fort, entfernte sich so weit, daß ich es aus den Augen verlor, kehrte aber doch wieder zurück und setzte sich in denselben Busch, in welchem es seinen Gefährten verloren hatte. AÄhnliche Beispiele könnte ich mehrere anführen. ö „Der Gang unseres Gimpels ist hüpfend, auf der Erde ziemlich ungeschickt. Auf den Bäumen ist er desto gewandter. Er sitzt auf ihnen bald mit wagerecht stehendem Leibe und angezogenen Fußwurzeln, bald aufgerichtet mit weit vorstehenden Füßen und hängt sich oft unten an die Zweige an. Seine lockeren und langen Federn legt er selten knapp an, und deswegen sieht er gewöhnlich viel größer aus, als er ist. Im Fluge, vor dem Fortfliegen, gleich nach dem Aufsetzen und beim Ausklauben der Samenkörner oder Kerne trägt er sich schlank und schön; im Käfige läßt er die Federn fast immer etwas hängen. Ein Baum voll Gimpel gewährt einen prächtigen Anblick. Das Rot der Männchen sticht im Sommer gegen das Grün der Blätter und im Winter gegen den Reif und Schnee herrlich ab. Sie scheinen gegen die Kälte ganz unempfindlich zu sein; denn sie sind im

härtesten Winter, vorausgesetzt, daß es ihnen nicht an Nahrung fehlt, sehr munter. Ihr ungemein dichtes Gefieder schützt sie hinlänglich. Dieses hat auch auf den Flug großen Einfluß; denn er ist leicht, aber langsam, bogenförmig und hat mit dem des Edelfinken einige Ahnlichkeit. Wie bei diesem ist das starke Ausbreiten und Zusammenziehen der Schwingen sehr bemerkbar. Vor dem Niedersetzen schweben sie oft, stürzen sich aber auch zuweilen mit stark nach hinten gezogenen Flügeln plötzlich herab. Der Lockton, den beide Geschlechter hören lassen, ist ein klagendes „Jüg' oder ‚Lüi‘ und hat im Thüringischen unserem Vogel den Namen „Lübich‘ verschafft. Er wird am häufigsten im Fluge und im Sitzen vor dem Wegfliegen oder kurz nach dem Aufsetzen ausgestoßen, ist, nachdem er verschieden betont wird, bald Anlockungs-, bald Warnungsruf, bald Klageton. Er wird jedesmal richtig verstanden. Man sieht hieraus, wie fein die Unterscheidungsgabe bei den Vögeln sein muß, da die Veränderungen des Locktones, welche vom Menschen oft kaum zu bemerken sind, in ihren verschiedenen Bedeutungen stets richtig aufgefaßt werden. Der Gesang des Männchens ist nicht sonderlich; er zeichnet sich namentlich durch einige knarrende Töne aus und läßt sich kaum gehörig beschreiben. In der Freiheit ertönt er vor und in der Brutzeit, in der Gefangenschaft fast das ganze Jahr.“ Baum⸗- und Grassämereien bilden die Nahrung des Gimpels; nebenbei verzehrt er die Kerne mancher Beerenarten und im Sommer viele Kerbtiere. Den Fichten-, Tannen- und Kiefernsamen kann er nicht gut aus den Zapfen herausklauben und liest ihn deshalb gewöhnlich vom Boden auf. Die Kerne der Beeren trennt er mit großer Geschicklichkeit von dem Fleische, das er als ungenießbar wegwirft. Im Winter erkennt man das Vorhandensein ven Gimpeln unter beerentragenden Bäumen leicht daran, daß der Boden unten mit den Überbleibseln der Beeren wie besät ist. Doch geht der Vogel nur im Notfalle an solches Futter und zieht ihm immer die Sämereien vor. Zur Beförderung der Verdauung liest er Sandkörner auf. Durch Abbeißen der Knospen unserer Obstbäume kann er lästig werden; da er jedoch nirgends in namhafter Menge auftritt, fällt der durch ihn verursachte Schade kaum ins Gewicht, es sei denn, daß einmal ein Flug in einen kleinen Garten einfallen und hier längere Zeit ungestört sein Wesen treiben sollte. In gebirgigen Gegenden, wo große Strecken mit Wald bestanden sind und dieser heimliche, wenig besuchte Dickichte enthält, nistet der Gimpel regelmäßig. Ausnahmsweise siedelt er sich auch in Parks und großen Gärten an. So brütete ein Paar alljährlich in dem Epheu, der das Gärtnerhäuschen eines Parkes in Anhalt umrankt; andere hat man in Auenwaldungen gefunden. Das Nest steht auf Bäumen, gewöhnlich in geringer Höhe, entweder in einer Gabel des höheren Buschholzes, oder auf einem Seitenästchen dicht am Baumschafte, besteht äußerlich aus dürren Fichten-, Tannen- und Birkenreischen, auf welche eine zweite Lage äußerst feiner Wurzelfasern und Bartflechten folgen, und ist innerlich mit Reh⸗ und Pferdehaaren oder auch nur mit zarten Grasblättchen und feinen Flechtenteilen ausgefüttert. Zuweilen wird der inneren Wandung auch wohl Pferdehaar oder Schafwolle beigemischt. Im Mai findet man 4—5 verhältnismäßig kleine, etwa 21 mmtlange, 15 mm dicke, rundliche, glattschalige Eier, die auf bleichgrünlichem oder grünlichbläulichem Grunde mattviolette oder schwarze Flecken und rotbraune Punkte, Züge und Schnörkel zeigen. Das Weibchen zeitigt die Eier binnen 2 Wochen und wird, solange es auf dem Neste sitzt, von dem Männchen ernährt. Beide Eltern teilen sich in die Erziehung ihrer Kinder, die sie äußerst zärtlich lieben und mit Lebensgefahr zu verteidigen suchen. Die Jungen erhalten anfänglich Kerbtiere, später junge Pflanzenschößlinge und allerhand im Kropfe erweichte Sämereien und schließlich hauptsächlich die letzteren. Auch nach dem Ausfliegen werden sie noch längere Zeit von den Eltern geführt, und nur dann verhältnismäßig bald sich selbst überlassen, wenn die Alten zu einer zweiten Brut schreiten. ů

Im Gebirge nimmt man die jungen Gimpel, noch ehe sie flügge sind, aus dem Neste, um sie zu erziehen und zu lehren. Je früher man den Unterricht beginnen kann, um so günstiger ist das Ergebnis. Auf dem Thüringer Walde werden jährlich Hunderte junger Gimpel erzogen und dann durch besondere Vogelhändler nach Berlin, Warschau, Petersburg, Amsterdam, London, Wien, ja selbst nach Amerika gebracht. Der Unterricht beginnt vom ersten Tage ihrer Gefangenschaft an, und die hauptsächlichste Kunst besteht darin, daß der Lehrer selbst das einzuübende Lied möglichst rein und immer gleichmäßig vorträgt. Man hat versucht, mit Hilfe von Drehorgeln zu lehren, aber wenig Erfolg erzielt. Selbst die Flöte kann nicht leisten, was ein gut pfeifender Mund vorträgt. Einzelne lernen ohne sonderliche Mühe 2—3 Stückchen, während andere immer Stümper bleiben; einzelne behalten das Gelehrte zeitlebens, andere vergessen es namentlich während der Mauser wieder. Auch die Weibchen lernen ihr Stücklein, obwohl selten annähernd so voll und rein wie die Männchen. Von diesen werden einzelne zu wirklichen Künstlern. „Ich habe“, sagt mein Vater, „Bluthänflinge und Schwarzdrosseln manches Lied nicht übel pfeifen hören; aber dem Gimpel kommt an Reinheit, Weichheit und Fülle des Tones kein deutscher Vogel gleich. Es ist unglaublich, wieweit er gebracht werden kann. Er lernt oft die Weisen zweier Lieder und trägt sie so flötend vor, daß man sich nicht satt daran hören kann.“ Abgesehen von der Gabe der Nachahmung, zeichnet sich der Gimpel vor allen übrigen Finken durch leichte Zähmbarkeit, unbegrenzte Anhänglichkeit und unvergleichliche Hingabe an seinen Pfleger aus, tritt mit diesem in ein inniges Freundschaftsverhältnis, jubelt in dessen Gegenwart, trauert in dessen Abwesenheit, stirbt sogar im Übermaße der Freude wie des Kummers, den ihm sein Herr bereitet. Ohne besondere Mühe kann er zum Aus- und Einfliegen gewöhnt werden, brütet auch leicht im Käfige, vereinigt also eine Reihe vortrefflicher Eigenschaften in sich.

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