Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
ausgelegt. Es steht bald höher, bald tiefer, immer aber möglichst verborgen im dichten Gezweige eines Busches oder Baumes. Nach Hoffmann soll der Girlitz eine ganz besondere Vorliebe für den Birnbaum zeigen und auf diesem, wo es nur immer angeht, sein Nest anlegen; er brütet aber auch auf Apfel- und Kirsch- oder anderen Laubbäumen, und nach den neueren Beobachtungen nicht minder auf Schwarzholz, zeigt sich überhaupt in dieser Beziehung nicht wählerisch. In Spanien zieht er Zitronen- und Apfelsinenbäume allen übrigen vor, bindet sich jedoch keineswegs an sie allein. Das Gelege enthält 4—5 kleine, stumpfbauchige, 16 mm lange, 12 mm dicke Eier, die auf schmutzig weißem oder grünlichem Grunde überall, am stumpfen Ende jedoch mehr als an der Spitze, mit mattbraunen, roten, rotgrauen, purpurschwarzen Punkten, Flecken und Schnörkeln gezeichnet sind. In Spanien fand ich vom April bis zum Juli fortwährend frisch gelegte Eier; in Deutschland beginnt die Brutzeit um Mitte April. Höchst wahrscheinlich macht ein Paar mindestens zwei Bruten im Jahre. Solange das Weibchen brütet, wird es von dem Männchen aus dem Kropfe gefüttert. „Wenn es nun Hunger hat“, sagt Hoffmann, „so ruft es das Männchen, und zwar mit demselben Tone, welchen dieses bei seinen Minnekämpfen hören läßt, nur etwas leiser.“ Es brütet sehr fest und bleibt ruhig sitzen, wenn tagelang Feldoder Gartenarbeiten unter seinem Neste versehen werden. Nach ungefähr 13 Tagen sind die Eier gezeitigt und die Jungen ausgeschlüpft. Solange sie im Neste sitzen, verlangen sie durch ein leises „Zickzick“ oder „Sittsitt“ nach Nahrung. Gegen das Ende ihres Wachstumes hin werden sie sehr unruhig, und oft fliegen sie früher aus, als sie sollten. Die Eltern füttern sie eine Zeitlang noch eifrig, auch wenn man sie in einen Bauer kerkert und diesen in der Nähe des Nestplatzes aufhängt. Nach der Brutzeit gesellen sich die vereinzelten Paare nebst ihren Jungen den früher ausgeflogenen und gescharten zu, vereinigen sich auch wohl mit Stieglitzen, Hänflingen, Feldsperlingen und anderen Familienverwandten, treten mit letzteren jedoch nicht in engeren Verband, sondern bewahren sich stets eine gewisse Selbständigkeit. Diese Schwärme streifen fortan im Lande umher und suchen gemeinsam ihre fast nur aus feinen Sämereien und Pflanzenschossen bestehende Nahrung, ohne dem Menschen irgendwie lästig zu werden. Bei uns zu Lande wird der Girlitz, von den kleinen Raubtieren und einzelnen Liebhabern abgesehen, nicht befehdet, in Spanien dagegen auf den sogenannten Sperlingsbäumen zu Tausenden gefangen und verspeist. Man überzieht Espartogras mit Vogelleim, streut die Halme massenhaft auf einzeln stehende, den Finkenschwärmen zu Ruhesitzen dienende Feldbäume und erzielt oft überraschende Erfolge. Von den zahlreichen Finkenschwärmen, die sich auf solchem Baume niederlassen, entgeht zuweilen kaum der vierte Teil den verräterischen Ruten; und nicht allein der Girlitz, sondern auch andere Finken, ja selbst Raubvögel, fallen dem Fänger zum Opfer. Im Käfige ist unser Vögelchen recht angenehm, dauert jedoch-nicht so gut aus, wie man von vornherein annehmen möchte. „Drei Jahrhunderte sind verflossen“, sagt Bolle, „seit der Kanarienvogel durch Zähmung über die Grenzen seiner wahren Heimat hinausgeführt und Weltbürger geworden ist. Der gesittete Mensch hat die Hand nach ihm ausgestreckt, ihn verpflanzt, vermehrt, an sein eignes Schicksal gefesselt und durch Wartung und Pflege zahlreich aufeinander folgender Geschlechter so durchgreifende Veränderungen an ihm bewirkt, daß wir jetzt fast geneigt sind, mit Linné und Brisson zu irren, indem wir in dem goldgelben Vögelchen das Urbild der Art erkennen möchten und darüber die wilde, grünliche Stammart, die unverändert geblieben ist, was sie von Anbeginn her war, beinahe vergessen haben. Das helle Licht, in dem der zahme Kanarienvogel vor uns steht, die genaue und erschöpfende Kenntnis, die wir von seinen Sitten und Eigentümlichkeiten besitzen, scheint neben der Entfernung, in 20*
welcher der wilde von uns lebt, die Hauptursache der ziemlich geringen Auskunft zu sein, die wir über letzteren besitzen.“ Es bedurfte eines Bolle, um das Freileben des Kanarienvogels zu schildern. Alle Naturforscher vor ihm, A. von Humboldt allein ausgenommen, berichten uns wenig oder, wenn überhaupt etwas, Wahres und Falsches so verquickt, daß es schwer hält, das eine von dem anderen zu trennen. Erst Bolles Schilderung, die ich nachstehend im Auszuge wiedergebe, bietet uns ein ebenso treues als farbenreiches Bild des wichtigen Vogels. Unser Forscher fand diesen auf den fünf Waldinseln der Kanarischen Gruppe, Gran Canaria, Teneriffa, Gomera, Palma und Ferro, glaubt aber, daß er früher noch auf mehreren anderen, jetzt entwaldeten Inseln vorgekommen sein mag, ebenso wie er auf Madeira und den Inseln des Grünen Vorgebirges heimisch ist. Auf den genannten Eilanden lebt er überall, wo dicht wachsende Bäume mit Gestrüpp abwechseln, vorzugsweise längs der mit üppigem Grün umsäumten Wasserbetten jener Inseln, die während der Regenzeit Bäche sind, in der trockenen Zeit aber versiegen, nicht minder häufig in den Gärten um die Wohnungen des Menschen. Seine Verbreitung erstreckt sich von der Meeresküste bis über 1500 m Höhe im Gebirge hinauf. Wo die Bedingungen zu seinem Wohlbefinden gegeben sind, ist er überall häufig, in den Weinbergen der Inseln gemein, auch in Kiefernbeständen, welche die Abhänge des Gebirges bekleiden, nicht selten; nur das Innere des schattigen Hochwaldes, dessen Ränder er noch bevölkert, scheint er zu meiden.
Der wilde Kanarienvogel, der auch in seiner Heimat von Spaniern und Portugiesen Canario genannt wird (Serinus canarius, Fringilla und Crithagra canaria), ist merklich kleiner und gewöhnlich auch etwas schlanker, als derjenige, welcher in Europa gezähmt unterhalten wird. Seine Länge beträgt 12—13, die Fittichlänge 7,2, die Schwanzlänge 6 em. Beim alten Männchen ist der Rücken gelbgrün mit schwärzlichen Schaftstrichen und sehr breiten, hell aschgrauen Federrändern, die beinahe zur vorherrschenden Färbung werden, der Bürzel gelbgrün, das Oberschwanzdeckgefieder aber grün, aschgrau gerandet; Kopf und Nacken sind gelbgrün mit schmalen grauen Rändern, die Stirn und ein breiter Augenstreifen, der nach dem Nacken zu kreisförmig verläuft, grünlich goldgelb, ebenso Kehle und Oberbrust, die Halsseiten dagegen aschgrau. Die Brustfärbung wird nach hinten hin heller, gelblicher; der Bauch und die Untersteißfedern sind weißlich, die Schultern schön zeisiggrün, mattschwarz und blaßgrünlich gebändert, die schwärzlichen Schwungfedern schmal grünlich, die schwarzgrauen Schwanzfedern weißlich gesäumt. Der Augenring ist dunkelbraun; Schnabel und Füße sind bräunlich fleischfarben. Bei dem Weibchen sind die Oberteile braungrau, mit breiten schwarzen Schaftstrichen, die Federn des Nackens und Oberkopfes ebenso gefärbt, am Grunde aber hellgrün, die Stirnfedern grün, die Zügel grau, die Wangen teils grüngelb, teils aschblaugrau, die Schulter- und kleinen Oberflügelfedern licht gelbgrün, die großen Flügeldecken wie die Schwingen dunkelfarbig, grünlich gesäumt, Brust und Kehle grünlich goldgelb, ihrer weißgrauen Federränder halber aber weniger schön als bei dem alten Männchen, Unterbrust und Bauch weiß, die Körperseiten bräunlich mit dunkleren Schaftstrichen. Das Nestkleid ist bräunlich, an der Brust ins Ockergelbe spielend, mit sehr wenig und schwachem Zitrongelb an Wangen und Kehle. Die Nahrung besteht größtenteils, wenn nicht ausschließlich, aus Pflanzenstoffen, feinem Gesäme, zartem Grün und saftigen Früchten, namentlich Feigen. „Wasser ist für den Kanarienvogel gebieterisches Bedürfnis. Er fliegt oft, meist gesellig, zur Tränke und liebt das Baden, bei welchem er sich sehr naß macht, im wilden Zustande ebenso sehr als im zahmen. „Paarung und Nestbau erfolgen im März, meist erst in dessen zweiter Hälfte. Nie baute der Vogel in den uns zu Gesichte gekommenen Fällen niedriger als 2 m über dem
Boden, oft in sehr viel bedeutenderer Höhe. Für junge, noch schlanke Bäumchen scheint er besondere Vorliebe zu hegen und unter diesen wieder die immergrünen oder sehr früh sich belaubenden vorzüglich gern zu wählen. Der Birn- und der Granatbaum werden ihrer vielfachen und doch lichten Verästelung halber sehr häufig, der Orangenbaum seiner immer dunkeln Krone wegen schon seltener, der Feigenbaum, wie man versichert, niemals zur Brutstätte ausersehen. Das Nest wird sehr versteckt angebracht; doch ist es, namentlich in Gärten, vermöge des vielen Hin- und Herfliegens der Alten und ihres nicht großen Nistgebietes unschwer zu entdecken. Wir fanden das erste uns zu Gesichte gekommene in den letzten Tagen des März 1856 inmitten eines verwilderten Gartens der Villa Orotava, auf einem etwa Im hohen Buchsbaume, der sich über einer Myrtenhecke erhob. Es stand, nur mit dem
Wilder Kanarienvogel (Serinus canarius). ½ natürl. Größe.
Boden auf den Asten ruhend, in der Gabel einiger Zweige und war unten breit, oben sehr eng mit äußerst zierlicher Rundung, nett und regelmäßig gebaut, durchweg aus schneeweißer Pflanzenwolle zusammengesetzt und nur mit wenigen dürren Hälmchen durchwebt. Das erste Ei wurde am 30. März, dann täglich eines hinzugelegt, bis die Zahl von fünfen beisammen war, welche die regelmäßige Zahl des Geleges zu sein scheint, obwohl wir in anderen Fällen nur 3—4 Eier, nie aber mehr als 5, in einem Neste gefunden haben. Die Eier sind blaß meergrün und mit rötlichbraunen Flecken besät, selten beinahe oder ganz einfarbig. Sie gleichen denen des zahmen Vogels vollkommen. Ebenso hat die Brutzeit durch die Zähmung keine Veränderung erlitten; sie dauert beim wilden Kanarienvogel ebenfalls ungefähr 13 Tage. Die Jungen bleiben im Neste, bis sie vollständig befiedert sind, und werden noch eine Zeitlang nach dem Ausfliegen von beiden Eltern, namentlich aber vom Vater, aufs sorgsamste aus dem Kropfe gefüttert. Die Anzahl der Bruten in einem Sommer beträgt in der Regel vier, mitunter auch nur drei.“ Sämtliche Nester, die Bolle beobachtete, waren auf gleich saubere Weise aus Pflanzenwolle zusammengesetzt; in einzelnen fand sich kaum ein Grashalm oder Rindenstückchen
zwischen der glänzenden Pflanzenwolle. „Das Männchen sitzt, während das Weibchen brütet, in dessen Nähe, am liebsten hoch auf noch unbelaubten Bäumen, im ersten Frühlinge gern auf Akazien, Platanen oder echten Kastanien, Baumarten, deren Blattknospen erst spät sich öffnen, oder auch auf dürren Zweigspitzen, wie sie die Wipfel der in Gärten und in der Nähe der Wohnungen so allgemein verbreiteten Orangen nicht selten aufzuweisen haben. Von solchen Standpunkten aus läßt es am liebsten und längsten seinen Gesang hören. „Es ist viel über den Wert des Gesanges geredet worden. Von einigen überschätzt und allzuhoch gepriesen, ist er von anderen einer sehr strengen Beurteilung unterzogen worden. Man entfernt sich nicht von der Wahrheit, wenn man die Meinung ausspricht, die wilden Kanarienvögel sängen wie in Europa die zahmen. Der Schlag dieser letzteren ist durchaus kein Kunsterzeugnis, sondern im großen und ganzen geblieben, was er ursprünglich war. Einzelne Teile des Gesanges hat die Erziehung umgestalten und zu glänzenderer Entwickelung bringen, andere der Naturzustand in größerer Frische und Reinheit bewahren mögen: das Gepräge beider Gesänge aber ist noch jetzt vollkommen übereinstimmend und beweist, daß, mag ein Volk auch seine Sprache verlieren können, eine Vogelart die seine durch alle Wandlungen äußerer Verhältnisse unversehrt hindurchträgt. Soweit das unbefangene Urteil. Das befangene wird bestochen durch die tausend Reize der Landschaft, durch den Zauber des Ungewöhnlichen. Was wir vernehmen, ist schön; aber es wird schöner noch und klangreicher dadurch, daß es nicht im staubigen Zimmer, sondern unter Gottes freiem Himmel erschallt, da, wo Rosen und Jasmin um die Cypresse ranken und die im Raume verschwimmenden Klangwellen das Harte von sich abstreifen, das an dem meist in zu großer Nähe vernommenen Gesange des zahmen Vogels tadelnswert erscheint. Und doch begnügt man sich nicht, mit dem Ohre zu hören; unvermerkt vernimmt man auch durch die Einbildungs-⸗ kraft, und so entstehen Urteile, die später bei anderen Enttäuschungen hervorrufen. So wenig wie alle Hänflinge und Nachtigallen oder alle zahmen Kanarienvögel gleich gute Schläger sind, darf man dies von den wilden fordern. Auch unter ihnen gibt es stärkere und schwächere; das aber ist unsere entschiedene Ansicht: die Nachtigallentöne oder sogenannten Rollen, jene zur Seele dringenden tiefen Brusttöne, haben wir nie schöner vortragen hören als von wilden Kanarienvögeln und einigen zahmen der Inseln, die bei jenen in der Lehre gewesen. Nie werden wir in dieser Hinsicht die Leistungen eines wundervoll hochgelben Männchens von Gran Canaria, das wir als Geschenk eines Freundes eine Zeitlang besaßen, zu vergessen im stande sein. Am meisten möge man sich hüten, den Naturgesang des Kanarienvogels nach dem oft stümperhaften sehr jung gefangener, die im Käfige ohne guten Vorschläger aufwuchsen, zu beurteilen. „Der Flug des Kanarienvogels gleicht dem des Hänflings. Er ist etwas wellenförmig und geht meist in mäßiger Höhe von Baum zu Baum, wobei, wenn der Vogel schwarmweise fliegt, die Glieder der Gesellschaft sich nicht dicht aneinander drängen, sondern jeder sich in einer kleinen Entfernung von seinem Nachbar hält und dabei einen abgebrochenen, oft wiederholten Lockruf hören läßt. Die Scharen, in welche sie sich außer der Paarungszeit zusammenthun, sind zahlreich, lösen sich aber den größten Teil des Jahres hindurch in kleinere Flüge auf, die an geeigneten Orten ihrer Nahrung nachgehen und sehr häufig längere Zeit auf der Erde verweilen, vor Sonnenuntergang aber sich gern wieder zusammenschlagen und eine gemeinschaftliche Nachtherberge suchen. „Der Fang dieser Tierchen ist sehr leicht; zumal die Jungen gehen fast in jede Falle, sobald nur ein Lockvogel ihrer Art danebensteht: ein Beweis mehr für die große Geselligkeit der Art. Ich habe sie in Canaria sich sogar einzeln in Schlagnetzen, deren Locker nur Hänflinge und Stieglitze waren, fangen sehen. Gewöhnlich bedient man sich, um ihrer habhaft