Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
ist der Stieglitz nicht; denn lieber noch als in zusammenhängenden Beständen siedelt er sich in Gärten oder Parks, an Straßen, auf Angern oder Wiesen und ähnlichen Orten an, und hier pflegt er auch zu brüten. Der Stieglitz ist höchst anmutig, in allen Leibesübungen wohl bewandert, unruhig, gewandt, klug und listig, hält sich zierlich und schlank und macht den Eindruck, als ob er seiner Schönheit sich bewußt wäre. Als wahrer Baumvogel kommt er nur ungern auf den Boden herab und bewegt sich hier auch ziemlich ungeschickt; dagegen klettert er trotz einer Meise, hängt sich, wie die Zeisige, geschickt von unten an die dünnsten Zweige und arbeitet minutenlang in solcher Stellung. Sein Flug ist leicht und schnell, wie bei den meisten Finken wellenförmig, und nur dann schwebend, wenn der Vogel sich niederlassen will. Zum Ruhen bevorzugt er die höchsten Spitzen der Bäume oder Gesträuche, hält sich aber niemals lange an einem Orte auf, weil sich seine Unruhe immer geltend macht. Dem Menschen gegenüber zeigt er sich stets vorsichtig, scheu aber nur dann, wenn er bereits Nachstellungen erfahren hat. Mit anderen Vögeln lebt er in Frieden, läßt jedoch einen gewissen Mutwillen an ihnen aus. Seine Lockstimme wird am besten durch seinen Namen wiedergegeben; denn dieser ist nichts anderes, als ein Klangbild der Silben „stiglit“, „pickelnit“ und „pickelnick ki kleia“, die er im Sitzen wie im Fliegen vernehmen läßt. Ein sanftes „Mai“ wird als Warnungsruf gebraucht, ein rauhes „Rärärärä“ ist das Zeichen unangenehmer Erregung. Die Jungen rufen „zif litzi zi“ ꝛc. Das Männchen singt, obgleich die einzelnen Töne denen des Bluthänflings an Klang und Fülle nachstehen, laut und angenehm, mit viel Abwechselung und so fröhlich, daß der Liebhaber den Stieglitz namentlich auch seines Gesanges halber hoch in Ehren hält. In der Gefangenschaft singt er fast das ganze Jahr; im Freien schweigt er nur während der Mauser und bei sehr schlechtem Wetter. Die Nahrung besteht in Gesäme mancherlei Art, vorzüglich aber in solchem der Birken, Erlen und nicht minder der Disteln im weitesten Sinne, und man darf deshalb da, wo Disteln oder Kletten stehen, sicher darauf rechnen, ihn zu bemerken. „Nichts kann reizender sein“, sagt Bolle, „als einen Trupp Stieglitze auf den schon abdorrenden Distelstengeln sich wiegen und aus der weißen Seite ihrer Blütenköpfe die Samen herauspicken zu sehen. Es ist dann, als ob die Pflanzen sich zum zweiten Male und mit noch farbenprächtigeren Blumen, als die ersten es waren, geschmückt hätten.“ Der Vogel erscheint auf den Distelbüschen, hängt sich geschickt an einen Kopf an und arbeitet nun eifrig mit dem langen, spitzen Schnabel, um sich der versteckten Samenkörner zu bemächtigen. Im Sommer verzehrt er nebenbei Kerbtiere, und mit ihnen füttert er auch seine Jungen groß. Er nützt also zu jeder Jahreszeit, durch Verminderung des schädlichen Unkrautes nicht minder als durch Wegfangen der Kerbtiere. Strenge Beurteiler seiner Thaten beschuldigen ihn freilich, durch leichtfertiges Arbeiten an den Samenköpfen der Disteln diese verbreiten zu helfen, vergessen dabei aber, daß der Wind auch ohne Stieglitz der eigentliche Urheber solcher Unkrautverbreitung ist, und thun dem zierlichen Vogel somit entschieden Unrecht. Das Nest, ein fester, dicht zusammengefilzter Kunstbau, steht in lichten Laubwäldern oder Obstpflanzungen, oft in Gärten und unmittelbar bei den Häusern, gewöhnlich in einer Höhe von 6—8 müber dem Boden, wird am häufigsten in einer Astgabel des Wipfels angelegt und so gut verborgen, daß es von untenher erst dann gesehen wird, wenn das Laub von den Bäumen fällt. Grüne Baumflechten und Erdmoos, feine Würzelchen, dürre Hälmchen, Fasern und Federn, welche Stoffe mit Kerbtiergespinsten verbunden werden, bilden die äußere Wandung, Wolllagen aus Distelflocken, die durch eine dünne Lage von Pferdehaaren und Schweinsborsten in ihrer Lage erhalten werden, die innere Auskleidung. Das Weibchen ist der eigentliche Baumeister, das Männchen ergötzt es dabei durch fleißigen Gesang, bequemt sich aber nur selten, bei dem Baue selbstthätig mitzuwirken. Das Gelege
enthält 4—5 zart- und dünnschalige Eier, die durchschnittlich 16 mm lang, 12 mm dick und auf weißem oder blaugrünlichem Grunde sparsam mit violettgrauen Punkten bedeckt, am stumpfen Ende aber kranzartig gezeichnet sind. Selten findet man diese Eier früher als im Mai, und wahrscheinlich nisten die Paare nur einmal im Laufe des Sommers. Das Weibchen brütet allein und zeitigt die Eier binnen 13 — 14 Tagen. Die zarten Jungen werden mit kleinen Kerbtierlarven, die größeren mit Kerbtieren und Sämereien gefüttert, die ausgeflogenen noch lange von den Eltern geleitet und geführt. Wie der Hänfling, so füttert auch der Stieglitz seine Kinder groß, wenn sie vor dem Ausfliegen in einen Käfig eingesperrt wurden. * Der Schnabel der Girlitze (Serinus) ist klein, kurz, dick und stumpfspitzig, oben wenig gewölbt, an den bogenförmigen Schneiden eingezogen, vor der Spitze seicht ausgeschnitten, der Fuß ziemlich kurzläufig und nicht eben langzehig, mit kleinen, flach gebogenen, aber spitzigen Nägeln bewehrt, der Flügel mäßig lang und spitzig, in ihm die zweite und dritte Schwinge die längsten, der Schwanz mittellang und am Ende ziemlich tief eingeschnitten.
Der in Deutschland heimische Vertreter der Gattung ist der Girlitz (Serinus hortulanus, flavescens, brumalis, orientalis, méeridionalis, islandicus und oceidentalis, Fringilla serinus und islandica, Pyrrhula und Dryospiza serinus). Seine Länge beträgt 12,5, seine Breite 21, seine Fittichlänge 6,7, seine Schwanzlänge 5 em. Die vorherrschende Färbung des Gefieders ist ein schönes Grün; Hinterkopf, Rücken und Schultern sind grüngelb, durch verwaschene schwärzliche Längsflecken gezeichnet, die Stirn, ein Augenstreifen und ein Nackenring, der Bürzel und die Unterteile blaß goldgelb, nach dem Bauche zu sich lichtend und auf den Unterschwanzdecken in Weiß übergehend, die Brust und Bauchseiten mit großen, dunkelschwarzen Längsflecken gezeichnet, die Handschwingen schwarzbraun, außen schmal grünlichgelb und an der Spitze weißlich gesäumt, die Armschwingen ebenso, aber breiter gesäumt und gekantet, die Schulterfedern sehr breit grünlichweiß gesäumt und gekantet, die kleinen Oberflügeldeckfedern zeisiggrün, die großen weißlich gesäumt und mit breitem, weißgelbem Spitzensaume geziert, wodurch ein lichter Querstreifen über dem Flügel gebildet wird, die Steuerfedern braunschwarz, innen weißlich-, außen grünlichgelb gesäumt. Der Augenring ist hellbraun, der Schnabel horngrau, unterseits rötlichgrau, der Fuß gelblich fleischfarben. Bei dem kleineren Weibchen ist das der Hauptfärbung nach grüngelbe Gefieder fast überall mit schwarzen Längsflecken gezeichnet. Die Jungen ähneln dem Weibchen, unterscheiden sich aber durch sehr blasse, fast weißliche Grundfärbung. Ursprünglich im Süden Europas und in Kleinasien heimisch, hat sich der Girlitz allmählich nach Norden hin verbreitet, thut dies auch gegenwärtig noch und bürgert sich, weiter und weiter vorschreitend, in Gebieten ein, in denen er vor einem Menschenalter vollständig fehlte. „Dieses reizende Finkchen“, sagt W. Marshall, „kommt in ganz Südeuropa vor, ist sowohl in Sizilien als auch in Portugal gemein und muß schon ziemlich zeitig in das südwestliche Deutschland eingewandert sein; bereits 1818 ist es, vom Rheine abgeschwenkt und dem Maine folgend, um Frankfurt a. M. nicht selten, tritt aber erst 17 Jahre später bei Hanau auf und erreicht 1883 Würzburg. Aus der Neuwieder Gegend wird es 1854 als Brutvogel aufgeführt, obwohl es nach Malherbe schon, wahrscheinlich der Mosel aufwärts folgend, in den dreißiger Jahren in Lothringen heimisch geworden war. „Im Südosten ist der Vogel in Ungarn häufig, donauaufwärts bei Wien (1879) geradezu gemein und ist auf dieser Straße geradeswegs bis Bayern vorgedrungen. 1850 erschien er auf der abgezweigten Donau-Moldau-Elbe-Straße bei Bensen an der Moldau,
Volk glaubt, sich mit dem Rapsbaue immer mehr ausdehnt. Der Elbe folgend, zeigte er sich 1870 öfter bei Schandau in der Sächsischen Schweiz, seltener eine Stunde weiter flußabwärts im Bielagrunde, obwohl schon 18 Jahre vorher in der Lößnitz bei Dresden ein nistendes Pärchen beobachtet worden war und der Girlitz, nach Liebe, bereits 1859 einen erfolglosen Versuch gemacht hatte, sich im Elsterthale niederzulassen; 1871 glückte das einem Pärchen, dem im Jahre darauf ein zweites folgte, und 1873 hatten sich schon ihrer sieben bei Gera eingefunden. Auf der Donau-March-Oder-⸗Linie ist der Fink in Oberschlesien eingedrungen, ist 1866 bei Breslau, wo er 20 Jahre vorher ganz unbekannt war, ziemlich zahlreich
Girlitz (Serinus hortulanus) und Goldstirngirlitz (Serinus pusillus). ½ natürl. Größe.
geworden; zeigte sich bereits 1850, aber sehr vereinzelt, in der Lausitz, wird aber von Jahr zu Jahr häufiger und besiedelt von hier aus die benachbarten sächsischen Gegenden, z. B. 1867 Maxdorf, und Ende der siebziger Jahre hat er Frankfurt a. O. und Berlin erreicht.“ Im Taurus gesellt sich ihm der von hier und dem Kaukasus an über Persien und Turkistan bis Ladak verbreitete, auch in Südosteuropa vorkommende Goldstirngirlitz (Serinus pusillus und aurifrons, Passer pusillus, Fringilla pusilla und rubrifrons, Emberiza aurifrons und auriceps, Oraegithus pusillus, Pyrrhula und Meétoponia pusilla). Seine Länge beträgt etwa 11, die Fittichlänge 7, die Schwanzlänge 5 em. Das Gefieder ist auf dem Vorderkopfe dunkel orangerot, am übrigen Kopfe und Halse sowie auf der Oberbrust düster bräunlichschwarz, auf dem Rücken, den Brust- und Bauchseiten ebenso, jede Feder aber breit hellgelb umrandet, auf dem Bürzel orangegelb, auf dem Bauche gelb, in den Weichen schwarz längs gestrichelt; die Handschwingen sind braungrau, außen schmal Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 20
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zitrongelb, die Schulterfedern schwarzbraun, breit gelblichweiß gesäumt und am Ende weißlich umrandet, die Oberflügeldecken goldbräunlich, die größeren am Ende weiß gesäumt, wodurch eine Flügelbinde entsteht, die Schwanzfedern schwarzbraun, außen zitrongelb gesäumt und wie die dunkleren Oberschwanzdecken weiß umrandet, die Unterschwanzdecken weiß. Die Iris ist braun, der Schnabel schwarz, der Fuß schwarzbraun. Dem minder lebhaft gefärbten Weibchen fehlt das Schwarz am Kopfe. Bei uns zu Lande ist der Girlitz ein Wandervogel, der regelmäßig im Frühjahre, und zwar in den letzten Tagen des März oder in den ersten Tagen des April, erscheint und bis in den Spätherbst verweilt. In ganz Südeuropa streicht er während des Winters höchstens von einem Orte zum anderen, ohne jedoch eine wirkliche Wanderung zu unternehmen. Hier tritt er überall häufiger auf als in Deutschland, bevölkert jede Ortlichkeit und fehlt selbst ziemlich hohen Berggipfeln nicht. Baumgärten, in deren Nähe Gemüsepflanzungen sind, sagen ihm am meisten zu; deshalb findet er sich in Deutschland an einzelnen Stellen sehr häufig, während er an anderen, auch nahe liegenden nicht vorkommt. Der Girlitz ist ein schmucker, lebendiger und anmutiger Vogel, immer munter und gutgelaunt, gesellig und friedliebend, solange die Liebe nicht trennt, vereinzelt und zum Kampfe treibt. Die ersten Ankömmlinge bei uns sind stets Männchen; die Weibchen folgen später nach. Erstere machen sich sogleich durch ihren Gesang und ihr unruhiges Treiben bemerkbar, setzen sich auf die höchsten Baumspitzen, lassen die Flügel hängen, erheben den Schwanz ein wenig, drehen sich beständig nach allen Seiten und singen dabei sehr eifrig. Nur wenn der Frühling kalt, windig oder regnerisch ist, verändert sich die Sache; „dann macht das Vögelchen“, wie A. von Homeyer sagt, „ein ganz anderes Gesicht. Es hält sich niedrig, um Schutz gegen die Witterung zu finden, und lockt nur hier und da leise und verstohlen aus einem Strauche heraus oder trippelt der Nahrung halber auf der Erde neben einem Meldenstrauche, ohne bei seiner schlechten Laune viel Wesens und Lärm zu machen. So kann es bei anhaltend ungünstiger Witterung kommen, daß schon viele Girlitze vorhanden sind, ohne daß man viel von ihnen sieht, während sie dann bei dem ersten Sonnenschein in Unzahl von allen hohen Bäumen herabsingen.“ Je näher die Begattungszeit kommt, um so eifriger trägt der Vogel sein Liedchen vor, und um so sonderbarer gebärdet er sich. Nicht genug, daß er mit den zärtlichsten Tönen um Liebe bittet, er legt sich auch wie ein Kuckuck platt auf einen Ast, sträubt die Kehlfedern, wie ein balzender Hahn, breitet den Schwanz weit aus, dreht und wendet sich, erhebt sich plötzlich, steigt in die Luft, flattert, ungleichmäßig schwankend, fledermausartig um den Baum, wirft sich bald nach der einen, bald nach der anderen Seite und kehrt dann auf den früheren Sitzplatz zurück, um seinen Gesang fortzusetzen. Andere Männchen in der Nähe wecken die Eifersucht des Sängers; dieser bricht plötzlich ab und stürzt sich erbost auf den Gegner; letzterer entflieht in behendem Fluge: und so jagen sich beide wütend längere Zeit umher, durch die belaubten Bäume hindurch oder auch sehr nahe über den Boden hinweg, wobei sie ohne Unterbrechung ihren Zorn durch ein helles „Sisisi“ bekunden. Erst nach langwierigem Kampfe, und wenn das Weibchen brütet, endet dieser Zank und Streit. Den Gesang vergleicht Hoffmann treffend mit dem allerdings weicheren Gesange der Heckenbraunelle. Ausgezeichnet kann man das Lied gerade nicht nennen: es ist zu einförmig und enthält zu viel schwirrende Klänge; doch muß ich gestehen, daß es mich immer angesprochen hat. Der Name „Hirngritterl“ ist gewissermaßen sein Klangbild. Das Nest, ein kleiner, dem unseres Edelfinken am meisten ähnelnder Kunstbau, ist ziemlich verschieden zusammengesetzt, zuweilen fast nur aus dünnen Würzelchen, zuweilen aus mancherlei Halmen erbaut, und innen äußerst fein und weich mit Haaren und Federn ö