Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
welche Stoffe nach innen zu immer feiner gewählt werden und so gleichsam eine zweite Lage bilden, und ist in der Mulde vorzugsweise mit Tier- und Pflanzenwolle, namentlich aber auch Pferdehaaren ausgepolstert. Das Gelege enthält 4—5 Eier von 17 mm Längs- und 13 mm Querdurchmesser, die auf weißbläulichem Grunde mit einzelnen blaßroten, dunkelroten und zimtbraunen Punkten und Strichelchen gezeichnet sind. Sie werden vom Weibchen allein in 13 —14 Tagen ausgebrütet, die Jungen aber, namentlich die der letzten Brut, von beiden Eltern gemeinschaftlich mit allerlei vorher im Kropfe erweichten Sämereien aufgefüttert. Während das Weibchen auf dem Neste sitzt, kommt das Männchen oft herbeigeflogen und singt von einem der nächsten Bäume herab sehr eifrig. Im Gegensatze zu den Edelfinken leben die Hänflinge auch während der Brutzeit in Frieden zusammen. Die Männchen mehrerer nahe bei einander brütenden Weibchen machen ihre Ausflüge nicht selten gemeinschaftlich und singen dann auch, ohne sich zu zanken, zusammen neben den Nestern. Von einem Pärchen, das unter den Augen meines Vaters brütete, erzählt dieser Folgendes: „Ich entdeckte das Nest, als die Jungen kielten, und hatte viele Gelegenheit, das Betragen der Alten und Jungen genau zu beobachten. Die letzteren saßen ruhig im Neste und ließen, solange sie noch keine Federn hatten, ihre Stimme nur hören, wenn die Alten geflogen kamen oder sie fütterten. Als sie befiedert waren, verhielten sie sich ganz ruhig, selbst wenn sie Nahrung bekamen. Sie wurden ziemlich schnell flügge. Eines Tages, als sie völlig befiedert waren, flatterten sie alle mit den Flügeln und versuchten diese Bewegungen bis gegen Abend; am Morgen darauf, und zwar mit Tagesanbruch, waren sie alle ausgeflogen. Sie hielten sich nun in der Nͤähe des Nestes in dicht belaubten Bäumen verborgen und waren bald da, bald dort, bis sie sich mit den Alten entfernten. Diese gewährten mir außerordentliche Freude; sie waren so zahm, daß sie sich im Füttern der Jungen nicht stören ließen, wenn ich in der Laube saß, selbst nicht, wenn mehrere Personen darin sprachen. Sie fütterten ihre Jungen stets in Zwischenräumen von 12—16 Minuten, kamen immer zusammen geflogen, setzten sich auf einen über die Laube emporragenden Apfelbaum, lockten ganz leise und flatterten nun dem Neste zu. Sie näherten sich ihm jedesmal von einer Seite und gaben jedem Jungen etwas in den Kropf, so daß nie eines verkürzt wurde. Das Männchen fütterte immer zuerst, und wenn dieses fertig war, kam das Weibchen; das erstere wartete, bis jenes den Kropf geleert hatte, und dann flogen beide miteinander fort, wobei sie gewöhnlich ihren Lockton hören ließen. Ein einziges Mal kam das Weibchen allein, und ein einziges Mal fütterte es die Jungen früher als das Männchen. Ehe das Weibchen das Nest verließ, beseitigte es den Unrat der Jungen, warf aber den Kot nicht herab, sondern verschluckte ihn und spie ihn fern vom Neste wieder aus. Das Männchen unterzog sich dieser Reinigung nicht; ein einziges Mal nur sah ich, daß es den Kot der Jungen aufnahm. Als die Jungen ausgeflogen waren, hielten sich die Alten immer in ihrer Nähe auf und führten sie noch lange Zeit.“ Das Hänflingspaar verläßt seine Eier nur äußerst selten, seine Jungen nie; die Alten füttern diese vielmehr auch dann noch groß, wenn man sie mit dem Neste in einen Käfig sperrt. Dies geschieht häufig, um sich die Mühe des Selbstauffütterns zu ersparen, und meines Wissens ist noch kein Fall vorgekommen, daß die alten Hänflinge sich dadurch hätten abhalten lassen, ihren elterlichen Pflichten Genüge zu leisten. Man kann das Elternpaar nach und nach durch die Jungen aus ihrem eigentlichen Wohngebiete weglocken, indem man den Bauer, in welchem letztere eingesperrt sind, allgemach weiter und weiter von der ursprünglichen Brutstelle entfernt, vielleicht seinem Wohnhause nähert. Doch hat dies Auf—⸗ fütternlassen der Jungen den einen Nachteil, daß letztere wild und scheu bleiben, während diejenigen, welche man selbst groß zieht, bald ungemein zahm werden. ö ö ö
Der Hänfling ernährt sich fast ausschließlich von Sämereien, wird aber demungeachtet nirgends als erheblich schädlich angesehen, es sei denn, daß man ihm Übergriffe auf Kohl-, Rüben⸗, Salatsämereien und andere Nutzpflanzen unseres Gartens, die er sich allerdings zuweilen zu schulden kommen läßt, ungebührlich hoch anrechnen wolle. Unkraut liefert ihm wohl die Hauptmasse seiner Mahlzeiten. Er frißt die Samen von Wegebreit, Löwenzahn, die Sämereien aller Kohl-, Mohn-, Hanf- und Rübsenarten und namentlich Grasgesäme. Mit Recht giet der Hänfling als einer der beliebtesten Stubenvögel. Er ist anspruchslos wie wenige andere, befreundet sich oft innig mit seinem Pfleger, der ihn großgezogen hat, und singt fleißig und eifrig fast das ganze Jahr hindurch. Im Zimmer echter Liebhaber fehlt er selten. Der Leinfink, Flachsfink, Birken-, Berg⸗-, Flachs- und Meerzeisig (Kcanthis linaria, Linaria rubra, vulgaris, alnorum, agrorum, betularum, robusta, canigularis, dubia, assimilis, leuconotos, septentrionalis, flavirostris und pusilla, Aegiothus linarius und fuscescens, Fringilla, Passer, Spinus, Cannabina und Linota linaria), ist eine häufig bei uns erscheinende nordische Art der Gattung. Der Stirnrand und die Borstenfederchen der Nasenlöcher sind dunkel braungrau, Zügel und ein länglichrunder Flecken an Kinn und Oberkehle braunschwarz, Stirn und Scheitel lebhaft dunkel karminrot, die Federn dieser Stellen an der Wurzel grauschwarz, Hinterkopf und die übrigen Oberteile matt rostbraun, dunkelbraun längsgestreift, die Bürzelfedern blaß karminrot, seitlich fahlweiß gesäumt und fahlbraun geschaftet, die oberen Schwanzdecken dunkelbraun, seitlich fahlweiß gesäumt, Backen und Ohrgegend rostbraun, dunkler gestrichelt, die vorderen Backen, Kehle, Kropf und Brustseiten karminrot, die Federn der Kehlmitte schmal weißlich gesäumt, die übrigen Unterteile weiß, die Seiten blaß rostbräunlich, mit breiten, verwaschenen, dunkeln Längsstreifen, die Schwingen tiefbraun, außen schmal braun, die letzten Armschwingen breiter und heller gesäumt, die Deckfedern der Armschwingen und die der größten Reihe am Ende breit rostweiß gerandet, wodurch zwei helle Flügelbinden entstehen, die Schwanzfedern tiefbraun, außen schmal rostweißlich, innen breit weiß gesäumt. Das Auge ist dunkelbraun, der Oberschnabel hornblau, der Unterschnabel gelb, der Fuß graubraun. Die Weibchen und jungen Vögel zeigen nur schwache Spuren des Karminrotes auf Brust und Bürzel; Kropf und Brust erscheinen daher rostbräunlich und sind durch dunkle Schaftflecken gezeichnet; die rote Kopfplatte ist kleiner und matter. Die Länge beträgt 13, die Breite 22, die Fittichlänge 7, die Schwanzlänge 6 em. Eine noch zweifelhafte Abänderung unserer Art ist der sogenannte Große Birkenzeisig (AKcanthis linaria holboelli). Das Verbreitungsgebiet umfaßt den kalten Gürtel beider Welten, soweit der Baumwuchs reicht. Von hier aus wandert der Leinfink alljährlich in südlichere Gegenden hinab und erscheint dabei zuweilen in unschätzbarer Menge auch in Deutschland.
In den Alpen ersetzt ihn der Bergleinfink, Rotzeisel oder Rotleinfink (Acanthis rufescens, Linaria rufescens und minor, Aegiothus, Linacanthis und Linota rufescens, Abbildung S. 285). Bei ihm sind Hinterkopf, Halsseiten, Rücken, Bürzel und Seiten auf gelblich rostbraunem Grunde mit dunkelbraunen Längsflecken geziert, Zügel und Kehlflecken schwarzbraun, Stirn und Vorderscheitel dunkel karminrot, Gurgel, Oberbrust und Bürzel blaß rosenrot, infolge der weißen Ränder der Federn schwach gräulich gesperbert, die übrigen Unterteile weißlich, mit Rosenrot überhaucht, die unteren Schwanzdecken schwärzlich in die Länge gefleckt, die Flügel und Schwanzfedern schwärzlichbraun, außen schmal schmutzigweiß gesäumt, die letzten Armschwingen, Schulterfedern und die großen Flügeldeckfedern breit lehmfarbig umrandet, wodurch zwei deutliche Flügelbinden entstehen. Das Auge ist
dunkelbraun, der Schnabel gelblich, an der Spitze und an den Kanten dunkel, der Fuß schwarz. Die Länge beträgt 11,5, höchstens 12 em. Das Brutgebiet dieser Art, über deren ständiges Auftreten in den Alpen wir erst durch V. von Tschusi zu Schmidhoffen Kunde erhalten haben, umfaßt einerseits Schottland, anderseits die östlichen, insbesondere die Salzburger Alpen, woselbst er, beispielsweise bei Tamsweg im Lungau, nicht selten brütet. Erst wenn man die ungeheuern Birkenwaldungen des hohen Nordens durchwandert oder mindestens gesehen hat, begreift man, warum der Leinfink, auf dessen Lebensschilderung ich mich beschränken darf, nicht in jedem Winter in derselben Häufigkeit bei uns erscheint. Nur wenn im Norden der Birkensamen nicht geraten ist, und er Mangel an Nahrung erleidet, sieht er sich genötigt, nach südlicheren Gegenden hinabzustreifen. So zahlreich auch die Massen sein mögen, die zuweilen bei uns vorkommen: ungleich größere Mengen verweilen jahraus jahrein in ihrer Heimat; denn die Ansprüche, die der Birkenzeisig an das Leben stellt, werden ihm im Norden viel besser als bei uns gewährt. Hunderte und Tausende von Quadratkilometern sind von Birkenwaldungen bedeckt, und es muß schon ein besonders ungünstiger Sommer gewesen sein, wenn diese Waldungen ihren Bewohnern nicht mehr hinlängliche Nahrung bieten. Der Birkenzeisig ist in demselben Grade an jene Waldungen gebunden wie der Kreuzschnabel an den Nadelwald. Er findet in ihnen zur Winterzeit Sämereien und in den Sommermonaten, während er brütet, Kerbtiere, namentlich Mücken, in größter Menge. Ich begegnete ihm in Nordwestsibirien selten, in Skandinavien, nördlich von Tromsö, dagegen recht häufig und zwar in kleinen Familien mit seinen vielleicht vor wenigen Tagen erst dem Neste entschlüpften Jungen, die er eifrig mit Kerbtieren fütterte. Aber es war nicht leicht, ihn zu beobachten, und es wurde mir unmöglich, die von meinem Vater sehnlichst gewünschten Nestjungen zu erbeuten; denn die Wälder waren dermaßen mit Mücken erfüllt, daß eine Jagd auf die harmlosen Vögel Beschwerden und Qualen im Gefolge hatte, von denen man bei uns zu Lande keine Ahnung gewinnen kann. Gerade da, wo ich die Birkenzeisige fand, war jeder Baum und jeder Busch von Mückenwolken umhüllt, und der Mensch, der sich in diese Wolken wagte, wurde augenblicklich von Hunderttausenden von Quälgeistern angefallen und so gepeinigt, daß er alle Jagdversuche sobald wie nur möglich wieder aufgab. So viel aber wurde mir klar, daß unser Vogel sich hier während des Sommers seine Nahrung mit spielender Leichtigkeit erwirbt, und daß es sonderbar kommen muß, wenn er auch im Winter nicht genug zu leben haben sollte. Mücken im Sommer für alt und jung, Birkensamen im Winter: mehr braucht unser Fink zum Leben nicht. Die eben geschilderten Umstände erklären, daß wir über das Sommerleben noch äußerst dürftig unterrichtet sind. Bald nach seiner Ankunft am Brutorte vereinzelt sich der sonst so gesellige Vogel mehr oder weniger, um zum Nisten zu schreiten. Im mittleren Skandinavien wählt er hoch gelegene Waldungen der Gebirge zur Brutstätte, im Norden siedelt er sich ebensowohl in der Höhe wie in der Tiefe an, vorausgesetzt, daß die Birke den vorherrschenden Bestand bildet. Das Nest steht meist niedrig über dem Boden auf einer der hier buschartigen Birken, kommt in der Bauart dem unseres Hänflings am nächsten, ist napfförmig und besteht aus feinen Zweiglein, die den Unterbau, Halmen, Moos, Flechten und Haaren, welche die Wandung, sowie endlich aus Federn, welche die innere Auskleidung bilden. Die 3—5, höchstens 6, etwa 17 mm langen, 14 mm dicken Eier, die man kaum vor Mitte Juni findet, sind auf lichtrünem Grunde düster rot und hellbraun gefleckt und gepunktet. Das Männchen singt, laut Collett, während der Brutzeit sehr eifrig und zwar meist im Fliegen, brütet wahrscheinlich abwechselnd mit dem Weibchen und trägt gemeinsam
mit diesem den Jungen als alleinige Atzung allerlei Kerbtiere zu. Erwähnenswert dürfte noch sein, daß der Vogel auch während der Brutzeit die ihm eigne Unstetigkeit insofern bethätigt, als er in manchen Jahren an einzelnen Brutorten ungemein zahlreich und dann meist auch gesellig, an anderen wiederum nur spärlich und einzeln auftritt. Inwiefern sich das Fortpflanzungsgeschäft der übrigen Arten von der vorstehend geschilderten unterscheidet, bleibt späteren Beobachtern zu erforschen übrig. Lübbert, der im Glatzer Gebirge und im Riesengebirge Leinfinken noch während des Sommers sah und von einem Pärchen Eier erhalten zu haben glaubte, kann nur den Bergleinfink meinen. Ihn dürfen wir wohl auch unter die deutschen Brutvögel zählen, seitdem wir erfuhren, daß Jocher Nester von ihm in den Salzburger Alpen fand. Im ebenen und hügeligen Deutschland erscheint der Leinfink zu Anfang November als Wintergast, manchmal in sehr großer Menge und nicht immer in solchen Jahren, die auch bei uns mit einem strengen Winter beginnen. Er vereinigt sich gewöhnlich mit dem Zeisige und streift mit diesem dann, den Gebirgen nachgehend, im Lande hin und her, nachts hohe, dicke Dornhecken zur Herberge erwählend. Wagner versichert, gesehen zu haben, daß aus einem seiner Flüge gegen Abend viele kopfunterst sich in den Schnee stürzten, um hier zu übernachten, und hat bei dieser Gelegenheit auch mehrere von ihnen aus dieser ihrer Nachtherberge hervorgezogen. Während seines Aufenthaltes in der Fremde ernährt sich der Leinfink zwar vorzugsweise von Birken- und Erlengesäme, sonst aber von fast allen übrigen kleinen ölhaltigen Sämereien, die er auch auf den Stoppelfeldern zusammenliest. Zumal in den ersten Wochen seines Aufenthaltes bei uns zeigt er sich als ein Geschöpf, das die Tücke des Menschen noch nicht kennen gelernt hat, erscheint ohne Scheu in den Dörfern und sucht sich in unmittelbarer Nähe des Menschen sein Futter, läßt sich auch durch das menschliche Getreibe nicht im geringsten stören. Erst wiederholte Verfolgung macht ihn vorsichtig; eigentlich scheu aber wird er nie. Im Juli 1885 zeigte sich eine Anzahl Leinfinken, junge sowohl als auch alte, bei Hiddensee. Man hat deshalb vielleicht anzunehmen, daß die Vögel in seltenen Fällen auch bei uns brüten. Der Birkenzeisig ist ein ebenso harmloser wie unruhiger, gewandter, munterer Gesell. Im Klettern geschickter als seine sämtlichen Verwandten, wetteifert er nicht bloß mit dem Kreuzschnabel, sondern auch mit dem beweglichen Volke der Meisen. Birken, deren fadenähnliche Zweige von einer Schar der niedlichen Vögel bedeckt sind, gewähren einen prächtigen Anblick. Hier hängt und klettert die ganze Gesellschaft in den verschiedensten Stellungen auf und nieder und klaubt sich aus den Samenzäpfchen eifrig Nahrung aus. Auch auf dem Boden hüpft der Vogel geschickt umher. Sein Flug ist schnell, wellenförmig, vor dem Aufsitzen schwebend. Bei dem Überfliegen baumloser Strecken streicht der Schwarm gern in ziemlich bedeutender Höhe dahin, wogegen er sich in baumreichen Gegenden selten mehr als nötig erhebt. Die Lockstimme ist ein wiederholt ausgestoßenes „Tschettschek“, das namentlich beim Auffliegen aus aller Kehlen ertönt; ihm wird häufig ein zärtliches „Main“ angehängt. Der Gesang besteht wesentlich aus diesen beiden Lauten, die durch Enungeordnetes Gezwitscher verbunden und durch einen trillernden Schluß beendet werd⸗ Wirklich liebenswürdig zeigt sich der Birkenzeisig gegen andere feiner Art und Verwandte. Eine Schar, die sich einmal zusammenfand, trennt sich nicht mehr und ruft den einzelnen, der nur wenig sich entfernte, ängstlich herbei. Er bekundet aber auch Anhänglichkeit an die Zeisige und mischt sich, in Ermangelung dieser passenden Genossen, unter Hänflinge und Feldsperlinge. Mit allen diesen Vögeln lebt er in tiefstem Frieden; Zank und Streit kennt er überhaupt nicht. Im Käfige geht das niedliche Vögelchen ohne alle Umstände ans Futter, wird auch in kürzester Zeit ungemein zahm, begnügt sich mit einfacher Nahrung, erfreut durch seine