Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Erste Ordnung: Baumvögel; zehnte Familie: Waldsänger. Würzelchen, auch wohl mit einzelnen Haaren ausgelegt wird, steht auf Schlägen, zwischen Gras und Heidekraut, auf Wiesen, in Erdvertiefungen ꝛc. und ist wie alle Piepernester außerordentlich schwer zu finden. Die Erbauer vermeiden es sorgfältig, es irgendwie zu verraten, treiben sich z. B., sobald sie sich beobachtet sehen, nie in seiner Nähe umher. Das Gelege enthält 4—6 etwa 22 mm lange, 15 mm dicke Eier, welche auf trübweißem Grunde über und über, am stumpfen Ende gewöhnlich dichter, mit matt rötlichbraunen Punkten, Strichelchen und kleinen Fleckchen bedeckt sind. Das Weibchen brütet allein, und das Männchen unterhält es inzwischen durch Flugkünste mancherlei Art und fleißiges Singen. Naht man sich langsam dem Neste, so läuft das brütende Weibchen ein ziemliches Stück weg, ehe es sich erhebt, läßt sich jedoch zuweilen auch überraschen und fliegt erst dann ab, wenn man schon unmittelbar vor dem Neste steht. Beide Eltern gebärden sich sehr ängstlich, wenn sie für ihre Brut Gefahr fürchten. Nur wenn die Eier geraubt werden, brütet das Paar zweimal im Jahre. Wenn alles gut geht, findet man Ende Mai die Eier und im Juli die flüggen Jungen.
Um in Nordwestafrika Herberge zu nehmen, durchwandert den Nordrand unseres Vaterlandes ein dem Brachpieper verwandter Vogel, der Sporenpieper (Anthus richardi, longipes, macronyx, Corydalla richardi und infuscata, Abbildung S. 251). Er ist der größte aller in Deutschland vorkommenden Pieper und an dem sehr langen, fast geraden Nagel der Hinterzehe leicht vom Brachpieper zu unterscheiden. Die Länge beträgt 20, die Breite 31, die Fittichlänge 10, die Schwanzlänge 8 cm. Die Oberteile sind dunkelbraun, alle Federn, die Mantel⸗ und Schulterfedern am breitesten, rostgelbbräunlich gerandet, Bürzel und obere Schwanzdecken einfarbig rostgelbbraun, Zügel, breiter Augen⸗ und Schläfenstrich rostgelblichweiß, die Ohrgegend und ein vom Mundwinkel herablaufender Bartstreifen braun gefleckt, Kropf und Halsseiten mit dunkeln Schaftflecken, die Schenkelseiten mit einzelnen schmalen, dunkeln Schaftstrichen gezeichnet, die Schwingen dunkel olivenbraun, die Handschwingen außen sehr schmal, die Armschwingen breit rostgelbbräunlich gerandet, ebenso die Decken der Armschwingen, die am Ende, wie die größten oberen Flügeldecken, weißliche Ränder tragen und dadurch zwei helle Querbinden über dem Flügel bilden, die Schwanzfedern dunkel olivenbraun, außen schmal rostfahl gesäumt, die äußerste Feder in der Wurzelhälfte der Innenfahne dunkel getrübt, die zweite Feder ebenso an der Spitze gefärbt. Der Augenring ist tiefbraun, der Oberschnabel hornbraun, der untere hellbraun, der Fuß fleischfarben. Junge Vögel unterscheiden sich durch die schärfer hervortretenden helleren Federränder der Oberseite und die ausgeprägtere Fleckung des Kropfes. Die Heimat des Sporenpiepers ist das Steppengebiet Ostasiens, einschließlich Nordchinas. Von hier aus wandert der Vogel allwinterlich nach Süden und erscheint dann in Südchina und in ganz Indien, namentlich aber im unteren Bengalen, woselbst er in unseren kalten Monaten außerordentlich häufig auftritt, auch massenhaft gefangen und unter dem Namen Ortolan auf dem Markte von Kalkutta verkauft wird. Derselbe Vogel wandert jedoch auch in westlicher Richtung und berührt hierbei vielleicht alljährlich alle zu Deutschland gehörigen Nordseeinseln, Dänemark, Südschweden, Großbritannien, Holland, Westfrankreich, Spanien, Portugal und Nordwestafrika, soll sogar in Holland zurückgeblieben sein und hier auf den Dünen gebrütet haben. Gätkes sorgfältige Beaufsichtigung der kleinen Insel Helgoland, einer vielbesuchten Herberge am Wege der Zugvögel, hat uns belehrt, daß die Reisen dieses Piepers viel regelmäßiger geschehen, als bisher angenommen wurde, daß wahrscheinlich alljährlich mehr oder weniger diese in den angegebenen Ländern Europas immerhin selten vermerkten Pieper dieselbe Zugstraße wandeln. Hieraus geht hervor, daß die Angabe über die in Holland brütenden Sporenpieper unzweifelhaft eine irrtümliche ist. Allerdings
hat man in Holland und Belgien junge Sporenpieper im Jugendkleide erlegt; junge Vögel aber ziehen nach Gätkes unvergleichlichen Erfahrungen regelmäßig früher als alte und legen die ungeheure Entfernung von Ostasien bis Westeuropa offenbar in wenigen Tagen zurück. Hinsichtlich der Lebensweise scheint sich der Sporenpieper wenig von seinen deutschen Verwandten zu unterscheiden. Nach Dybowskis Beobachtungen erscheint er in Ostsibirien Anfang Mai oder etwas später, bezieht weite wiesenähnliche Flächen der Steppe, Hochebenen von 1500 me Höhe ebenso häufig wie tiefere Lagen, tritt überhaupt da, wo er vorkommt, in erheblicher Anzahl auf, so daß er zu den gewöhnlichen Vögeln des Landes zählt. Das Nest steht meist in einer von dem weidenden Vieh ausgetretenen Vertiefung und enthält in der ersten Hälfte des Juni 4—6 stark glänzende Eier von 23 mm Länge und 17 mm Dicke, welche denen der Bachstelze entfernt ähnlich, auf blaß rosenrotem oder blaß olivenfarbigem Grunde mit einer Menge kleiner, verschieden gestaltiger und verschieden langer, mannigfach untereinander vermengter und durchkreuzter Striche gezeichnet sind. Während das Weibchen brütet, hält das Männchen in einiger Entfernung treue Wacht und warnt bei Gefahr, worauf hin das Weibchen zuerst laufend sich entfernt, dann sich erhebt und, gemeinschaftlich mit jenem fliegend, den Feind durch mißtöniges Geschrei abzuführen versucht. Haben beide ihn bis auf eine gewisse Entfernung begleitet, so kehren sie plötzlich wieder um; das Weibchen fliegt zum Boden herab und kehrt zu Fuße zu seinem Neste zurück, weshalb dieses auch nicht leicht gefunden wird. Dem scharfen Auge des Kuckucks entgeht es freilich nicht; denn gerade in ihm findet man sehr häufig Eier und Junge dieses Allerweltschmarotzers. In der letzten Hälfte des Juli brütet das Pärchen zum zweiten Male; sodann begibt sich alt und jung auf die Reise. Einer auf Helgoland vorgekommenen Art zuliebe mag auch die Unterfamilie der Waldsänger (Sylvicolinae) erwähnt sein. Alle Arten erreichen nur eine geringe Größe. Der Schnabel ist in der Regel ein sehr schlanker, seitlich etwas zusammengedrückter Kegel, in selteneren Fällen oben und unten ein wenig gebogen, der Ober- wie der Unterkiefer geradlinig und zahnlos, ersterer höchstens vor der Spitze seicht eingekerbt, das eiförmige Nasenloch seitlich gelegen, der mäßig hochläufige Fuß mit kurzen, kräftigen Zehen ausgerüstet und mit derben Nägeln bewehrt, der Flügel, dessen Handteil neun Schwingen trägt, höchstens mittellang, der Schwanz länger oder kürzer, in der Regel gerade abgeschnitten, seltener abgerundet, das Gefieder weich und buntfarbig. Die Waldsänger, von denen gegen 120 Arten bekannt sind, zählen zu den Amerika eignen Familien, verbreiten sich über den ganzen Norden des Erdteils, bewohnen auch Mittelamerika, dehnen ihren Wohnkreis jedoch nicht weit jenseit des Wendekreises aus. Gleichwohl bevölkern sie das südlich und das nördlich neuweltliche Gebiet in annähernd gleicher Artenzahl. Ihre Lebensweise entspricht im wesentlichen dem Thun und Treiben unserer Sänger.
Die auf Helgoland beobachtete Art der Unterfamilie ist der Grünwaldsänger (Sylvicola virens, Dendroica, Motacilla, Sylvia, Rhimanphus und Mniotilta virens), Vertreter der Baumwaldsänger (Sylvicola), welche die artenreichste Gattung der ganzen Familie bilden. Sein Schnabel ist spitz kegelförmig, auf dem Firste gerade, an der Spitze scharf gebogen, der hochläufige Fuß kurz, breit und mit stark gekrümmten Nägeln ausgerüstet, der Flügel lang und spitzig, unter seinen neun Handschwingen die zweite die längste,
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— der Schwanz leicht gerundet. Die Oberseite, ein Strich durchs Auge und die Ohrgegend sind olivengelbgrün, welche Färbung auf der Stirne deutlicher ins Gelbe spielt, ein breiter Zügel⸗, ein Augen- und ein Bartstreifen vom Mundwinkel abwärts nebst den Halsseiten hochgelb, Kinn, Kehle und Kropf, einen breiten Schild bildend, tiefschwarz, die übrigen Unterteile weiß, schwach gelblich angeflogen, die Seiten mit breiten schwarzen Längsstreifen geziert, Unterbauch und Aftergegend gelb, Schwingen und Schwanzfedern braunschwarz mit bleifarbenen, auf den Armschwingen sich verbreiternden Außensäumen, die Armschwingen und großen Oberflügeldecken am Ende weiß, wodurch zwei breite weiße Querbinden entstehen, die beiden äußersten Schwanzfedern weiß, an der Wurzel der Innenfahne und am Ende der Außenfahne schwarzbraun. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß hornbraun. Beim
Grünwaldsänger (Sylvicola virens). ½ natürl. Größe.
Weibchen und jungen Männchen sind die Federn an Kinn und Kehle am Ende weiß gesäumt, wodurch das Schwarz mehr oder weniger verdeckt wird. Die Länge beträgt 13, die Fittichlänge 7, die Schwanzlänge 6 em. Erst die neuzeitlichen Forschungen haben einigermaßen Aufschluß über Verbreitungs-⸗ kreis und Lebensweise des Grünwaldsängers ergeben. Der zierliche Vogel bewohnt den größten Teil der östlichen Vereinigten Staaten und wandert im Winter bis Mittelamerika und Westindien hinab. Seine Aufenthaltsorte sind ungefähr die unserer Grasmücken oder Laubsänger. Wie einzelne Arten jener und die meisten dieser Gattung siedelt er sich, aus seiner Winterherberge kommend, mit Vorliebe in höheren Baumkronen an, den stillen Wald wie den Garten oder die Pflanzungen in unmittelbarer Nähe bewohnter Gebäude bevölkernd. Erst spät im Jahre, kaum vor Mitte Mai, erscheint er in seinem Brutgebiete, verweilt dafür ziemlich lange im Lande und unternimmt, wenigstens im Norden seines Wohnkreises, mit Eintritt des Herbstes mehr oder minder ausgedehnte Wanderungen. Gelegentlich dieser letzteren, und zwar am 19. Oktober 1858, war es, daß er auf Helgoland erlegt wurde. Während seines Zuges gesellt er sich zu anderen seiner Art oder Verwandten; am Brutplatze
dagegen lebt er streng paarweise und vertreibt andere seinesgleichen eifersüchtig aus seiner Nähe. In seinem Wesen und Gebaren ähnelt er unseren Laubsängern. Unruhig, beweglich und gewandt schlüpft und hüpft er durch das Gezweige; nach Meisenart turnt und klettert er, und wie ein Laubsänger folgt er vorübersummenden Kerbtieren nach. Trotz alledem findet er noch immer Zeit, sein kleines Liedchen zum besten zu geben. Die amerikanischen Forscher bezeichnen ihn als einen guten Sänger und erwähnen, daß man ihn nicht allein zu jeder Tageszeit, sondern fast während des ganzen Sommers vernimmt. Seine Nahrung besteht aus allerlei Kerbtieren und deren Larven, während des Herbstes auch aus verschiedenen Beeren. Ein Nest, welches Nuttall am 8. Juni untersuchte, war auffallenderweise in einem niedrigen, verkrüppelten Wacholderbusche aus zarten Baststreifen des Busches und anderen Pflanzenfasern erbaut und mit weichen Federn ausgelegt; in der Regel aber findet man die Nester nur auf hohen Bäumen und dann auch meist aus anderen Stoffen zusammengesetzt. Verschiedene, welche der Sammler Welch untersuchte, standen auf Hochbäumen eines geschlossenen Forstes, waren klein, dicht und fest zusammengefügt und bestanden aus feinen Rindenstreifen, Blattteilen und Pflanzenstengeln, die, gut zusammen- und mit wenigen feinen Grashalmen verflochten, die Außenwandung bildeten, während die innere Mulde weich und warm mit seidiger Pflanzenwolle ausgekleidet zu sein pflegte. Die vier Eier, deren Längsdurchmesser etwa 20 und deren Querdurchmesser etwa 14 wm beträgt, sind auf weißem oder rötlichweißem Grunde mit bräunlichen und purpurbraunen Flecken und Tüpfeln ziemlich gleichmäßig, wie üblich aber am dickeren Ende am dichtesten gezeichnet. Als Nuttall sich dem von ihm gefundenen Neste näherte, blieb das brütende Weibchen bewegungslos in einer Stellung sitzen, daß man es für einen jungen Vogel hätte ansehen können, stürzte sich aber später auf den Boden herab und verschwand im Gebüsche. Das Männchen befand sich nicht in der Nähe des Nestes, trieb sich vielmehr in einer Entfernung von ungefähr einer englischen Viertelmeile von letzterem im Walde umher und ließ dabei seinen einfachen, gedehnten, etwas kläglichen Gesang ertönen, dessen Hauptstrophen von Nuttall mit „di di teritsidé“ wiedergegeben wird. Die Tangaren (Thraupinae) sind Vögel von der Größe unseres Sperlings und darüber, mit sehr verschiedenem, immer aber kegelförmigem, auf dem Firste sanft gebogenem Schnabel, kurzläufigen, schlankzehigen Füßen und mittellangem Flügel und Schwanze. Das Gefieder ist ziemlich derb, bunt une brennend gefärbt, meist blau, grün, rot mit Schwarz und Weiß gemischt, wenn auch diese Färbung in der Regel nur dem Männchen zukommt, während das Weibchen stets ein matteres, unscheinbareres Federkleid trägt. Mit Ausnahme von 4 Arten, die dem Norden angehören, leben alle Tangaren, etwa 300 Arten, in Südamerika, zählen daher zu den bezeichnenden Erscheinungen des südlich neuweltlichen Gebietes. Sie hausen vorzugsweise in Waldungen, einige Arten auf den höchsten Bäumen, andere in niederen Gebüschen. In unmittelbarer Nähe des Menschen siedeln sie sich selten an; wohl aber fallen sie oft verheerend in die Pflanzungen ein und werden dann sehr lästig. Im stillen Walde entzücken sie den Forscher; denn sie fallen schon von weitem durch ihr lebhaftes Gefieder auf und gereichen den hohen Bäumen zur herrlichen Zierde. Doch ist ihre Farbenpracht das einzige, das sie anziehend macht; denn im übrigen sind sie stille und langweilige Geschöpfe. Die Gabe des Gesanges ist ihnen fast gänzlich versagt; sie sind höchstens im stande, einige wenige kaum zusammenhängende Töne hervorzubringen. Nur einzelne sollen einen leisen Gesang haben. Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 17
—‚..—.„½ „.J.½ *— 258 Erste Ordnung: Baumpögel; zehnte Familie: Waldsänger. Die Nahrung ist verschiedener Art; doch scheinen Beeren oder weiche, saftige Zuckerund mehlhaltige Fleischfrüchte geringerer Größe das Hauptfutter zu bilden. Viele fressen nebenbei auch Kerbtiere, einzelne Gattungen schon ausschließlich trockene Sämereien. Wenige Arten nur werden in der Gefangenschaft gehalten, und keine einzige ist fähig, sich hier die Liebe des Menschen zu erwerben. * Zwei Arten der Tangaren im engeren Sinne (Thraupis) mögen zunächst als Vertreter dieser Unterfamilie erwählt sein.