All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
AskTalkView media
Reading progressPage 58 of 178

Die Wüstenläuferlerche (Alaemon desertorum und jessei, Alauda desertorum und bifasciata, Certhilauda desertorum, bifasciata, meridionalis, doriae und salvini, Abbildung S. 233) ist oberseits isabellrötlich, auf den hinteren Armschwingen zimtrötlich; Zügel, Augenstreifen, Kopfseiten und Unterteile sind weiß, die Kropfteile zart isabellfahl, mit feinen dunkeln Schaftstrichen geziert, die Handschwingen schwarz, die hintersten am Ende, die vorderen von der dritten an an der Wurzel, die Armschwingendecken am Ende weiß, die Armschwingen weiß, eine breite Querbinde bildend, die Schwanzfedern braunschwarz, außen und am Ende isabellrötlich gesäumt, die äußersten Federn außen ganz weiß, die beiden mittleren zimtrötlich, längs des Schaftes braun. Die Länge beträgt 22, die Fittichlänge 12, die Schwanzlänge 9 em. Das Verbreitungsgebiet der Wüstenläuferlerche, welche wiederholt auch in Südeuropa erlegt wurde, umfaßt ganz Nordostafrika und Westasien, Palästina, Persien und Sind. Sie ist in allen Wüsten Nordostafrikas nicht gerade selten; in der Steppe habe ich sie jedoch nie bemerkt. Besonders häufig habe ich sie zwischen Kairo und Sues beobachtet. Ich fand sie höchstens in kleinen Familien zu 4—6 Stück, niemals in Flügen, gewöhnlich in Paaren. Von diesen wohnt eines dicht neben dem anderen, und wie es scheint, besuchen sich die Nachbarn oft gegenseitig in aller Freundschaft. In ihrem Betragen erscheint die Wüstenläuferlerche wie ein Mittelglied zwischen ihren engeren Verwandten und den Rennvögeln. Sie läuft absatzweise, ungemein rasch, viel mehr strandläufer⸗ als lerchenartig, fast ganz wie der Wüstenrennvogel, fliegt leicht, viel schwebend und sehr oft schnurgerade, nicht langsam steigend wie andere Lerchen, sondern mit jähen Flügelschlägen rasch in die Höhe, schwebt einige Augenblicke lang auf einer und derselben Stelle und läßt sich plötzlich mit zusammengelegten Flügeln wieder zum Boden oder auch wohl auf einen Busch herabfallen, springt von diesem sodann auf den Boden nieder und läuft nun eilfertig weiter. Dieses Spiel wiederholt sie unter Umständen mehrmals kurz hintereinander. Ich glaube, daß das Männchen allein derartige Flugkünste ausführt; es schien mir, als wären sie ein Spiel zur Freude des Weibchens. Die Paare halten außerordentlich treu zusammen, rennen stets dicht nebeneinander dahin und erheben sich fast gleichzeitig. Der Wille des einen scheint dem anderen Gesetz zu sein. Vor dem Menschen scheut sich die Wüstenläuferlerche nicht im geringsten; den bewohnten Haltestellen der ostindischen Straße zwischen Kairo und Sues nähert sie sich mit der Zutraulichkeit der Haubenlerche: ich traf sie mehrmals im Inneren der weitläufigen Höfe dieser Gebäude an. Den Jäger läßt sie nahe an sich herankommen; Verfolgung aber macht sie bald außerordentlich scheu. Ihre Stimme ist ein traurig⸗klagendes Pfeifen, ihr Gesang eigentlich nichts anderes als eine mehr—⸗ fache Wiederholung des Lockrufes, an welche sich ein Triller reiht. Taczanowski hörte drei aufeinander folgende Töne der Tonleiter mit reiner und kräftiger Stimme pfeifen, sie dreimal wiederholen und das Ganze mit einem Triller endigen. Über das Brutgeschäft habe ich eigne Erfahrungen nicht gesammelt. Tristram beschreibt das Ei, nicht aber auch das Nest. Ersteres hat einen Längsdurchmesser von 25, einen Querdurchmesser von 18 mm und ähnelt dem gewisser Spielarten unseres Raubwürgers. Bemerkt mag noch sein, daß dieser Vogel, ebenso wie andere der Wüste angehörige, Wasser gänzlich entbehren zu können scheint, da man ihn oft viele Kilometer davon entfernt auf den verbranntesten Stellen der dürrsten Wüsten antrifft. Im Magen der von mir erlegten Läuferlerchen fand ich nur Kerbtiere; demungeachtet will ich nicht behaupten, daß der Vogel Sämereien verschmähe.

Den Mitgliedern der Familie der Waldsänger (Sylvicolidae) fehlt die erste Schwinge. Sie sondern sich in pieper-, grasmücken- und finkenartige Formen. Die Stelzen (Motacillinae) kennzeichnen sich durch äußerst schlank gebauten Leib, dünnen, geraden, gestreckt pfriemenförmigen, auf dem Firste kantigen, vor der Spitze des Oberkiefers mit seichtem Ausschnitte versehenen Schnabel, mittellange Flügel, in denen die dritte Schwinge die längste ist, die Armschwingen aber kaum kürzer als die Handschwingen sind, langen, schmalfederigen, ausnahmsweise gegabelten Schwanz, ziemlich hohe, schlankläufige und langzehige, mit großen, an der Hinterzehe oft sporenartig verlängerten Krallen bewehrte Füße und buntes, nach dem Geschlechte einigermaßen verschiedenes Gefieder. Die Stelzen im engeren Sinne (Motacilla), über ein Dutzend Arten, gehören ausschließlich der Alten Welt an, verbreiten sich hier aber über alle Gürtel der Breite und Höhe. Wasserreiche Gegenden sind ihre Wohnsitze. Einzelne Arten entfernen sich nur während ihrer Reise von dem Wasser, andere treiben sich, Nahrung suchend, auch auf trockenen Stellen umher, kehren aber immer wieder zum Wasser zurück. Die nordischen Arten sind Zugvögel, die südlichen Strichvögel, einzelne entschiedene Standvögel. Sie erscheinen im Norden frühzeitig im Jahre und verweilen hier bis in den Spätherbst, wandern jedoch weit nach Süden hinab. Ihre Bewegungen sind zierlich und anmutig. Sie gehen gewöhnlich schrittweise, bedachtsam, nicken bei jedem Schritte mit dem Kopfe und halten dabei den langen Schwanz wagerecht oder ein wenig erhoben, bewegen ihn aber, ihren wissenschaftlichen Namen bethätigend, beständig auf und nieder. Ihr rascher und geschickter Flug besteht aus großen Bogen, welche dadurch entstehen, daß sie ihre Flügel wechselseitig heftig bewegen und stark zusammenziehen. Ihre Stimme ist nicht gerade klangvoll, ihr Gesang einfach, aber ansprechend. Die Nahrung besteht aus allerhand Kerbtieren oder deren Larven und niederem Wassergetiere. Das Nest, ein schlechter Bau aus feinen Reischen, Würzelchen, Gras- und Strohhalmen, Moos, dürren Blättern und dergleichen, welcher im Inneren mit Wolle und ähnlichen weichen Stoffen ausgelegt wird, steht in Höhlen und Vertiefungen, regelmäßig nahe am Wasser; die Eier sind zartschalig und auf lichtem oder gräulichem Grunde fein gefleckt. Die meisten Stelzen wissen durch ihre Anmut und Zuthunlichkeit auch das roheste Gemüt für sich zu gewinnen, haben deshalb kaum Feinde unter den Menschen, wohl aber viele unter den Raubtieren und außerdem infolge ihres Aufenthaltes mancherlei Gefahren zu bestehen, vermehren sich jedoch stark und gleichen dadurch alle ihren Bestand treffenden Verluste glücklich wieder aus. Im Käfige hält man sie selten; wer sie aber zu Zimmergenossen erhebt, wird durch ihre Anmut und Zierlichkeit in hohem Grade gefesselt. Gewissermaßen das Urbild der Gattung ist die Bachstelze, Weiß-, Grau-, Blau-, Haus⸗, Stein- oder Wasserstelze, Wege-‚ Wasser-‚ Quäk- und Wippsterz, Bebe⸗, Wedel- und Wippschwanz, Klosterfräulein oder Nonne, Ackermännchen ꝛc. (Motacilla alba, cinerea, cervicalis, septentrionalis, brachyrhynchos, fasciata, gularis und dukhunensis). Ihre Oberteile sind grau, Hinterhals und Nacken samtschwarz, Kehle, Gurgel und Oberbrust schwarz, Stirn, Zügel, Backen, Halsseiten und die Unterteile weiß, die Schwingen schwärzlich, weißgrau gesäumt, wegen der weiß zugespitzten Deckfedern zweimal licht gebändert, die mittelsten Steuerfedern schwarz, die übrigen weiß. Das Weibchen ähnelt dem Männchen; doch ist sein schwarzer Kehlflecken gewöhnlich nicht so groß. Das Herbstkleid beider Geschlechter unterscheidet sich von der Frühlingstracht hauptsächlich durch die weiße

Kehle, welche mit einem hufeisenförmigen, schwarzen Bande eingefaßt ist. Die Jungen sind auf der Oberseite schmutzig aschgrau, auf der Unterseite, mit Ausnahme des dunkeln Kehlbandes, grau oder schmutzig weiß. Das Auge ist dunkelbraun, Schnabel und Füße sind schwarz. Die Länge beträgt 20, die Breite 28, die Fittichlänge 8,5, die Schwanzlänge 9,s em. In Großbritannien tritt neben der Bachstelze eine Verwandte auf, welche man bald als Art, bald als Unterart anspricht. Sie, die Trauerstelze (Motacilla lugubris, yarellii und algira), unterscheidet sich bloß dadurch, daß im Frühlingskleide auch Mantel, Bürzel und Schultern schwarz sind. Wir betrachten sie als Unterart. Die Stelze bewohnt ganz Europa, auch Island, West- und Mittelasien sowie Grönland, und wandert im Winter bis ins Innere Afrikas, obwohl sie einzeln schon in Südeuropa, Stelzen: Allgemeines. Bachstelze. 237

Bachstelze (Motacilla alba). ⅛ natürl. Größe.

sogar in Deutschland, Herberge nimmt. Bei uns zu Lande erscheint sie bereits zu Anfang des März, bei günstiger Witterung oft schon in den letzten Tagen des Februar und verläßt uns erst im Oktober, zuweilen noch später wieder. Sie meidet den Hochwald und das Gebirge über der Holzgrenze, haust sonst aber buchstäblich allerorten, befreundet sich mit dem Menschen, siedelt sich gern in der Nähe seiner Wohnung an, nimmt mit Urbarmachung des Bodens an Menge zu, bequemt sich allen Verhältnissen an und ist daher auch in großen Städten eine regelmäßige Erscheinung. Beweglich, unruhig und munter im höchsten Grade, ist sie vom frühen Morgen bis zum späten Abend ununterbrochen in Thätigkeit. Nur wenn sie singt, sitzt sie wirklich unbeweglich, aufgerichtet und den Schwanz hängend, auf einer und derselben Stelle; sonst läuft sie beständig hin und her, und wenn nicht, bewegt sie wenigstens den Schwanz. Sie geht rasch und geschickt, schrittweise, hält dabei den Leib und den Schwanz wagerecht und zieht den Hals etwas ein, fliegt leicht und schnell, in langen, steigenden und fallenden Bogen, welche zusammengesetzt eine weite Schlangenlinie bilden, meist niedrig und in kurzen Strecken über dem Wasser oder dem Boden, oft aber auch in einem Zuge weit dahin, stürzt sich, wenn

sie sich niedersetzen will, jählings herunter und breitet erst kurz über dem Boden den Schwanz aus, um die Wucht des Falles zu mildern. Ihr Lockton ist ein deutliches „Ziwih“, das zuweilen in „Zisis“ oder „Ziuwis“ verlängert wird, der Laut der Zärtlichkeit ein leises „Quiriri“, der Gesang, der im Sitzen, im Laufen oder Fliegen vorgetragen und sehr oft wiederholt wird, zwar einfach, aber doch nicht unangenehm. Sie liebt die Gesellschaft ihresgleichen, aber auch mit ihren Gesellschaftern sich zu necken, spielend umherzujagen und selbst ernster zu raufen. Anderen Vögeln gegenüber zeigt sie wenig Zuneigung, eher Feindseligkeit, bindet oft mit Finken, Ammern und Lerchen an und befehdet Raubvögel. „Wenn die Stelzen einen solchen erblicken“, sagt mein Vater, „verfolgen sie ihn lange mit starkem Geschreie, warnen dadurch alle anderen Vögel und nötigen auf solche Weise manchen Sperber, von seiner Jagd abzustehen. Ich habe hierbei oft ihren Mut und ihre Gewandtheit bewundert und bin fest überzeugt, daß ihnen nur die schnellsten Edelfalken etwas anhaben können. Wenn ein Schwarm dieser Vögel einen Raubvogel in die Flucht geschlagen hat, dann ertönt ein lautes Freudengeschrei, und mit diesem zerstreuen sie sich wieder. Auch gegen den Uhu sind sie feindselig; sie fliegen auf der Krähenhütte um ihn herum und schreien stark; doch zerstreuen sie sich bald, weil der Uhu nicht auffliegt.“ Kerbtiere aller Art, deren Larven und Puppen sucht die Bachstelze an den Ufern der Gewässer, vom Schlamme, von Steinen, Miststätten, Hausdächern und anderen Plätzen ab, stürzt sich blitzschnell auf die erspähte Beute und ergreift sie mit unfehlbarer Sicherheit. Dem Ackermanne folgt sie und liest hinter ihm die zu Tage gebrachten Kerfe auf; bei den Viehherden stellt sie sich regelmäßig ein, bei Schafhürden verweilt sie oft tagelang. „Wenn sie an Bächen oder sonstwo auf der Erde herumläuft, richtet sie ihre Augen nach allen Seiten. Kommt ein Kerbtier vorbeigestrichen, dann fliegt sie sogleich in die Höhe, verfolgt es und schnappt es fast immer weg.“ Vald nach Ankunft im Frühjahre erwählt sich jedes Paar sein Gebiet, niemals ohne Kampf und Streit mit anderen derselben Art; denn jedes unbeweibte Männchen sucht dem gepaarten die Gattin abspenstig zu machen. Beide Nebenbuhler fliegen mit starkem Geschreie hintereinander her, fassen zeitweilig festen Fuß auf dem Boden, stellen sich kampfgerüstet einander gegenüber und fahren nun wie erboste Hähne ingrimmig aufeinander los. Einer der Zweikämpfer muß weichen; dann sucht der Sieger seine Freude über den Besitz „des neu erkämpften Weibes“ an den Tag zu legen. In ungemein zierlicher und anmutiger Weise umgeht er das Weibchen, breitet abwechselnd die Flügel und den Schwanz und bewegt erstere wiederholt in eigentümlich zitternder Weise. Auf dieses Liebesspiel folgt regelmäßig die Paarung. Das Nest steht an den allerverschiedensten Plätzen: in Felsritzen, Mauerspalten, Erdlöchern, unter Baumgewürzel, auf Dachbalken, in Hausgiebeln, Holzklaftern, Reisighaufen, Baumhöhlungen, auf Weidenköpfen, sogar in Booten ꝛc. Grobe Würzelchen, Reiser, Grasstengel, dürre Blätter, Moos, Holzstückchen, Grasstöcke, Strohhalme ꝛc. bilden den Unterbau, zartere Halme, lange Grasblätter und feine Würzelchen die zweite Lage, Wollklümpchen, Kälber- und Pferdehaare, allerlei Pflanzenfasern, Fichtenflechten und andere weiche Stoffe die innere Ausfütterung. Das Gelege der ersten Brut besteht aus 6—8, das der zweiten aus 4—6 Eiern, welche 19 mam lang, 15 mm dick und auf grau- oder bläulichweißem Grunde mit dunkel- oder hellaschgrauen, deutlichen oder verwaschenen Punkten und Strichelchen dicht, aber fein gezeichnet sind. Das Weibchen brütet allein; beide Eltern aber nehmen an der Erziehung der Jungen teil, verlassen sie nie und reisen sogar mit Fahrzeugen, auf denen sie ihr Nest erbauten, weit durch das Land oder hin und her. Das erste Gelege ist im April, das zweite im Juni vollzählig. Die Jungen wachsen rasch heran und werden dann von den Eltern verlassen; die der ersten Brut vereinigen sich jedoch später mit ihren nachgeborenen Geschwistern und den Alten zu Gesellschaften, die nunmehr bis zur Abreise

Continue reading
Page 58 of 178