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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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Unsere liebliche Heidelerche, Baum-, Busch-, Wald-, Holz-, Dull- und Lulllerche, Wald- oder Heidenachtigall (Galerita arborea, nemorosa und musica, Alauda arborea, nemorosa, cristatella und anthirostris, Lullula und Chorys arborea, Abbildung S. 218), ist die kleinste in Deutschland brütende Art ihrer Familie. Ihre Länge beträgt 15,3 — 15,8, ihre Breite durchschnittlich 29, ihre Fittichlänge 9, ihre Schwanzlänge 54 em. Oberteil und Flügel sind fahl rostbraun, die Bürzelfedern mehr graubraun,

Oberkopf, Mantel und Schultern mit breiten schwarzbraunen Schaftflecken, die rostweißlichen, seitlich bräunlichen Unterteile auf Kropf und Brust mit schmalen, scharfen, auf den Leibesseiten mit undeutlichen Schaftstrichen, die Kehlfedern mit dunkeln Punktflecken geziert, Zügel und Schläfenstrich rostweißlich, die Schwingen braunschwarz, die der Hand mit schmalen, fahl rostfarbenen, die des Armes mit breiteren roströtlichen Außensäumen, die Handschwingdecken außen vor dem rostweißen Ende mit dunkelbraunen Flecken gezeichnet, die mittleren beiden Schwanzfedern braun, breit rostbraun gerandet, die übrigen schwarz mit weißer Spitze, welche Färbung auf der äußersten ins Blaßbräunliche übergeht und sich verbreitert. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel hornbraun, unterseits rot, der Fuß lichter hornbraun. Ganz Europa vom mittleren Schweden an und Westasien beherbergen diesen liebenswürdigen Vogel. Aber er beschränkt seinen Aufenthalt mehr als andere Lerchen; denn er gehört den ödesten Heide- und Waldgegenden an. In Turkmenien beobachtete ihn Alfred Walter Mitte März auf dem Zuge, fand aber nachmals nur wenige Paare brütend. „Ungleich häufiger“, fährt Walter fort, „brüten die Baumlerchen hoch oben im Kopet-dagh, wo ich sie auf der Hochfläche von Guljuli und S'ebir in den lichten Wacholderbeständen der alpinen Wiesen Ende Mai 1887 antraf.“ „In den fruchtbaren Feldern weiter Ebenen“, sagt mein Vater, „in den üppigen Laubgehölzen oder in den hochstämmigen Nadelwäldern sucht man die Heidelerche vergebens. Lehden, grasarme Schläge und Bergebenen bis hoch hinauf, wo wenig andere Vögel hausen, sind ihre Wohnplätze. Nach der Brutzeit kommt sie mit ihren Jungen auf die gemähten Wiesen, und auf dem Zuge besucht sie die Brach- und Stoppelfelder der ebenen Gegenden; denn sie macht auf der Wanderung kleine Tagereisen, weil sie Zeit haben muß, die ihr spärlich zugemessene, in kleinen Käfern und winzigen Sämereien bestehende Nahrung aufzusuchen. Sobald der Schnee auf den Bergen geschmolzen ist, in der letzten Hälfte des Februar, kehrt sie von ihrer Wanderung, welche gewöhnlich schon in Südeuropa endet, aber auch bis Afrika sich erstreckt, zurück in unser Vaterland und nimmt ihren alten Wohnplatz wieder ein. Ich habe sie mehrmals im März vormittags über unseren beschneiten Bergen fröhlich singen hören und stets gefunden, daß der Schnee in den Mittagsstunden wegtauete. „In ihrem Betragen ist sie ein allerliebstes Tierchen, rasch und gewandt in ihren Bewegungen; da, wo sie geschont wird, zahm und zutraulich, wo sie Verfolgung erfährt oder auch nur fürchtet, vorsichtig und scheu. Sie läuft hurtig mit kleinen Schritten, etwas emporgerichteter Brust und kleiner Holle und nimmt sich dabei sehr gut aus. Kommt ein Sperber oder Baumfalk in ihre Nähe, so drückt sie sich, d. h. legt sich platt auf den Boden und gewöhnlich so geschickt in eine kleine Vertiefung, daß sie äußerst schwer zu sehen ist und gewöhnlich der ihr drohenden Gefahr entgeht. Sie setzt sich aber nicht nur, wie ihre Verwandten, fast immer auf den Boden, sondern auch auf die Wipfel und frei stehenden AÄste der Bäume: daher ihr Name „Baumlerche‘“. Im Frühjahre lebt sie paarweise; weil es aber mehr Männchen als Weibchen gibt, so fehlt es nicht an heftigen Kämpfen, in denen der Eindringling gewöhnlich in die Flucht geschlagen wird. Bei der Paarung zeigt das Männchen seine ganze Liebenswürdigkeit. Es läuft nahe um sein Weibchen herum, hebt den ausgebreiteten Schwanz etwas in die Höhe, richtet die Holle hoch empor und macht allerliebste Verbeugungen, um ihm seine Ergebung und Zärtlichkeit zu bezeigen. „Ihr zierliches Nest findet man nach der Beschaffenheit der Frühlingswitterung früher oder später, zuweilen schon in den letzten Tagen des März, unter einem Fichten- oder Wacholderbusche oder im Grase. Es ist in einer gescharrten, von Zweigen nicht überdeckten Vertiefung aus zarten, dürren Grashalmen und Grasblättern gebaut, tiefer als eine Halbkugel und inwendig sehr glatt und schön ausgelegt. Das Gelege zählt 4—5, selten 3 Eier, welche 20 mm lang, 15 mm dick, weißlich, mit grau- und hellbraunen Punkten und Fleckchen

dicht bestreut sind, und wird durch das vom Männchen mit Nahrung versorgte Weibchen allein, aber mit größter Hingebung ausgebrütet. Nach der ersten Brut führen beide Eltern ihre Jungen nur kurze Zeit; denn sie machen bald zu einer zweiten Brut Anstalt. Nach dieser vereinigen sie sich mit allen ihren Kindern in eine kleine Gesellschaft und wandern entweder familienweise oder in Flügen, welche aus zwei oder mehreren Familien bestehen, die sich zusammengefunden haben. Sie verlassen uns Ende Oktober oder Anfang November. „Das herrlichste an der Heidelerche ist ihr vortrefflicher Gesang. Man ist auf einer Fußreise begriffen und befindet sich in einer öden Gegend, in welcher vielleicht nicht einmal eine Aussicht in eine schöne Ferne für den Anblick der ärmlichen Pflanzenwelt entschädigen kann. Alles Tierleben scheint gänzlich erstorben. Da erhebt sich die liebliche Heidelerche, läßt zuerst ihren sanften Lockton „lullu“ hören, steigt in die Höhe und schwebt laut flötend und trillernd halbe Stunden lang unter den Wolken umher oder setzt sich auf einen Baum, um dort ihr angenehmes Lied zu Ende zu führen. Noch lieblicher aber klingt dieser Gesang des Nachts. Wenn ich in den stillen Mitternachtsstunden ihren ärmlichen Wohnplatz durchschritt, in weiter Ferne eine Ohreule heulen oder einen Ziegenmelker schnurren oder einen nahe vorüberfliegenden Käfer schwirren hörte und mich so recht einsam in der öden Gegend fühlte, war ich jederzeit hoch erfreut, wenn eine Heidelerche emporstieg und ihren schönen Triller erschallen ließ. Ich blieb lange stehen und lauschte auf diese gleichsam vom Himmel kommenden Töne. Gestärkt setzte ich dann meinen Wanderstab weiter. Ich weiß recht gut, daß die Heidelerche zu singen anfing, weil ein innerer Drang sie dazu trieb und sie ihr Weibchen durch ihren Gesang unterhalten und erfreuen wollte; allein es schien mir, als sei sie emporgestiegen, um mir, ihrem alten Freunde, ihre Aufmerksamkeit zu beweisen und ihm die Einsamkeit zu versüßen.“ Die Heidelerche kann sich hinsichtlich ihres Gesanges mit der Nachtigall nicht messen, und dennoch ersetzt sie diese. Das Lied der Nachtigall erklingt nur während zweier Monate: die Heidelerche aber singt vom März bis zum August und nach der Mauser noch in der letzten Hälfte des September und in der ersten des Oktober, und sie singt in den öden, armen Gegenden, im Gebirge, wo außer ihr nur wenige andere gute Sänger wohnen, da, wo sie lebt, kaum ein einziger! Sie ist der Liebling aller Gebirgsbewohner, der Stolz der Stubenvögelliebhaber, die Freude des während der ganzen Woche an die Stube gefesselten, in ihr gefangen gehaltenen Handwerkers; sie verdient reichlich alle Liebe, welche ihr wird, allen Ruhm, welcher sie umstrahlt. Leider nimmt sie nicht an Zahl zu wie Feld- und Haubenlerche, vielmehr in beklagenswerter Weise ab, ohne daß man dafür einen stichhaltigen Grund anzugeben wüßte. Die Wüste hat ebenfalls ihre Lerchen, diese aber sind ebenso gefärbt wie der Sand selber. Die Gattung der Sandlerchen (Ammomanes) kennzeichnet sich durch mittelgroßen, aber starken Schnabel, kurzzehige, am Daumen mit kurzem, geradem Nagel bewehrte Füße, lange, spitzige und breite Flügel, verhältnismäßig großen, in der Mitte mehr oder minder ausgerandeten Schwanz und ein sand- oder isabellfarbiges Gefieder.

Die Wüstenlerche (Ammomanes deserti und isabellina, Alauda deserti und isabellina, Melanocorypha deserti, isabellina, arabs, galeritata, lusitanica, Oalandrella deserti, Mirafra deéserti und phoenicuroides) ist oberseits gräulich zimtbräunlich, auf dem Bürzel roströtlich, unterseits isabellweißlich, in der Ohrgegend, auf Kropf, Seiten, Unterschwanz- und Unterflügeldecken zart isabellrötlich, auf dem Kropfe undeutlich dunkel längsgestrichelt; die Schwingen und Schwanzfedern sind olivenbraun, erstere außen zimtroströtlich, die beiden äußersten Schwanzfedern außen bis gegen die Spitze hin rostisabell.

Das Auge ist braun, der Schnabel hornbräunlich, der Fuß dunkelbraun. Die Länge beträgt 160, die Breite 230, die Fittichlänge 95, die Schwanzlänge 65 mm. Das Verbreitungsgebiet der Wüstenlerche umfaßt den größten Teil Nord- und Nordostafrikas, Westasien und Mittelindien; als Besuchsvogel erscheint sie zuweilen, immer aber sehr selten in Südeuropa, wird von Erhard jedoch unter den Sommervögeln der Kykladen aufgezählt. Hier und da in Nordafrika und auf den Inseln des Grünen Vorgebirges wird sie durch die einmal auf Malta erlegte, nahe verwandte, aber etwas kleinere, oberseits zimtrötliche,

Wüstenlerche (Ammomanes deserti) und Wüstenläuferlerche (Alaemon desertorum). ½ natürl. Größe.

unterseits isabellweiße, an den blaßbräunlichen Spitzen der zimtrötlichen Schwingen und den braunschwarzen Endflecken der den Schwingen gleichgefärbten Schwanzfedern leicht kenntliche Sandlerche (AEmmomanes cinctura, pallida, elegans, regulus und arenicolor, Melanocorypha cinctura, Alauda arenicolor und elegans) vertreten. Ich habe beide, zumal die Wüstenlerche, während meines Aufenthaltes in Afrika, in ganz Agypten und Nubien überall in der Wüste angetroffen, letztere selbst inmitten der „Hammadas“ oder ausgedehnten Kiesstrecken gefunden. Sie meidet das bebaute Land und findet sich erst da, wo der dürre Sand der belebenden Kraft des Wassers zu spotten scheint. Im Sande verschwindet sie dem Auge ihrer Feinde, im Sande findet sie ihre Nahrung; der Wüste gehört sie vollständig und ausschließlich an. Ihren Ruf vernimmt man schon in Oberägypten, sobald man den Fuß über den letzten Damm setzt, der die dem Strome enthobenen fruchtbaren Fluten vor dem nach ihnen verlangenden Sande schützt; sie ist es,

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welcher man zwischen den großartigen Zeichen vergangener Zeiten des Pharaonenlandes begegnet; sie ist es, welche in den hehren Räumen der Tempel wie ein aus alter Zeit zurückgelassener, verwandelter Priester der Isis waltet; sie ist es aber auch, welche im Zelte des braunen Nomaden förmlich als Hausvogel auftritt. Sie ist ein liebenswürdiges, aber ein stilles, ernstes Tierchen. Der Lauf ist äußerst rasch, der Flug behende und gewandt, obwohl etwas flatternd. Der gewöhnliche Lockruf hat etwas so Schwermütiges, daß man über diesem Eindrucke fast den ihm eignen Wohllaut vergißt. Sie tritt, wo sie vorkommt, häufig auf, lebt gewöhnlich paarweise, mit anderen ihrer Art friedlich zusammen, seltener zu Flügen geschart. Einige hundert Geviertmeter Sandfläche, ein paar Steine darauf und ein wenig dürftiges Riedgras zwischen ihnen genügen ihr, und vergeblich fragt man sich, wie solcher, dem menschlichen Auge vollkommen tot erscheinender Wohnsitz dem Vogel Heimat sein, wie er ihn ernähren könne. Und doch muß dies der Fall sein, denn jedes Paar hängt treu an dem einmal erwählten Wohnorte. Wenn man diesen mehrere Tage nacheinander besucht, wird man diese Lerche fast immer an derselben Stelle, ja auf demselben Steine finden. In den ersten Monaten des Jahres schreitet die Wüstenlerche zur Fortpflanzung. Ihr Nest steht entweder wohlverborgen unter einem überhängenden Steine, in einer Vertiefung oder in einem Grasbusche, ist recht zierlich gebaut und enthält im Frühlinge 3—4, 22 mm laͤnge, 16 mm dicke Eier, welche auf gelblichem Grunde, zumal gegen das dicke Ende hin, braun und rot gefleckt sind. Das Männchen bekundet seine Liebe durch einen leisen, hübschen, jedoch ziemlich armen Gesang, aus welchem der erwähnte schwermütige Lockton am öftesten widertönt. Nach dem Singen umgeht es sein Weibchen mit etwas von dem Körper abgehaltenen Flügeln; dann fliegen beide zusammen gewöhnlich auf den höchsten Punkt ihres Wohnortes, z. B. auf einen der Steine, und das Männchen beginnt von neuem zu singen. Die Wüstenlerche scheut den Menschen nicht. Mit innigem Vergnügen bin ich ganz nahe an sie herangegangen, und mit wahrem Entzücken habe ich gesehen, wie sie vertrauensvoll in das Zelt eines Wanderhirten kam, welcher an einem Brunnen der Bajuda zeitweilig sich aufhielt. Dem Araber fällt es nicht ein, dem traulichen Vogel feindselig entgegenzutreten, und auch der Europäer gewinnt ihn bald so lieb, daß er sich förmlich scheut, ihn zu erlegen. Von dem uns geläufigen Gepräge weichen die Stelzenlerchen (Klaemoy) wesentlich ab. Sie kennzeichnen der schlanke Leibesbau, der lange, verhältnismäßig dünne, mehr oder weniger stark gebogene Schnabel, der hochläufige Fuß mit mittellangen Zehen, deren hinterste einen ziemlich kurzen, sanft gebogenen Sporn trägt, die sehr langen und breiten Flügel, unter deren Schwingen die dritte, vierte und fünfte die längsten sind, der mäßig oder ziemlich lange Schwanz und das reiche, glatt anliegende Gefieder. Als Verbindungsglied mit den Feldlerchen darf vielleicht die unserer Haubenlerche ungefähr gleich große, verhältnismäßig kurzschnabelige Bogenschnabellerche (Alaemon dupontii, Alauda dupontii und ferruginea, Certhilauda dupontii) gelten, welche in der Sahara lebt und zufällig in Südfrankreich vorgekommen ist. Die Federn der Oberteile sind erdbraun, außen rostfahlweißlich gesäumt und dunkel geschaftet, Zügel und ein undeutlicher Augenstreifen, Kopf- und Halsseiten und Unterteile weißlich, Kehle, Kropf und Halsseiten mit braunen, weiter unten sich verbreiternden Schaftstrichen gezeichnet, Schwingen und Schwanzfedern braunschwarz, erstere außen, die Schwanzdeckfedern auch am Ende rostfahlweißlich, die beiden mittleren Schwanzfedern breit rostbräunlich, die äußersten weiß, breit braun gerandet, die zweiten jederseits nur an der Außenfahne weiß.

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