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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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— — K Feldlerche: Verbreitung. Wesen. Stimme. 217 Allerlei Raubtiere, Säugetiere, Vögel und Kriechtiere, nicht minder auch die Menschen, treten den Lerchen feindlich gegenüber; sie aber vermehren sich so stark, daß alle ihren Bestand treffenden Verluste sich ausgleichen, nehmen auch mit der gesteinerten Bodenwirtschaft stetig zu. Die Feldlerche, Brach-, Korn-, Saat-, Tag⸗, Sing- und Himmelslerche (Alauda arvensis, vulgaris, segetum, agrestis, italica, callipeta, montana, cantarella, triborhynchus, dulcivox, crassirostris, bugiensis, albigularis, tenuirostris, minor, pekinensis und intermedia) kennzeichnet sich durch verhältnismäßig schlanken Leibesbau, schwach kegelförmigen, ziemlich kurzen Schnabel, mittellange, spitzige Flügel, in denen die dritte Schwinge die längste ist, einen mittellangen, ausgeschnittenen Schwanz und zarte Füße mit ziemlich kurzen Zehen. Die Länge beträgt 18, die Breite 32, die Fittichlänge 10, die Schwanzlänge 7 em. Die Federn der Oberteile sind erdbraun, seitlich fahlbraun gesäumt und dunkler schwarzbraun geschaftet, Zügel, Augenstreifen und Kinn fahlweiß, Backen und Ohrengegend rostbräunlich, dunkel gestrichelt, Kehle, Kopf, Oberbrust und Seiten ebenso, die Schaftstriche jedoch breiter, die übrigen Unterteile fahlweiß, die Schwingen schwarzbraun, die erste mit weißem, die übrigen mit schmalem rostfahlen Außensaume, welcher an den hinteren Armschwingen und deren Deckfedern sich verbreitert und auch am Ende einen rostbräunlichen Rand bildet, infolgedessen zwei hellere Querbinden entstehen, die hinteren Arm⸗ und vorderen Handschwingen am Ende weißlich, die unteren Flügeldecken schwarzbraun, die Schwanzfedern braunschwarz, außen fahlbraun gesäumt, die äußersten Federn aber weiß mit breitem schwarzen Innenrande, welcher auf der zweiten Feder jederseits innen bis zum Schafte reicht. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel hornbraun, der Fuß gelbbräunlich. Ganz Europa und Mittelasien, ersteres vom nördlichen Norwegen und Nordrußland, letzteres von der südlichen Waldgrenze an bis zu den Randgebirgen, sind die Heimat der Feldlerche, die im Winter bis Nordafrika und Südindien wandert; in Turkmenien beobachtete sie Alfred Walter nur im Februar und März wandernd. Uns gilt die Feldlerche als Frühlingsbote; denn sie erscheint zur Zeit der Schneeschmelze, bisweilen schon im Anfange des Februar, hat zu Ende dieses Monates meist bereits ihre Wohnplätze eingenommen, verweilt auf ihnen während des ganzen Sommers und tritt erst im Spätherbste ihre Winterreise an, die sie bis Südeuropa, höchstens bis nach Nordafrika führt. Sie ist ein unsteter Vogel, der selten lange an einem und demselben Orte verweilt, vielmehr beständig hin- und herläuft, hin- und wiederfliegt, sich mit anderen seiner Art streitet und zankt und dazwischen lockt und singt. Sie geht gut, bei langsamem Gange nickend, bei raschem Laufe fast wie ein Strandläufer, fliegt ausgezeichnet, je nach dem Zwecke, welchen sie zu erfüllen trachtet, sehr verschiedenartig, bei eiligem Fluge mit bald angezogenen, bald wieder schwirrend bewegten Schwingen in weiten Bogenlinien dahin, im Singen endlich in der allbekannten langsamen, oft schwebenden Weise mit gleichmäßigen Flügelschlägen, welche sie höher und höher heben. Auf dem Boden zeigt sie sich gern frei, stellt sich deshalb auf Erdschollen, kleine Hügelchen oder Steine, zuweilen auch auf die Spitzen eines Strauches, Baumes oder Pfahles, und behauptet solche Lieblingsplätze mit zäher Beharrlichkeit. Der Lockton ist ein angenehmes „Gerr“ oder „Gerrel“, dem ein hellpfeifendes „Trit“ oder „Tie“ zugefügt wird. Bei dem Neste vernimmt man ein helles „Titri“, im Arger ein schnarrendes „Scherrerererr“. Ihren allbekannten Gesang, welcher Feld und Wiese der Ebene und des Hügellandes, selbst nicht allzu nasse Sümpfe, in herzerhebender Weise belebt, beginnt die Lerche unmittelbar nach ihrer Ankunft und setzt ihn so lange fort, wie sie brütet. Vom

frühesten Morgengrauen an bis zur Abenddämmerung singt sie, ein um das andere Mal vom Boden sich erhebend, mit fast zitterndem Flattern allmählich höher und höher aufsteigend, dem Auge zuweilen beinahe verschwindend, ohne Unterbrechung, ausdauernder als jeder andere Vogel, beschreibt dabei weite Schraubenlinien, kehrt allmählich zur Aufgangsstelle zurück, senkt sich mehr und mehr, stürzt mit angezogenen Flügeln wie ein fallender Stein in die Tiefe, breitet hart vor dem Boden die Schwingen und läßt sich wiederum in der Nähe ihres Nestes nieder. Der Gesang besteht zwar nur aus wenigen hellen, reinen, starken Tönen, aber unendlich vielen Strophen, die bald trillernd und wirbelnd, bald hell pfeifend erklingen, von den verschiedenen Sängern aber in mannigfach abändernder Weise vorgetragen, von einzelnen Meistern auch durch nachgeahmte Teile aus anderen Vogelliedern wesentlich bereichert werden. Selbst die Weibchen zwitschern, und schon die jungen, erst vor wenigen Wochen dem Neste entflogenen Männchen erproben ihre Kehle. Jung aus dem Neste genommene Lerchen lernen oft den Gesang anderer Vögel vollkommen wiedergeben; Haacke kannte eine, die den Schlag eines Buchfinken im benachbarten Garten täuschend nachahmte.

Mit anderen ihrer Art lebt die Feldlerche nur während der Zugzeit und in der Win⸗— terherberge im Frieden. Solange die Liebe in ihm mächtig ist, streitet das Männchen eines Paares mit jedem anderen, dessen es ansichtig wird, oft sehr hartnäckig. Beide Streiter packen und zausen sich; gar nicht selten aber schlägt sich noch ein drittes Männchen ins Spiel, und dann wirbeln alle drei vereint aus der Höhe zum Boden hernieder. Der Streit erreicht hier zunächst sein Ende, beginnt aber in der nächsten Minute von neuem wieder. Zuweilen gehen zwei Gegner auch zu Fuße aufeinander los und nehmen dabei ähnliche Stellungen an wie kämpfende Haushähne; dabei wird wacker gefochten, freilich ohne wesentlichen Schaden für irgend einen der Streiter. Der Besiegte muß fliehen, der Sieger kehrt frohlockend zu seinem Weibchen zurück, welches, wie Naumann sagt, gar nicht selten „an den Prügeleien des Männchens“ teilnimmt. Infolge dieser Zänkereien ist das Brutgebiet ausgedehnter als notwendig wäre; denn während man bei uns auf den Hektar kaum zwei Lerchenpaare zählt, leben in der Steppe auf gleich großem Raume dreimal soviel, jedoch stets verschiedenartige Lerchenpaare, deren Männchen zwar ebenfalls untereinander hadern, aber doch verhältnismäßig friedlich nebeneinander hausen. Das Nest findet man oft schon im Anfange des März, gewöhnlich auf Getreidefeldern und Wiesen, jedoch auch in Brüchen auf erhöhten Inselchen, welche mit Gras oder Seggen bewachsen, sonst aber ganz eng von Wasser umgeben sind. Die kleine Vertiefung, in welcher das Nest steht, wird im Notfalle von beiden Lerchen selbst ausgescharrt oder wenigstens erweitert und gerundet; dann baut sie das Weibchen unter Mithilfe des Männchens dürftig mit alten Stoppeln, Grasbüscheln, zarten Wurzeln und Hälmchen aus und bekleidet die Nestmulde vielleicht noch mit einigen Pferdehaaren. Das Gelege besteht aus 5—6 Eiern, die 22 mm lang, 15 mm dick und auf grüngelblichem oder rötlichweißem Grunde mit vielen Punkten und Flecken von gräulichbrauner oder grauer Farbe sehr ungleichartig gezeichnet sind. Beide Geschlechter brüten abwechselnd und zeitigen die Eier binnen 15 Tagen. Die Jungen entschlüpfen, wenn sie laufen können, dem Neste. Sobald sie selbständig geworden sind, schreiten die Alten zur zweiten und, wenn der Sommer gut ist, zur dritten Brut. Alle kleinen vierfüßigen Räuber, von der Hauskatze oder dem Fuchse an bis zum Wiesel und der Spitz⸗ und Wühlmaus herab, und ebenso Weihen, Raben, Trappen und Störche gefährden die Lerchenbrut, Baumfalk, Merlin und Sperber auch die alten Vögel. Wie diese sich angesichts des Baumfalken, ihres schlimmsten Feindes, benehmen, teile ich an anderer Stelle mit; daß der Mensch, selbst wenn er Massenfang betreibt, nicht entfernt so schlimm unter den Lerchen haust als die genannten natürlichen Feinde, verdient hervorgehoben zu werden. Die Feldlerche nimmt mit der gesteigerten Bodenwirtschaft an Menge zu, nicht aber ab. Auf Neuseeland ist die Feldlerche eingeführt und an manchen Orten sehr zahlreich geworden. Sie soll indessen dort ihr Wesen teilweise verändert haben; die Landwirte beschuldigen sie eines argen Getreideraubes, der in demselben Verhältnis zugenommen wie ihr Gesang sich verschlechtert haben soll. Auch in Nordamerika ist unser Vogel eingeführt worden: schon vor drei Jahrzehnten iun Staate Delaware ohne Erfolg, vor zwei Jahrzehnten bei New York mit geringem Erfolge, in New Jersey aber, wo, wie H. Nehrling mitteilt, Isage W. England im Jahre 1881: 42 Pärchen aussetzte, in recht erfolgreicher Weise. Übrigens ist unsere Feldlerche, wie Dresser und Sharpe berichten, auch auf Grönland und auf den Bermudasinseln beobachtet worden. Die Stummellerche, Isabell-Lerche, Kalandrelle oder Gesellschaftslerche (Alauda brachydactyla, calandrella, arenaria, testacea, dulhunensis und Kollyi, Calandritis brachydactyla, kollyi und macroptera, Melanocorypha brachydactyla, itala, arenaria, macroptera und obsoleta, Phileremos brachydactyla, moreatica und

kollyi, Calandrella brachydactyla, immaculata und hermonensis, Abbildung S. 224) hat fahl lehmbräunliche, durch dunkle Schaftflecken gezeichnete Oberteile, Zügel und Schläfenstrich sind weißlich, letzterer ist unterseits von einem dunkeln Saume begrenzt, Ohrgegend und Backen sind rostfahl, dunkel gestrichelt, die Unterteile, bis auf einen schwärzlichen Flecken an den Halsseiten, weiß, seitlich rostfahl, die Schwingen schwarzbraun mit zimtrostfahlen, nach hinten sich verbreiternden Außensäumen, die Armflügeldecken mit weißlichen, die Oberflügeldecken mit zimtrostfahlen Enden, die Schwanzfedern braunschwarz, außen rostfahl gesäumt, die beiden äußeren rostweißlich, das äußerste Paar innen in der Endhälfte weiß. Der Augenring ist dunkelbraun, der Schnabel horngelblich, an der Spitze dunkler, der Fuß horngelb. Beim Weibchen ist der Halsflecken kleiner.

Mehrere als besondere Arten unterschiedene Lerchen (Klauda pispoletta, A. minor und andere) müssen wahrscheinlich mit der Gesellschaftslerche vereinigt werden. Alle Ebenen Südeuropas und Mittelasiens sowie endlich Nordwestafrika beherbergen die Stummellerche in großer Anzahl. Sie bevorzugt die ödesten Gegenden, ohne jedoch Felder zu meiden. Jene wüstenartigen Strecken des Südens und die asiatischen Steppen sind ihre wahre Heimat. Der Boden dort gleicht ihrem Gefieder so täuschend, daß sie des verdeckenden Getreides nicht bedarf. Sie vermag auf geringe Entfernung dem Auge vollständig zu entschwinden, indem sie sich einfach niederduckt. In Nordspanien wandert sie mit Beginn des Frühlinges in ungeheuern Scharen ein; diese zerteilen sich rasch in Paare; jedes von ihnen erwählt sich ein kleines Gebiet, und hier verbringt es den Sommer. Wesen und Betragen lassen die Lerche nicht verkennen. Im Fluge beschreibt sie in der Luft unregelmäßige Bogen, beim Emporsteigen klettert sie, um mich so auszudrücken, in schiefer Linie empor, beim Herabkommen läßt sie sich einfach zur Erde fallen. Sie singt im Fliegen, oft aber auch im Sitzen. „Der Gesang ist“, wie A. von Homeyer sehr richtig sagt, „lauter Stückwerk, nichts Zusammenhängendes. Es gehen lang gezogene Töne voran, denen sehr schnell gegebene Nachsätze folgen, welche weder im Wohllaute noch im Tonfalle zum Gesange passen. Die lang gezogenen Flötentöne sind schreiend, die Schlußstrophen hölzern und ohne Klang. Dabei werden einige Strophen ganz genau oder nur mit Abänderung des Schlusses bis zum Überdrusse wohl 10—20mal wiederholt, und man wird dadurch an die langweilige Sangesweise mancher schlecht singenden Haubenlerchen erinnert. Trotz alledem besitzt auch diese Lerche große Fertigkeit im Nachahmen fremder Vogelstimmen.“ Das wohl verborgene Nest ist kunstlos; die 3—5 Eier sind 20 mm lang, 16 mm dick, auf licht gelblichem oder grauem Grunde mit schwach rötlichbraunen und deutlichen Punkten gezeichnet, aber erheblichen Ver änderungen unterworfen. Im Anfange des September scharen sich die Kalandrellen zu Flügen zusammen, welche bald förmliche Heeresmassen werden, und wandern nun nach Süden. Sie erscheinen in den waldigen Steppen des inneren Afrika in ganz ungeheuern Scharen, welche auf halbe Stunden hin und im buchstäblichen Sinne des Wortes den Boden bedecken oder beim Auffliegen Wolken bilden. Ganz so ist es nach Jerdon in Indien, woselbst die aus Mittelasien wandernden Kalandrellen regel mäßig im Oktober und November eintreffen und bis zum April verweilen. Dieser Gewährsmann versichert, daß er mit einem Doppelschusse seines Gewehres zwölf Dutzend Kalandrellen erlegt habe, und für mich, der ich die Heermassen derselben Vögel im inneren Afrika gesehen habe, hat die Angabe durchaus nichts Unwahrscheinliches. Auch in Spanien werden diese Tierchen zu Hunderten und Tausenden erlegt und gefangen. Demungeachtet gleicht ihre starke Vermehrung die Verluste rasch wieder aus. Ein herrlicher und deshalb hochgeschätzter Sänger Südeuropas, die Kalanderlerche (Alauda calandra und collaris, Melanocorypha calandra, albigularis, subealandra

und semitorquata), ist durch kräftigen, gedrungenen Bau, auffallend großen dicken Schnabel, hohe, starke, verhältnismäßig langzehige, hinterseits mit entsprechenden Sporen bewehrte Füße, große, breite Flügel, unter deren Schwingen die zweite und dritte die Spitze bilden, und den fast geraden, kurzen, kaum ausgeschnittenen Schwanz ausgezeichnet. Die Länge der Kalanderlerche beträgt bis 21, die Breite bis 44, die Fittichlänge 13, die Schwanzlänge 7 em. Die Federn der Oberteile sind fahlbräunlich, außen isabellfarben gesäumt und verwaschen dunkel geschaftet, Zügel und undeutlicher Augenstreifen, Kinn, Kehle,

Kalanderlerche (Alauda calandra). ½ natürl. Größe.

Kopf und Brust zart rostgelblich, letztere mit feinen dunkeln Schaftstrichen geziert, die übrigen Unterteile weiß, seitlich isabellbräunlich, Ohrgegend und ein undeutlicher Bartstreifen bräunlich, zwei große, zuweilen fast sich berührende Flecken an den Halsseiten schwarz, die Schwingen braunschwarz, Armschwingen erdbraun, erstere außen schmal, letztere breit isabellbräunlich gesäumt, die hintersten Hand- und Armschwingen auch am Ende weiß gerandet, die Schwanzfedern braunschwarz, außen breit fahl gesäumt, äußerste Federn und die Spitzen des zweiten und dritten Paares weiß, rostgelblich überhaucht. Die Iris ist tiefbraun, der Oberschnabel hornbraun, der untere horngelb, der Fuß rötlich. Südeuropa, insbesondere die Umgebung des Mittelmeeres, Istrien, Dalmatien, Griechenland, Süditalien und Spanien, ebenso Nordwestafrika und die Steppen Turkistans sind die Heimat der Kalanderlerche, welche von den angegebenen Ländern aus Nordostafrika, aber nur selten die oberen Nilländer besucht, hier wie in Palästina, Persien, ganz Mittelasien *a. u 3

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