Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
summenden Kerbtiere selbst in der Luft nach. So oft er eine Blüte ausgesucht hat, schreit er gleichsam fröhlich auf und fliegt dann ein wenig weiter, einer zweiten Blüte zu, und das Weibchen folgt ihm überall hin getreulich nach. Beide Gatten eines Paares sind außerordentlich zärtlich gegeneinander, und namentlich das Männchen überhäuft sein Weibchen förmlich mit Artigkeiten aller Art. Außer dem Locktone, welcher höchst zart hervorgestoßen wird, singt es ein recht hübsches Liedchen. Der
Erzhonigsauger (Nectarinia metallica). 23 natürl. Größe.
Gesang pflegt mit „ta tai taiti“ zu beginnen und geht dann nach Art mancher Schilfsänger weiter, ziemlich verworren, mit spinnenden und schnarrenden Tönen vermischt. Der Sänger sträubt dabei die Kopffedern, läßt die Flügel hängen und breitet sie ein wenig, stelzt den Schwanz, so daß er fast senkrecht steht, dreht und wendet sich nach allen Seiten hin und spiegelt sein Gefieder im Strahle der Sonne. Wie der Pfau weiß er die Pracht der Farben wohl zu würdigen und bemüht sich deshalb auch, jeden Teil seines schönen Gewandes im besten Lichte zu zeigen. Das Weibchen äfft ihm in erheiternder Weise jede Bewegung nach, soweit ihm dies möglich ist. Ebenso groß wie die Zärtlichkeit ist aber auch seine Eifersucht. Er duldet kein anderes Männchen in seinem Gebiete und fällt über jeden Eindringling mit Heftigkeit her, verfolgt ihn aufs eifrigste durch die Luft und die
ärgsten Dornen hindurch und rastet nicht, bis er ihn aus den Grenzen seines Reiches vertrieben hat. Die Brutzeit ist verschieden, je nach der Ortlichkeit, oder richtiger, je nachdem der Frühling zu dieser oder jener Zeit des Jahres eintritt. In Südnubien und in der Samhara beginnt der Nestbau sofort nach vollendeter Mauser, im März und April; im eigentlichen Sudan hingegen fand ich Nester im Spätsommer, nach Anfang der Regenzeit. Es hält schwer, diese von den Nestern der Verwandten zu unterscheiden. Sie sind an den äußersten Spitzen der Bäume, namentlich der Mimosen, aufgehängt, selten hoch über dem Boden, zuweilen so niedrig, daß man sie eben noch mit der Hand erreichen kann, manchmal auch höher oben in der Krone nahe dem Wipfel. Die Gestalt des Nestes ist eiförmig, bald länglicher, bald rundlicher, zuweilen auch walzig und dann oben und unten gerundet. Das Flugloch befindet sich oben an der Seite. Pflanzenwolle bildet den hauptsächlichsten Baustoff; aus ihr werden die Wandungen zusammengefilzt und gefügt. Im Inneren ist das Nest mit Haaren, Spinnweben und auch wohl mit Blütenfasern ausgekleidet. Sehr gern hängt es der Vogel so auf, daß der Eingang durch Blätter gedeckt ist. Beide Geschlechter bauen außerordentlich eifrig und brauchen mindestens zwei Wochen zur Vollendung des Kunstwerkes. Das Gelege bilden 3—4 länglich eigestaltige, etwa 21 mmelange und 12 mm dicke, auf weißem, morgenrötlich überhauchtem Grunde mit einzelnen dunkelgrauen und bräunlich veilchenfarbenen Spritzflecken gezeichnete Eier, welche, wie ich glaube, vom Weibchen allein ausgebrütet werden. Über die Erziehung der Jungen habe ich keine Beobachtungen sammeln können. Als auffallend muß es erscheinen, daß diese Honigsauger wie andere Verwandte zuweilen mit dem Nestbaue beginnen, noch ehe sie ihr Hochzeitskleid angelegt haben. Möglicherweise bauen sie sich also nur Vergnügungsnester und denken noch gar nicht ernstlich an die Fortpflanzung. Doch muß ich hierzu bemerken, daß die Zergliederung des Vogels das Gegenteil zu beweisen schien. Welche Feinde der Erzhonigsauger und seine Verwandten eigentlich haben, vermag ich nicht zu sagen. Ich habe nie gesehen, daß irgend ein Raubvogel nach einem Mitgliede dieser Familie gestoßen hätte. Die Gewandtheit der kleinen Gesellen und die Dornen der Mimosen, zwischen denen sie sich beständig herumtreiben, schützen sie gegen Angriffe der Sperber und anderer Falken. Dagegen werden die Nester unzweifelhaft ebensogut wie alle anderen von den Affen geplündert. Bei weitem der größte und hervorragendste Teil der Pflanzenwelt Australiens, so ungefähr schildert Gould, besteht aus Gummibäumen und Banksien, welche wiederum mehreren Vogelfamilien behaglichen Aufenthalt bieten, so den Papageien und den ungemein zahlreichen Pinselzünglern. Der Haushalt dieser Vögel hängt so innig mit jenen Bäumen zusammen, daß man die einen ohne die anderen sich nicht denken könnte. Die Pinselzüngler fressen Kerbtiere, Blütenstaub und Honig aus den daran so reichen Blüten der Gummibäume und genießen die Nahrung mit Hilfe ihrer langen, an der Spitze pinselförmigen und deshalb hierzu wunderbar geeigneten Zunge. Nur wenige steigen von den Bäumen herab und suchen auf dem Boden Käfer und andere Kerbtiere auf, die meisten Arten leben nur auf den Bäumen, die einen auf diesen, die anderen auf jenen. Die Kennzeichen der meisten Honigfresser (Meliphagidae), zu denen etwa 200, mit Ausnahme der Mitglieder einer Gattung, auf das australische Reich beschränkte Arten zählen, sind ziemlich langer, dünner, leicht gebogener, abgerundeter Schnabel, dessen Oberkiefer den unteren etwas überragt, mittellange, kräftige Füße mit starken Hinterzehen,
mittellange, abgerundete Flügel, in denen gewöhnlich die vierte Schwungfeder die längste ist, und mehr oder minder langer, meist auch abgerundeter Schwanz. Die Nasenlöcher liegen unter einer knorpeligen Schwiele verborgen; die Rachenspalte ist eng, die Zunge vorn an der Spitze mit feinen, borstenähnlichen Fasern besetzt, so daß sie zu einer wirklichen Bürste wird, der Magen sehr klein und wenig muskelig. Das Gefieder ist verschiedenartig, bald dichter, bald glatter anliegend, auch in eigentümlicher Weise verlängert, so namentlich in der Ohrund Halsgegend, bald sehr bunt, bald wieder ziemlich einfarbig, nach dem Geschlechte wenig verschieden. In ihrem Wesen und Betragen bekunden die Pinselzüngler große Übereinstimmung. Sie sind fast ohne Ausnahme sehr lebhafte und unruhige, größtenteils auch redselige Vögel. Im Gezweige nehmen sie, je nach ihrer zeitweiligen Beschäftigung, die verschiedensten Stellungen an. Kletterkünste wissen sie, wenn auch nicht nach Art der Spechte, so doch wenigstens nach Art unserer Meisen vortrefflich auszuführen. Sie hüpfen geschickt von einem Zweige zum anderen, laufen rasch längs der Aste dahin und hängen sich häufig kopfunterst an ihnen an, um in dieser Stellung nach unten sich öffnende Blüten zu durchsuchen. Ihr Flug ist wellenförmig, wird aber bei der Mehrzahl nicht weit ausgedehnt, während andere wiederum treffliche Flieger zu sein und sich zu ihrem Vergnügen in der Luft umherzutummeln scheinen. Die Stimme ist reichhaltig: einige sind vorzügliche Sänger, andere wenigstens lebhafte Schwätzer. Wenige Arten lieben die Geselligkeit; die Mehrzahl lebt paarweise, wenn auch dicht nebeneinander. Einzelne werden als sehr kampflustige Vögel geschildert, die sich kühn auf Krähen, Falken oder überhaupt auf alle anderen großen Vögel stürzen, von denen sie nichts Gutes erwarten. Vor dem Menschen scheuen sich die wenigsten; viele kommen im Gegenteile bis dicht an die Wohnungen heran und nisten ungescheut selbst inmitten der Städte und auf den belebtesten öffentlichen Plätzen, falls hier ihre Lieblingsbäume wachsen. Das Nest ist verschieden gebaut, die Anzahl der Eier gering. Für die Gefangenschaft scheinen sich nur wenige Arten zu eignen; ihre Haltung im Käfige ist aber nicht unmöglich. Einzelne Glieder der Familie sind sogar nach Europa gebracht worden. „Ein durch seine Stimme bezeichnender Bewohner der romantischen Wildnisse Neuseelands“, sagt Rochelas, „ist der Poé oder Tui. Es ist von diesem Wundervogel nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß keiner der Sänger in den europäischen Wäldern sich mit ihm messen kann. Die Einhelligkeit und die sanfte Lieblichkeit seines Gesanges erscheint mir wirklich unvergleichlich. Den Schlag der europäischen Nachtigall, wie sehr ich sie auch liebe, finde ich dennoch von dem Gesange dieses Vogels bei weitem übertroffen, und ich gestehe es, nie in meinem Leben habe ich von einem so bezaubernden, klangreichen Vogel eine Vorstellung gehabt.“ Die Reisenden, welche später des Pos Erwähnung thun, spenden ihm zwar kein so begeistertes Lob; aber auch sie rühmen ihn übereinstimmend als einen der besten Sänger Ozeaniens, und deshalb ist es wohl gerechtfertigt, wenn ich ihn als Vertreter seiner Familie zu schildern versuche.
Der Poé, Tui, Pfarr⸗ oder Predigervogel (Prosthemadera novae-seelandiae, circinata und concinnata, Lamprotornis novae-séelandiae, Merops novae-seelandiae und concinnatus, Meliphaga novae-seelandiae und concinnata, Sturnus crispicollis, Certhia concinnata, Philemon concinnatus) vertritt die Gattung der Kragenhalsvögel (Prosthemadera) und kennzeichnet sich durch kräftigen, oben und unten sanft gebogenen Schnabel, starke, hochläufige Füße, mäßig lange Flügel, unter deren Schwingen die vierte die längste ist, mittellangen, gerundeten Schwanz, zerschlissene und kugelig Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 14
eingerollte Federbüschel zu beiden Seiten des Halses und lange, schmale, haarartig geschaftete Federn am Oberhalse. Das Gefieder ist vorherrschend glänzend stahlgrün, auf den kleinen Oberflügeldecken, den Enden der längsten Schulterfedern, den vordersten Mantelfedern, dem Bürzel und der Unterbrust stahlblau schillernd, auf dem Mantel, den Schultern, dem Unterrücken, dem Bauche und den Schenkeln dunkelbraun mit Bronzeschimmer; die größten oberen Flügeldecken, die Schäfte der verlängerten Halsfedern und die beiden Halsbüschel sind weiß, die Schwingen und Schwanzfedern schwarz, außen dunkelgrün scheinend, die Augen dunkel⸗
Pos (Prosthemadera novae-seelandiae). ½0 natürl. Größe.
braun, der Schnabel wie die Füße schwarz. Junge Vögel unterscheiden sich von den gleichgefärbten alten durch schieferbraunschwarze Färbung und ein breites, halbmondförmiges, schmutzigweißes Kehlschild. Die Länge beträgt 30, die Fittichlänge 14, die Schwanzlänge 1260m. Obgleich der Pos häufig nach Sydney gebracht wird und schon oft lebend nach Europa, auch nach Deutschland, gekommen ist, haben wir doch erst in der Neuzeit über sein Freileben Kunde erhalten, die ausführlichste und eingehendste durch Buller. Die ersten Ansiedler, berichtet der genannte, nannten den Poé „Predigervogel“ und zwar wegen seiner weißen Halsbüschel, welche sie mit den Bäffchen der Amtstracht eines evangelischen Geistlichen verglichen. Aber auch diejenigen, welche den Tui in seinen heimatlichen Wäldern sahen, finden den Namen bezeichnend; denn wenn der Predigervogel singt, wendet er sich hin und her, ganz wie ein Pfarrherr auf der Kanzel. Er sitzt, wie Timpson bemerkt, ernsthaft auf einem Zweige, schüttelt mit dem Kopfe, dreht ihn bald auf die eine, bald auf die
andere Seite, als ob er zu diesem und jenem sprechen wolle, fährt dann und wann plötzlich auf und erhebt nun so machtvoll seine Stimme, als ob es Schlafende aufzuwecken gelte. Ganz im Gegensatze zu seiner sonstigen Lebhaftigkeit und Rastlosigkeit verweilt er, während er singt, auf einer und derselben Stelle. Am frühen Morgen singt er am anhaltendsten, und dann hallen die Wälder Neuseelands wider von dem Getöne aller wetteifernd lautgebenden Vögel dieser Art. Ihr Lockton ist ein eigentümlich helles und schallendes „Tui tui“, ihre gewöhnliche Sangesweise ist eine aus fünf Tönen bestehende Strophe, welcher immer ein einzelner Ton vorausgeht; außerdem aber vernimmt man noch ein eigentümliches Geläute von ihnen, welches Husten oder Lachen ähnelt, und zudem noch eine Menge anderer Noten, so daß der Poé mit Recht als Singvogel bezeichnet werden darf. Der Flug ist schnell und zierlich, vielfacher Wendungen und Schwenkungen fähig, wenn auch etwas geräuschvoll. „Kein Vogel der Wälder Neuseelands“, sagt Layard, „zieht die Aufmerksamkeit des Fremden mehr auf sich als er. Der geräuschvolle Gesell ist beständig in Bewegung, entweder fliegend von Baum zu Baum oder segelnd in luftigen Kreisen über dem Walde. Diese Kurzweil treibt er namentlich gegen Abend, und ich war anfangs geneigt, zu glauben, daß er dadurch Futter erspähen wolle, fand aber später, daß das Segeln nur zum Vergnügen geschieht. Oft sieht man ihrer 8—10 gemeinschaftlich über den Bäumen dahinfliegen, kreisend, sich drehend, Purzelbäume schießend, von einer bedeutenden Höhe mit ausgebreiteten Schwingen und Schwanz sich niedersenkend und andere Kunststücke treibend, bis auf einen Lockruf alle plötzlich in das Waldesdickicht hinabtauchen und dem Auge entschwinden.“ Buller bestätigt diese Angaben und führt sie weiter aus. „Hoch in der Luft sieht man zuzeiten den Vogel seine Flügel einziehen und einzig und allein durch schnelles Auf⸗ und Niederschlagen des Schwanzes für Augenblicke sich schwebend erhalten (2) oder lang—⸗ sam abwärts gleiten, hierauf mit halbgeöffneten Flügeln schnell vorwärts schießen und wiederum in die Höhe steigen“, kurz allerlei Flugkünste treiben. Die Nahrung des Tui besteht in Kerbtieren, den verschiedenartigsten Früchten und Beeren und dem Honige gewisser Blumen. Seine Zunge ist, wie die aller Honigfresser, mit einem feinen Pinsel versehen, welchen man nur zu sehen bekommt, wenn der Vogel krank oder verendet ist. Wenn in den Monaten Oktober und November der Kuhai (Sophora grandiflora) seine Blätter abgeworfen und sich dafür mit einem Mantel wunderschöner gelber Blumen bedeckt hat, ist er der Lieblingsaufenthalt der Tuis; wenn im Dezember und Januar der neuseeländische Flachs (Phormium tenax) in voller Blüte steht, verlassen sie den Wald und besuchen die Flachsfelder, um sich hier von Korarihonig zu nähren. Bei dieser Gelegenheit werden von den Eingeborenen viele in Schlingen gefangen und als Leckerbissen verzehrt. Wenn die Beeren in voller Reife stehen, werden sie außerordentlich fett, und dies mag die Sage hervorgerufen haben, daß sie sich mit dem Schnabel die Brust öffnen sollen, um ihr Feist loszuwerden. Das Nest findet man gewöhnlich in einer Zweiggabel eines dichtbelaubten Strauches, wenige Meter über dem Boden, seltener im Wipfel eines höheren Baumes. Es ist ziemlich groß und aus trockenen Reisern und grünem Moose erbaut, die Nestmulde mit hübsch geordneten Grashalmen umgeben und innen mit den haarähnlichen schwarzen Schossen der Baumfarne ausgekleidet. Die 3—4, in Größe und Gestalt abändernden Eier sind etwa 27 mm lang, 18 mm dick, birnförmig, weiß, leicht rosenfarben überhaucht und mit rundlichen roten Flecken gezeichnet. Infolge der ungewöhnlichen Nachahmungsgabe ist der Pos ein Liebling der Ansiedler wie der Eingeborenen geworden. Obgleich er im allgemeinen als hinfällig betrachtet wird, dauert er erwiesenermaßen doch bis zehn Jahre in Gefangenschaft aus. Einmal an Käfig und Stubenfutter gewöhnt, lernt er leicht und rasch mehrere Worte sprechen, eine Weise 14* uullläkig;ↄN;y