Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Felsenhöhlen. Das Gelege bilden etwa 15 mmulange, IUmm dicke Eier, welche auf weißem Grunde mit braunschwarzen, scharf umrandeten Punkten, am dichtesten am stumpfen Ende, gezeichnet sind. Nach unsäglichen Mühen und geduldigem Harren gelang es Girtanner, alt gefangene Mauerläufer an Käfig und Stubenfutter zu gewöhnen und später wiederholt Nestjunge aufzuziehen. An ihnen sammelte er einen Teil der unvergleichlichen Beobachtungen, welche ich vorstehend wiedergegeben habe. Der Güte des Freundes danke ich, daß ich ebenfalls die seltenen Vögel pflegen konnte. Sie sind im Käfige ebenso reizend wie im Freien, leider aber sehr hinfällig, so wettertrotzig sie sich auch in ihrem Wohngebiete zeigen. „Die gefährlichsten Feinde des frei lebenden Mauerläufers“, schließt Girtanner, „sind wohl die kleinen Falkenarten, besonders der Sperber, welcher seine Raubzüge auch in die höchsten Gebirgsgürtel ausdehnt. Er fängt manchen Alten weg und nimmt wohl auch manches Nest aus. Doch gelingt es dem Mauerläufer, dank seiner Flugfertigkeit, zuweilen sogar diesem gewandten Räuber zu entfliehen. Das habe ich einst selbst mit angesehen. Ein Sperber suchte vergebens erfolgreich auf einen Mauerläufer zu stoßen, welcher eine weite Schlucht überflog. Je kühnere Wendungen der Verfolger ausführte, um so mehr entwickelte auch der Verfolgte seine Kunstfertigkeit. Durch die Angriffe des Sperbers scheinbar vollauf beschäftigt, wußte er sich doch, stets flink ausweichend, allmählich auf die gegenüberliegende Felswand zu ziehen. Vermag er sie glücklich zu erreichen, so ist er in meinen Augen gerettet. Kaum in ihre Nähe gekommen, gibt er plötzlich die Verteidigung auf, schießt pfeilschnell in gerader Richtung auf die Felswand zu, erreicht sie unversehrt und ist im nächsten Augenblicke schon in einer Spalte verschwunden. Sogleich gibt nun auch der Sperber die vergebliche Jagd auf und zieht unter ärgerlichem Kreischen von dannen. „Von Schaden kann beim Mauerläufer, einem reinen Kerbtierfresser, nicht die Rede sein; jedoch auch sein Nutzen fällt in Anbetracht der Gebiete, denen er seine Nahrung entnimmt, natürlich sehr gering aus. Als eine der größten Zierden unserer Alpen aber ist er für den Freund der Gebirgswelt von unendlichem Werte. Wenn plötzlich seine kurze Strophe in den öden Höhen ertönt, begrüßt der Wanderer freudig die Nähe eines so schönen Wesens, und sein Blick ruht mit Wohlgefallen auf dieser lebendigen Alpenrose, welche die großartige, aber in ewiger Erstarrung liegende Umgebung so angenehm belebt.“ 4 Die Zuckervögel (Dacnididae), kleine, zierliche Bewohner des südamerikanischen, orientalischen und australischen Reiches, von denen man etwa 100 Arten beschrieben hat, zeichnen sich durch den eigentümlichen Bau ihrer Zunge aus. Diese ist lang, gespalten und fadig, aber wenig ausstreckbar. Von anderen Honigsaugern unterscheidet die Zuckervögel der Besitz von nur neun Handschwingen. Alle Zuckervögel sind muntere, lebhafte, allerliebste Geschöpfe, welche in ihrem Wesen und in ihrer Lebensart die größte Ahnlichkeit mit unseren Sängern zeigen. Sie halten sich besonders in den höheren Zweigen der Waldbäume auf, fliegen hier von Ast zu Ast, hängen sich auch wohl wie die Meisen an die Zweige und verfolgen Kerbtiere oder gehen außer dem Blütenhonig auch den Früchten nach. Man hat in ihrem Magen mehr Früchte als Kerbtiere, namentlich schöne rote Samenkörner und Beeren, gefunden; sie kommen zur Zeit der Reife in die Gärten und nähern sich den menschlichen Wohnungen, ganz so, wie die Sänger und Finken bei uns. Übrigens leben sie ebensowohl in den geschlossenen Waldungen wie in den minder dicht stehenden Gebüschen.
Der Sai (Arbelorhina cyanea, Certhia cyanea, cyanogastra und armillata, Caereba cyanea), Vertreter der durch kopflangen, säbelförmig gebogenen Schnabel aus-⸗ gezeichneten Gattung der Näscher (AErbelorhina)y, ist prächtig glänzend hellblau, auf dem Scheitel schimmernd blaugrün; der Rücken, die Flügel und der Schwanz sowie ein Augenstreifen sind schwarz, die Schwungfedern innen gelb gerandet. Das Auge ist graubraun, der Schnabel schwarz, der Fuß lebhaft orangerot. Beim Weibchen ist die Oberseite zeisiggrün, die untere blaßgrün, die Kehle weißlich. Die Länge beträgt 12, die Fittichlänge 6, die Schwanzlänge 3 em. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich über einen großen Teil Südamerikas, vom östlichen Brasilien bis Cayenne; außerdem aber kommt der Sai auch auf Cuba vor.
Sai (Arbelorhina cyanea). natürl. Größe.
„In den von mir bereisten Gegenden“, sagt der Prinz von Wied, „ist er nirgends so häufig wie in der Provinz Espirito santo; denn dort, in den Wäldern unweit der Seeküste, erlegten meine Jäger eine große Menge dieser schönen Vögel. Sie waren in der Fort—⸗ pflanzungszeit gepaart, übrigens aber in kleinen Gesellschaften von 6—8 Stück vereinigt und durchzogen munter die höheren Baumkronen. In ihrem Magen fand man meistens Überreste von Früchten, doch auch Kerbtiere. Eine laute Stimme oder einen bedeutenden Gesang haben wir nicht von ihnen gehört; sie sollen indes ein ziemlich leises Gezwitscher vernehmen lassen. Ihre Lockstimme ist ein oft und schnell wiederholter kurzer Laut. Sie hüpfen und flattern gleich unseren Meisen gesellschaftlich von Ast zu Ast, sind stets in Bewegung und halten sich nicht lange an einer und derselben Stelle auf. Oft sind sie mit anderen kleinen Vögeln, z. B. mit Tangaras, gemeinschaftlich vereint. In der Zeit, wenn die saftigen Früchte reifen, stellen sie diesen eifrig nach.“ Schomburgk bestätigt lediglich
die Angaben des Prinzen, ohne ihnen etwas hinzuzufügen, erwähnt jedoch in seiner Reisebeschreibung, daß eine verwandte Art von den Wilden erlegt wird, weil diese aus den prachtvoll glänzenden Federn sich Schmuckgegenstände verfertigen. Gefangene gelangen dann und wann in unsere Käfige, sind aber hinfällig und verlangen die beste Pflege, wenn sie jahrelang ausdauern sollen.
Der Pitpit (Dacnis flaveola, Certhia, Certhiola und Caèreba flaveola, Curruca jamaicensis), Vertreter der durch kurzen, spitzen, schwach gebogenen Schnabel gekenn⸗
Pitpit (Daenis flaveola). 7 natürl. Größe.
zeichneten gleichnamigen Gattung, ist auf der Oberseite schwarz, an der Kehle grauschwarz, auf der Unterseite und auf dem Bürzel schön gelb; ein Augenbrauenstreifen, die Vordersäume der Handschwingen, die Schwanzspitze und die äußersten Schwanzfedern sind weiß. Das Auge ist graubraun, der Schnabel schwarz, der Fuß braun. Das Weibchen ist oben schwärzlich olivenfarbig, unten düster blaßgelb, im übrigen aber dem Männchen ähnlich gefärbt und gezeichnet. Die Länge beträgt 10, die Fittichlänge 5,6, die Schwanzlänge 2,5 em. Das Wohngebiet des Pitpit ist die Insel Jamaica. Hier sieht man ihn, laut Gosse, dem wir die ausführlichste Schilderung seines Lebens verdanken, nicht selten in Gesellschaft der Kolibris, indem er dieselben Blüten und zu demselben Zwecke besucht wie sie. Er schwebt aber nicht vor den Blumen, sondern setzt sich auf den Baum und untersucht emsig, von
Zweig zu Zweig weiterhüpfend, das Innere der Blüten, wobei er in allen Stellungen den Leib dreht und oft mit dem Rücken nach unten gekehrt sich aufhängt, um mit seinem gekrümmten Schnabel und mit dem Pinsel seiner Zunge alle Teile der Blüten nach kleinen Kerbtieren zu durchsuchen. Überraschend zutraulich kommt er oft in die Blütensträucher der Pflanzungen und Gärten Jamaicas. „Eine große Moringa, welche das ganze Jahr hindurch reichlich mit Blüten besetzt ist, scheint für ihn wie für die Kolibris besondere Anziehungskraft zu besitzen. Und eben jetzt, da ich dies schreibe, wird die vor meinen Fenstern stehende Moringa von einem Paar dieser lieblichen Geschöpfe vor meinen Augen durchsucht, während an einer anderen Stelle ein kleiner Kolibri von einer Blüte zur anderen dahinschießt und anderwärts wieder die prächtige Urania sich ihnen zugesellt.“ Von unserem Vogel allein ertönt oft ein sanftes Pfeifen bei seinem Geschäfte. „Das Nest des Pitpit findet sich gewöhnlich im niederen Gebüsche, nahe bei den Nestern der Papierwespen, welche von den Zweigen herabhängen. Auch verwandte Vögel sollen Zuneigung zu dieser Nachbarschaft zeigen: sie glauben sich ohne Zweifel durch die Nähe dieser gefürchteten Kerbtiere gesichert und verteidigt. Das Brutgeschäft fällt in die Monate Mai, Juni und Juli. Am 4. Mai sah ich einen Pitpit Seidenwolle zum Neste tragen. Der Bau, welcher oft nur Grundlage war, deutete auf eine Wölbung und bestand nur aus dieser Baumwollenseide. Später sah ich mehrere vollständige Nester. Ihre Gestalt ist die einer Kugel, das Eingangsloch befindet sich seitlich und unten. Die sehr dicken Wände bestehen aus Heu, welches mit der seidigen Wolle einer Asclepias gemischt ist. In einem anderen Neste fand ich zwei Eier, welche auf grünlichweißem Grunde dicht mit rötlichen Flecken gezeichnet waren.“ Der Alten Welt gehören die Honigsauger (Nectariniidae) an, kleine, zierlich gebaute Vögel, welche teilweise in den prachtvollsten Farben prangen und dadurch auch an die Kolibris erinnern. Doch unterscheiden sie sich von diesen sofort durch ihre kurzen Flügel und die langläufigen Füße, demgemäß aber auch durch die Lebensweise. Die Kennzeichen der Honigsauger sind gedrungener Leib, gestreckter, sanft gebogener, dünner und spitziger Schnabel, ziemlich hochläufige und schlankzehige Füße, mittellange Flügel, deren Handteil aus zehn Schwingen besteht, und entweder gerade abgestutzter oder zugerundeter oder keilförmig zugespitzter Schwanz, dessen beide Mittelfedern außerdem noch sehr verlängert sein können. Die Zunge ist lang, röhrenförmig, tief gespalten und ausstreckbar. Das Gefieder ist nicht bloß nach den Geschlechtern, sondern auch nach der Jahreszeit verschieden gefärbt. Die Familie, welche ungefähr 120 Arten zählt, verbreitet sich über Afrika, Asien, Neuguinea und Nordaustralien; der erstgenannte Erdteil ist besonders reich an Arten. Wo die Honigsauger vorkommen, sind sie häufig und deshalb eine außerordentliche Zierde der Wälder, Gebüsche und Gärten. Ihr Wesen und Treiben ist höchst anziehend; denn sie gehören zu den begabtesten und liebenswürdigsten Mitgliedern ihrer Ordnung. Man findet sie regelmäßig paarweise und nur kurz nach der Brutzeit in kleinen Gesellschaften, welche sich bald in einzelne Paare auflösen. Von diesen erwählt sich dann jedes einzelne ein Gebiet von ziemlichem Umfange und bewacht es vorsichtig gegen andere derselben Art, während es artlich verschiedene Verwandte duldet. Innerhalb dieses Gebietes machen sich die Honigsauger sehr bemerklich. Sie erscheinen mit einer gewissen Regelmäßigkeit an bestimmten Plätzen, da, wo gerade ein Baum in Blüte steht, gewiß, kommen oft in Gärten herein und treiben sich dann ohne Scheu vor den Menschen in unmittelbarer Nähe der Wohnungen umher. Wenn in Nordostafrika der Feigenkaktus in Blüte steht, wird er zum Vereinigungsorte aller Arten, welche die Gegend beherbergt. Dasselbe gilt für die Wälder, wenn
hier eine blühende Mimose vereinzelt unter anderen Bäumen steht sowie auch für alle Bäume, deren Blüten Kerbtiere herbeilocken. In der Zeit der Liebe brüsten sich die Männchen mit ihrer Schönheit, nehmen sonderbare Stellungen an, bewegen sich in eigentümlicher Weise und singen dabei auch recht niedlich. Das Nest ist ein kunstreicher Bau, welcher in den meisten Fällen an dünnen Zweigen aufgehängt wird. Das Gelege zählt wenige Eier von reinweißer Färbung. Zu denjenigen Arten, welche lebhaft gefärbt, aber nicht oder wenig metallglänzend sind und einen keilförmigen Schwanz besitzen, dessen Mittelfedern verlängert sind, gehört der
Erzhonigsauger (Nectarinia meétallica, Cinnyris und Hedydipna metallica). Die Gattung, welche er vertritt, kennzeichnet sich durch kaum kopflangen, geraden und wenig gebogenen Schnabel, verhältnis smäßig kurze Flügel, in denen die 2.—5. Schwinge gleich lang und die längsten sind, und keilförmigen Schwanz, dessen beide Mittelfedern sich bedeutend über die übrigen verlängern. Das Männchen ist auf Kopf, Hals, Rücken und Schulterdecken erzgrün, auf der Unterseite hochgelb; ein Brustgürtel und der Bürzel sind violettglänzend, die Schwingen und Schwanzfedern schwarzblau. Das Auge ist braun, der Schnabel und die Füße sind schwarz. Das Weibchen ist hell olivenbräunlich, auf der Unterseite schwefelgelb; die Schwingen und Schwanzfedern sind blaß gesäumt. Die Jungen ähneln der Mutter, sind aber noch blässer. Die Länge beträgt 15, die Fittichlänge 5,5, die Länge der mittelsten Schwanzfedern 9, die der übrigen 4,8 em. Der Erzhonigsauger ist der erste Vogel der Wendekreisländer, welchem man begegnet, wenn man, vom Norden kommend, ins Innere Afrikas eindringt. Wenn er auch anfänglich nur einzeln gefunden wird, reicht er doch bis weit über die Grenze hinaus, welche andere mit ihm in derselben Heimat lebende Vögel streng innehalten. Ihn trifft man an, sobald man den Wendekreis überschritten hat. In Mittelnubien fehlt er, weil die Gegend zu arm ist, ihn zu ernähren, weil die schwarzen Felsmassen zu beiden Seiten des Nils nicht einmal der so wenig begehrenden Mimose Raum geben. Da aber, wo diese sich wieder zeigt, vermißt man ihn nicht. Auch ihn sieht man regelmäßig paarweise, an günstigen Orten allerdings sehr häufig. Hier muß sich jedes Paar einschränken, und es begnügt sich auch mit wenigen blütentragenden Bäumen oder zeitweilig mit einer einzigen Hecke des Feigenkaktus. Als echter Sonnenvogel ist er morgens und abends ruhig und still; wenn aber der heiße Mittag über der Erde liegt und die Glutstrahlen der scheitelrecht herabblitzenden Sonne alle anderen Vögel einem kühlen, schattigen Plätzchen zugescheucht haben, wenn sie alle der Ruhe pflegen: da treibt er es am lustigsten. Von Blüte zu Blüte geht sein Flug, fressend, schreiend, singend, immer in treuer Gemeinschaft mit seinem Weibchen. Vor anderen Vögeln scheut er sich wenig, und auch den Menschen gestattet er, nahe an ihn heranzukommen und ihn zu beobachten. Wenn man eine gerade in voller Blüte stehende Mimose gefunden hat, braucht man sich nur unter ihr aufzustellen, und man wird selten längere Zeit auf ihn warten müssen. Mit raschem, schwirrendem Fluge kommt er an, setzt sich zwischen die Dornen in das Gezweige hinein, schaut sich sehnsüchtig nach seinem Weibchen um, ruft ihm zärtlich sein „Tschai tschähi tschä tschi“ entgegen und beginnt nun eilfertig vie Blüten zu untersuchen. Dabei richtet er sich hoch auf und legt das Gefieder glatt an den Leib, so daß er sehr schlank erscheint, fliegt von einer Blüte zur anderen und stößt in jede drei- oder viermal sehr rasch nacheinander das Schnäbelchen ein, um die verschiedenen Kerfe, welche sich im Inneren aufgesammelt haben, herauszuholen. Aber nicht bloß die kleinen Kerbtiere bilden seine Nahrung; er hascht auch nebenbei geschwind eine Fliege weg und folgt einer solchen oder einem anderen