Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Seiner verschiedenen Lebensweise halber verdient der Felsenkleiber (Sitta neumayeri, Syriaca, rupestris, saxatilis und rufescens) neben der einheimischen Art kurz geschildert zu werden. Die Oberseite ist aschgrau, bräunlich überflogen, der schwarze Zügelstrich bis zur Mantelgegend ausgedehnt, die Unterseite unrein weiß, der Bauch einschließlich der unteren Schwanzdecken rostrot, alles übrige wie bei unserem Kleiber, den jener jedoch an Größe übertrifft. Durch Ehrenberg, Graf von der Mühle, Lindermayer und Krüper sind wir gegenwärtig über das Leben des Felsenkleibers einigermaßen unterrichtet. Ehrenberg entdeckte ihn in Syrien, Michahelles fand ihn auf den hohen Gebirgen zwischen Bosnien und Dalmatien auf, und die übrigen der genannten Forscher beobachteten ihn häufig in Griechenland. Wenn der auf den schlechten Landwegen dieser Länder wandernde Vogelkundige stundenlang keinen Vogel sieht oder hört und dann über die Armut an gefiederten Geschöpfen nachdenkt, wird er zuweilen plötzlich durch ein gellendes Gelächter aus seiner Träumerei gerissen. Dieses Gelächter geht von einer Felswand oder von einigen Felsblöcken aus, und seine Wiederholung lenkt bald die Blicke nach einer bestimmten Stelle und damit auf eine Spechtmeise hin, welche als die Urheberin des Lärmes erscheint. Ist des Beobachters Ohr an Unterscheidung der Vogelstimmen gewöhnt, so wird er sich sofort sagen müssen, daß der gehörte und gesehene Vogel ohne Zweifel nicht der gewöhnliche Kleiber, sondern ein anderer sein muß. Zwar lebt auch er nach Art seines Verwandten, aber fast ausschließlich an Felsen und besonders gern an den Wänden der alten venezianischen Festungen, in deren Schießscharten er beständig ein- und ausschlüpft. Er ist ungemein behende und klettert an ganz wagerechten Felsgesimsen mit derselben Sicherheit umher wie an den senkrechten Wänden, den Kopf nach oben oder nach unten gerichtet, wie vom Magnet gehalten. Wenn er zu einem Felsen anfliegt, hängt er sich gern mit dem Kopfe abwärts; auf Felsenplatten und Mauern hüpft er ruckweise. Die Bäume besucht er zwar auch, aber immer höchst selten, und in größeren Waldungen, in denen es keine Felsenwände gibt, findet er sich nie. Sein Geschrei ist ein durchdringendes, hochtönendes Gelächter, welches wie „hidde hati tititi“ klingt. Die Nahrung besteht aus denselben Stoffen, welche auch unser Kleiber bevorzugt. Diesem ähnelt der Felsenkleiber überhaupt in allen Stücken: er ist ebenso lebhaft, ebenso unruhig und ebenso vorwitzig, fängt sich deshalb auch leicht in Fallen aller Art, wird sehr bald zahm und geht sofort an das ihm vorgeworfene Futter. Er hält sich aber im Käfige immer auf dem Boden und macht von den Sprunghölzern wenig Gebrauch. Das Nest wird an schroffe Felswände unter dem natürlichen Dache eines Felsenvorsprunges angeklebt, nach Graf von der Mühles Versicherung gegen die Morgen- oder Mittag-, nie gegen die Westseite. Es ist außen sehr groß, künstlich von Lehm gebaut, mit 3—5 em langem Eingange versehen und im Inneren des Brutraumes mit Ziegen-, Rinder-, Hundeoder Schakalhaaren ausgefüttert, außen mit den Flügeldecken verschiedener Käfer beschält. Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 13
Nicht allzu selten benutzt der Vogel auch das dem seinigen nicht unähnliche Nest der Rötelschwalbe als Brutstätte. Als bemerkenswert hebt Krüper die Baulust des Felsenkleibers hervor. Einmal fand er eine natürliche Steinhöhlung zum Neste dieses Vogels hergerichtet, indem sie vorn zugeklebt und mit einem 6 em langen, künstlichen, aus Dünger und Käferflügeln bestehenden Eingange versehen war. Diesen brach er ab, um ihn aufzubewahren. Drei Wochen später bemerkte er, daß die Höhlung unsichtbar gemacht, d. h. vollständig zugemauert worden war. Um nun die Ursache dieser Arbeit zu erforschen, schnitt er auf Wunsch seiner Begleiter die Erdkruste heraus, fand jedoch nichts im Neste und schloß daraus, daß nur die rege Baulust den Vogel zu seiner Arbeit angetrieben hatte. Ein Schwalbennest, dessen Eingangsröhre er mit Gras verstopft, und in dessen Napf er ein großes Loch geschnitten hatte, fand er bei seinem zweiten Besuche ebenfalls wieder ausgebessert; die etwas beschädigte Röhre war wiederhergestellt und das Loch im Napfe ausgefüllt. Bei einem anderen Neste hatte der Felsenkleiber das hineingeschnittene Loch nicht zugeklebt, sondern es für zweckmäßiger erachtet, hier noch eine zolllange Eingangsröhre zu bauen, so daß das Nest zwei Eingänge hatte. Die Legezeit fällt in die letzten Tage des April oder in die ersten des Mai; das Gelege besteht aus 8—9 Eiern, welche ebenfalls auf weißem Grunde rot gefleckt sind. Das Weibchen brütet so eifrig, daß man es leicht im Neste ergreifen kann. Die Baumläufer im engeren Sinne (Certhiinae) sind kleine, lang gestreckte Vögel mit schwachem, mehr oder weniger gebogenem, kantigem, scharfspitzigem Schnabel, schwächlichen, langzehigen und mit großen, krummen, scharfen Nägeln bewaffneten Füßen, stumpfen, schwachfederigen Flügeln, unter deren Schwingen die vierte die längste ist, und ziemlich langem, schmalem, keilförmigem, aber in zwei Spitzen geteiltem Schwanze, welcher aus zwölf gleich starken, schnellkräftigen Federn besteht. Das Gefieder ist lang und weich, auf der Oberseite rindenfarbig, auf der unteren weißlich. Die Zunge ist hornig, scharfrandig, lang und schmal, vorn etwas gefasert, hinten gezahnt und nicht vorschnellbar. Die Singmuskeln sind sehr schwach entwickelt. Nach Ansicht der meisten Vogelkundigen zählt man nicht mehr als 18 bekannte Arten zu dieser Unterfamilie. Ihr Verbreitungskreis erstreckt sich über den Norden beider Erdhälften sowie über das indische und australische Gebiet. Alle Arten sind Bewohner des Waldes und bringen in ihm ihr ganzes Leben zu. Sie beklettern die Baumschäfte wie die Spechte, klettern auch wagerecht auf den Ästen dahin, steigen aber niemals, wie die Spechtmeisen, kopfabwärts nach unten. Die meisten sind einsam lebende und stille Vögel, welche ihrer Nahrung nachgehen, ohne sich sehr bemerklich zu machen. Gewöhnlich trifft man sie paarweise, nur nach dem Ausfliegen der Jungen familienweise an. Einzelne vereinigen sich zuweilen mit fremdartigen Vögeln und streifen mit diesen längere Zeit gemeinschaftlich im Walde umher; andere scheinen jede Geselligkeit zu meiden. Kerbtiere, deren Eier, Larven und Puppen, Spinnen und ähnliche Geschöpfe bilden ihre Nahrung; zufällig verschlucken sie auch Samenkörner mit. Ihr schwacher Schnabel erlaubt ihnen, Ritzen und Spalten zu durchstöbern, nicht aber zu meißeln. Fast alle Arten brüten in Baumhöhlen und bauen hier ein ziemlich großes Nest. Unser Baumläufer, Baumrutscher, Baumreiter, Baumsteiger, Baumhäckel,
Baumgrille, Rindenkleber, Krüper (Certhia familiaris, brachydactyla, longicauda, fasciata, scandula, americana, costae, nattereri und turneri), ist auf der Oberseite dunkelgrau, weißlich betropft, auf der Unterseite weiß, der Zügel braungrau, ein
Streifen, welcher über das Auge verläuft, weiß, der Bürzel braungrau, gelblich rostfarben überlaufen; die Schwingen sind schwarzbraungrau, mit Ausnahme der vordersten durch einen weißen Spitzenflecken und eine weißgelbliche Mittelbinde gezeichnet, die Schwanzfedern braungrau, nach außen lichtgelb gesäumt. Das Auge ist dunkelbraun, der Oberschnabel schwarz, der Unterschnabel rötlich hornfarben, der Fuß rötlichgrau. Das Gefieder ist haarartig zerschlissen und seidenweich. Die Länge beträgt 13, die Breite 18, die Fittichlänge 6/¾1, die Schwanzlänge 5,5 em. Das Verbreitungsgebiet des Baumläufers erstreckt sich über ganz Europa, Sibirien und Nordamerika, soweit die Waldungen reichen, und umfaßt außerdem Nordwestafrika, Baumläufer: Verbreitung. Wesen. 195
Baumläufer (Certhia familiaris). 936 natürl. Größe.
Kleinasien, Palästina, vielleicht auch Nordpersien. Nach Art anderer Strichvögel bewohnt er während der Fortpflanzungszeit ein sehr enges Gebiet; später streicht er oft in Gesellschaft mit Meisen, Goldhähnchen, Kleibern und Spechten umher; immer aber unternimmt er nur kürzere Wanderungen. Wie alle Klettervögel ist er fortwährend in Thätigkeit und demzufolge auch in beständiger Bewegung. Geschäftig und gewandt klettert er an den Bäumen empor, oft in gerader Linie, oft auch in Schraubenwindungen, untersucht dabei jede Spalte und jede Ritze der Rinde, steckt sein feines Schnäbelchen zwischen das Moos und die Flechten und weiß so überall ein wenig Nahrung zu erbeuten. Sein Klettern geschieht ruckweise, aber mit größter Leichtigkeit, und er ist fähig, auch auf der unteren Seite der Aste dahinzulaufen. Zum Boden herab kommt er selten, und wenn es geschieht, hüpft er hier sehr ungeschickt herum. Sein Flug ist ungleichförmig, aber ziemlich schnell; doch fliegt auch er ungern über weite Strecken, sondern lieber von dem Wipfel des einen Baumes zum Stammende des nächsten herab, indem er sich mit einem Schwunge von oben nach unten stürzt, kurze Zeit hart über dem Boden dahinschießt, sich wieder etwas hebt und einen Augenblick 13*
später wie früher an dem Baume klebt. Die gewöhnliche Stimme ist ein leises „Sit“, dem Laute, welchen die Meisen und Goldhähnchen hören lassen, sehr ähnlich; der Lockton klingt stärker, wie „sri“; der Ausdruck seines Vergnügens ist eine Zusammensetzung des „Sit sri“ und eines kurzen, scharfen „Zi“. Bei schönem Frühlingswetter setzt das Männchen diese verschiedenen Laute in einförmiger und langweiliger Weise zusammen; man ist jedoch kaum berechtigt, das ganze Tonstück Gesang zu nennen. Vor dem Menschen zeigt er nicht die geringste Scheu. Er kommt furchtlos in die Gärten herein, beklettert die Mauern der Gebäude ebensowohl wie die Baumstämme und nistet gar nicht selten in passenden Höhlungen des Gebälkes der Häuser. Doch merkt auch er bald, ob der Mensch ihm wohl will oder nicht. Da, wo er des Schutzes sicher ist, läßt er den Erzfeind der Tiere bis auf wenige Schritte herankommen; an anderen Orten sucht er sich der Beobachtung zu entziehen, indem er soviel wie möglich auf die dem Menschen abgekehrte Seite des Baumes hüpft. Solange die Witterung einigermaßen günstig ist, beweist er durch sein ganzes Gebaren außerordentliche Fröhlichkeit; bei naßkalter Witterung aber oder im Winter bei Rauhfrost merkt man ihm die Unbehaglichkeit deutlich genug an. Möglicherweise behelligt ihn vor allem die Beschmutzung des Gefieders, welche bei derartigem Wetter unvermeidlich ist; denn auch er hält sich reinlich, solange er es vermag. Seine Nachtruhe pflegt er in Baumhöhlungen zu halten. Das Nest steht in einer Höhle, Spalte oder Ritze, wie sich solche gerade findet. Nicht immer brütet der Baumläufer in Baumhöhlen, sondern häufig auch in geeigneten Spalten, unter Hausdächern oder zwischen den Brettern, welche im Gebirge die Wände der Gebäude schuͤtzen, oder auch in Holzstößen, zwischen dem Stamme und der losgetrennten Borke ꝛc. Je tiefer die Höhlung ist, um so angenehmer scheint sie ihm zu sein. Das Nest selbst richtet sich nach dem Standorte und ist demgemäß bald groß, bald klein. Es besteht aus dürren Reiserchen, Halmen, Grasblättern, Baumbast, Stroh und dergleichen, welche Stoffe mit Raupengespinst und Spinnenweben durchflochten sind, und wird innen mit feinen Fasern von Bast, Werch und einer Menge von Federn verschiedener Größe ausgefüttert. Die eigentliche Mulde ist nicht sehr tief, der Napf aber stets rund und sauber ausgearbeitet, so daß das Nest immerhin zu den künstlicheren gezählt werden muß. Das Gelege enthält 89 etwa 16 mm lange, 12 mm dicke, auf weißem Grunde fein rot gepunktete Eier, welche denen der kleinen Meisen täuschend ähnlich sind. Beide Geschlechter brüten, und beide füttern ihre zahlreiche Brut mit unsäglicher Anstrengung heran. Die Jungen bleiben lange im Neste sitzen, verlassen es aber, wenn sie gestört werden, noch ehe sie fliegen können, und suchen sich dann kletternd zu helfen, verbergen sich auch mit überraschender Schnelligkeit sozusagen vor den Augen des Beobachters und zwar so meisterhaft, daß sie schwer wieder aufzufinden sind. Die Alten führen sie nach dem Ausfliegen noch lange Zeit, und die Familie gewährt dann dem Beobachter ein höchst angenehmes Schauspiel. Sie ist, wie Naumann sagt, „ein lustiges Völkchen, die geschäftigen und äußerst besorgten Alten mit den vielen Jungen um sich, alle oft an einem großen oder an einigen nahe beisammen stehenden Bäumen versammelt, bald diesem, bald jenem Jungen ein aufgefundenes Kerbtier reichend oder von diesen beim emsigen Aufsuchen eines neuen verfolgt. Die verschiedenen Stimmen der Alten, zumal wenn sich ein vermeintlicher Feind zeigt, und ihr ängstliches Betragen dabei, die Abwechselungen und ihre possierliche Eilfertigkeit bei allen ihren Verrichtungen gewähren dem, welcher darauf achtet, die angenehmste Unterhaltung.“ Das Baumläuferpaar brütet zweimal im Laufe des Sommers, das erste Mal im März oder zu Anfang April, das zweite Mal im Juni; das Gelege der zweiten Brut zählt aber immer weniger Eier als das erste, oft nur ihrer 3—5. Für die Gefangenschaft eignet sich der Baumläufer wenig. Der Fang verursacht dem Geübten wenig Mühe. Es genügt, einige Schweinsborsten mit Vogelleim zu bestreichen und 2
an gewissen Lieblingsbäumen anzubringen, um das Vögelchen zu berücken. Von einer Jagd auf den Baumläufer kann keine Rede sein, denn höchstens der Naturforscher darf sich für berechtigt halten, den nur Nutzen bringenden liebenswürdigen Vogel zu töten. Die meisten Vogelkundigen betrachten einen der wundersamsten Vögel der Erde, unseren
Mauerläufer, Alpen- oder Mauerspecht (Tichodroma muraria, phoenicoptera,
Mauerläufer (Tichodroma muraria). 1½2 natürl. Größe.
macrorhynchos, media, brachyrhynchos, europaea, nipalensis und subhimalayana, Certhia muraria), als einen Baumläufer. Seine Gattung kennzeichnet sich durch eher gedrungenen als gestreckten Leib, kurzen Hals, großen Kopf, sehr langen, dünnen, fast runden, nur an der Wurzel kantigen, vorn spitzigen, sanft gebogenen Schnabel, ziemlich starke Füße mit schlanken Zehen, welche mit sehr großen, stark gebogenen, feinen und spitzigen Krallen bewaffnet sind, mittellange, breite, kurze und abgerundete Flügel, in denen die erste Schwinge sehr kurz und die vierte oder die fünfte die längste ist, kurzen, aus weichen, breiten, an der Spitze abgerundeten Federn bestehenden Schwanz und lockeres, zerschlissenes, seidenweiches