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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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in der Luft auszuführen braucht. Daß ihm der Flug nicht sauer wird, sieht man deutlich daran, daß er sehr oft um die Wipfel der Bäume und ohne erkennbare Ursache zuweilen von einem Berge zum anderen fliegt. Auf dem Striche legt er oft eine Strecke von Km, ohne sich niederzusetzen, zurück. Zuweilen klettert er lange Zeit hoch auf den Bäumen herum und wird dann nicht leicht gesehen; zuweilen ist er so zutraulich, daß er wenige Schritte vor dem Menschen sein Wesen treibt.“ Er ist beständig fröhlich und guter Dinge, und wenn er wirklich einmal traurig aussieht, so beweist er im nächsten Augenblicke, daß dies nur Schein war; denn traurig wird er in der That erst dann, wenn er wirklich krank ist. Gewöhnlich macht er den Eindruck eines munteren, regsamen, zugleich eines listigen und verschlagenen Vogels. „Ein Hauptzug in seinem Wesen“, fährt mein Vater fort, „ist Liebe zur Gesellschaft, aber nicht sowohl zu seinesgleichen, sondern zu anderen Vögeln, namentlich zu den Meisen und Baumläufern. Mehr als 2, 3 oder 4 Kleiber habe ich, wenn nicht die ganze Familie noch vereinigt war, nie zusammen angetroffen. Sie sind, da sie ihre Nahrung mühsam aufsuchen müssen, hier und da verteilt und gewöhnlich die Anführer der Finken, Hauben- und Tannenmeisen, unter welche sich auch oft die Sumpfmeisen, die Baumläufer und die Goldhähnchen mischen.“ Mitunter schließt sich ein vereinzelter Buntspecht der Gesellschaft an und hält dann längere Zeit gute Gemeinschaft. „Welches von diesen so verschiedenartigen Gliedern der Gesellschaft der eigentliche Anführer ist“, fügt Naumann hinzu, „oder welches die erste Veranlassung zu solcher Vereinigung gab, läßt sich nicht bestimmen. Einer folgt dem Rufe des anderen, bis der Trieb zur Fortpflanzunt g in ihnen erwacht und die Gesellschaft auflöst.“ Diese Genossenschaften sind in allen unseren Wäldern sehr gewöhnliche Erscheinungen, und wer einmal den bezeichnenden Lockruf unseres Kleibers kennen gelernt hat, kann sie, durch ihn geleitet, leicht auffinden und selbst beobachten. Es herrscht eigentlich kein inniges Verhältnis unter der Gesamtheit, aber doch ein entschiedener Zusammenhang; denn man trifft dieselben Vögel ungefähr in der gleichen Anzahl tagelang nacheinander an verschiedenen Stellen an. Der Lockton ist ein flötendes, helles „Tü tü tü“, der gewöhnliche Laut aber, welcher fortwährend gehört wird, ohne daß er eigentlich etwas besagen will, ein kurzes und nicht weit hörbares, aber doch scharfes „Sit“. Außerdem vernimmt man Töne, welche wie „zirr twit twit twit“ oder „twät twät twät“ klingen. Der Paarungsruf besteht aus sehr schönen, laut pfeifenden Tönen, welche weit vernommen werden. Das „Tü tü“ ist die Hauptsache; ihm wird „quü quü“ und „tirrr“ zugefügt. Das Männchen sitzt auf den Baumspitzen, dreht sich hin und her und stößt das „Tü“ aus; das Weibchen, welches sich möglicherweise am Stamme befindet, äußert sich durch „twät“. Dann fliegen beide miteinander herum und jagen sich spielend hin und her, bald die Wipfel der Bäume umflatternd, bald auf den Asten sich tummelnd und alle ihnen eignen Kletterkünste entfaltend, immer aber laut rufend. Unter solchen Umständen ist ein einziges Paar dieser liebenswürdigen Vögel im stande, einen ziemlich großen Waldesteil zu beleben. Der Kleiber frißt Kerbtiere, Spinnen, Sämereien und Beeren und verschluckt zur Beförderung der Verdauung Kies. Erstere liest er von den Stämmen der Aste ab, sucht sie aus dem Moose oder den Rissen der Borke hervor und fängt sie auch wohl durch einen raschen Schwung vom Aste, wenn sie an ihm vorbeifliegen. Zum Zimmern nach Art der Spechte ist sein Schnabel ungeeignet; er meißelt keine Baumlöcher aus, wohl aber spaltet er ziemlich große Rindenstücke ab. Bei seiner Kerbtierjagd kommt er nicht selten unmittelbar an die Gebäude heran, klettert auf diesen umher und hüpft wohl sogar in die Zimmer herein. „Ebenso gern wie Kerbtiere“, sagt mein Vater, „frißt er auch Sämereien, namentlich Rotbuchen- und Lindennüsse, Ahorn-, Kiefern-, Tannen- und Fichtensamen, Eicheln, Gerste und

Hafer. Bei völlig geschlossenen Zapfen kann er zu dem Samen der Nadelbäume nicht gelangen; sobald aber die Deckelchen etwas klaffen, zieht er die Körner hervor und verschluckt sie. Den Tannensamen, welchen außer ihm wenige Vögel fressen, scheint er sehr zu lieben. Wenn unsere alten Tannen reifen Samen haben, sind ihre Wipfel ein Lieblingsaufenthalt der Kleiber. Den ausgefallenen Holzsamen lesen sie vom Boden auf, die Gerste und den Hafer spelzen sie ab, und die Eicheln zerstückeln sie, ehe sie diese Früchte verschlucken. Hafer und Gerste scheinen sie nicht sehr zu lieben, sondern mehr aus Not zu verzehren; denn man findet dieses Getreide selten in ihrem Magen. Rotbuchen- und Lindennüsse fressen sie sehr gern und heben sie auch für nahrungslose Zeiten auf. „Ich habe die Kleiber oft mit Vergnügen auf den mit Nüssen beladenen Rotbuchen beobachtet. Ihrer 2—3 halten sich in der Nͤähe einer samenreichen Buche auf, fliegen abwechselnd auf sie, brechen mit dem Schnabel eine Nuß ab und tragen sie auf einen nahestehenden Baum, in welchen sie ein zum Einklammern von Nüssen passendes Loch angebracht haben, legen sie dahinein, halten sie mit den Vorderzehen, hacken sie auf und verschlucken den Kern. Jetzt lassen sie die Schale fallen und holen sich eine andere Nuß, welche auf gleiche Weise bearbeitet wird. Dies geht oft stunden-, ja tagelang fort und gewährt wegen der beständigen Abwechselung, welche durch das Hin- und Herfliegen, das Abbrechen und Aufhacken der Nüsse entsteht, ein recht angenehmes Schauspiel. Die Hasel-, Linden- und Ahornnüsse behandelt der Kleiber auf ähnliche Weise. Sein feiner Geruch zeigt ihm stets so richtig an, ob die Nuß voll ist oder nicht, daß er nie eine leere abbricht. Das Durchbrechen der harten Schale einer Haselnuß kostet ihm einige Mühe; aber mit einer Linden-, Rotbuchen- oder Ahornnuß ist er schnell fertig. Sonderbar sieht es aus, wenn er die Nüsse fortträgt. Es geschieht stets mit dem Schnabel, den er, um eine Haselnuß zu fassen, ziemlich weit auf sperren muß.“ Naumanns Beobachtungen zufolge liest er im Winter die abgefallenen Kirschkerne vom Boden auf und zerspaltet auch sie, um zu dem Inneren zu gelangen, oder sucht in den Gärten mit den Meisen nach den Kernen der Sonnenblumen, nach Quecken und Hanfsamen, welch letzterer ein Leckerbissen für ihn zu sein scheint. Nach Snell frißt er die giftigen Beeren der Zaunrübe, und die Knaben pflegen daher an manchen Orten mit den Ranken dieser Pflanzen die Meisenkasten zu umwinden, um durch die weithin sichtbaren roten Beeren den Kleiber anzulocken. Hayden beobachtete ferner, daß er im Winter häufig die Larven der Buchengallmücke vom Boden aufnimmt. Diese allgemein bekannte, kegelförmige Galle gedachter Mücke befindet sich oft in großer Menge auf der Oberseite der Buchenblätter, wird im Herbste holzartig und fällt dann von den Blättern ab. Die Kleiber und die Meisen suchen sie emsig unter den Bäumen zusammen, hacken gewöhnlich an der Seite der Spitze ein Loch in den Mantel und sind so im stande, die darin befindliche Made herauszuholen. Gewöhnlich ist die eingebohrte Offnung so klein, daß die Made kaum mit dem Schnabel, sondern wahrscheinlich nur mit der Zunge herausgezogen werden kann. Als sonderbar hebt Hayden hervor, daß der Vogel stets den harten, holzartigen Teil an der Gallenspitze aufhackt, nicht aber die Stelle bearbeitet, welche nur durch ein dünnes, papierartiges Gespinst der Larve geschlossen ist. „Seine Vorratskammer“, fährt mein Vater fort, „ist nach den Umständen bald der Spalt eines Baumes, bald ein anderer Ritz, zuweilen sogar das Dach eines Hauses. Er trägt aber nicht viele Nüsse an einen Ort, sondern steckt sie einzeln da und dorthin, ohne Zweifel, damit nicht der ganze Reichtum mit einem Male zu Grunde geht. Einmal diente das Strohdach eines Bauernhauses in hiesiger Gegend zum Nußlager eines Kleibers.“ Haacke beobachtete, daß gefangene Kleiber Hanfkörner in den Sand ihres Fluggebauers hineindrückten. Das Nest steht immer in Höhlungen, gewöhnlich in Baumlöchern, ausnahmsweise in Mauer⸗oder Felsritzen. Sehr gern benutzt der kluge Vogel die vom Meister Specht gezimmerten

Wohnungen zu seiner Kinderwiege, liebt aber nicht, daß die Thür seiner Behausung größer sei, als es für ihn nötig ist, und gebraucht deshalb ein höchst sinnreiches Mittel, um sich zu helfen, indem er den Eingang zu seinem Neste bis auf ein kleines Loch, welches für sein Ein- und Ausschlüpfen gerade groß genug ist, verkleibt. „Dies“, berichtet mein Vater ferner, „geschieht mit Lehm oder anderer kleberiger Erde, welche, wie bei den Schwalbennestern, durch den leimartigen Speichel angefeuchtet, verbunden und zusammengehalten wird. Er kommt mit dem Zukleiben seines Nestloches bald zu stande, indem er ein Klümpchen Lehm nach dem anderen im Schnabel hinträgt und es mit diesem, nachdem es ringsum mit dem Speichel angefeuchtet ist, festkllebt. Man glaubt einen kleinen Maurer zu sehen, welcher, um eine Thür zu verschließen, einen Stein nach dem anderen einlegt und festmacht. Diese Lehmwand hat 2 em und darüber in der Dicke und, wenn sie trocken ist, eine solche Festigkeit, daß man sie nicht mit dem Finger ausbrechen kann, sondern den Meißel gebrauchen muß, wenn man sie sprengen will. Das Eingangsloch, welches sich stets in der Mitte der Lehmwand befindet, ist kreisrund und so eng, daß ein Kleiber kaum durchkriechen kann. Ist das Nest einmal so weit fertig, dann ist es gesichert; nur die Spechte zerstören die Wand, wenn ihnen der Kleiber ihr Nestloch weggenommen hat. „Im Jahre 1819 hatte dieser kleine Vogel ein Schwarzspechtloch für seine Brut eingerichtet. Kaum war er damit fertig, so kam das Schwarzspechtpaar, um sein Nest zur neuen Brut zurecht zu machen. Das Weibchen näherte sich, staunte die Lehmwand an und zertrümmerte sie mit wenigen Schlägen. Überhaupt hat der Kleiber wegen der Behauptung seines Nestes, ehe dieses durch die Lehmwand gesichert ist, mit mehreren Vögeln zu kämpfen und muß ihnen oft weichen. So sah ich ein Kleiberpaar emsig bauen, aber noch ehe es das Eingangsloch verkleiben konnte, kamen ein paar Stare und vertrieben die schwachen Spechtmeisen in kurzer Zeit.“ Die Vollendung des Baues scheint bei beiden Gatten hohe Freude zu erregen. „Das Männchen“, sagt Päßler, „sitzt in der Nähe der gewählten Nisthöhle und jauchzt seinen Paarungsruf in die Luft, während das Weibchen eifrig ein- und ausschlüpft.“ Man meint es ihnen aber auch anzumerken, daß sie nicht bloß erfreut sind, sondern sich auch vollkommen sicher fühlen. So untersuchte Prahle ein Nest und klopfte, um sich zu vergewissern, ob es bewohnt sei, unten an den Stamm. Der Vogel kam mit halbem Leibe aus dem Loche heraus, betrachtete den Forscher eine Weile neugierig und schlüpfte dann mit dem Gefühle der vollsten Sicherheit wieder in das Innere zurück. Dieses Spiel wiederholte sich noch einige Male, und erst, als der Baum erstiegen wurde, flog er ab. „Das Nest“, schließt mein Vater, „welches nach der Weite der Höhlung, in welcher es steht, bald einen großen, bald einen kleinen Umfang hat, ist stets von sehr trockenen, leichten Stoffen gebaut. In Laubhölzern besteht es aus Stückchen von Buchen- und Eichenblättern, in Nadelwäldern immer aus äußerst dünnen Stückchen Kiefernschale, welche, da sie nicht eng verbunden werden können, so locker übereinander liegen, daß man kaum begreift, wie die Eier beim Aus- und Einfliegen des Vogels zusammen und oben auf den Schalen gehalten werden können. Man sollte denken, sie müßten unter dem Wuste dieser dünnen Schalenblättchen begraben werden.“ Auf dieser schlechten Unterlage findet man in den letzten Tagen des April oder in den ersten des Mai 6—9 etwa 19 mm lange, 14 mm dicke, auf kalkoder milchweißem Grunde äußerst fein mit hell- oder dunkler roten bald schärfer hervortretenden, bald verwaschenen Pünktchen gezeichnete Eier, welche mit denen der Meisen viel Ahnlichkeit haben. Das Weibchen bebrütet sie allein und zeitigt sie in 1314 Tagen. Die Jungen werden von beiden Eltern mit Kerbtieren, namentlich mit Raupen, groß gefüttert, wachsen rasch heran, sitzen aber so lange im Neste, bis sie völlig fliegen koͤnnen. Nach dem Ausfliegen halten sie sich noch längere Zeit zu den Alten, von denen sie ernährt, vor Gefahren gewarnt und unterrichtet werden. Nach der Mauser verteilen sie sich.

Der Kleiber geht ohne Umstände in den Meisenkasten, wenn dieser durch Hanf oder Hafer geködert wurde, kommt mit den Meisen auf den Meisentanz, fängt sich in Spren-⸗ keln, auf Leimruten oder auf dem Vogelherde, zufällig auch wohl in den Zimmern der Häuser, welche er unvorsichtigerweise besuchte, scheint den Verlust seiner Freiheit leicht zu verschmerzen, nimmt ohne weiteres Futter an, macht wenig Ansprüche und behält auch im Käfige die Anmut seines Wesens bei. Mit anderen Vögeln verträgt er sich vortrefflich. Um die, welche ihm nicht zusagen, bekümmert er sich nicht, und mit denen, deren Gesellschaft er auch in der Freiheit aufsucht, hält er gute Freundschaft. So vereinigt er treffliche Eigenschaften eines Stubenvogels und erwirbt sich bald die Gunst des Liebhabers. Nur seine ewige Unruhe und nnersättliche Arbeitslust kann ihn unangenehm werden lassen.

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