Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
in eine oder mehrere Gabeln spaltet. Zwischen dieser Gabelung werden die Seitenwände angelegt, welche daran ihren Halt finden. Der Vogel setzt sodann die Filzwirkerei so lange fort, bis die über die Gabelspitzen herabhängenden Seitenwände unten zusammengezogen werden können und einen flachen Boden bilden. Das Nest hat jetzt die Gestalt eines flachrandigen Körbchens, und solche Nester sind es, welche man früher als Vergnügungsnester der Männchen angesehen hat. Der hierzu gebrauchte Stoff ist Pappel- oder Weidenwolle mit eingewirkten Bastfäden, Wolle und Haaren; die Samenwolle wird durch den Speichel geballt und ineinander gezupft. Das Nest hat jetzt die Gestalt eines Körbchens mit dickerem, abgerundetem Boden. Nun beginnt der Bau der einen Seitenöffnung, welche bis auf ein kleines rundes Loch geschlossen wird. Währenddem wird auch die andere Seite von unten heraufgeführt. Die eine der runden Offnungen wird nunmehr mit einer Röhre, welche 2 bis S em lang ist, versehen, während die andere noch geöffnet bleibt und nur am Rande geglättet und verfilzt wird. Sodann wird die eine Offnung geschlossen; doch sah ich auch ein Nest mit doppelter Röhre. Zuletzt wird der innere Boden des Nestes noch mit lockerer, ungeballter Blütenwolle dick ausgelegt, und nun endlich ist der Bau vollendet. Das Nest stellt jetzt einen runden Ball oder Beutel dar von 15—20 em Höhe und 10— 12 em Breite, an welchem, dem Halse einer Flasche ähnlich, der bald herabgebogene und an das Nest angeheftete, bald wagerecht abstehende, runde Eingang befestigt ist. Ein solches Nest kann unmöglich mit dem eines anderen Vogels verwechselt werden, und deshalb wissen wir auch ganz genau, daß die Beutelmeise wiederholt bei uns in Deutschland genistet hat.“ Sehr erklärlich ist, daß der künstliche Bau die Aufmerksamkeit der Menschen in hohem Grade erregt. Die Mongolen zum Beispiele legen, wie uns Radde mitteilt, den Nestern der Beutelmeise besondere Heilkräfte zu. „Um Wechselfieber zu heilen, läßt man den Rauch, den ein verkohltes Stückchen entbindet, einatmen; das im heißen Wasser geweichte Nest wird zum Heilen rheumatischer Übel angewendet, indem man es auf die schmerzenden Körperstellen legt. Außerdem glauben die Mongolen, daß, im Falle das Nest zwei Offnungen besitzt, die darin wohnenden Gatten in Unfrieden leben, dagegen, wenn, wie gewöhnlich, eine Offnung da ist, daß das Männchen in dieser während der Brutzeit wacht.“ Baldamus fand nie mehr als 7 Eier, auch immer 7 Junge in einem Neste. Die Schale der etwa 16 mm ilangen, 1Umm dicken Eier ist äußerst zart und dünn, ohne starken Glanz und feinkörnig, ihre Färbung ein schneereines Weiß, welches aber, solange der Inhalt nicht entfernt wurde, blaßrötlich erscheint. Beide Gatten brüten, nach Angabe eines ungarischen Beobachters, abwechselnd, und beide füttern ihre Jungen gemeinschaftlich groß, hauptsächlich mit zarten Räupchen und fliegenden Kerfen, besonders solchen aus dem Mückengeschlechte. „Ich habe“, sagt Baldamus, „14 Junge längere Zeit immer zusammengehabt und mit süßem Käse und untermengten zerriebenen Hühnerherzen erhalten. Sie gingen sämtlich sogleich ans Futter, waren stets zutraulich und zahm, stets hungrig und kamen sofort aus ihrem Neste hervor und mir zugeflogen, sobald ich nach kurzer Abwesenheit wieder ins Zimmer trat. Zwar starben auch mir bei sorgfältiger Abwartung einige; es unterliegt indes keinem Zweifel, daß die niedlichen Vögel aufgefüttert werden können.“ Daß Baldamus hierin recht hat, geht aus anderen Beobachtungen hervor; immerhin aber gehört die Beutelmeise zu den hinfälligsten Stubenvögeln. An die Meisen schließen sich die Baumläufer (Certhiidae), ausgezeichnet durch lange, mit schlanken Krallen bewaffnete Zehen. Wir unterscheiden zwei Unterfamilien.
Spechtmeisen oder Kleiber (Sittinae) nennen wir die aus ungefähr 30 Arten bestehende Unterfamilie, deren Merkmale die folgenden sind: der Schnabel ist mittellang, keilkegelförmig und spitzig, auf dem Firste gerade, an der Dillenkante seicht gewölbt, der kurzläufige und sehr langzehige Fuß mit großen, spitzigen, stark gekrümmten Nägeln bewehrt, der Fittich, unter dessen Schwingen die dritte und vierte die Spitze bilden, breit und stumpf, der Schwanz kurz und breit, das Gefieder reichhaltig und weich. Die Zergliederung ergibt große Übereinstimmung des Baues mit dem anderer Singvögel. Die Wirbelsäule besteht aus 12 Hals⸗, 8 Rippen⸗ und 7 Schwanzwirbeln. Die Hinterglieder zeigen auch im Gerippe ihre bedeutende Entwickelung. Luftführend sind nur die Hirnschale und die Oberarmknochen. Die Zunge ist lang, aber nicht wurmartig, breit, niedrig, oben gefurcht, vorn stumpf gespalten und in mehrere Fasern zerrissen, reicht in ihrer gewöhnlichen Lage bis zur halben Schnabellänge hervor, läßt sich jedoch über die Schnabelspitze vorstrecken. Der Vormagen ist kurz, der Magen fleischig. Die Spechtmeisen fehlen, soweit bis jetzt bekannt, in Mittel- und Südafrika wie in Südamerika, beleben vorzugsweise, aber nicht ausschließlich Waldungen und klettern an den Bäumen auf und nieder oder laufen an den steilsten Felsenwänden auf und ab. Vielleicht sagt man nicht zu viel, wenn man sie als die vollendetsten aller Klettervögel bezeichnet, da sie den Spechten in dieser Fertigkeit nicht nur nicht im geringsten nachstehen, sondern sie in einer Hinsicht noch übertreffen; sie verstehen nämlich die schwere Kunst, an senkrechten Flächen von oben nach unten herabzuklettern, was außer ihnen kein anderer Vogel vermag. „Ihre Fertigkeit im Klettern“, sagt mein Vater, „habe ich oft um so mehr bewundert, als sie aus der Einrichtung ihrer Füße und ihres Schwanzes nicht hervorzugehen scheint. Die Gestalt der Spechte kann als die Grundgestalt der Klettervögel betrachtet werden. Ihre starken, kurzen, mit gepaarten Zehen und großen, scharf gekrümmten Nägeln versehenen Füße, ihr keilförmiger, aus harten, zurückschnellenden Federn bestehender Schwanz, ihr meist schlanker, niedriger Körper setzen sie in den Stand, mit der größten Schnelligkeit und Sicherheit an den Bäumen hinaufzuhüpfen. Die ganze Einrichtung ist so zweckentsprechend, daß man meint, es könnte daran nichts verändert werden, ohne daß ein leichtes Klettern unmöglich würde. Bei den Kleibern aber ist vieles anders. Ihre Füße sind länger und von den Zehen drei vorwärts gerichtet; ihr Leib ist kurz, und der Schwanz hat so schwache und biegsame Federn, daß er beim Klettern durchaus keine Stütze abgeben kann. Und doch klettert der Kleiber nicht nur ebenso geschickt wie die Spechte an den Bäumen hinauf, sondern sogar an ihnen herab und hängt sich oft mit niederwärts gerichtetem Kopfe so fest an den Stamm an, daß er in dieser Stellung eine Buchen- oder Haselnuß aufknacken kann. Dies ermöglicht einzig und allein die Gestalt der Zehen und Nägel. Die Zehen nämlich sind ungleich länger als bei den Spechten und bedecken also eine viel größere Fläche: die Spitzen des Nagels der Mittel- und Hinterzehe liegen bei ausgespreizten Zehen fast so weit auseinander, wie der Leib lang ist, haben sehr große, im Halbkreise gekrümmte, nadelspitzige Nägel und unten mehrere Ballen. Vermöge dieser Einrichtung können sie beim Klettern einen verhältnismäßig großen Umfang umklammern, welcher natürlich mehr Unebenheiten und also mehr Anhaltspunkte darbietet. Auch die Warzen an der Sohle befördern offenbar das feste Anhalten, und die Verbindung der Zehenwurzeln hindert das zu weite Auseinan—⸗ dergehen der Zehen und verstärkt also ihre Kraft. Da nun die Einrichtung der Kletterwerkzeuge des Kleibers ganz anders ist als bei den Spechten, so ist auch die Art seines Kletterns von der dieser Vögel sehr verschieden. „Die letzteren stemmen sich beim Hinaufreiten an dem Baumstamme stark an den Schwanz und tragen die Brust weit vom Stamme abstehend; der Kleiber hingegen verläßt sich bloß auf seine Füße und hält den Schwanz beinahe ebensoweit wie die Brust vom Baumstamme
ab, an welchem er hinaufhüpft. Auch die Fähigkeit, an den Bäumen abwärts zu klettern und sich an ihnen mit niederwärts gerichtetem Kopfe anzuhängen, wird aus der Beschaffenheit seiner Füße erklärlich. Die Hinterzehe ist mit ihrem großen Nagel sehr geschickt weit oben einzuhaken, während die Vorderzehe tief unten eingreift und das Überkippen des Körpers verhindert. Bei den Spechten stehen zwar zwei Zehen hinten, aber sie sind getrennt, und die große ist mehr seitlich als gerade nach hinten gerichtet; dabei sind die Vorderzehen, mit denen des Kleibers verglichen, kurz. Wollte sich nun ein Specht verkehrt an den Baum hängen, so würde oben der feste Anhaltspunkt, welchen der Kleiber mit dem großen Nagel seiner gerade nach hinten gerichteten, langen Hinterzehe erreichen kann, fehlen, und die Vorderzehen würden viel zu weit oben eingreifen, als daß der Vogel ohne die größte Anstrengung in dieser Stellung auszuhalten, geschweige sich leicht zu bewegen im stande wäre. Die ihm so wichtige Schwanzstütze müßte natürlich, wenn er sich ihrer bedienen wollte, sein Überkippen befördern. Man sieht, daß ein Vogel, welcher mit gleicher Geschicklichkeit an den Bäumen hinauf⸗- und herabklettern sollte, nicht anders als der Kleiber gestaltet sein kann. Die Eigentümlichkeit seines Fußbaues ermöglicht ihm aber noch eine dritte Bewegung, ein leichtes Herumhüpfen auf den Zweigen und auf dem Boden.“ Soviel bis jetzt bekannt, sind alle Arten der Unterfamilie Strichvögel, welche nur außer der Brutzeit in einem kleinen Gebiete hin- und herwandern, im ganzen aber jahraus jahrein an einer und derselben Stelle sich halten. Wo hohe alte Bäume oder unter Umständen Felswände ihnen genügende Nahrung bieten, fehlen sie gewiß nicht, denn sie steigen auch ziemlich hoch im Gebirge empor. Ihre Nahrung besteht aus Kerbtieren und Pflanzenstoffen, namentlich aus Sämereien, welche sie von den Bäumen und von Felsenwänden wie vom Erdboden aufnehmen. Sie nisten in Baum- oder Felslöchern, deren Eingang fast regelmäßig mit Lehm und Schlamm überkleidet wird. Das Gelege besteht aus 6—9 auf lichtem Grunde rot gepunkteten Eiern. Die für uns wichtigste Art, der Kleiber oder Blauspecht, welcher auch wohl Spechtmeise, Holz- oder Baumhacker, Baumpicker, Baumritter, Baumreuter oder
Baumrutscher, Maispecht, Chlän, Gottler oder Tottler genannt wird (Sitta caesia, affinis, advena, coerulescens, pinetorum und foliorum), ist auf der Oberseite bleigrau, auf der Unterseite rostgelb; ein schwarzer Streifen zieht sich durch die Augen und W auf den Kopfseiten bis zum Halse herunter; Kinn und Kehle sind weiß, die seitlichen We chen- und die Unterschwanzdeckfedern kastanienbraun, die Schwingen bräunlich Wwesattr licht gesäumt, die vordersten auch an der Wurzel weiß, die mittleren Schwanzfedern aschgraublau, die übrigen tiefschwarz mit aschblauer Spitzenzeichnung, die ersten auf der Außenfahne mit einer weißlichen Stelle vor der grauen Spitze und einem großen, viereckigen, weißen Flecken auf der Innenfahne. Das Auge ist nußbraun, der Schnabel oben hornschwarz, unten bleigrau, der Fuß horngelblich. Die Länge beträgt 16 em, die Breite 26, die Fittichlänge 8, die Schwanzlänge 4 em. Das Weibchen unterscheidet sich durch den schmäleren schwarzen Augenstrich, den lichteren Unterkörper und die geringere Größe. Früher nahm man an, daß Europa nur von einer einzigen Art dieser Gattung, deren Kennzeichen die oben angegebenen der Familie sind, bewohnt wird; gegenwärtig unterscheidet man ziemlich allgemein den größeren, oberseits blaugrünen, unterseits unrein weißen, an den Schenkelseiten rostrot gefärbten, an den Unterschwanzdeckfedern ebenso gesäumten
Nordkleiber (Sitta europaea), welcher Skandinavien und Nordrußland bewohnt, und den ihm sehr ähnlichen, aber bedeutend kleineren Seidenkleiber (Sitta sibiriea, uralensis, asiatica und sericea), welcher in Ostrußland und Sibirien bis Japan lebt, als besondere Arten.
Unser Kleiber fehlt im Norden Europas, findet sich aber von Jütland an bis Südeuropa allerorten. Er lebt nirgends in größeren Gesellschaften, sondern paarweise oder in sehr kleinen Familien und endlich mit anderen Vögeln vereinigt. Gemischte, hochstämmige Waldungen, in denen es aber nicht gänzlich an Unterholz fehlt, bevorzugt er allen übrigen Ortlichkeiten. Er scheut die Nähe des Menschen nicht und findet sich vor den Thoren oder in den belaubten Spaziergängen der Städte ebenso zahlreich wie im einsamen Walde. Im Sommer kann ihn eine einzige Eiche stundenlang fesseln und ihm volle Beschäftigung geben; im Herbste ergreift auch ihn der Reisedrang, und er dehnt dann seine Streifereien etwas
Kleiber (Sitta caesia). %½8 natürl. Größe.
weiter aus. Unter allen Umständen hält er sich an die Bäume, und nur im äußersten Notfalle entschließt er sich, eine baumleere Strecke zu überfliegen. Der Kleiber zeichnet sich durch seine Regsamkeit und Anspruchslosigkeit vor vielen anderen Vögeln sehr zu seinem Vorteile aus. „Bald hüpft er an einem Baume hinauf“, sagt mein Vater, „bald an ihm herab, bald um ihn herum, bald läuft er auf den Asten vor oder hängt sich an sie an, bald spaltet er ein Stückchen Rinde ab, bald hackt er, bald fliegt er: dies geht ununterbrochen in einem fort, so daß er, nur um seine Stimme hören zu lassen, zuweilen etwas ausruht. Seine Stellung ist gedrückt: er zieht fast immer den Hals ein, die Füße an und trägt die weichen und langen Federn locker aufeinander liegend, wodurch er ein plumpes und ungeschicktes Aussehen erhält. Daß er diesem Aussehen nicht entspricht, haben wir oben gesehen. Sein Flug ist leicht, doch nicht sehr schnell, mit stark ausgebreiteten Schwingen und starker Flügelbewegung, nicht selten flatternd. Er fliegt gewöhnlich nicht weit in einem Zuge; daran ist aber nicht Unvermögen, sondern der Umstand schuld, daß er, um von einem Baume zum anderen zu kommen, selten eine große Strecke