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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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Eine andere Art ist der Katzenvogel (Crateropus carolinensis, Galeoscoptes, Museicapa, Turdus, Orpheus und Mimus carolinensis), welcher sich einmal nach Helgoland verflog und deshalb unter den Vögeln Deutschlands aufgezählt wird. Seine Merkmale sind der schwache, etwas höher als breite, in der Endhälfte leicht gebogene, an der Spitze stärker abwärts gekrümmte Schnabel, der mäßig hohe, vorn quer getäfelte, mit wenig deutlichen, stark verwachsenen Schildern gedeckte, ziemlich kurzzehige Fuß, der kurze, runde Flügel, unter dessen Schwingen die vierte und fünfte die Spitze bilden, und der verhältnismäßig lange, stark abgerundete, aus fast gleich breiten, vor der Spitze allmählich erweiterten, stumpf abgerundeten Federn bestehende Schwanz. Die Länge des Katzenvogels beträgt 22, die Breite 30, die Fittichlänge 9 und die Schwanzlänge 10 em. Das Gefieder ist vorwaltend schiefergrau, unterseits, zumal auf der Bauchmitte, heller, das des Ober- und Hinterkopfes schwarz, der Unterschwanzdecken dunkel kastanienrotbraun; die Schwingen sind braunschwarz, innen fahl gerandet, die Schwanzfedern schwarz, die beiden äußersten am Ende schmal grau gesäumt. Die Iris ist braun, der Schnabel schwarz, der Fuß dunkel umberbraun. Vom Winipegsee an bis Florida bewohnt der Katzenvogel alle östlichen Vereinigten Staaten und besucht im Winter Mittelamerika, Westindien und die Bahama-Inseln. Schon im Februar beginnt er zurückzuwandern, erscheint um diese Zeit in Florida, Georgia und Carolina, reist langsam weiter und trifft in Virginien und Pennsylvanien im April, in

Neuengland endlich zwischen dem 1. und 10. Mai ein, um nunmehr in Buschwaldungen und Obstgärten seinen Sommerstand zu nehmen. In seinem Wesen und Gebaren ähnelt er den Spottdrosseln, ist, wie diese, ein lebhafter, unruhiger, neugieriger und streitlustiger Gesell, steht aber der Spottdrossel im Gesange bedeutend nach, obwohl das Lied in der Kehle bevorzugter Männchen immerhin eine gewisse Reichhaltigkeit erlangt. Besonders ausgezeichnet ist seine Nachahmungsgabe, welche sich oft bis zum Ergötzlichen steigern soll und demgemäß das Lied je nach der Gegend und der in ihr lebenden mehr oder minder guten Sänger wesentlich verändert. Während der eine den besseren Sängern ganze Strophen abstiehlt, begnügt sich der andere, das Pfeifen der Baumhühner, das Glucksen der Henne und das

Katzenvogel (Crateropus carolinensis). ½ natürl. Größe.

Piepen der Küchlein oder zufällig gehörte kreischende, knarrende und heisere Laute getreulich nachzuahmen, leiert dazwischen andere Strophen ab und bringt so einen Vortrag zu stande, der, wenn er auch nicht immer den Beifall der Kenner erringt, so doch unterhält und erheitert. Je nach der Lage des Sommerstandes beginnt der Katzenvogel früher oder später mit dem Aufbaue seines Nestes. Zur Brutstätte wählt er sich ein düsteres Dickicht oder einen versteckten Busch und errichtet hier in einer Höhe von 2—38 meüber dem Boden sein roh aus schwachen Zweigen, vertrocknetem Grase, dürren Blättern, Rindenstückchen, Schlangenhaut, Papier, Band und Lappen bestehendes, innen mit feinen Würzelchen ausgekleidetes Nest, legt 4—5 glänzend und tief smaragdgrüne Eier von 24 mm Länge und 17 mm Dicke und bebrütet sie mit größter Hingebung, wobei Männchen und Weibchen sich ablösen. Ebenso widmen sich beide Eltern eifrig der Ernährung, Pflege und Erziehung ihrer Jungen, bethätigen angesichts eines Feindes oder Störenfriedes großen Mut, stoßen kühn auf gefährliche Raubtiere, unter Umständen selbst auf den Menschen herab, schreien dabei kläglich,

kreischen und treiben nicht selten die Eindringlinge wirklich in die Flucht. Auf die erste Brut folgt eine zweite, in guten Jahren vielleicht noch eine dritte. Da der Katzenvogel sich mit denselben Stoffen ernährt wie die Spottdrossel, läßt er sich leicht in Gefangenschaft halten, wird auch, zumal jung aus dem Neste genommen und liebevoll aufgefüttert, ein ungemein zahmer, durch die Zierlichkeit seiner Bewegungen und die Anmut seines Wesens allgemein gefallender Stubengenosse.

Der Rot- oder Waldspötter, von den Amerikanern auch Drescher genannt (Pomatorhinus rufus, Harporhynchus, Turdus und Mimus rufus), vertritt die Gattung der Sicheltimalien und kennzeichnet sich durch kopflangen oder längeren, stärker oder schwächer gekrümmten ungekerbten Schnabel, kräftigen Fuß, dessen Lauf der Mittelzehe an Länge ungefähr gleichkommt, kurze, stark gerundete Flügel, unter deren Schwingen die vierte und fünfte die längsten sind, und langen, schmalen, stark gesteigerten Schwanz. Die Länge beträgt 27, die Breite 32, die Fittichlänge 11, die Schwanzlänge 13 em. Die ganze Oberseite, Flügel und Schwanz sind lebhaft rostrot, der Zügel und ein Augenstreifen, die Kopfund Halsseiten sowie die Unterteile rostgelblichweiß, letztere auf Kopf, Brust und Seiten mit dreieckigen, dunkelbraunen Schaftflecken gezeichnet, die Schwingen innen dunkelbraun rostfahl gerandet, die Arm- und größten Oberflügeldecken am Ende weiß gerandet, vor diesem dunkel quer gerändert, die äußersten Schwanzfedern am Ende rostgelblich verwaschen. Die Iris ist schwefelgelb, der Schnabel dunkelbraun, unterseits hellbraun, der Fuß bräunlichgelb. Von der Küste des Atlantischen Meeres bis zu dem Felsengebirge und vom Britischen Amerika bis nach Texas tritt der Rotspötter, welcher sich ebenfalls nach Helgoland verflogen hat, überall, nicht aber allerorten in Menge auf, ist vielmehr hier häufig und anderswo gänzlich unbekannt. In Neuengland und im Norden seines Verbreitungsgebietes überhaupt trifft er im Mai ein, verweilt während des Sommers und verläßt das Land im September wieder, um im Süden, selbst schon in Virginien, zu überwintern. In der Heimat grenzt sich jedes Paar seinen Standort ab und verteidigt ihn eifersüchtig gegen seine Nachbarn, obwohl diese bei gemeinschaftlicher Gefahr zu Hilfe gerufen werden, auch sofort solchem Rufe folgen und an der Befehdung eines Feindes nach Kräften teilnehmen. Innerhalb dieses Gebietes macht sich das Paar sehr bemerklich; denn auch der Rotspötter besitzt die Lebhaftigkeit seiner Verwandten. Als schlechter Flieger hält er sich vorzugsweise auf dem Boden auf, sucht hier, mit dem langen Sichelschnabel das abgefallene Laub umwendend und alle Verstecke durchstöbernd, seine Nahrung und flüchtet nur, um zu ruhen oder bei Gefahr, einem benachbarten Busche zu. Ausdrucksvolle Bewegungen mit Flügeln und Schwanz, namentlich Stelzen und Senken, Breiten und Zusammenlegen des letzteren, lassen ö ihn schon von weitem erkennen. Der Gesang wird von den Amerikanern hoch gerühmt, ist auch in der That laut, volltönend und abwechselnd, kann aber weder mit dem Liede unserer Drosseln noch auch mit dem Gesange der Spottdrossel wetteifern. Zur Nachahmung anderer Stimmen soll sich der Rotspötter nicht herbeilassen. In den südlichen Staaten brütet der Vogel zum ersten Male bereits im März, in Pennsylvanien nicht vor dem Mai, in Neuengland erst zu Ende dieses Monats. Das Nest steht an ähnlichen Orten und in annähernd gleicher Höhe wie das des Katzenvogels, ist sehr groß und ebenso roh gebaut, innen jedoch ziemlich sorglich ausgekleidet; das Gelege zählt in der Regel 4, bisweilen 5, selten 6 Eier von 27 mm Länge und 21 mm Dicke, welche auf weißem oder lichtgrünem Grunde mit kleinen, rötlichbraunen, gegen das dicke Ende hin zusammenfließenden und hier einen Ring bildenden Flecken gezeichnet sind. Beide Eltern brüten, beide widmen sich auch den ausgeschlüpften Jungen, und beide gebaren sich am .

G. Mützel gez. X. I. v. K. Jahrmargt. Deutsche Meisen. 1 Fink-, 2 Blau-, 3 Hauben-, 4 Sumpf- und 5 Tannenmeise.

Neste in ähnlicher Weise wie der Katzenvogel. Eines der Eltern, meist das Männchen, scheint beständig Wache zu halten, um jeden Feind rechtzeitig zu erspähen; beide aber vereinigen sich in den Bestrebungen, eine Gefahr nach besten Kräften abzuwehren, gebrauchen alle ihnen möglichen Ausdrücke der Klage, Bitte, des Flehens, der Warnung und wissen selbst rohere Menschen so zu rühren, daß sie sich enthalten, der Brut etwas zuleide zu thun. Die Jungen entschlüpfen dem Neste, ehe sie vollkommen flugbar sind, und verbergen sich bis zur Vollendung ihres Wachstums, treu geführt und behütet von beiden Eltern, in deckenden und sichernden Büschen. Jung aus dem Neste genommen und sorglich aufgefüttert, werden sie so zahm, daß man ihnen engere Haft ersparen kann, da sie, ohne zu entfliehen, nach Belieben aus und ein fliegen, auch wohl ihren Pfleger bei seinen Spaziergängen in Feld und Garten begleiten. Eine ziemlich scharf umgrenzte Familie bilden die Meisen (Paridae). Ihr Schnabel ist kegelförmig, gerade und kurz, auf dem Firste gerundet, an den Seiten zusammengedrückt, an den Schneiden scharf; die Füße sind stark und stämmig, die Zehen mittellang und kräftig, die Nägel verhältnismäßig groß und scharf gekrümmt, die Flügel, unter deren Schwingen die vierte und fünfte die Spitze bilden, kurz und gerundet; der Schwanz ist meist kurz und dann gerade abgeschnitten oder nur wenig ausgeschweift, zuweilen aber auch lang und dann stark abgestuft, das Gefieder dicht, weich und lebhaft gefärbt. Die Familie verbreitet sich über den ganzen Norden der Erde, tritt aber auch im indischen, äthiopischen und australischen Gebiete auf. Einige zu ihr gehörige Arten zählen zu den Wander⸗, andere zu den Stand- oder zu den Strichvögeln, welche zu gewissen Zeiten in zahlreicher Menge durch das Land ziehen, doch ihre Reisen niemals weit ausdehnen, sich vielmehr immer nur in einem sehr beschränkten Gebiete bewegen. Ihr eigentliches Wohn⸗ und Jagdgebiet ist der Wald; denn fast fämtliche Arten leben ausschließlich auf Bäumen und Sträuchern und bloß wenige mehr im Röhricht als im Gebüsche. Sie vereinigen sich nicht bloß mit ihresgleichen, sondern auch mit anderen Arten ihrer Familie, unter Umständen selbst mit fremdartigen Vögeln, in deren Gesellschaft sie dann tage- und wochenlang verbleiben können. Ihr Wesen und Treiben ist höchst anziehend. Sie gehören zu den lebendigsten und beweglichsten Vögeln, welche man kennt. Den Tag über sind sie keinen Augenblick ruhig, vielmehr fortwährend beschäftigt. Sie fliegen von einem Baume zum anderen und klettern ohne Unterlaß auf den Zweigen umher; denn ihr ganzes Leben ist eigentlich nichts anderes als eine ununterbrochene Jagd. Ihre Begabungen müssen als vielseitig bezeichnet werden. Auf dem Boden sind sie freilich recht ungeschickt, verweilen deshalb hier auch niemals lange, sondern kehren immer bald wieder zu den Zweigen zurück. Hier hüpfen sie gewandt hin und her, hängen sich geschickt nach unten an, wissen in den allerverschiedensten Stellungen sich nicht bloß zu erhalten, sondern auch zu arbeiten, klettern recht gut und zeigen sich im Durchschlüpfen und Durchkriechen dichtverflochtener Stellen ungemein behende. Der Flug ist schnurrend, kurzbogig und scheinbar sehr anstrengend; die meisten Arten fliegen deshalb auch nur selten weit, vielmehr gewöhnlich bloß von einem Baume zum anderen. Die Stimme ist ein feines Gezwitscher, welches dem Pfeifen der Mäuse nicht unähnlich ist und fortwährend, scheinbar ohne alle Veranlassung, ausgestoßen wird. Viele Meisen verzehren neben Kerbtieren auch Sämereien; die Mehrzahl dagegen hält sich ausschließlich an erstere und jagt vorzugsweise kleineren Arten, noch mehr aber deren Larven und Eiern nach. Gerade hierin liegt die Bedeutung dieser Vögel für das Gedeihen der Bäume, die wir besonders pflegen. Die Meisen brauchen wegen ihrer ewigen

SEEEE össs;“ I——— 172 Erste Ordnung: Baumvpögel; dritte Familie: Meisen. Regsamkeit eine verhältnismäßig sehr große Menge von Nahrung. Sie sind die besten Kerbtiervertilger, die bei uns leben. Wenige andere Vögel verstehen so wie sie die Kunst, ein bestimmtes Gebiet auf das gründlichste zu durchsuchen und die verborgensten Kerbtiere aufzufinden. Regsam und unermüdlich, gewandt und scharfsinnig, wie sie sind, bleibt ihnen wenig verborgen und unerreichbar. Sie sind die treuesten aller Waldhüter, weil sie in einem bestimmten Gebiete verweilen und zu jeder Jahreszeit ihrem Berufe obliegen. Der Nutzen, welchen sie bringen, läßt sich unmöglich berechnen; zu viel ist aber gewiß nicht gesagt, wenn man behauptet, daß eine Meise während ihres Lebens durchschnittlich täglich an tausend Kerbtiere vertilgt. Darunter sind sicherlich viele, welche unseren Bäumen keinen Schaden zufügen; die meisten Eier aber, welche die Meisen auflesen und zerstören, würden sich zu Kerfen entwickelt haben, deren Wirksamkeit eine durchaus schädliche ist. Jeder vernünftige Mensch sollte nach seinen Kräften mithelfen, so nützliche Vögel nicht bloß zu schützen, sondern auch zu hegen und zu pflegen, ihnen namentlich Wohnstätten zu gründen im Walde, indem er alte, hohle Bäume ihretwegen stehen läßt oder ihnen durch Aufhängen von Brutkasten behilflich ist. Das größte Übel, an welchem unsere deutschen Meisen leiden, ist Wohnungsnot; dieses Übel aber nimmt, falls nicht Gegenmaßregeln getroffen werden, in stetig sich steigerndem Umfange zu und schadet dem Bestande der nützlichen Vögel mehr, als alle Feinde zusammengenommen, einschließlich des Menschen, schaden könnten. Zum Glücke für den Wald vermehren sie sich sehr stark, denn sie legen größtenteils zweimal im Jahre und jedesmal 7—12 Eier. Die zahlreiche Brut, welche sie heranziehen, ist schon im nächsten Frühjahre fortpflanzungsfähig. Im Käfige sind viele Meisen höchst unterhaltend. Sie gewöhnen sich überraschend schnell an die Gefangenschaft, werden aber selten eigentlich zahm. Mit anderen Vögeln darf man sie nicht zusammensperren; denn sie überfallen selbst die größeren mörderisch, klammern sich auf ihrem Rücken fest, töten sie durch Schnabelhiebe, brechen ihnen die Hirnschale auf und fressen das Gehirn der erlegten Schlachtopfer mit derselben Begierde, mit welcher ein Raubvogel seine Beute verzehrt. Die Waldmeisen (Parus) kennzeichnen sich durch kräftigen, kegelförmigen, seitlich zusammengedrückten, vorn scharfen, aber nicht nadelspitzigen Schnabel, starke, mit großen, dicken Nägeln bewehrte Füße, kurze und breite Flügel, in denen die dritte und vierte Schwinge die längsten sind, mittel-oder ziemlich langen, entweder schwach abgerundeten oder seicht ausgeschnittenen Schwanz und reiches, weitstrahliges, oft prachtvoll gefärbtes und gezeichnetes Gefieder. Die Geschlechter unterscheiden sich wenig; die Jungen ähneln der Mutter. Die bekannteste Art der Gattung ist unsere Kohl- oder Finkmeise, Brand-, Groß-,

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