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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

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minutenlang. Im Grase läuft er ungemein behende umher, so daß man ihn eben nur mit einer Maus vergleichen kann; angeschossene Alte wissen sich in wenigen Augenblicken so zu verstecken, daß man nicht im stande ist, sie aufzufinden. Hansmann hat sehr recht, wenn er sagt, daß der Cistensänger etwas von dem Wesen des Zaunkönigs habe, sich stets tief in die Gras⸗ und Binsenbüsche verkrieche und in ihnen so beharrlich verweile, daß ihn erst ein Fußstoß gegen den betreffenden Büschel zu vertreiben vermöge. Ganz gegen die Art der Schilf- oder Riedsänger, mit denen er um die Wette an den Halmen auf und nieder klettert, bewegt er sich nur in einem kleinen Umkreise und fliegt auch, wenn er aufgescheucht wurde, niemals weit, sondern höchstens über Strecken von wenigen Metern hinweg. Der erwähnte Ton, welcher dem Cistensänger in Murcia den Namen „Tintin“ und in Algerien den Namen „Pinkpink“ verschafft hat, ist der Gesang des Männchens; außerdem vernimmt man nur noch ein schwaches, kurzes Schwirren, welches Angstlichkeit ausdrückt, oder ein leises Gekicher, welches der Laut der Zärtlichkeit ist. Das zornig erregte Männchen läßt auch ein weiches „Wüit“ oder ein kürzeres „Witt witt“ hören, wenn es sich mit anderen seiner Art herumstreitet. Allerlei kleine Käfer, Zweiflügler, Räupchen, kleine Schnecken und ähnliche Tiere bilden die Nahrung unseres Vögelchens. Die Hauptmenge liest er von den Blättern des Grases oder Getreides ab, einzelne nimmt er wohl auch vom Grunde auf. Das Nest, welches wir mehrmals gefunden haben, wurde zuerst von Savi richtig beschrieben. „Eigentümlich“, sagt dieser Forscher, „ist die Art und Weise, in welcher der Vogel die das Nest umgebenden Blätter zusammenfügt und die Wände seines Gebäudes fest und stark macht. In dem Rande jedes Blattes nämlich sticht er kleine Offnungen, welche durch einen oder durch mehrere Fädchen zusammengehalten werden. Diese Fäden sind aus dem Gewebe der Spinnen oder aus Pflanzenwolle gefertigt, ungleich dick und nicht sehr lang (denn sie reichen höchstens zwei-oder dreimal von einem Blatte zum anderen), hin und wieder auf—⸗ gezasert, an anderen Stellen auch in zwei oder drei Abzweigungen geteilt. Beim inneren Teile des Nestes herrscht die Pflanzenwolle vor, und die wenigen Spinnwebfäden, welche sich darunter befinden, dienen lediglich dazu, die anderen Stoffe zusammenzuhalten. An den seitlichen und oberen Teilen des Nestes stoßen die äußere und die innere Wand unmittelbar aneinander; aber an dem unteren findet sich zwischen ihnen eine mehr oder weniger dichte Schicht, aus kleinen dürren Blättern oder Blütenkronen bestehend, welche den Boden des Nestes, auf dem die Eier ruhen sollen, dichtet. Im oberen Drittel der Wand ist das runde Eingangsloch angebracht. Der ganze Bau hat die Gestalt eines länglichrunden oder eiförmigen Beutels. Er steht in der Mitte eines Gras-, Seggen- oder Binsenbusches, der Boden höchstens 15 em über der Erde, und ist an die tragenden Blätter genäht und auf andere, welche untergeschoben werden und so gleichsam Federn bilden, gestellt. So gewähren die wankenden Halme dem Neste hinlängliche Festigkeit und ausreichenden Widerstand gegen die heftigsten Stürme. Alle Nester, welche wir fanden, entsprachen vorstehender Beschreibung; von Heuglin dagegen lernte in Agypten auch sehr abweichende, im Dattel-oder Dornengestrüppe stehende, in Blattscheiden, zwischen Dornen, Astchen und Grashalme verflochtene, undichte, innen mit Wolle, Haaren und Federn ausgekleidete Bauten kennen. Bisher haben wir geglaubt, daß das Weibchen der eigentliche Baumeister wäre; durch Tristrams Beobachtungen, welche von Jerdon bestätigt werden, erfahren wir aber, daß das Männchen den Hauptteil der Arbeit übernimmt. Sobald die Hauptsache gethan, der Boden des Nestes fertig ist, beginnt das Weibchen zu legen und, wenn das Gelege vollzählig ist, zu brüten. Während es nun auf den Ciern sitzt, beschäftigt sich das Männchen noch tagelang damit, die Wandungen aufzurichten und die Grasblätter zusammenzunähen. „Ich hatte“, sagt Tristram, „das Glück, ein Nest zu entdecken, als es eben begonnen war, mußte

an ihm täglich vorübergehen und konnte so einen Monat lang die Vögel beobachten. Als das erste Ei im Neste lag, war der ganze Bau noch überall durchsichtig und seine filzigen Wandungen nicht über 2 em hoch; während der ganzen Zeit der Bebrütung aber setzte das Männchen seine Arbeit an dem Neste fort, so daß dieses, als die Jungen ausgeschlüpft waren, schon das Dreifache an Höhe erreicht und hinlängliche Festigkeit gewonnen hatte.“ Die Eier scheinen außerordentlich abzuͤändern. Wir haben in Spanien ein Gelege von fünf Stück gefunden, welche einfarbig lichtblau waren; andere Forscher aber erhielten Eier, welche auf lebhaft rötlichweißem Grunde zahlreiche, zart rostfarbene Flecken und Punkte, andere solche, die auf bläulichgrünem Grunde überall oder spärlich größere oder kleinere, braune oder ziegelrote, schwarzbraune und schwarze Flecken und Punkte oder auf grünlichweißem Grunde schmutzig fleischfarbene und braunrote, teilweise verwaschene oder auf reinweißem Grunde hellrote Flecken zeigten. In Indien sind die Eier, nach E. Oates, weiß oder grünlich angehaucht und rot bis purpurfarbig gefleckt. Die Jungen werden von beiden Eltern zärtlich geliebt. Das Männchen scheut, wenn ein Mensch sich dem Neste nähert, keine Gefahr und umfliegt ihn Viertelstunden lang in sehr engen Kreisen unter ängstlichem Geschreie. Wenn die Jungen glücklich ausgeflogen sind, gewährt die Familie ein überaus anziehendes Schauspiel. Die ganze Gesellschaft hüpft und kriecht, flattert und läuft um, auf und über dem Grase oder Getreide umher, und wenn eines der Eltern ein Kerbtier bringt, stürzt die gesamte Kinderschar, das Schwänzchen hoch gehoben, in wahrhaft lächerlicher Weise auf den Nahrungsspender los, da jedes das erste und jedes bevorzugt sein will. Naht sich Gefahr, so verschwindet die Mutter mit ihren Kindern, während das Männchen sofort in die Luft sich erhebt und hier in gewohnter Weise umherfliegt. Aus Savis Beobachtungen geht hervor, daß der Cistensänger dreimal im Jahre brütet, das erste Mal im April, das zweite Mal im Juni, das dritte Mal im August. Wir fanden Nester im Mai, Juni und Juli; dann trat die Mauser und damit das Ende der Fortpflanzungszeit ein. Wir haben uns viel Mühe gegeben, einen Cistensänger lebend zu fangen. Das Nachtigallgärnchen erwies sich als unbrauchbar; aber auch Schlingen, welche wir mit größter Sorgfalt um das Eingangsloch des Nestes legten, wurden von den geschickten Vögeln weggenommen, ohne sie zu gefährden. Die Schneidervögel (Orthotomus) sind gestreckt gebaut; der Schnabel ist lang, schwach, gerade, an der Wurzel breit, nach vorn zugespitzt, der Fuß kräftig, hochläufig, aber kurzzehig, der Flügel kurz, schwach, sehr gerundet und in ihm die fünfte oder sechste Schwinge die längste, der schmalfederige, meist kurze Schwanz stark abgerundet oder abgestuft, das glatt anliegende am Schnabelgrunde teilweise in Borsten umgewandelte Gefieder ziemlich lebhaft auf der Oberseite gewöhnlich grün, auf dem Scheitel meist roströtlich gefärbt.

Der Schneidervogel (Orthotomus bennettii, lingoo, sphenurus, sutorius, ruficapillus, longicaudus, Sylvia ruficapilla und guzurata, Malurus longicaudus, Sutoria agilis) ist auf dem Mantel gelblich olivengrün, auf dem Scheitel rostrot, im Nacken graurötlich, auf der Unterseite weiß, seitlich gräulich verwaschen; die Schwingen sind olivenbraun, grünbräunlich gesäumt, die Steuerfedern braun, grünlich überflogen, die äußersten an der Spitze weiß. Bei dem Männchen verlängern sich die beiden Mittelfedern des Schwanzes über die anderen; beim Weibchen ist der Schwanz nur zugerundet. Die Länge beträgt 17, beim Weibchen 13, die Fittichlänge 5, die Schwanzlänge 9, beim Weibchen 5 em. Vom Himalaja in 1300 m Höhe bis zur Südspitze Indiens, auf Ceylon sowie in Barma, hier, nach Davison, aber nur in der nördlichen Hälfte, laut Oates ferner in Siam und

im südlichen China fehlt der Schneidervogel nirgends, vorausgesetzt, daß die Gegend nicht gänzlich des Baumwuchses entbehrt. Er bewohnt Gärten, Obstpflanzungen, Hecken, Rohrdickichte und Waldungen mit mittelhohen Bäumen, lebt gewöhnlich paarweise, zuweilen aber auch in kleinen Familien zusammen, hüpft ohne Unterlaß auf den Zweigen der Bäume und Gebüsche herum, läßt häufig einen lauten Ruf ertönen, welcher wie „tuwi“ oder „pretti

Schneidervogel (Orthotomus bennettii). ½ natürl. Größe.

pretti“ klingt, ist zutraulich und hält sich gern dicht bei den Häusern auf, wird aber vorsichtig, wenn er sich beobachtet, und scheu, wenn er sich verfolgt sieht. Seine Nahrung besteht aus verschiedenen Kerbtieren, vorzugsweise aus Ameisen, Cikaden, Raupen und anderen Larven,‚ welche er von der Rinde und von den Blättern, nicht selten aber auch vom Boden aufnimmt. Beim Hüpfen oder beim Fressen pflegt er den Schwanz zu stelzen und das Gefieder seines Kopfes zu sträuben. Nester, welche Hutton fand, waren sehr zierlich gebaut und bestanden aus Rohr⸗ und Baumwolle, auch Bruchstücken von Wollfäden, alle Stoffe fest ineinander verwoben, mit Pferdehaaren dicht ausgefüttert, und wurden zwischen zwei Blättern eines Zweiges des Brehm, Nirleben. 3. Auflage. IV. 11

Amaltusbaumes in der Schwebe gehalten. Diese beiden Blätter waren zuerst der Länge nach aufeinander gelegt und in dieser Lage von den Spitzen aus bis etwas über die Hälfte an den Seiten hinauf mit einem vom Vogel selbst aus roher Baumwolle gesponnenen starken Faden zusammengenäht, so daß der Eingang zum Neste am oberen Ende zwischen den Blattstielen frei blieb, gerade da, wo diese am Baumzweige hafteten. Ein anderes Nest hing an der Spitze eines Zweiges, etwa 60 em über dem Boden, und war aus denselben Stoffen wie das vorige gearbeitet. Die Blätter waren hier und da mit Fäden, welche der Vogel selbst gesponnen, aber auch mit dünnem Bindfaden, welchen er aufgelesen hatte, zusammengenäht. Alle übrigen Nester, welche Hutton untersuchte, glichen den beschriebenen, bestanden aus Baum- und Schafwolle, Roßhaaren und Pflanzenfasern verschiedener Art, hatten die Gestalt eines Beutels und füllten stets das Innere zusammengenähter Blätter aus. Nicholson, welcher in bewässerten Gärten zu allen Zeiten des Jahres belegte Nester fand, glaubt, daß die Blätter der Bringal (Solanum esculentum) oder die einer Kürbisart (Cu-curbita octangularis) bevorzugt werden. Mit Hilfe des Schnabels und der Füße schiebt der Vogel die Blattränder gegen- oder übereinander, durchsticht sie dann mit dem Schnabel, in welchem er einen selbstgedrehten oder aufgefundenen Faden hält, bis sie in ihrer Lage verbleiben, und baut endlich das Innere aus. Das Gelege besteht aus 3—4 Eiern, welche auf weißem, nach Oates auch auf rötlichem oder bläulichgrünem Grunde, namentlich am dünneren Ende, braunrötlich gefleckt sind; nach dem zuletzt genannten Gewährsmanne umfaßt die Brutzeit die Monate Mai bis August.

Der Emuschlüpfer (Stipiturus malachurus, Muscicapa malachura, Malurus malachurus und palustris), Vertreter einer gleichnamigen Gattung, zeichnet sich namentlich durch die Bildung des Schwanzes aus, welcher nur aus sechs mit zerschlissenen Fahnen besetzten Federn besteht und besonders bei den Männchen sehr entwickelt ist. Die Oberseite ist braun, schwarz in die Länge gestreift, der Oberkopf rostrot, die Gurgelgegend blaßgrau, die übrige Unterseite lebhaft rot; die Schwingen sind dunkelbraun, rotbraun gesäumt, die Steuerfedern dunkelbraun. Das Auge ist rötlichbraun; der Schnabel und die Füße sind braun. Beim Weibchen ist auch der Scheitel schwarz gestrichelt, die Gurgelgegend aber rot, anstatt grau. Die Länge beträgt 17, die Fittichlänge 6, die Schwanzlänge 9 em. Über das Leben des allen Ansiedlern Australiens wohlbekannten Vogels haben Gould und Ramsay ziemlich ausführlich berichtet. Der Emuschlüpfer bewohnt sumpfige Gegenden des südlichen Australien, von der Moretonbai an der Ostküste bis zum Schwanenflusse an der Westküste, ebenso Tasmanien, und ist, wo er vorkommt, häufig. Gewöhnlich findet man ihn paarweise oder in kleinen Familien, immer nächst dem Boden, in der Mitte der dichtesten Grasdickichte, so verborgen, daß man ihn selten zu sehen bekommt. Seine sehr kurzen, runden Flügel sind nicht zum Fluge geeignet, und wenn die Gräser vom Tau und Regen naß sind, sogar vollkommen unbrauchbar; er fliegt daher so wenig wie möglich und verläßt sich auf seine Füße. Überaus schnell und beweglich, behende und gewandt, läuft er dahin, auf dem Boden ebenso rasch wie, halb flatternd, halb hüpfend, zwischen den Grashalmen, wendet und schwenkt sich mit unglaublicher Leichtigkeit und vereitelt deshalb die meisten Nachstellungen. Wenn ein Verfolger ihm plötzlich hart auf den Leib kommt, verschwindet er, dank seiner Kunst im Verstecken, vor dessen Augen. Zum Fliegen entschließt er sich nur, wenn er unbedingt fliegen muß; wenn er wirklich aufgescheucht wurde, fliegt er dicht über den Grasspitzen dahin und wirft sich plötzlich von der Höhe wieder zur Tiefe hinab. Zuweilen erscheint er auf der Spitze eines Halmes, um von hier aus seine Welt zu überschauen. Bei ruhigem Sitzen trägt er den Schwanz aufrecht, gelegentlich auch wohl über den Rücken nach

vorn gerichtet; bei schnellem Laufe aber hält er ihn wagerecht nach hinten. Das Männchen läßt während der Zeit seiner Liebe ein kurzes, aber niedliches Gezwitscher vernehmen; der Lockton ist ein leises Zirpen. Ramsay entdeckte ein Nest Ende September, aber erst, nachdem er tagelang die sehr häufigen Vögel beobachtet hatte, und nur durch Zufall. Es stand, äußerst geschickt verborgen, unter einem Grasbusche, war eiförmig, das Eingangsloch sehr groß, seine Mulde so seicht, daß die Eier, wenn das Ganze stark bewegt worden wäre, herausgerollt sein würden; es bestand äußerlich aus Würzelchen, innerlich aus feinen Halmen und war mit einer Lage von Moos ausgekleidet; das Gefüge war überaus locker, geradezu lose. Die drei Eier waren

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