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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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Amselmerle und Lyster (Turdus meérula, Sylvia merula, Merula vulgaris, pinetorum, truncorum, alticeps, major und carniolica), endlich unterscheidet sich von ihren Verwandten, wenn auch nicht gerade augenfällig, durch ihre verhältnismäßig kurzen, stumpfen Flügel, in denen die 3., 4. und 5. Schwinge fast gleichlang und die längsten sind, sowie den verhältnismäßig langen, an der Spitze etwas abgerundeten Schwanz. Das Gefieder des alten Männchens ist gleichmäßig schwarz, das Auge braun, der Augenlidrand hochgelb, der Schnabel orangegelb, der Fuß dunkelbraun. Beim alten Weibchen ist die Oberseite mattschwarz, die Unterseite auf schwarzgrauem Grunde durch lichtgraue Saumflecken gezeichnet; Kehle und Oberbrust sind auf gleichfarbigem Grunde weißlich und rostfarben gefleckt. Das Jugendkleid zeigt oben auf schwarzbraunem Grunde rostgelbe Schaft-, unten auf rostfarbigem Grunde bräunliche Querflecken. Die Länge beträgt 15, die Breite 35, die Fittichlänge 11, die Schwanzlänge 12 em. Vom 66. Grade nördlicher Breite an ist die Amsel durch ganz Europa an allen geeigneten Orten heimisch, lebt aber auch in Westasien, in Nordwestafrika, auf Madeira, auf den Kanarischen Inseln und den Azoren. In der Küstenlandschaft von Massenderan im Süden des Kaspisees ist sie nach Alfred Walter ungemein häufig und wurde auch weiter ostwärts allenthalben brütend an den Flußläufen und in den Gärten der Ortschaften des Gebirges gefunden. Nur einzelne der im hohen Norden groß gewordenen Amseln treten eine Wanderung an, viele aber überwintern schon im südlichen Schweden; in Deutschland überwintern wohl die meisten, namentlich die Männchen, regelmäßig. Die Amsel bevorzugt oder bevorzugte doch feuchte Waldungen und überhaupt größere Baumgehege, welche viel Unterholz haben. Aber gerade in ihrem Treiben und ihrer Lebensweise vollzieht sich seit 50—60 Jahren, also gewissermaßen vor unseren Augen, eine sehr bemerkenswerte Veränderung. Wie Bechstein zu Ende des vorigen Jahrhunderts sie schildert, so konnte auch Gloger noch zu Anfang der dreißiger Jahre von ihr ganz allgemeingültig sagen: sie sei ein sehr schüchterner, versteckt und einsam lebender Waldvogel, der sich nie ohne Not ins Freie begebe, selbst auf der Wanderung sehr ungern in kleine und lichte Bestände einfalle und sich fast niemals frei oder auch nur auf einen höheren Baum setze. Diejenigen Amseln, welche Waldvögel geblieben sind, werden auch heute noch durch diese Schilderung trefflich gekennzeichnet, nicht mehr aber die immer wachsenden Scharen derjenigen, welche, namentlich in der westlichen Hälfte Deutschlands, allmählich in die Parks, Gärten und Anlagen bis inmitten der Ortschaften eingedrungen und hier vollständig heimisch, vertraute Gäste der Menschen geworden sind. Als der zu Ende des Jahres 1879 entschiedene „Würzburger Amselprozeß“ so viel Staub aufwirbelte, wurde viel für und wider die Amseln gestritten, welche ihre Lebensweise so auffällig geändert haben. Davon, daß sie gelegentlich zarte, namentlich rankende Pflänzchen zerzausen und schädigen, kann sich jeder Gartenfreund überzeugen; es ist aber eine leichte Mühe, solche besonders wert gehaltene Gewächse durch eine locker geflochtene Drahthaube zu schützen. Nach einigen Beobachtungen von Ruß und zahlreicheren von Baldamus ist nicht zu bezweifeln, daß, wie der letztgenannte Gewährsmann schreibt, „die im Winter wohl in allen Städten, wo sie sich heimisch gemacht, so reichlich und auch mit rohem wie gekochtem Fleische gefütterte Amsel sich infolge dieses Futters daran gewöhnt haben möge, ihre

Lüsternheit nach Fleisch durch das Verschlingen junger, besonders noch nackter kleiner Singvögel zu befriedigen.“ Aber derartige Nesträubereien werden doch nur einzelnen entarteten Stücken und nicht dem ganzen Geschlechte zur Last gelegt werden können. Ebensowenig ist zu erweisen, daß die Amseln, wo sie sich zahlreich einbürgern, die kleineren Singvögel verdrängen. Wo das Futter knapp ist, mögen allerdings die Stärkeren den Schwächeren nicht viel zum Leben übriglassen und sie hierdurch mittelbar unheimisch machen; das Wegbleiben der kleineren Sänger von manchen Ortlichkeiten kann aber auch durch ganz andere, uns teilweise noch unbekannte Ursachen bewirkt werden. Den Schwarzdrosseln die Schuld aufzubürden, bloß weil sie bleiben oder sich vermehren, oder weil hier und da einzelne Stücke als Übelthäter ertappt wurden, wäre doch zu weit gegangen; zudem ergibt sich aus zahlreichen Beobachtungen, wie vortrefflich Amseln und kleinere Sänger allenthalben nebeneinander gedeihen. Daß z. B. nicht erst jene durch ihre Einbürgerung die Nachtigall aus manchen Gegenden Thüringens verdrängten, haben die Untersuchungen Liebes dargethan; und, um wenigstens eine Thatsache auch hierfür anzugeben, in Hildesheim haben beide, laut Michelsen, Jahrzehnte friedlich bei einander gehaust. In Jena, wo es freilich keine Nachtigallen gibt, haben sich doch in den von Pechuel-Loesche und seinen Nachbarn überwachten Gärten seit einer Reihe von Jahren nicht bloß die Amseln, sondern auch die kleineren Singvögel wesentlich vermehrt, und zwar — seitdem, außer den sonst zu gunsten der Lieblinge getroffenen Einrichtungen, dem räuberischen Treiben ehemals zahlreicher verwilderter Katzen erfolgreich gesteuert worden ist. Die Amseln, die in so kurzer Zeit so auffällige Wandlungen ihres Wesens durchgemacht haben, werden diese heute nicht schon abgeschlossen haben; an manchen Ortlichkeiten mögen einzelne oder viele von ihnen auch üble Eigenschaften erworben haben, aber deshalb können wir nicht gleich über das ganze Geschlecht dieser uns lieben und vertrauten Sänger den Stab brechen. Schätzt doch auch Altum, ohne die Amsel etwa auszuschließen, den Nutzen der Drosseln höher als den aller übrigen Vögel. Neben den genannten Arten nun, welche wir als die deutschen bezeichnen können, haben sich in unserem Vaterlande nicht bloß sibirische und nordamerikanische, sondern auch indische und japanische Drosseln gezeigt. Von Sibirien her sind bei uns erschienen: Die Schwarzkehldrossel (Turdus atrigularis), die Rostflügeldrossel (T. dubius), die Hügeldrossel (TP. naumanni), die Rothalsdrossel (T. ruficollis), die Blaßdrossel (L. obseurus), die Bunte Drossel (T. varius) und die Wechseldrossel (T. sibirieus); von den in Nordamerika heimischen Arten besuchten uns: die Wanderdrossel (T. migratorius), die Einsiedlerdrossel (T. pallasii) und die Sängerdrossel (T. swain-sonh; aus Südasien kamen: die Bergdrossel (T. dauma) und endlich die Weichfederdrossel (P. mollissimus). Weitere Angaben über alle diese Arten würden den mir zugemessenen Raum überschreiten. Die Drosseln sind Weltbürger und leben in den verschiedenen Ländern auch unter verschiedenen Verhältnissen, vorzugsweise jedoch immer und überall im Walde. Weniger wählerisch als die Erdsänger, herbergen sie in jedem Bestande; denn nicht bloß der reiche Wald der Auen oder der Urwald unter den Wendekreisen, sondern auch der Schwarzwald oder der dünn bestandene Buschwald der Steppe weiß sie zu fesseln; ja noch über die Grenze des Holzwuchses, unmittelbar unter und zwischen den Gletschern finden sie Wohnplätze, welche ihren Ansprüchen genügen. Allerdings verweilen nur die wenigsten Arten jahraus jahrein an derselben Stelle; die Mehrzahl zeigt eine Wanderlust wie wenige andere Vögel. Diejenigen, welche als selten gesehene Gäste bei uns erschienen, durchzogen fast die Hälfte des

Umfanges unserer Erdoberfläche. Sie kamen vom fernsten Osten Sibiriens, aus Kamtschatka, zu uns, überflogen sogar das Beringmeer, durchpilgerten ganz Asien und gelangten so nach Europa. „Von manchen“, sagt Naumann, „schienen selbst Pärchen oder wenigstens mehrere zugleich zu uns gekommen zu sein und später die weite Rückreise zu scheuen. Sie leisteten bei inzwischen vorgerückter Jahreszeit selbst dem in ihnen rege gewordenen Fortpflanzungstriebe Genüge, brüteten und erzogen in dem für sie fremden Erdstriche ihre Jungen. Wir staunen, wenn wir bedenken, welche unermeßlichen Räume sie wahrscheinlich durchflogen, und in welch kurzer Zeit sie eine so große Reise zurückgelegt haben müssen, da sie während dieser doch nicht ununterbrochen in einem Striche vorwärts, einem gesteckten Ziele geradezu entgegenfliegen konnten, örtlicher Hindernisse halber vielmehr öfter zu Umwegen verleitet wurden, sich mitunter Ruhe zur Erholung gönnen und besonders auch auf das Auf—⸗ suchen und Zusichnehmen der notdürftigsten Nahrungsmittel Zeit verwenden mußten.“ Welches eigentlich die Ursache sein möge, die jene Fremdlinge zu derartigen Reisen treibt, ist mit Sicherheit nicht zu sagen; doch hat Naumann gewiß nicht unrecht, wenn er annimmt, daß die Geselligkeit, welcher fast alle Drosseln zugethan sind, und die Nahrung sie oft verleiten mag, von dem gewöhnlichen Wege abzuweichen, ganz abgesehen von schlimmem Reisewetter, ungünstigen Winden, Stürmen und ähnlichen Widerwärtigkeiten, welche die Zuggesellschaften trennen und einzelne in unbekannte Fernen verschlagen. Alle Drosseln sind hochbegabt, bewegungsfähig, gewandt, feinsinnig, klug, gesangeskundig, munter und unruhig, gesellig, aber keineswegs auch friedfertig. Sie haben viele gute Eigenschaften, aber auch manche, die wir als schlechte bezeichnen. Vom frühen Morgen an bis zum späten Abend sieht man sie in fast ununterbrochener Bewegung; nur die Glut des Mittags lähmt einigermaßen ihre Thätigkeit. In ihren Bewegungen erinnern sie vielfach an andere Erdsänger. Auf dem Boden hüpfen sie absatzweise mit großen Sprüngen gewandt umher; bemerken sie etwas Auffälliges, so schnellen sie den Schwanz wie kleinere Erdsänger nach oben und zucken gleichzeitig mit den Flügeln nach unten. Im Gezweige hüpfen sie rasch und geschickt; größere Entfernungen überspringen sie, indem sie die Flügel zu Hilfe nehmen. Der Flug ist vortrefflich. Die meisten Arten flattern, wenn sie aufgescheucht werden, in anscheinend täppischer Weise über den Boden dahin, womöglich von einem Busche zum andern; aber dieselben Vögel streichen, sobald sie sich einmal in eine gewisse Höhe erhoben haben, mit außerordentlicher Schnelligkeit durch die Luft. Unter unseren deutschen Drosseln fliegen die Sing-, die Rot- und die Ringdrossel am besten, die Misteldrossel und die Amsel, ihren kurzen Flügeln entsprechend, am schlechtesten. Bei der Misteldrossel ist der Flug scheinbar schwerfällig und schief; aber auch sie durchmißt rasch weitere Entfernungen, wogegen die Amsel in langen Absätzen gleichsam über den Boden dahinschießt und die Flügel dabei weniger bewegt, dafür aber jähe Wendungen äußerst gewandt ausführt. Die Sinne sind gleichmäßig entwickelt. Drosseln nehmen selbst das kleinste Kerbtier auf weite Entfernungen wahr und erkennen, wenn sie in hoher Luft dahinziehen, die Gegenstände tief unter ihnen auf das genaueste; sie vernehmen nicht nur sehr scharf, sondern unterscheiden auch genau, wie schon aus ihrem Gesange hervorgeht; sie beweisen endlich durch ihre Leckerhaftigkeit feinen Geschmack. Über die übrigen Sinne haben wir kein Urteil. Ihre geistigen Fähigkeiten wird niemand unterschätzen, welcher sie kennt. Sie sind nicht allein tlug, sondern auch listig, nicht bloß scheu, sondern berechnend vorsichtig, dreist und gleichwohl mißtrauisch; sie erfassen schnell und urteilen sehr richtig, benutzen auch alle Mittel und Wege, um sich zu sichern. Im Walde werden sie zu Warnern, auf welche nicht bloß andere ihrer Gattung, sondern auch fremdartige Vögel, ja sogar Säugetiere achten. Alles Auffallende, Ungewohnte, Neue erregt ihre Aufmerksamkeit. Sie kommen mit ausgesprochener Neugier herbei, um einen Gegenstand, welcher sie reizt, besser ins Auge zu fassen, geben sich aber

auch dann nicht rücksichtslos preis, sondern halten sich stets in wohlgemessener Entfernung. Die in den stillen, menschenleeren Wäldern des Nordens groß gewordenen Arten lassen sich leicht berücken, durch zur Schau gehängte Nahrung bethören oder durch andere ihrer Art in versteckte Fallen locken; Erfahrung aber witzigt sie sehr bald, und diejenigen, welche einmal betrogen worden sind, lassen sich auf dieselbe Weise so leicht nicht wieder täuschen. Geselligkeit scheint den meisten Arten Bedürfnis zu sein. Sie sind, wie schon bemerkt, keineswegs friedfertig, geraten vielmehr recht häufig in Streit; aber sie können, wie man zu sagen pflegt, nicht voneinander lassen, und der Lockruf, welchen eine von ihnen ausstößt, wird von anderen selten gehört, ohne befsolgt zu werden. Sie vereinigen sich nicht bloß mit anderen derselben Art, sondern mit allen Drosseln überhaupt, und es kann geschehen, daß verschiedene lange Zeit zusammenbleiben, gemeinschaftlich reisen und gemeinschaftlich den Winter in der Fremde verleben. Im Notfalle mischen sie sich auch unter andere Vögel, ohne sich jedoch auf besonders freundschaftlichen Fuß mit ihnen zu stellen, und deshalb darf man die Warnungen, welche sie derartigen Genossen zukommen lassen, wohl kaum als freundschaftlich gemeinte ansehen. Dem Menschen trauen sie nie vollständig; aber sie unterscheiden recht wohl zwischen gefährlichen und ungefährlichen Leuten. Gewaltsam in Gefangenschaft gebracht, gebärden sie sich anfänglich äußerst ungestüm; bald aber erkennen sie in dem, welcher sie freundlich behandelt, einen Freund und schließen sich ihm innig an. Stimme und Gesang der Drosseln ähneln sich und sind doch auch wieder sehr verschieden. Die Lockstimme der Misteldrossel klingt wie „schnerr“, dem Laute ähnlich, welchen man hervorbringen kann, wenn man mit einem Stäbchen über die Zähne eines Kammes streicht. Im Eifer wird das „Schnerr“ durch ein dazwischen geschobenes „Ra ta ta“ verstärkt. Der Angstruf ist ein unbeschreibliches Geschrill, wie es überhaupt die meisten Drosseln unter denselben Umständen hören lassen. Die Lockstimme der Singdrossel ist ein heiser pfeifendes, nicht weit hörbares „Zip“, an welches häufig die Silbe „tack“ oder „töck“ angehängt wird. Bei besonderer Erregung klingt der verlängerte Lockruf wie „styx styx styr“. Die Lockstimme der Wacholderdrossel ist ein schnell und scharf hervorgestoßenes „Tschack tschack tschack“, dem ein helles „Gri gri“ angehängt wird, wenn sie andere einladen will. Der Lockruf der Rotdrossel ist ein hohes „Zi“ und darauf folgendes tiefes „Gack“, der Angstruf ein schnarrendes „Scherr“ oder „Tscherr“. Die Ringdrossel lockt: „töck töck töck“ und dazwischen tief betont „tack“, schnarrt aber auch nach anderer Verwandten Art. Die Amsel endlich ruft trillernd „sri“ und „tränk“, beim Anblicke von etwas Verdächtigem aber schallend und gellend „dix, dix“, worauf, falls Flucht nötig wird, ein hastiges „Gri gich gich“ folgt. Alle diese Laute, welche selbstverständlich nur höchst unvollkommen ausgedrückt werden können, ändern, je nach den Umständen, vielfach ab. Sie sind übrigens allen Drosseln verständlich; denn eine Art hört auf den Lockruf der anderen, und namentlich der Warnungsruf wird von allen wohl beachtet. Die Gesänge gehören zu den besten aller Singvögel überhaupt. Unserer Singdrossel gebührt die Krone; ihr fast ebenbürtig ist die Amsel; auf sie folgen die Mistel- und die Wacholderdrossel. Mit Stolz nennt der Norweger die Singdrossel „Nachtigall des Nordens“ und der Dichter Welcker in Anerkennung ihrer köstlichen Lieder „Waldnachtigall“. Ihr Gesang ist ein inhaltreiches, wohl⸗ und weittönendes Lied. Mit den flötenden Lauten wechseln allerdings auch schrillende, minder laͤute und nicht sehr angenehme Töne ab; aber die Anmut des Ganzen wird trotzdem kaum beeinträchtigt. Der Amselgesang steht dem der Singdrossel kaum nach, besitzt mehrere Strophen von ausgezeichneter Schönheit, klingt aber nicht so fröhlich, sondern feierlicher oder trauriger als der ihrer begabten Verwandten. Das Lied der Misteldrossel besteht aus wenigen, höchstens aus 5— 6 Strophen, welche unter sich nicht sehr verschieden, aber fast ausnahmslos aus vollen flötenden Tönen zusammengesetzt sind,

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