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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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Wenig über 100 Arten von Singvögeln gehören der Unterfamilie an. Sie verbreiten sich über alle Teile der Osthälfte der Erde und fehlen nur in Amerika. Grasmücken bewohnen alle Gebiete und alle Gürtel der Höhe und Breite und werden, wo das Gelände mit Pflanzen bestanden ist, nirgends vermißt; sie herbergen im Walde wie in einzelnen Gebüschen, in der hochstämmigen Heide wie im Röhricht oder Riede; sie beleben daher die verschiedensten Ortlichkeiten und zwar, ihrer hohen Begabung entsprechend, meist in höchst anmutiger Weise. Munter und thätig, bewegungslustig und unruhig, durchschlüpfen und durchkriechen sie die dichtesten Bestände der verschiedenartigsten Pflanzen mit unübertreff—⸗ licher Gewandtheit. Sie beherrschen das Gezweige der Bäume ebenso wie das verfilzte Buschdickicht und das dichteste Ried; sie laufen zum Teile ebensogut, wie sie schlüpfen, und fliegen, wenn auch nicht gerade ausgezeichnet, so doch meist recht leidlich, gefallen sich sogar in Flugkünsten mancherlei Art. Weitaus die meisten verdienen ihren Namen; denn alle Mitglieder ganzer Unterfamilien zählen zu den trefflichsten Sängern, welche wir kennen; einzelne sind wahre Meister in dieser Kunst. Auch ihre höheren Fähigkeiten müssen als wohlentwickelte bezeichnet werden. Die Sinne scheinen ziemlich gleichmäßig ausgebildet zu sein, und der Verstand wird von niemand unterschätzt werden, welcher sie kennen lernt. Sie sind klug, wissen sich den Umständen gemäß einzurichten, unterscheiden ihre Freunde und Feinde, zeigen sich zutraulich, wo dies gerechtfertigt ist, und scheu, wo sie Nachstellungen erfahren haben, bekunden List wie Ehrlichkeit, Geradheit, Zuthunlichkeit wie Mißtrauen, leben mit anderen Vögeln in bester Eintracht, solange sie es können, und mit ihresgleichen in Frieden, solange mit der Liebe nicht auch die Eifersucht sich in ihnen regt, bethätigen sich als treue Gatten und hingebende Eltern, opfern sich ihrer Brut zuliebe in wunderbar rührender Weise auf, vereinigen mit einem Worte die vielseitigsten und trefflichsten Eigenschaften in sich. Alle bei uns im Norden wohnenden Arten sind Zugvögel; die meisten erscheinen auch erst, wenn der Frühling wirklich eingezogen ist, in der Heimat. Dann grenzt sich jedes Paar sein Brutgebiet, sei es groß oder klein, gegen andere derselben Art ab und duldet nur ausnahmsweise innerhalb seiner Grenzen ein zweites. Unmittelbar nach der Wahl des Gebietes beginnt der Bau des Nestes, welches je nach der Art ebenso verschieden gestellt als ausgeführt werden kann. Beide Eltern pflegen das aus 4—6, höchstens 8 Eiern bestehende Gelege abwechselnd zu bebrüten, und beide widmen sich der Brutpflege mit gleichem Eifer. Die Jungen werden ausschließlich mit Kerbtieren aufgefüttert, und diese bleiben auch die hauptsächlichste Nahrung der alten Vögel, obgleich diese im Herbste allerlei Beeren und andere Früchte nicht gänzlich verschmähen. Merkbar schädlich wird uns keine einzige Grasmücke, nützlich wohl jede, so schwierig es auch sein mag, dies immer zu erkennen. Alle verdienen daher in demselben Maße unseren Schutz und die Liebe, welche sie, dank ihres vortrefflichen Gesanges, glücklicherweise fast ausnahmslos bei alt und jung sich erworben haben; alle eignen sich auch zu Käfigvögeln und werden als solche trotz mancher Irrwege, auf welche die Liebhaberei in der Neuzeit geraten, stets hohen Rang behaupten. Die Kennzeichen der Flüevögel (Accentor) sind kräftiger Leib, kegelpfriemenförmiger, gerader, mittellanger, an den scharfen Schneiden stark eingezogener Schnabel, dessen ritzenförmige Nasenlöcher oben von einer Haut bedeckt werden, mittelhohe, etwas starke Füße mit kurzen, aber kräftigen Zehen und stark gekrümmten Nägeln, mittel- oder ziemlich lange Flügel, in denen die dritte oder vierte Schwinge die längste zu sein pflegt, kurzer, mäßig breiter Schwanz und lockeres Gefieder. Die Geschlechter unterscheiden sich wenig voneinander, die Jungen merklich von den Alten.

Man weist der Gattung etwa ein Dutzend Arten zu; der Verbreitungskreis beschränkt sich auf Europa und das gemäßigte Asien. Europa gehören nur zwei Arten an. Die meisten leben im Gebirge und halten sich vorzugsweise am Boden auf, hüpfen in sonderbar gebückter Stellung langsamer oder schneller einher, fliegen fast immer niedrig über der Erde dahin und suchen auf dem Boden oder in niederem Gestrüppe ihre Nahrung, welche aus Kerbtieren, Beeren und feinen Sämereien besteht. Mit Anbruch des Winters verlassen einige den Norden und wandern südlicheren Gegenden zu; andere rücken von der Höhe ihrer Gebirge in tiefere Gegenden herab oder wenden sich südlichen Abhängen der Berge zu. — — —

Waldflüevogel (Accentor modularis) und Alpenflüevogel (Kecentor collaris). ½ natürl. Größe.

Schon frühzeitig im Jahre schreiten sie zur Fortpflanzung, bauen ziemlich künstliche Nester und legen 3— 6 grünliche Cier.

Der Waldflüevogel, auch Braunelle, Heckenbraunelle, Isserling und Bleikehlchen genannt (Kecentor modularis und pinetorum, Motacilla, Sylvia, Prunella und Tharraleus modularis, Curruca sepiaria), ist schlank gebaut, der Schnabel schwach, die Flügel, in welchen die vierte Schwinge die längste, mäßig, der Schwanz ziemlich lang, auf Kopf, Hals, Kehle und Kropf aschgrau, am Kinne graulichweiß, auf dem Oberkopfe mit verwaschenen braunen Schaftstrichen gezeichnet, in der Ohrgegend bräunlich, heller gestrichelt, auf Brust und Bauch weißlich, an den Seiten bräunlich mit dunkeln Schaftstrichen, auf den unteren Schwanzdecken braun, jede Feder hier weißlich gerandet; die Schwingen und Steuerfedern sind braunschwarz, letztere etwas matter als die ersteren, außen rostbraun gesäumt. Das Auge ist lichtbraun, der Schnabel braun, der Fuß rötlich. Die Jungen sind auf der Oberseite auf rostgelbem Grunde schwarzbraun, auf der Unterseite auf rostgelblichem, in

der Mitte weißlichem Grunde grauschwarz gefleckt. Die Länge beträgt 15, die Breite 21½4, die Fittichlänge 7½, die Schwanzlänge 6 em. Im östlichen Sibirien vertritt vorstehend beschriebene Art der annähernd gleich große

Bergflüevogel (Accentor montanellus, Motacilla, Sylvia und Prunella montanella, Spermolegus montanellus). Oberkopf und ein breiter Streifen über die Zügel, welcher bis auf die Ohrgegend reicht, sind schwarzbraun, ein breiter bis auf die Schläfe reichender Augenstreifen und die unteren Teile licht rostgelb, Bauchmitte und untere Schwanzdeckfedern heller, die Seiten mit rotbraunen Schaftstrichen, Bauch und Brust infolge der dunkeln Federwurzeln etwas fleckig, Nacken, Mantel und Schultern rotbraun, durch dunkle Schaftflecken und verwaschene, hellere Seitensäume gezeichnet, die Halsseiten aschgrau, Bürzel und obere Schwanzdeckfedern fahlbraun, die Schwingen und deren Deckfedern braunschwarz mit verwaschenen rotbraunen Außensäumen, Armschwingen und größte obere Flügeldeckfedern am Ende weiß, zwei Querbinden über den Flügel zeichnend, die Schwanzfedern erdbraun mit fahleren Außensäumen, die drei äußeren auch mit schmalen Endsäumen. Das Auge ist braun, der Schnabel schwarzbraun, der Fuß bräunlichrot. Das Weibchen unterscheidet sich durch minder lebhafte Färbung. Vom 64. Grade nördlicher Breite an bis zu den Pyrenäen, den Alpen und dem Balkan scheint der Waldflüevogel überall Brutvogel zu sein, kommt aber auch noch weiter nach Norden hin vor und erscheint im Winter sehr regelmäßig im Süden Europas, streift selbst nach Nordafrika und nach Westasien hinüber. In Mitteldeutschland trifft er im März ein, hält sich eine Zeitlang in Hecken und Gebüschen auf und begibt sich dann an seinen Brutort, in den Wald, Fichten- und Kiefernbestände Laubhölzern und ebenso das Gebirge der Ebene bevorzugend. „In ihrem ganzen Wesen“, sagt mein Vater, „zeichnet sich die Braunelle so sehr aus, daß sie der Kenner schon von weitem an dem Betragen von anderen Vögeln unterscheiden kann. Sie hüpft nicht nur im dichtesten Gebüsche, sondern auch auf der Erde mit größter Geschicklichkeit herum, durchkriecht alle Schlupfwinkel, drängt sich durch dürres hohes Gras, durchsucht das abgefallene Laub und zeigt in allem eine große Gewandtheit. Auf dem Boden hüpft sie so schnell fort, daß man eine Maus laufen zu sehen glaubt. Ihren Leib trägt sie auf die verschiedenste Weise, gewöhnlich wagerecht, den Schwanz etwas aufgerichtet, die Fußwurzeln angezogen, oft aber auch vorn erhoben, den Hals ausgestreckt, den Schwanz gesenkt. Wenn man sie vom Boden aufjagt, fliegt sie auf einen Zweig, sieht sich um und verläßt den Ort erst, wenn ihr die Gefahr sehr nahe kommt. Ihr Flug ist geschwind, geschieht mit schneller Flügelbewegung und geht ziemlich geradeaus. Von einem Busche zum anderen streicht sie niedrig über der Erde dahin; wenn sie aber den Platz ganz verläßt, steigt sie hoch in die Luft empor und entfernt sich nun erst. So gern sie sich beim Aufsuchen ihrer Nahrung verbirgt, ebenso gern sitzt sie frei beim Singen. Man sieht sie dann stets auf den Wipfeln der Fichten, doch selten höher als 20 müber dem Boden, oder auf frei stehenden Zweigen, besonders auf denen, welche den Wipfeln am nächsten stehen. Ihr Gesang besteht aus wenigen Tönen, welche durcheinander gewirbelt werden und nicht viel Anmutiges haben.“ Der Lockton klingt wie „di dui dii“ oder „sri sri“; der Ausdruck der Angst hell wie „didü“, ein Ruf, welchen sie im Fluge vernehmen läßt, wie „bibibil“; das Lied besteht hauptsächlich aus den Lauten „dididehideh“. Ein Vogel singt fast wie der andere; doch sind auch geringe Abweichungen bemerkt worden. Im Sitzen lockt die Braunelle selten, am häufigsten, wenn sie hoch durch die Luft fliegt. Sie scheint dann die sitzenden Vögel zum Mitwandern ermuntern zu wollen. Oft sind die lockenden Vögel so hoch, daß sie das

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menschliche Auge nicht erblicken kann. „Bei Annäherung einer Gefahr stürzt sie sich von der Spitze des Baumes fast senkrecht ins Gebüsch herab und verbirgt sich gänzlich. Sie ist jedoch keineswegs scheu, vielmehr sehr zutraulich und kirre und läßt den Beobachter nahe an sich kommen.“ Im Sommer nährt sie sich hauptsächlich von Kerbtieren, zumal kleinen Käferchen und deren Larven; auf dem Zuge verzehrt sie fast nur feine Sämereien, nimmt auch, um die Verdauung zu erleichtern, Kieskörner auf. Ende April schreiten die Paare zum Nestbaue. Das Männchen singt jetzt unaufhörlich, streitet sich heftig mit Nebenbuhlern und hilft später am Baue des künstlichen Nestes. Dieses steht stets in dichtem Gezweige, gewöhnlich in Fichtenbüschen, durchschnittlich müber dem Boden. „Es hat eine Unterlage von wenigen dürren Zweigen und besteht ausschließlich aus feinen, grünen Erdmoosstengeln, welche bisweilen auch die Ausfütterung bilden und seine Schönheit vollenden. Gewöhnlich ist es inwendig mit den roten Sporenträgern des Erdmooses ausgelegt und erhält dadurch das Ansehen, als wäre es mit Eichhornhaaren ausgefüttert. Unter den Moosstengeln finden sich oft auch Fichtenbartflechten und einzelne Heidekrautstengel, und die innere Lage besteht zuweilen aus schlanken, dürren Grasblättern, etwas Schafwolle und einzelnen Federn. Im Mai findet man das erste, im Juli das zweite Gelege in ihm. Ersteres besteht aus 4—6, letzteres gewöhnlich aus 4 blaugrünen Eiern, welche 20 mm lang, 14 mm dick sind. Sie werden wahrscheinlich von beiden Geschlechtern in 13—14 Tagen ausgebrütet und wie die Brut sehr geliebt. Bei Gefahr verstellt sich das Weibchen nach Art der Grasmücken.“ Auf die erste Brut folgt im Juli eine zweite. Die Braunellen gewöhnen sich rasch an die Gefangenschaft und werden bald sehr zahm. Ihre Zutraulichkeit macht sie dem Liebhaber wert, trotz des unbedeutenden Gesanges. Hoch oben in dem Alpengürtel der Schneegebirge Südspaniens begegnete ich zu meiner Freude zum ersten Male einer mir bisher nur durch Beschreibungen bekannt gewordenen Art der Familie, dem auf allen Hochgebirgen Europas häufigen Alpenflüevogel, auch Stein-,

Flüe⸗ oder Blümtlerche, Bergspatz, Blütling, Berg-, Spitz- oder Gadenvogel genannt (Accentor collaris, alpinus, major und subalpinus, Motacilla alpina, Sturnus moritanus und collaris, Abbildung S. 93). Bald rasch über die zerstreut liegenden Felsblöcke hinweg gleitend, bald zwischen den duftigen Rosmarin- und Thymianbüschen sich verbergend, bald auf einen größeren Block fliegend, sang er hier sein leises, klangreiches Liedchen, trotz Sturmgebrause und Schneegestöber, wie es dort oben uns oft umtobte in den Tagen des Novembers. Auch jetzt noch war er lebendig, behende und munter, wenig scheu, eher zutraulich, gewandt in seinen Bewegungen, anmutig in seinem Wesen. Einzeln oder in kleinen Gesellschaften trafen wir ihn bis zu den Schneefeldern hinauf, in weit größerer Anzahl aber auf den sonnigen Gehängen der Südseite des mächtigen Gebirges. Hier ging er zuweilen auch tiefer hinab in die Thäler; sein eigentliches Gebiet aber schien die Höhe zu sein, und namentlich gegen Abend flogen auch die zerstreut da unten lebenden immer wieder nach oben empor. Es versammelten sich dann die einzelnen Gesellschaften auf gemeinschaftlichen Schlafplätzen, auf oder an steilen Felsenwänden mit Löchern und Spalten oder einzelnen Büschen und Grasbüscheln, auf denen auch Alpenkrähen und Felsentauben sich einfanden, um dort die Nacht zu verbringen. Am frühen Morgen verließ der Schwarm den Schlafplatz, zerteilte sich in Trupps, und jeder von diesen ging nun seinem Tagewerke nach. Später habe ich den anmutigen Vogel oft wiedergesehen, in den Alpen sowohl als auf dem Riesengebirge, außer dem bayrischen Hochgebirge seinem einzigen Brutorte in Deutschland. Der Alpenflüevogel hat mit einer Lerche Ahnlichkeit. Der Schnabel ist verhältnismäßig stark, von oben und unten etwas gekrümmt, zugespitzt, an den Seiten sehr eingezogen, vorn schmal, an der Wurzel aber breiter als hoch, der Fuß stämmig, dickzehig, mit stark gekrümmten,

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