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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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Erste Ordnung: Baumvögel; erste Familie: Sänger. treffliche Gelegenheit, Blaumerlen bei ihrem Brutgeschäfte zu beobachten; denn ein Paar von ihnen nistete in einer Höhlung der Mauer seines Stalles in Gibraltar. Den 5 Eiern entschlüpften am 20. Juni die Jungen, und beide Eltern bemühten sich nun auf das eifrigste, sie groß zu ziehen. Um ihr Gebaren belauschen zu können, befestigte der Beobachter, nachdem er von innen ein Loch durch die Mauer gebrochen hatte, im Inneren des Stalles einen kleinen Käfig, brachte in diesen die Jungen und überdeckte ihn bis auf ein Guckloch mit dichtem Zeuge. Durch das Loch konnte er das Treiben der Alten wahrnehmen. Beide Vögel fütterten und brachten ungefähr alle 5 Minuten einmal Nahrung, fast ausschließlich Tausendfüße, dann und wann auch große Spinnen und Schmeißfliegen. Der Kopf mit den gifteinflößenden Beißwerkzeugen war stets abgebissen, die zur Atzung verwendeten Tiere überhaupt immer getötet. Zwei von den Jungen starben im Käfige, weil die Alten nicht gut zu ihnen kommen konnten; die übrigen gediehen und wurden später vollends künstlich aufgefüttert. Alte Blaudrosseln sind schwer zu berücken; deshalb erhält man für den Käfig meist junge Vögel, welche dem Neste entnommen wurden. Sie halten sich bei geeigneter Pflege wie der Steinrötel jahrelang, gewöhnen sich aber sehr an eine bestimmte Örtlichkeit und ertragen etwaigen Wechsel schwer. „Als in Valetta der neue Markt eröffnet worden war“, erzählt Wright, „brachten viele von den Marktleuten ihre gefangenen Blaumerlen in den gewohnten Käfigen von dem alten Markte her mit sich in ihre neuen Buden. Aber einer der Vögel nach dem anderen welkte dahin, und wenige Wochen später war nicht einer von ihnen mehr am Leben.“ In Italien, auf Malta und in Griechenland sind sie als Stubenvögel sehr beliebt. Von Griechenland aus werden viele nach der Türkei ausgeführt, auf Malta gute Sänger so hoch geschätzt, daß man für ein Männchen 40—60 Mark bezahlt. Eine reiche Malteserin dünkte sich, nach Wright, glücklich, eine besonders ausgezeichnete Blaumerle für 150 Mark erstanden zu haben, „und der frühere Besitzer hatte sich dennoch nur schwer von seinem Vogel getrennt“. Alle Malteser verfehlen nicht, das Gebauer, in welchem eine Blaumerle lebt, durch ein in geeigneter Weise angebrachtes Stück Tuch von roter Farbe gegen das „böse Auge“ zu schützen. Vom Raubzeuge hat die Blaumerle wenig zu leiden; ihre Vorsicht entzieht die Alten, der stets vortrefflich gewählte Standort des Nestes die Brut den meisten Nachstellungen. Die Edelfalken fangen sie übrigens, wie ich mich selbst überzeugt habe, zuweilen doch. Die Drosseln (Turdus), eine artenreiche, über die ganze Welt verbreitete Gattung bildend, deren Mitglieder in Gestalt und Wesen sich außerordentlich ähneln, gehören zu den großen Singvögeln und sind mehr oder weniger gestreckt gebaut. Ihr Schnabel ist mittellang, fast gerade, längs dem Firste des Oberkiefers sanft gebogen und vor der Spitze seicht eingekerbt, der Fuß mittelhoch und schlank, der Flügel zwar nicht besonders lang, aber verhältnismäßig spitzig, die dritte und vierte Schwinge über die anderen verlängert, der Schwanz selten mehr als mittellang und in der Regel gerade abgeschnitten oder seitlich nur wenig abgerundet, das Gefieder endlich sanft und weich, jedoch nicht besonders weitstrahlig, seine Färbung sehr verschieden. Bei den meisten Arten sind beide Geschlechter ähnlich gezeichnet; doch kommt auch das Entgegengesetzte nicht selten vor. Die Jungen tragen ein geflecktes Kleid. Unsere heimischen Arten lehren uns die Sitten und Gewohnheiten fast aller echten Drosseln kennen.

Unter den in Deutschland brütenden Arten ist die Misteldrossel, Mistler, Mistelziemer, Schnerr, Zarizer, Zehrer, Zierling, Schneekater ꝛc. (Turdus viscivorus,

G. Mützel Jahrmargt. Drosseln. 1 Misteldrossel. 2 Wein- oder Rotdrossel. 3 Singdrossel (Zippe). 4 Wacholderdrossel (Kramtsvogel). 5 Schwarzdrossel oder Amsel.

Mistel⸗, Sing⸗, Rot⸗ und Wacholderdrossel.

major und arboreus, Sylvia, Merula und Ixocossyphus viscivorus) die größte. Ihre Länge beträgt 26, die Breite 44, die Fittichlänge 14, die Schwanzlänge 11 cm. Das Gefieder der Oberseite ist tiefgrau und ungefleckt, das der Kopfseiten fahl rostgelb, mit feinen dunkeln, einen vom Mundwinkel herablaufenden Bartstreifen bildenden Schaftflecken besetzt, das der Unterseite rostgelblichweiß, an der Gurgel mit dreieckigen, an der Brust mit ei⸗ oder nierenförmigen braunschwarzen Flecken gezeichnet; die Schwung⸗, größten Flügeldeck⸗ und Steuerfedern sind schwarzgrau, licht graugelblich gesäumt. Das Auge ist braun, der Schnabel dunkel, der Fuß licht hornfarben. Das Weibchen unterscheidet sich nur durch etwas geringere Größe von dem Männchen. Die Jungen zeigen auf der Unterseite gelbe Längs⸗ und schwärzliche Spitzenflecken auf den Federn, und die Deckfedern ihrer Flügel sind gelb gekantet. Alle Länder Europas vom hohen Norden an bis zum äußersten Süden und der Himalaja sind die Heimat, hochstämmige Waldungen verschiedener Art, namentlich aber Schwarzwald, der Aufenthalt der Misteldrossel. Aus den hochnordischen Gegenden wandert sie in südlichere und westlichere herab und dringt dabei bis Nordwestafrika vor. Ihr nicht unähnlich, aber bedeutend kleiner, ist der Liebling aller Gebirgsbewohner, die Singdrossel oder Zippe, auch wohl Weiß⸗, Sommer⸗, Krag⸗, Berg⸗ und Zierdrossel (Turdus musicus, minor und philomelos, Sylvia und Merula musica, Iliacus musicus, Abbildung S. 82). Ihre Länge beträgt 22, die Breite 34, die Fittichlänge 11, die Schwanzlänge 8 cm. Das Gefieder ist oben ölgrau, unten gelblichweiß mit dreieckigen oder eiförmigen braunen Flecken, welche jedoch auf dem Bauch spärlicher auftreten als bei der Misteldrossel. Auch sind bei jener die Unterflügeldeckfedern blaß rostgelb, bei dieser dagegen weiß und die Oberflügeldeckfedern durch schmutzig rostgelbe Spitzenflecken gezeichnet. Die Geschlechter unterscheiden sich nur durch die Größe; das Gefieder der Jungen zeigt auf der Oberseite gelbliche Längs⸗ und braune Spitzenflecken. Die Singdrossel bewohnt den größten Teil Europas sowie Nord⸗ und Mittelasien und erscheint gelegentlich ihrer Wanderung häufig in Nordwest⸗, seltener in Nordostafrika. In Deutschland brütet sie in allen größeren Waldungen.

Die Rotdrossel, Wein⸗, Winter⸗, Berg⸗, Heide⸗, Blut⸗ und Buntdrossel, Rotzippe und Rotziemer, Weißlich, Winesel, Gererle, Bitter, Böhmle und Bäuerling (Turdus iliacus, betularum, vinetorum und gracilis, Sylvia iliaca, Iliacus ilias und minor), ist oberseits olivenerdbraun, unterseits weißlich, an den Brustseiten hochrostrot, am Halse gelblich, überall mit dunkelbraunen, dreieckigen und runden Längsflecken gezeichnet. Das Weibchen ist blässer als das Männchen. Bei den Jungen ist der grünlichbraune Oberkörper gelb gefleckt, und die Unterflügeldeckfedern sind rostrot. Das Auge ist kaffeebraun, der Schnabel schwarz, am Grunde des Unterschnabels horngelb, der Fuß rötlich. Die Länge beträgt 22, die Breite 35, die Fittichlänge 11, die Schwanzlänge 8 cm. Regelmäßiger Brutvogel im hohen Norden Europas und ebenso im nördlichen und östlichen Asien sowie im nordwestlichen Himalaja, nistet die Rotdrossel ausnahmsweise auch in südlicheren Breiten. Gewöhnlich erscheint sie mit dem Krammetsvogel bei uns zu Lande und wandert bis Nordafrika, obwohl die große Mehrzahl bereits im Süden Europas für die Winterzeit Herberge nimmt. Die Wacholderdrossel oder der Krammetsvogel, Ziemer und Schacker (Turdus pilaris, subpilaris, juniperorum und fuscilateralis, Sylvia, Merula, Arceuthornis und Planesticus pilaris), ist bunt gefärbt. Kopf, Hinterhals und Bürzel sind aschgrau, Oberrücken und Schultergegend schmutzig kastanienbraun, Schwingen und Schwanzfedern schwarz, Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV.

Erste Ordnung: Baumvögel; erste Familie: Sänger.

die Flügeldeckfedern außen und an der Spitze aschgrau, die beiden äußersten Steuerfedern weiß gesäumt, Kehle und Vorderhals dunkel rostgelb, schwarz längsgefleckt, die braunen Federn der Brustseiten weißlich gerandet, die übrigen Unterteile weiß. Das Auge ist braun, der Schnabel gelb, der Fuß dunkelbraun. Das Weibchen ist etwas blässer als das Männchen. Die Länge beträgt 26, die Breite 43, die Fittichlänge 14, die Schwanzlänge 10 cm. ARARGT.X

Singdrossel (Turdus musicus) und Ringdrossel (Turdus torquatus). 1/2 natürl. Größe.

Ursprünglich im Norden Europas und Asiens heimisch und hauptsächlich in Birkenwaldungen brütend, hat die Wacholderdrossel seit etwa drei Menschenaltern begonnen, sich auch in Deutschland anzusiedeln und nistet hier in Wäldern und Obstpflanzungen aller Art, selbst in Gärten, bleibt oft auch im Winter in der Heimat und wandert höchstens bis Nordafrika, Palästina und Kaschmir hinab. „Zwei Vögel, die von Nordosten vorwärts dringen“, schreibt W. Marshall, „halte ich für alte deutsche Heimbürger aus der Eiszeit: die Rotdrossel und den Krammetsvogel; beide finden sich im ganzen Norden Europas und Asiens, der Krammetsvogel, als zur Reliktenfauna gehörig, auch im Kanton Schaffhausen, in den glarnerischen Gebirgen und in den höchsten und rauhesten Bergwäldern Appenzells das ganze Jahr hindurch. 1784 wird er ebenso wie die Rotdrossel als ein Brutvogel der ausgedehnten sumpfigen

Waldungen Ost- und Westpreußens aufgeführt, und das ist er wahrscheinlich seit der Eiszeit auch immer gewesen; 1854 beobachtete man ihn nistend in Pommern und Berlin, 1850 in der Lausitz. Seit 1852 aber ist sein Vorkommen in Thüringen schon festgestellt, 1848 findet er sich im Osten dieses Landes bei Schmölln, 5 Jahre später bei Zeulenroda im Süden, und er hat sich seitdem nicht nur im ganzen Lande bedeutend vermehrt, er ist auch noch weiter nach Süden, bis Gunzenhausen in Mittelfranken, vorgedrungen. Es hat aber den Anschein, als ob der Vogel auch von Südosten, vielleicht von den Karpathen her, einwandert, wenigstens wird er 1855 in der Elbniederung bei Pardubitz, 1871 bei Brandies und Königgrätz und in demselben Jahre an der Moldau und im Böhmerwalde beobachtet; an der letzteren Ortlichkeit kann er indessen recht gut aus früherer Zeit übriggeblieben sein und hier gebrütet haben. Die Ursachen des Vorrückens eines Vogels von Nordosten nach Südwesten und wohl auch das Herabsteigen von den Bergen ins Thal, wie es bei dem Krammetsvogel seit 80 Jahren stattfindet, sind nicht recht klar: es ist kaum anzunehmen, daß die Lebensbedingungen, die Mitteldeutschland heutigestags bietet, dem Tiere besser zusagen sollten als jene, die ebenda vor 100 Jahren herrschten; zu Bechsteins Zeit brütete der Vogel in Thüringen sicher nicht, wo er jetzt häufig ist. Es wäre möglich, daß in dem Wesen des Vogels eine Veränderung vor sich gegangen wäre, daß er anfängt, sich besser anzupassen und in neue Verhältnisse zu schicken.“ Nachdem unser Gewährsmann darauf hingewiesen, wie dies in verhältnismäßig kurzer Zeit sehr auffällig mit der Amsel geschehen ist, fährt er fort: „So vollziehen sich tagtäglich in der Tierwelt, die uns umgibt, Veränderungen, aber meist so geringen Umfanges, daß sie unserer Aufmerksamkeit entgehen. Aber in einer gewissen Zeit muß die Summe aller dieser wenn im einzelnen auch noch so kleinen Veränderungen schließlich doch eine beträchtliche werden, und Forscher kommender Geschlechter werden, wenn sie diese Thatsache übersehen, leicht dazu gelangen, unsere heutigen Beobachtungen für ungenau und falsch zu halten.“ Auf Hochgebirgen lebt die Ringdrossel oder Ringamsel, Schild- und Rostdrossel, Dianen⸗, Erd⸗, Strauch-, Berg-, Meer- und Seeamsel, Stock- und Stabziemer (Turdus torquatus, Merula torquata, montana, collaris, maculata und vociferans, Sylvia torquata, Copsichus torquatus, Abbildung S. 82). Ihre Länge beträgt 26, die Breite 42, die Fittichlänge 14, die Schwanzlänge 11 em. Das Gefieder des Männchens ist bis auf ein breites, halbmondförmiges, weißes Brustband auf mattschwarzem Grunde mit lichten halbmondförmigen Flecken gezeichnet, welche durch die Federränder gebildet werden; die Schwingen und Flügeldeckfedern sind gräulich überlaufen und bräunlichgrau gesäumt, die Schwanzfedern einfarbig rußschwarz, die beiden äußersten durch ein schmales, feines, weißgraues Säumchen geziert. Das Weibchen ist düsterfarbiger, infolge der breiteren Federsäume mehr gräulich, das Brustband auch nur angedeutet und nicht weiß, sondern schmutzig grau. Das Jugendkleid erinnert an die Tracht der Wacholderdrossel, ist aber dunkler, wie verräuchert; die Federn der Oberseite sind tiefbraun, lichter gerandet und teilweise mit weißlich rostgelben Schaftflecken geziert, Kehle und Gurgel licht rostgelb, seitlich dunkler in die Länge gefleckt, die Brust auf rostfarbenem Grunde mit runden, die übrigen Unterteile auf licht graugelbem Grunde mit halbmondförmigen Flecken besetzt. Das Auge ist braun, der Schnabel schwarz, der Unterkiefer am Grunde aber rotgelb, der Fuß schwarzbraun. Die Ringamsel ist nur Gebirgsvogel und findet sich deshalb am häufigsten in unseren Hochgebirgen, seltener schon im Mittelgebirge. In Skandinavien ist sie ebenso gemein wie in der Schweiz; auf den bayrischen Alpen, Vogesen, dem Schwarzwalde und dem Riesengebirge ist sie nicht selten, auf den Osterreichischen und Siebenbürgischen Alpen, den Karpathen, dem Kaukasus und Ural, den Pyrenäen und der Sierra Nevada ebenfalls Brutvogel. 6* — ———....

Auf ihrem Zuge durchstreift sie alle von Skandinavien südlich gelegenen Länder Europas und dehnt ihre Reise bis zum Atlas aus. Auf dem Riesengebirge, in den Alpen und Karpathen, vielleicht auch auf dem Feldberge und Altkönige im Nassauischen sind Verwandte der Ringdrossel als Sommervögel beobachtet worden, aus denen mein Vater die Art Turdus alpestris (Alpen- oder Schneeamsel) gebildet hat. Die Amsel oder Schwarzdrossel, Schwarz-, Stock- und Kohlamsel, Merle,

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