Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
weiße Punkte, die von dem Dunkelgrün der Fächerblätter abstachen, veranlaßten mich, den Baum zu ersteigen und die Sache näher zu untersuchen. Ich fand zu meiner nicht geringen Überraschung, daß jene Blätter die Niststätten, gedachte weiße Punkte die Nester des Zwergseglers waren. Die Bauart dieser Nester ist höchst merkwürdig. Die große Blattfläche ist so schwer, daß sie den Blattstiel sprenkelähnlich niederbiegt, der untere Teil des Blattes also senkrecht nach unten hängt. Nun sitzen aber die Blattflächen unter einem spitzen Winkel an dem Blattstiele an, und es entsteht somit in der Mitte des Blattes selbst eine Rinne oder, richtiger, ein Winkel, wie im Zimmer da, wo zwei Wände aneinanderstoßen. In diesen Winkel heftet der Zwergsegler sein Nestchen an. Es besteht größtenteils aus Baumwollfasern, ist aber ganz mit Speichelkleister überzogen und mit diesem an das Blatt festgeklebt. Der Gestalt nach könnte man es mit einem tief ausgebogenen runden Löffel vergleichen, auf welchem ein breiter Stiel senkrecht steht. Der letztere ist angeleimt und muß das eigentliche Nest halten und tragen. Weiche Federn, die ebenfalls angekleistert wurden, betten die etwa 5 em im Durchmesser haltende Nestmulde aus; auf ihr liegen die zwei Eier oder die beiden Jungen. Der Zwergsegler verfährt aber mit besonderer Vorsicht, um zu verhüten, daß Eier oder Junge aus dem Neste fallen oder aus ihm geschleudert werden. Bei heftigem Winde wird selbstverständlich das große Blatt mit Macht bewegt, und dabei würden die kleinen Jungen oder mindestens die Eier unfehlbar aus dem flachen Neste geworsen werden. Dem kommt der kluge Vogel zuvor, indem er die Cier und die Jungen ebenfalls mit seinem Speichel festleimt. Besonders auffallend war mir, daß die walzenförmigen, weißen, 17 mm langen Eier nicht der Länge nach im Neste lagen, sondern mit der einen Spitze aufgeleimt waren. Ich fand ziemlich große Junge, die noch festgekittet waren, vermute aber, daß diese Vorsichtsmaßregel unnötig wird, sobald die Jungen das Daunenkleid angelegt haben und im stande sind, sich selbst festzukrallen. Heuglin bestätigt meine Beobachtung im vollsten Umfange und ebenso meine Vermutung hinsichtlich der halbflüggen Jungen, indem er sagt, daß diese sich krampfhaft an ihre Behausung anklammern. In Ober- und Niederguinea fand Pechuel-Loesche die Nester des Zwergseglers an den großen Fächern der Hyphaene guinéensis befestigt, und zwar waren in den langgestreckten und gleichmäßig verteilten Beständen dieser Palmenart stets nur gewisse Gruppen von Palmen als Wohnstätten auserwählt, während die benachbarten unbesiedelt blieben. In großer Anzahl finden sich die Nester des Zwergseglers an einigen Fächerpalmen, die 2 den Faktoreigebäuden von Banana an der Kongomündung stehen. In Indien wählt der Zwergsegler anstatt der Dumpalme die Palmyra- und Kokospalme und verwendet in Ermangelung von Baumwolle Gras, Federn und dergleichen zur Grundlage des Nestes, ohne jedoch Pflanzenwolle gänzlich zu verschmähen. Indien und seine Eilande, Australien und Afrika beherbergen eine wohl abgeschlossene Gattung der Familie: die Baumsegler (Dendrochelidon). Sie kennzeichnen sich durch ihren gestreckten Leib, ihren kleinen Schnabel, die sehr langen Schwingen, in welchen die zwei ersten Federn ziemlich gleich lang sind, den langen, tief gegabelten Schwanz und ihre wie bei den Schwalben gebildeten Füße sowie endlich durch eine Kopfhaube. Das Knochengerüst bietet nicht minder bemerkenswerte Eigentümlichkeiten dar; ebenso zeichnet sie das Vorhandensein einer Gallenblase aus, die den eigentlichen Seglern sehlt. Eine Art dieser Gattung, nach ihrem und ihrer Verwandten Geschrei Klecho genannt Dendrochelidon longipennis, Hirundo, Cypselus, Macropteéryx und Pallestre Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 46
Erste Ordnung: Baumvögel; dreiunddreißigste Familie: Segler. klecho), ist 18, ihr Fittich 15, der Schwanz 8 cm lang. Die aus breiten Federn gebildete, aufgerichtete Holle auf dem Vorderkopfe, Oberkopf, Manteln, Schultern und Flügeldeckfedern sind dunkel schwarzgrün mit schwach metallischem, die Enden der Flügeldeckfedern mit stahlblauem Schimmer, der Zügel und die Gegend unter dem Auge schwarz, Bürzel und obere Schwanzdecken hell schimmelgrau, Schwingen und Handdecken schwarz mit schwarzblauem, die hinteren Hand⸗ und die Armschwingen mit stahlgrünem Schein, die letzten Armschwingen
Klecho (Dendrochelidon longipennis). 1/2 natürl. Größe.
schimmelgrau, die letzten Schulterdeckfedern weiß gefärbt. Ein kleiner dunkel rostroter Flecken ziert die Ohrgegend; Kinn, Kehle, Kropf, Hals und Körperseiten sind schimmelgrau, die unteren Flügeldecken schwarzgrün, die Steuerfedern, die eine tiefe Gabel bilden, schwarz, an der Wurzel mit grünem, an der Spitze mit schwarzblauem Schein. Das Auge ist tief braun, der Schnabel schwarz, der Fuß horngrau. Dem Weibchen fehlt der rostrote Ohrflecken. Das Verbreitungsgebiet der Art erstreckt sich über die großen Sundainseln, Java, Sumatra, Borneo, Bangka und die Halbinsel Malaka. Alle Baumsegler führen ein von ihren sämtlichen Verwandten abweichendes Leben und zeichnen sich insbesondere auch durch ihr Brutgeschäft aus. Sie sind Bewohner des Dschan gels oder ähnlicher Walddickichte, hauptsächlich derer, die in Ebenen liegen. Gern setzen sie sich auf Bäume; doch ist ihre Geschicklichkeit im Klettern gering. Eine indische Art findet man, nach Jerdon, zuweilen in sehr zahlreichen Schwärmen, gewöhnlich aber in kleinen Gesellschaften, entweder auf dürren und blätterlosen Bäumen sitzend und dann mit ihrer Kopfhaube spielend, oder jähen Fluges, am liebsten in der Nähe von Gewässern, auf und nieder fliegend und dabei ein lautes, papageiähnliches Geschrei ohne Unterbrechung ausstoßend, so daß sie ihre Anwesenheit dem Kundigen verrät, noch ehe er sie zu Gesicht bekommt. Das Geschrei der indischen Art wird durch die Silben „kia kia kia“ wiedergegeben; sie vernimmt man aber nur, solange der Vogel fliegt, wogegen er im Sitzen eine Art kurzen Gesang vernehmen läßt, den man durch die Silben „tschiffel tschaffel klecho klecho“ zu übertragen versucht hat. Über das Brutgeschäft des Klecho, den die Malayen Manuk⸗Pedang oder „Schwertvogel“ nennen, hat Bernstein ausführlich berichtet. „Dieser Vogel“, sagt er, „bietet in
seinem Nestbaue so höchst merkwürdige und eigentümliche Verhältnisse dar, daß er in dieser Hinsicht bis jetzt wohl einzig dasteht. Ganz gegen die Gewohnheit anderer verwandten Arten, an Fels⸗ oder Mauerwänden, in Spalten und Löchern ꝛc. des Gesteines zu nisten, wählt er frei stehende Aste hoch im Wipfel der Bäume, um sein Nest an sie anzubauen. Ist schon die Wahl eines solchen Ortes für einen zur Familie der Segler gehörigen Vogel merkwürdig, so ist das Verhältnis in der Größe zwischen Vogel, Nest und Ei noch viel auffallender. Das Nest erinnert durch seine mehr oder weniger halbrunde Gestalt und die Weise, wie die es zusammensetzenden Stoffe untereinander verbunden sind, einigermaßen an die Nester der Salangane, ist jedoch viel kleiner und flacher. Die von mir gemessenen Nester waren bei einer Tiefe von em nicht über 3—4 em breit. „Das Nest ist stets an einem wagerechten, etwa 2 em dicken Aste, der zugleich die hintere Nestwand bildet, befestigt und stellt so zu dessen Seite einen ziemlich flachen, länglich halbrunden Napf dar, eben groß genug, um das einzige Ei aufnehmen zu können. Die Nestwände sind äußerst dünn und zart, kaum dicker als Pergament. Sie bestehen aus Federn, einzelnen Stückchen Baumflechten und kleinen Rindenteilen, welche Stoffe durch ein kleberiges Bindemittel zusammengeleimt sind, ohne Zweifel, ähnlich wie bei den Salanganen, dem Speichel des Tieres, zumal auch bei den Baumseglern die Speicheldrüsen zur Zeit der Fortpflanzung auffallend anschwellen. Die Kleinheit und Gebrechlichkeit des Nestes erlaubt dem brütenden Vogel nicht, sich darauf zu setzen; er sitzt vielmehr, wie ich dieses wiederholt beobachtet habe, auf dem Aste und bedeckt allein mit dem Bauche das Nest und das darin befindliche Ei. Dieses entspricht, da es einen Längsdurchmesser von 25 und einen größten Querdurchmesser von 19 mm hat, durchaus der Größe des Vogels. Es ist von regelmäßiger, vollkommen eirunder Gestalt, so daß es nicht möglich ist, ein spitzeres oder stumpferes Ende an ihm zu erkennen. Seine Farbe ist ein sehr blasses Meerblau, das nach dem Ausblasen noch blässer wird und dann weiß, schwach ins Bläuliche spielend erscheint. Meinen Beobachtungen nach macht der Vogel jährlich zwei Bruten bald nacheinander, die erste im Mai oder Juni, bedient sich jedoch nur selten desselben Nestes wieder. „Das offenbare Mißverhältnis der Größe zwischen Vogel, Nest und Ei machte mich begierig, das Junge zu beobachten, das anscheinend wenige Tage nach dem Auskriechen aus dem Ei keinen Platz mehr in dem kleinen, gebrechlichen Neste finden konnte. Ich ließ daher ein Paar des Vogels ungestört sein Ei ausbrüten. So wie ich erwartet hatte, füllte das Junge schon nach wenigen Tagen das Nest vollkommen aus und fand darin bald keinen Platz mehr. Es verließ also das Nest und nahm dieselbe Stellung ein, die früher das brütende Weibchen eingenommen hatte, d. h. auf dem Aste, und ruhte nur mit seinem Bauche im Neste. In diesem Zustande, hilflos auf dem Aste sitzend, würde das junge Geschöpf eine leichte Beute jedes Raubvogels, der Krähen ꝛc., werden, wenn es sich nicht durch ein höchst eigentümliches Benehmen, das einigermaßen an das der Rohrdommeln erinnert, den Augen dieser Räuber zu entziehen wüßte. Abgesehen nämlich davon, daß das Junge die einmal eingenommene Stelle auf dem Aste vor dem Neste nicht eher verläßt, als bis es völlig erwachsen ist, reckt es, sobald es etwas Verdächtiges oder ihm Fremdes bemerkt, instinktmäßig den Hals in die Höhe, sträubt die Federn, kauert sich nieder, so daß von den Füßen nichts zu sehen ist, und sitzt völlig unbeweglich, so daß man es, zumal auch sein dunkelgrün, weiß und braun gemarmeltes und geschecktes Gefieder mit der Farbe des meistens mit grünlichweißen Flechten bedeckten Astes übereinstimmt, leicht übersieht. Ja selbst als der Vogel erwachsen war und ich nun den Ast mit dem Neste abschneiden ließ, beobachtete er dasselbe Benehmen und saß, ohne das mindeste Lebenszeichen von sich zu geben, unbeweglich still, während doch andere Vögel mit hungrigem Geschrei die offenen Schnäbel jedem Besucher entgegenzustrecken pflegen.“ v 46*
Salanganen (Collocalia) nennt man die seit mehreren Jahrhunderten bekannten und noch heutigestags wenig gekaͤnnten Segler, welche die berühmten eßbaren Nester bauen. Die Kennzeichen der Gattung sind: geringe Größe, sehr kleiner, starkhakiger Schnabel und sehr schwache Füße, deren Hinterzehe sich nach hinten richtet, ziemlich lange Flügel, in welchen die zweite Schwinge die längste ist, und mittellanger, gerade abgestutzter oder leicht ausgeschnittener Schwanz. Das Gefieder ist ziemlich hart, aber einfach gefärbt. Unter den inneren Teilen verdienen vor allem die sehr entwickelten Speicheldrüsen Beachtung. Das Urbild der Gattung, die Salangane, Sarong-Burong und Lajong der
Malayen, Lawet der Javaner, Jenwa und Jeniku der Japanesen (Collocalia nidifica, unicolor, concolor und brevirostris, Hirundo esculenta und maritima, Cypselus esculentus), übertrifft unsere Uferschwalbe kaum an Größe: ihre Länge beträgt 13, die Breite 30, die Fittichlänge 12, die Schwanzlänge 6 em. Das Gefieder der Oberseite ist dunkel rauchschwarzbraun mit Erzschimmer, das der Unterseite rauchgraubraun. Die Schwingen des sehr schwach ausgeschnittenen Schwanzes sind etwas dunkler als die Oberseite und einfarbig schwarz. Das Auge hat tiefbraune, der Schnabel wie der Fuß schwarze Färbung. Früher kannte man die Salangane nur als Bewohnerin der Sundainseln; später hat man sie auch in den Gebirgen von Assam, in den Nilgiris, in Sikkim, Arakan, längs der Ostküste der Bucht von Bengalen, in Siam, Cochinchina, auf Ceylon, den Nikobaren und Andamanen beobachtet. Sie ist die Art, über welche das meiste berichtet und gefabelt worden ist. „An der Küste von China“, sagt der alte Bontius, „kommen zur Brütezeit kleine Vögelchen vom Geschlechte der Schwalben aus dem Inneren des Landes an die Klippen des Meeres und sammeln in dem Meerschlamme am Grunde der Felsen einen zähen Stoff, möglicherweise Walrat oder Fischlaich, aus welchem sie ihre Nester bauen. Die Chinesen reißen diese Nester von den Klippen und bringen sie massenhaft nach Indien, wo sie für teures Geld gekauft, in Hühner- und Hammelbrühe gekocht und von Schleckern allen übrigen Gaumenreizen vorgezogen werden.“ Bis in die neuere Zeit wird diese Meinung mehr oder weniger festgehalten. Fast sämtliche Reisebeschreiber sind der Ansicht, daß der Stoff zu den eßbaren Nestern dem Meere und seinen Erzeugnissen entnommen werde. Kämpfer gibt an, daß chinesische Fischer versichert hätten, die eßbaren Nester seien nichts anderes als das von den Schwalben irgendwie zubereitete Fleisch von einer großen Tintenschnecke. Rumph beschreibt ein kleines Pflänzchen von weichlicher und knorpeliger Beschaffenheit, halb durchsichtig, glatt und schlüpfrig, weiß und rot gefärbt, zähe wie Leim, das sich am Strande des Meeres auf Felsengeröll und Muschelschalen findet und der eigentliche Baustoff der Schwalbennester sein soll, bezweifelt aber doch die Wahrheit der ihm gewordenen Angabe und hält es für wahrscheinlich, daß die Salangane den Baustoff zu ihren Nestern aus ihrem Leibe von sich gebe, wogegen Poivre seiner Zeit Buffon versicherte, daß er das Meer zwischen Java und Cochinchina und zwischen Sumatra und Neuguinea mit einer Masse bedeckt gefunden habe, die auf dem Wasser schwimme, wie halb aufgeweichter Leim aussehe und von den Schwalben aufgenommen werde. Erst Sir Stamford Raffles kommt wieder auf Rumphs Ansicht zurück und hält den Baustoff für eine Absonderung der Schwalbe selbst, die zuweilen mit solcher Anstrengung ausgebrochen werde, daß sich Blut mit ihr vermische. Home besichtigte darauf hin den Magen der Salangane und fand namentlich die Ausführungsgänge der Magendrüsen ganz eigentümlich gestaltet, ihre Mündung röhrenförmig und verlängert, in mehrere Lappen wie eine Blume zerteilt. Die Lappen, meint Home, sollen den Schleim zu dem Neste absondern. Marsden untersuchte den Stoff der Nester und fand, daß er ein Mittelding zwischen Gallerte und Eiweiß Ee 41