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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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Abgesehen von diesen durch Großartigkeit der Natur und Reichhaltigkeit der Nesterernten hervorragenden Siedelplätzen der Salanganen kommt diese noch an vielen anderen Orten Javas auch im Inneren des Landes vor. Die erwähnte Höhle liegt in der Residenz Bagalen, die Siedelung der Vögel in der Mitte der Insel in den Kalkbergen der Preanger— Regentschaft in einer Höhe von 600—800 m, ungefähr gleich weit von der Nord- und Südküste entfernt. Hier werden sechs, zu Karang-Bolong neun Höhlen von Salanganen bewohnt. Bei der Gedahöhle liegt der Rand der Küstenmauer 25 müber dem Spiegel des Meeres zur Ebbezeit, und die Mauer biegt sich eingebuchtet nach innen, bildet jedoch in einer Höhe von 8em über dem Meere einen Vorsprung, bis wohin die aus Rotang (spanischem Rohre) gefertigte Leiter senkrecht vom Rande herabhängt. Diese Leiter besteht aus zwei seitlichen Rotangsträngen, die im Abstande von 50 em durch Querhölzer miteinander verbunden sind. Die Decke des Einganges der Höhle liegt jedoch nur 3 müber dem Spiegel des Meeres, das den Boden des Innenraumes auch zur Ebbezeit in seiner ganzen Ausdehnung bedeckt, während zur Flutzeit die Offnung, wie geschildert, von jeder herbeirollenden Woge gänzlich geschlossen wird. Die Sammler der Vogelnester können daher nur zur Ebbezeit und bei sehr stillem, niedrigem Wasser in das Innere des Raumes gelangen. Aber auch dann noch würde dies unmöglich sein, wäre der Felsen am Gewölbe der Höhle nicht von einer Menge von Löchern durchbohrt, zernagt und zerfressen. In diesen Löchern, an den hervorragendsten Zacken, hält sich der stärkste und kühnste der Nestersammler oder, wie man auf Java sagt, der Nesterpflücker, der zuerst hineinklettert, fest und bindet Rotangstränge an ihnen an, so daß sie von der Decke 1,5 —2 m herabhängen. An ihrem Ende werden andere lange Rotangstränge festgeknüpft, die in einer mehr wagerechten Richtung unter der Decke hinlaufen, deren Unebenheiten auf- und absteigend folgen und sich wie eine hängende Brücke durch die ganze über 50 m breite Höhle hinziehen. Die Daharhöhle ist bei 15 me Breite 150 melang. Ihr Eingang liegt nur 4 müber dem Spiegel des Meeres, das auch ihren Boden bedeckt, und steigt im Inneren bis zu 20 man. Ehe man zum Pflücken der Vogelnester die Leitern aushängt und auf ihnen hinaussteigt in die grausende Nachbarschaft der schäumenden See, richtet man ein feierliches Gebet zu der erwähnten Göttin, die an verschiedenen Teilen der Insel verschiedene Namen führt, dem ungeachtet aber keine andere ist, als die Göttin „Durga“, die Gemahlin des Gottes „Schiwa“, in den Augen der heutigen Javanen das Sinnbild der Zeugungskraft, Fruchtbarkeit und unerschöpflichen Lebensfülle. Obwohl die heutigen Javanen sich zum Is-— lam bekennen, hat sich die Verehrung dieser Göttin und die Anschauung über sie doch nicht geändert. Nach den Angaben der ältesten und erfahrensten Nesterpflücker und eignen Beobachtungen konnte Junghuhn über das Leben der Salanganen Folgendes mitteilen: Die Vögel wohnen, auch wenn sie nicht brüten, in den geschilderten Höhlen, fliegen aber, wenn sie nicht durch die Sorge um ihre Brut im Inneren festgehalten werden, bei Aufgang der Sonne in gedrängtem Schwarme aus dem Inneren der Höhle und verschwinden, so daß man weder im Gebüsche noch über Bächen und Teichen im Laufe des Tages eine einzige von ihnen erblickt. Erst spät am Abend, wenn die Sonne untergeht und die Fledermäuse sich zum Ausfliegen anschicken, kehrt der ganze Schwarm auf einmal zurück, um des Nachts in der Höhle zu bleiben. Sie fliegen pfeilgeschwind durch die engsten Spalten, ohne anzustoßen, und dies auch, wenn es vollkommen finster ist. Höher gelegene Höhlen teilen sie mit den Fledermäusen, ohne sich gegenseitig zu behelligen. Letztere schlafen bei Tage, zu welcher Zeit die Salanganen die Höhlen verlassen haben, um Nahrung zu suchen, und fliegen, wenn die gefiederten Mitbewohner des Raumes des Abends heimkehren, aus, um erst am folgenden Morgen wieder zurückzukommen, zu welcher Zeit dann von neuem die Salanganen ausziehen.

So sind diese verschiedenen Tiere doch nicht gleichzeitig bei einander und stören einander nicht. Die eine Hälfte fliegt jederzeit aus, wenn die andere einfliegt, und kehrt zurück, wenn sie von der anderen Schar verlassen wird. Nur wenige Nestersammler haben erkannt, daß die Salanganen wie ihre Verwandten auch von kleinen Kerbtieren, insbesondere von Mücken leben; die meisten nehmen im Gegenteile verschiedene Seetiere und deren Teile als die Beute an, der die Salanganen nachstreben, glauben daher auch, daß die im Inneren der Insel brütenden Vögel tagtäglich mindestens zweimal je 70 Km zurücklegen müßten, um von ihrer Bruthöhle zum Meere und wieder zum Neste zu gelangen. Junghuhn scheint die Ansicht der Eingeborenen zu der seinigen zu machen, gibt wenigstens ihre Auslassung ohne alle Nebenbemerkung wieder, obgleich er von ihrer teilweisen Unrichtigkeit von vornherein überzeugt sein konnte. In den Bandongschen Höhlen brüten die Vögel nach Versicherung der Pflücker viermal im Laufe des Jahres, und während der Brutdauer bleibt stets die Hälfte von ihnen in der Höhle. Männchen und Weibchen sollen sich im Brüten sechsstündlich ablösen und alle Paare bis auf einen Unterschied von 10 Tagen zu gleicher Zeit ihrem Brutgeschäfte obliegen. Niemals machen die Salanganen von einem Neste zweimal Gebrauch, bauen vielmehr bei jedesmaligem Eierlegen ein neues Nest, obgleich sie an ihm einen ganzen Monat lang arbeiten müssen. Das alte Nest wird stinkend und fällt ab. Man erntet drei- oder viermal im Jahre, in den Bandongschen Höhlen das erste Mal im April oder Mai, das zweite Mal im Juli oder August, das dritte Mal im November oder Dezember. Beim Beginne des Einsammelns der Nester sind die Jungen erst aus der Hälfte der Nester ausgeflogen. In der anderen Hälfte findet man teils noch unflügge Junge, teils Eier. Erstere werden gegessenzsletztere weggeworfen; die Hälfte der jungen Brut geht also bei jeder Ernte verloren. Gleichwohl vermindert sich die Anzahl der Salanganen nicht, ebensowenig wie sie sich da vermehrt, wo man im Jahre nur dreimal erntet und eine Brut ausfliegen läßt. In den Bandongschen Höhlen gilt die erste Ernte als die schlechteste, die zweite als die beste, die dritte als eine ziemlich gute. Die Ernte beginnt, wenn die Mehrzahl der Nester Junge zeigt, die bereits mit Stoppeln versehen sind. Bis zu dieser Zeit, die man die der Reife nennt, begeben sich einige Pflücker jeden Tag in die Höhle, um nachzusehen, in welchem Zustande die Nester mit ihrem Inhalte sich befinden. Diejenigen Nester, in welchen Junge mit keimenden Federn liegen, sind die besten und bilden Ware erster, die Nester mit noch ganz nackten Jungen solche zweiter und die Nester mit Eiern endlich solche dritter Güte. Nester mit flüggen Jungen sind schwarz und unbrauchbar. Die sechs Bandongschen Höhlen liefern jährlich im Durchschnitte 13,520 oder jedesmal 3380 Nester, werden also mindestens von 6760 Vögeln bewohnt. Die Anzahl der Nester, die man zu Karang-Bolong erntet, beläuft sich auf 500,000, und wenn man diese auf drei Ernten verteilt, so ergibt sich, daß mehr als 33,000 Salanganen in der Höhle von Karang-— Bolong wohnen müssen. 100 Nester liefern durchschnittlich einen Katti, und 100 Kattis bilden einen Pikul. Solcher Pikuls soll man jährlich 49—50 ernten. Die Chinesen bezahlen für den Pikul Nester 4—5000 Gulden oder einen Gulden für 2—2, Nester, so daß die jährlichen Einkünfte, abgerechnet 10,000 Gulden Unkosten, ungefähr 24,000 Gulden betragen. Diese Angaben wurden von Junghuhn im Jahre 1847 aus den Mitteilungen verschiedener Pflücker, insbesondere aber aus den Berichten des Aufsehers der Vogelnesthöhlen in Karang-Bolong geschöpft. Hier bilden die Nesterpflücker gleichsam eine besondere Kaste, deren Geschäft vom Vater auf den Sohn erbt. Alle übrigen mir bekannten Berichte neuerer Beobachter geben ebensowenig wie die Junghuhns ein klares Lebensbild der Salanganen. „Im Jahre 1846, Ende Dezember“, erzählt Jerdon, „besuchte ich eine der Höhlen am Ende der Taubeninsel bei Honore und erfuhr durch einen Eingeborenen, der uns zu der Höhle geführt hatte, daß die jetzt nicht 1. RAnnl * u, Iali, al, If u ut inr r ü, Nai, iu, Wiüi, u, Iiu, i

brütenden Vögel abends zwischen 8 und 9 Uhr ankommen würden. Wir beauftragten ihn, diese Zeit abzuwarten und einige von den Tieren für uns zu fangen. Er kehrte am folgenden Morgen zu uns zurück und brachte uns mehrere lebende Salanganen, die er im Neste gefangen hatte, wie er sagte, erst um 9 Uhr abends. Die Vögel mußten also aus großer Ferne herbeigekommen sein, da sie drei volle Stunden nach Sonnenuntergang unterwegs gewesen waren. In einer anderen Höhle, die ich später, im März, besuchte, fand ich ungefähr 50—100 Nester und in einigen von ihnen Eier. Wenige dieser Nester waren alt, die meisten frisch gebaut. Etwa 20 Paare der Vögel mochten vorhanden sein. Bei Dardschiling erscheint die Salangane zuweilen in großen Massen, nach Tickels Angabe im August als Zugvogel, der in südwestlicher Richtung dahinstreicht. Ich habe sie aber auch noch im Oktober und ebenso zu anderen Zeiten gesehen, immer in zahlreichen Schwärmen, die sich über einen beträchtlichen Teil des Bodens verteilten und hier mit großer Schnellig keit hin- und herflogen.“ Außer auf Java erntet man auch an verschiedenen anderen Plätzen, eigentlich im ganzen indischen Inselmeere, Salanganennester, so daß den Schätzungen der Reisenden zufolge alljährlich Millionen von ihnen nach China ausgeführt werden und der Gesamtwert der Ausbeute ungefähr 6 Millionen Mark beträgt. Aus den Berichten von R. Abercromby, der im Jahre 1885 die Höhlen im Hügel von Gomanton auf Borneo besuchte, ist das Vorstehende in mancher Hinsicht zu ergänzen. Zu Gomanton bewohnen, ebenfalls gemeinschaftlich mit Fledermäusen, die Salanganen zwei übereinander gelegene Höhlen, von welchen die untere einen etwa 130 m, die obere einen zwischen 200 und 300 m hohen Raum bildet. Auch hier werden die Nester in der bereits geschilderten Weise selbst an den in schwindelerregender Höhe der Decke befindlichen Stellen eingesammelt. Die in den Höhlen angesiedelten Nesterpflücker versicherten Abereromby, daß zwei Arten der Vögel weiße oder helle Nester, eine dritte Art aber schwarze Nester anlege; auch brachten sie ihm dreierlei nach ihrer Größe deutlich unterscheidbare Eier, die von den drei Arten der Salanganen gelegt sein sollten. Wenn es sich wirklich so verhielte, meint unser Gewährsmann, müsse man annehmen, daß die eine Art mit den größten Eiern weiße, die mit den mittleren Eiern rötliche und die mit den kleinsten Eiern dunkle Nester verfertige. Er erwähnt aber sogleich, daß er auf den Philippinen einen deutschen Pflanzensammler, Robellin, gesprochen habe, der die Nesthöhlen auf der Insel Palawan aus eigner Anschauung kannte und ihm die Angaben der dort beschäftigten Nesterpflücker mitteilte. Danach sollen alle Nester, die weggenommen werden, ehe sie Eier enthalten, weiß, die dann gebauten aber rot und erst die zum dritten Male gebauten schwarz sein. Als eine Bestätigung dieser Mitteilungen könnten auch Bampfyldes Angaben in seinem Berichte über die Nesthöhlen zu Gomanton betrachtet werden, wonach man eine größere Menge schöner weißer Nester erntet, wenn viermal statt zweimal im Jahre gepflückt wird. Auch scheint für ausgemacht zu gelten, daß zu Gomanton die Nester aus der oberen Höhle reiner in Farbe und deswegen wertvoller sind als die aus der unteren Höhle, und daß sogar in demselben Raume die von den höchsten Wölbungen gepflückten Nester eine viel feinere Beschaffenheit aufweisen als die von den tiefer liegenden Stellen der Wände gewonnenen. Ein englisches Pfund der besten weißen Nester wird, laut Abereromby (1885), an der Nordküste von Borneo schon mit wenigstens 50 Mark, in Hongkong aber mit 200 Mark bezahlt. Etwa 70 Nester wiegen 1 Pfund, und 3 Nester sind nötig, um Suppe für eine Person zu kochen. Ein Pfund der mannigfaltig verunreinigten schwarzen Nester wird bloß mit 2—3 Mark bezahlt. Die roten Nester haben, je nach ihrer Beschaffenheit, nur die Hälfte oder zwei Drittel des Wertes der weißen Nester.

Erste Ordnung: Baumvögel; vierunddreißigste Familie: Mäusevögel. Als das tiefststehende Geschlecht der Kleinvögel haben wir die Mäusevögel (Col1.) zu betrachten, deren einzige gleichnamige Familie (Coliidae), die auf Afrika beschränkt ist, nur etwa zehn bekannte Arten zählt. Sie weichen von allen übrigen Vögeln ab und sind deshalb von den verschiedenen Forschern bald hierhin, bald dorthin gestellt worden. Linné zählte sie zu den Finken, während andere Vogelkundige eine bestimmte Stellung im Systeme gar nicht finden zu können meinten. Swainson wies ihnen einen Platz neben den Pisangfressern an. Wir folgen Fürbringer, indem wir sie in die Unterordnung der Kleinvögel einreihen. Alle bis jetzt bekannten Mäusevögel ähneln sich in so hohem Grade, daß der Versuch, die Familie in mehr als eine Gattung (Colius) zu zerfällen, als hinfällig erachtet werden muß. Ihr Leib ist lang gestreckt, fast walzenförmig, muskelig, der Schnabel kurz, dick, gewölbt, von der Wurzel an gebogen, an der Spitze etwas zusammengedrückt, der Oberschnabel mit schwachem Haken über den unteren herabgekrümmt, der Fuß kurzläufig, aber langzehig, der Fittich, in welchem die vierte mit der fünften und sechsten Schwinge die anderen überragen, kurz und stark gerundet, der Schwanz mehr als doppelt so lang wie der Leib. Zu den besonderen Eigentümlichkeiten gehören die Bildung der Füße und die Beschaffenheit des Gefieders. Bei ersteren können nämlich alle vier Zehen nach vorn gerichtet oder die beiden seitlichen nach hinten gewendet werden; das letztere ist, soweit es den Leib bekleidet, außerordentlich fein und zerschlissen, so daß die Federn den Haaren der Säugetiere ähneln. Dagegen erscheinen die zwölf langen Schwanzfedern wiederum durch ihre auffallende Steifheit bemerkenswert. Jede einzelne Feder besitzt einen sehr starken Schaft mit zwei ziemlich gleich schmalen steiffaserigen Fahnen. Die mittleren Schwanzfedern sind wenigstens viermal so lang wie die äußeren, wodurch eine Abstufung entsteht, wie sie in der ganzen Klasse kaum noch einmal vorkommt. Ein schwer zu bestimmendes Fahlgrau, das bald mehr, bald weniger in das Rötliche oder Aschfarbene spielt, ist vorherrschend, der Name Mäusevögel also auch in dieser Hinsicht gut gewählt. Während meiner Reise in Afrika habe ich zwei verschiedene Arten dieser sonderbaren Vögel kennen gelernt, ihre Sitten und Gewohnheiten aber so übereinstimmend befunden, daß es genügend erscheinen muß, wenn ich nur eine einzige Art beschreibe und auf sie alles beziehe, was über die Gruppe überhaupt bekannt geworden ist.

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