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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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Der Mäusevogel (Colius macrourus oder senegalensis, Lanius und Urocolius macrourus) erreicht eine Länge von 34, eine Breite von 29 cm; die Fittichlänge beträgt 10, die Schwanzlänge 24 cm. Die vorherrschende Färbung ist ein zartes Isabellrötlichgrau, das auf dem Oberkopfe ins Isabellgelbliche, auf dem Kinne und der Kehlmitte ins Weißfahle, auf der Unterbrust ins Isabellgräulichgelbe übergeht. Ein Flecken auf der Nackenmitte ist lebhaft himmelblau, der Mantel, also Schultern und Flügel, hell aschgrau. Die Schwingen und Steuerfedern haben innen in der Wurzelhälfte zimtrostrote, in der Endhälfte erdbraune Färbung. Das Auge ist rotbraun, ein glänzendes, nacktes Feld ringsum nebst Zügel und Schnabelwurzel lackrot, der Schnabel an der Spitze schwarz, der Fuß korallenrot. Männchen und Weibchen unterscheiden sich nicht durch die Färbung. Das Verbreitungsgebiet der Mäusevögel dehnt sich über einen großen Teil Afrikas aus, im Nordosten vom südlichen Nubien und dem Bogoslande bis in das Nilquellengebiet, im Westen von Senegambien an bis zum Damaralande. Ich fand ihn zuerst in der südlichen Bajuda⸗Steppe und von hier an in allen von mir bereisten Teilen des Ostsudan;

Mäusevogel: Allgemeines. Verbreitung. Aufenthalt.

von Heuglin begegnete ihm in den Tiefländern wie in den Gebirgen von Abessinien bis zu 2000 m Höhe, traf ihn aber nicht mehr am oberen Weißen Nil an und glaubt deshalb, daß der Vogel nicht weit südlich gehe. Die Mäusevögel sind, wie es scheint, auf Afrika beschränkt; denn die Angabe älterer Schriftsteller, daß sie auch in Indien gefunden werden, bedarf wohl noch der Bestätigung. Sie bewohnen Mittel⸗ und Südafrika, fehlen aber im Norden gänzlich, obwohl dort ihre Lieblingsbäume recht gut gedeihen; erst wenn man in die baumreiche Steppe eingetreten ist, begegnet man ihren Flügen. In den eigentlichen Urwaldungen sind sie stellenweise sehr häufig und in den innerafrikanischen Städten wie in den Ortschaften des Kaplandes regelmäßige Erscheinungen. Einzelne Arten scheinen hinsichtlich ihrer Verbreitung beschränkt zu

K.Jt.HB.

Mäusevogel (Colius macrourus). 1/2 natürl. Größe.

sein, andere verbreiten sich von der West⸗ bis zur Ostküste und vom 16. Grade nördlicher Breite bis zum Kaplande. Alle Arten aber finden sich nur da, wo es Bäume oder Gebüsche gibt, die anderen Vögeln im buchstäblichen Sinne des Wortes undurchdringlich sind. Levaillant war der erste Forscher, der ausführlich über die merkwürdigen Vögel berichtete. Er erzählte sonderbare Dinge von ihnen, die schon damals mit Kopfschütteln aufgenommen wurden und heute noch Anstoß erregen. Gleichwohl hat er schwerlich Unwahres mitgeteilt. Ich selbst glaubte, nachdem ich die Mäusevögel länger beobachtet hatte, Levaillant widersprechen zu können; neuere Beobachter aber haben seine Mitteilungen so vollständig bestätigt, daß ich dies jetzt nicht mehr zu thun wage. Alle Mäusevögel im eigentlichen Sinne leben in Familien oder kleinen Gesellschaften, gewöhnlich in solchen von 6 Stück. Sie nehmen in einem Garten oder in einem Waldteile ihren Stand und durchstreifen nun tagtäglich mit einer gewissen Regelmäßigkeit ein ziemlich ausgedehutes Gebiet. Zu dessen Mittelpunkte wird unter allen Umständen derjenige

Teil gewählt, welcher die dichtesten Gebüsche besitzt. Wer nicht selbst die Pflanzenwelt der Gleicherländer aus eigner Anschauung kennen lernte, mag sich schwerlich einen Begriff machen von derartigen Bäumen oder Gebüschen, wie jene Vögel sie bedürfen. Ein ohnehin dichtwipfeliger Baum oder Busch, der in weitaus den meisten Fällen dornig ist, wird derart mit Schmarotzerpflanzen überdeckt, umsponnen und durchflochten, daß man von dem eigentlichen Baume vielleicht nur hier und da einen durchbrechenden Ast gewahren kann. Das Netz, das diese Schlingpflanzen bilden, ist so dicht, daß es nicht bloß für den Menschen und andere Säugetiere undurchdringlich ist, sondern daß man sich nicht einmal mit dem Jagdmesser eine Offnung aushauen kann, daß der Vogel, der auf solchem Busche sich niederläßt, vor jedem Feinde, selbst vor dem Geschosse des Jägers geschützt ist, weil dieser den getöteten nicht aufnehmen könnte, auch wenn er sich alle nur denkbare Mühe gäbe. Auf weite Strecken hin schließen die Rankengewächse einen Teil des Waldes vollständig dem zudringlichen Fuße ab und lassen hierdurch Dickichte entstehen, deren Inneres für immer Geheimnis bleibt. Solche Waldesteile sind es, welche die absonderlichen Gesellen bewohnen, die dichtesten von den Gebüschen, in welchen sie sich umhertreiben. Kein anderer Vogel ist im stande, da einzudringen, wo der Mäusevogel noch lustig durchschlüpft oder, richtiger, durchkriecht; denn auch in seinem Betragen erinnert der sonderbare Gesell an das Säugetier, das ihm seinen Namen leihen mußte. Wie dieses zwängt er sich durch die schmalsten Offnungen, wie dieses drängt er sich durch Verzweigungen, die ihm gerade so viel Raum lassen, daß er seinen Leib eben durchpressen kann. Ein Flug erscheint an der einen Wand eines solchen Busches, hängt sich einen Augenblick hier fest, findet in dem nächsten eine Offnung und ist im Nu verschwunden. Ist man so glücklich, den Busch umgehen zu können, so gewahrt man, daß nach einiger Zeit an der entgegengesetzten Wand ein Kopf, nach dem Kopfe der Leib und endlich der ganze Vogel zum Vorschein kommt. Ein Schreien wird laut, alle Köpfe zeigen sich, und plötzlich schwirrt der ganze Schwarm geradeaus einem zweiten Busche zu, um hier in derselben Weise zu verschwinden. Wie die Vögel es angestellt haben, das Innere des Busches zu durchdringen, bleibt dem Beobachter ein Rätsel: es gehört eben ihre ganze Mäusefertigkeit dazu. Der Flug selbst ist wechselweise ein Schwirren und ein Schweben mit weit ausgebreiteten Flügeln und etwas gebreitetem Schwanze, der wie eine Schleppe nachschleift. Levaillant vergleicht den Schwarm überaus treffend mit dahinfliegenden Pfeilen: so, genau so, wie ein durch die Luft schwirrender Pfeil, sieht der Mäusevogel aus. Zu größeren Höhen steigen die fliegenden Mäusevögel niemals empor, und ebensowenig kommen sie auf den Boden herab. Während des Fliegens schreit die ganze Bande gemeinschaftlich auf, jeder einzelne läßt einen schrillenden Laut vernehmen, der wie „kirr kirr“ oder „tri tri“ klingt; aber alle schreien zusammen, und so vereinigen sich die Töne zu einem mit Worten nicht wiederzugebenden Geschwirre. Levaillant erzählt, daß die Mäusevögel sich beim Schlafen klumpenweise an die Zweige hängen, den Leib nach unten gekehrt, ein Vogel an dem anderen, so wie sich bei schwärmenden Bienen eine an die andere ansetzt. Ich habe dies nie gesehen; Verreaux aber behauptet, beobachtet zu haben, daß sich ein Vogel mit einem Beine aufhängt, ein zweiter an den ersten, ein dritter an das noch freie Bein des zweiten anklammert und so fort, so daß mitunter Ketten von 6—7 Stück an einem Aste herabhängen, bestätigt also Levaillants Angabe vollständig. Nach meinen Beobachtungen nimmt der Vogel in der Ruhe, also auch im Schlafen, eine eigentümliche Stellung an. Er sitzt nämlich nicht bloß mit den Füßen auf dem Aste, sondern legt sich mit der ganzen Brust darauf. Da nun bei dieser Stellung die Fersengelenke sehr gebogen und die Fußwurzeln hart an den Körper gelegt werden müssen, sieht es allerdings aus, als ob er an dem Aste hänge; im Grunde genommen liegt er nur auf ihm. Während er sich bewegt, nimmt er auch oft die Stellung

unserer Meisen an, indem er sich auf kurze Zeit von unten an den Ast hängt. Dies aber geschieht immer nur vorübergehend. Über eine in Niederguinea beobachtete Art unserer Vögel berichtet Pechuel-Loesche: „Die munteren Tiere ziehen in kleinen Gesellschaften umher, unter nicht lautem, aber schrillem Gezwitscher und in gerader Richtung von einem Dickicht zum anderen eilend. Ihr Flug ist so pfeilgeschwind, daß man oft die nahe vorübersausenden Vögel gar nicht erkennt und erstaunt um sich blickt, woher denn das seltsame Geräusch komme. Sie sind in den undurchdringlichen dornigen Hagen der Savanne heimisch; anfliegend verschwinden sie im Augenblicke in dem scheinbar dicht geschlossenen Pflanzenwalle und fahren ebenso unerwartet wieder heraus, um ohne Rast weiter zu schwirren. In einem einigermaßen umfangreichen Gebüsche bekommt man sie überhaupt nicht wieder zu Gesichte, und während man erwartungsvoll lauscht, sind sie längst an der anderen Seite auf und davon. An lockeren Stellen des Dickichts sieht man sie zwar hin und wieder eigenartig behende vorüberhuschen, aber so schnell, daß man in Zweifel bleibt, ob es ein Vogel, ein anderes Tier oder ein Schatten war. Deswegen sind sie im Freien kaum näher zu beobachten. Wir hielten sie vielfach und manchmal recht zahlreich in unserem Vogelhause zu TschintschotschoG. Dort kletterten sie wie Meisen am Geäste der aufgestellten Büsche umher und hingen sich zum Schlafen eng zusammengedrängt an die aus Rohrsplinten verfertigten Wandgitter; dabei bildeten sie förmliche Klumpen, die so fest zusammenhielten, daß selbst die Toten am Platze gehalten wurden, bis die Lebenden sich wieder trennten.“ Levaillant erzählt weiter, daß es keine Mühe verursache, Mäusevögel zu fangen, sobald man einmal den Schlafplatz ausgekundschaftet habe. Man brauche nachts oder am frühen Morgen nur zu dem Busche hinzugehen und den ganzen Klumpen wegzunehmen. Die Vögel seien so erstarrt, daß nicht ein einziger entkomme. Ich brauche wohl kaum zu sagen, daß ich diese Angabe nicht vertreten mag. Ich habe keine einzige Beobachtung gewonnen, die ein derartiges Betragen der Vögel möglich erscheinen lassen könnte. Allerdings sind die Mäusevögel niemals scheu. Wenn man sich Mühe gibt, kann man die ganze Familie nach und nach herabschießen; denn ehe die letzten an die Flucht denken, hat der geübte Jäger sein Werk beendet. Harmlos und vertrauensselig mag man sie nennen: so dumm aber, daß sie sich mit Händen greifen ließen, sind sie denn doch nicht. Ihr verstecktes Treiben in dem dichten, allen Feinden unnahbaren Gebüsche macht sie unvorsichtig; doch wissen sie recht wohl zwischen einem gefährlichen und einem ungefährlichen Tiere zu unterscheiden. In den Gärten sind sie sogar ziemlich vorsichtig. Die Nahrung scheint auf Pflanzenstoffe beschränkt zu sein. Ich habe früher geglaubt, daß sie auch Kerbtiere fressen, bei meiner letzten Reise nach Abessinien aber in dem Magen aller derjenigen, welche ich erlegte, nur Blattteile, namentlich Knospen, Fruchtstücke und weiche Körner gefunden. Die Früchte des Christusdorns bilden in Mittelafrika ihre Hauptnahrung. In den Gärten gehen sie die Kaktusfeigen und die Trauben an, naschen nach Hartmanns Erfahrungen aber auch die süßen Limonen. Sie fressen in den verschiedensten Stellungen wie unsere Meisen, indem sie sich bald von unten an die Zweige hängen, bald an die Früchte anklammern ꝛc. In den Gärten Mittelafrikas klagt übrigens niemand über den Schaden, den sie anrichten; in Südafrika hingegen sollen sie bisweilen lästig werden, weil sie dort, wie es scheint, in viel größerer Menge auftreten als in Mittelafrika. So viel ist gewiß begründet, daß es kein Mittel geben mag, sie, wenn sie einmal stehlen wollen, von den Pflanzen abzuhalten: sie finden gewiß überall eine Thür, um zu den verbotenen Früchten des Paradieses zu gelangen. Das Nest wurde bereits von Levaillant und später von Gurney, Hartmann, Andersson und Heuglin beschrieben. Ersterer sagt, daß es kegelförmig gestaltet, aus

allerlei Wurzeln erbaut, auch mit solchen ausgekleidet sei und im dichtesten Gebüsche angelegt werde, eins neben dem anderen, da auch während der Paarungszeit die Geselligkeit der Vögel nicht endige. Nach Hartmann besteht das Nest aus Steppengras, Baumbast, Wollblättern und Pflanzenblüten und ist innen mit Pflanzenwolle ausgefüttert. Gurney gibt an, daß es mit frischen und grünen Blättern ausgekleidet werde, und wirft die Frage auf, ob wohl ein gewisser Grad von Feuchtigkeit für die Bebrütung notwendig wäre; von Heuglin fand das Nest zur Regenzeit, bis Ende September, 3—5 meüber dem Boden auf Granatbüschen und Weinreben in den Gärten von Chartum, bezeichnet es als klein, platt und leicht gebaut und sagt, daß es aus trocknem Grase, Baumbast, Wurzeln und Reisern zusammengesetzt sei. Es enthält 2—3 etwa 17 mm lange, 14 mm dicke, ziemlich feinschalige, meist stumpf eigestaltige Eier von weißer Grundfärbung, die mit wenigen, ziemlich scharf ausgedrückten, rostfarbigen Flecken, Strichen und Schnörkeln geziert sind. Auch Andersson gibt drei Eier als die gewöhnliche, wie er sagt, unabänderliche Anzahl des Geleges an. Im übrigen mangelt jede weitere Beobachtung über das Brutgeschäft. Im Kaplande stellt man den Mäusevögeln ebensowohl ihrer Diebereien in den Pflanzungen wie ihres saftigen Fleisches wegen eifrig nach. Dort werden auch viele gefangen; nach Levaillant gehören die Mäusevögel im Gebauer aber nicht zu den anmutigsten Tieren. Sie drücken sich entweder auf den Boden des Käsigs und rutschen hier mühsam auf dem Bauche fort oder hängen sich oben an den Sprossen an und verweilen stundenlang in dieser Stellung. Neuere Beobachter scheinen anderer Ansicht zu sein; sie beschreiben die gefangenen als lebhaft und unterhaltend.

A.

Abdecker 486.

abdominalis: Cista 534.

abessinicus: Ploceus 356.

abietina: Crucirostra 324.

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