Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Zehe um 2 Glieder, die mittlere um 1 Glied sozusagen verkürzt ist. (Hierzu bemerkt Burmeister, daß dieses Zahlenverhältnis nur für die echten Segler Gültigkeit habe, während bei anderen Arten sich das gewöhnliche Zahlenverhältnis 3, 4, 5 zeige.) Der untere Kehlkopf hat nur ein schwaches Muskelpaar; die Zunge ist fast so platt und breit, auch vorn so zugespitzt wie bei den Schwalben; der Schlund ist ohne Bauch oder Kropf, der Vormagen klein, der Magen schwachmuskelig, der Darmschlauch kurz und ohne Spur von Blinddärmen.“ In besonderem Grade beachtenswert sind die außerordentlich entwickelten Speicheldrüsen der Segler, die sie befähigen, eigentümliche Nester zu bauen. Nach Girtanners Untersuchungen liegen zu beiden Seiten des Zungenbandes zwei große, in der Schleimhaut der Mundhöhle eingebettete Speicheldrüsenanhäufungen. Sie erstrecken sich von der Spitze des Unterschnabels, den Unterkieferästen folgend, bis zur Stimmritze, und jede einzelne zerfällt an und für sich in mehrere Drüsenhaufen. Während der Brutzeit schwellen die Drüsen außerordentlich an und sondern dann in so reichlicher Menge Schleim ab, daß die Segler diesen verwenden können, um ihre Nester zusammenzuleimen. Die Segler verbreiten sich über alle Erdteile und bewohnen hier alle Gürtel der Breite, mit Ausnahme des kalten, sowie alle Höhen vom Meeresstrande an bis gegen die Schneegrenze hinauf. Sie finden sich ebensowohl in Waldungen wie in waldlosen Gegenden, vorzugsweise aber in Gebirgen und Städten, weil Felswände und Mauern ihnen die passendsten Nistplätze gewähren. ⁊ẽê2Sct́
Mehr als andere Vögel bewohnen sie im eigentlichen Sinne des Wortes das Luftmeer. Vom frühen Morgen an bis in die Nacht hinein sind sie in Thätigkeit. Ihre Kraft scheint niemals zu ermatten und ihre Nachtruhe auf wenige Stunden beschränkt zu sein. Vortreffliche Flugwerkzeuge setzen sie in den Stand, ohne Beschwerde tagtäglich Strecken zu durcheilen, die zusammengerechnet Hunderte von Kilometern betragen müssen. Abweichend von den Schwalben, fliegen sie gewöhnlich in hohen Luftschichten dahin, und einzelne Arten wirbeln und schrauben sich zu solchen Höhen empor, daß sie unserem Auge vollständig entschwinden. Ihr Flug kennzeichnet sie von weitem. Die Flügel gleichen, wenn sie ausgebreitet sind, einem Halbmonde und werden so rasch und heftig bewegt, daß man mehr an das Schwirren der Kerbtiere und der Kolibris erinnert wird als an den Flügelschlag anderer Vögel. Zuweilen regeln sie ihren Flug minutenlang nur durch leichte Drehung der Flügel und des Schwanzes, durch verschiedenes Einstellen der Flugwerkzeuge, das wir kaum oder nicht wahrnehmen, jagen aber trotzdem pfeilschnell durch die Lüfte. Wendungen und Drehungen aller Art wissen auch sie meisterhaft auszuführen; an Zierlichkeit und Anmut der Bewegung aber stehen sie hinter den Edelschwalben weit zurück. Auf dem Boden erscheinen sie als hilflose Geschöpfe: unfähig, zu gehen, unfähig fast, zu kriechen. Dagegen klettern sie, wenn auch nicht geschickt, so doch mit ziemlicher Fertigkeit an Mauer⸗- oder Felswänden empor und in Höhlungen auf und nieder. Ihre ewige Rastlosigkeit bedingt bedeutenden Verbrauch der Kraft und demgemäß ungewöhnlich reichen Ersatz. Die Segler sind bei weitem gefräßiger als die Schwalben und vertilgen von den Kerbtieren, die ihre ausschließliche Nahrung ausmachen, Hunderttausende an einem Tage; denn auch die stärksten Arten der Familie, die einen etwa drosselgroßen Leib haben, nähren sich hauptsächlich von den kleinen Kerfen, die sich in hoher Luft umhertreiben und uns wahrscheinlich größtenteils noch recht unbekannt sind. Wie viele dieser winzigen Tiere ein Segler zu seiner täglichen Nahrung bedarf, vermögen wir nicht anzugeben; wohl aber können wir behaupten, daß die Nahrungsmasse eine sehr bedeutende sein muß, weil aus dem Betragen des Vogels zur Genüge hervorgeht, daß er jagt und frißt, solange er fliegt. Unter den Sinnen steht, wie das große wimperlose Auge vermuten läßt, das Gesicht obenan; der nächstdem am besten entwickelte Sinn dürfte das Gehör sein; über die übrigen vermögen wir nichts zu sagen. Der Geist scheint wenig ausgebildet zu sein. Die Segler sind zwar gesellige, aber keineswegs friedfertige, im Gegenteile zanksüchtige und rauflustige Geschöpfe, die nicht bloß mit ihresgleichen, sondern auch mit anderen Vögeln im Streite liegen. Als klug oder listig kann man sie nicht bezeichnen: ihr ganzes Wesen zeichnet sich vielmehr durch stürmische Heftigkeit aus, die sogar die eigne Sicherheit rücksichtslos auf das Spiel setzen kann. Alle Segler, welche den gemäßigten Gürtel der Erde bewohnen, sind Zugvögel, diejenigen, welche den Wendekreisländern angehören, mindestens Strichvögel. Der Zug geschieht, wenigstens bei einigen Arten, mit der größten Regelmäßigkeit. Sie erscheinen in ihrem Vaterlande fast genau mit dem einmal feststehenden Tage und verlassen es zu einer ebenso bestimmten Zeit wieder; die Frist, die sie in der Heimat verweilen, ist aber nach den verschiedenen Arten sehr verschieden. Daß die innerafrikanischen Arten streichen, das heißt zeitweilig ihre Brutplätze verlassen und wieder zu ihnen zurückkehren, geht aus meinen eignen Beobachtungen hervor; von den südasiatischen und südamerikanischen Arten ist dasselbe behauptet worden. Bei den Zugvögeln der Familie beginnt der Bau des Nestes unmittelbar nach ihrer Ankunft in der Heimat; denn der Aufenthalt hier währt so kurze Zeit, daß sie mit ihrem Fortpflanzungsgeschäfte vollauf zu thun haben. Unter lärmendem Geschrei verfolgen sich
die erhitzten Männchen stundenlang, eilfertigen Fluges; wütend kämpfen sie in hoher Luft untereinander, ingrimmig auch an den Nistplätzen, und rücksichtslos vertreiben sie andere Höhlenbrüter, falls ihnen deren Wohnung passend erscheinen sollte. Die Nester selbst zeichnen sich vor denen aller übrigen Vögel aus. Wenige Arten bauen zierliche, die mehr oder minder denen der Schwalben ähneln; viele tragen sich bloß in einer Höhlung einen Haufen von Genist zusammen, der so unordentlich wie möglich übereinander geschichtet wird. Unter allen Umständen aber kennzeichnet sich das Nest der Segler dadurch, daß die Stoffe mit dem klebrigen, bald verhärtenden Speichel überzogen und gebunden werden. Bei einigen Gruppen besteht das Nest der Hauptsache nach aus nichts anderem als ebensolchem Speichel. Das Gelege enthält ein einziges oder wenige Eier von walzenförmiger Gestalt und lichter Färbung. Das Weibchen brütet allein; die Jungen werden von beiden Eltern aufgefüttert. Jedes Paar macht eine, höchstens zwei Bruten im Jahre. Auch die Segler haben ihre Feinde; doch ist deren Zahl gering. Der überaus schnelle und gewandte Flug schützt sie vor vielen Nachstellungen; nur die allerschnellsten Falken sind im stande, einen Segler im Fluge zu fangen. Die Jungen werden, solange sie noch hilflos im Neste sitzen, durch die kleinen kletternden Räuber gefährdet, gewisse Arten ihrer Nester und ebenfalls der Jungen wegen auch von den Menschen heimgesucht. Für die Gefangenschaft eignen sich die Segler nicht. Gleichwohl ist es möglich, wenn man sie jung aus dem Neste nimmt, auch diese Vögel großzuziehen. Alt eingefangene gewöhnen sich nicht an den Käfig, liegen hier entweder hilflos am Boden oder klettern rastlos an den Wänden umher, verschmähen Futter zu nehmen und gehen infolge ihres Ungestüms oder schließlich an Entkräftung zu Grunde. Jung dem Neste entnommene muß man anfänglich stopfen, um sie nach und nach dahin zu bringen, daß sie selbst fressen. Rechte Freude gewinnt man übrigens auch dann nicht an ihnen. Es ist unmöglich, ihnen den nötigen Spielraum zur Entfaltung ihrer hervorragendsten Fähigkeiten zu gewähren, und hierin liegt der Grund, daß sie nur unbehilflich sich gebaren. Ihre Absonderlichkeit fesselt den Beobachter, ihr Wesen hat wenig Ansprechendes. Die Schwalbensegler (Mieropus) zeigen das Gepräge der Familie und unterscheiden sich von ihren Verwandten dadurch, daß die erste Schwinge der zweiten gleich oder diese kaum über jene verlängert, der Schwanz seicht ausgeschnitten oder schwach gegabelt, der Fuß stämmig und auf der Vorderseite mit Federn bekleidet, hinten dagegen nackt ist. In Europa leben zwei Arten dieser Gattung, die beide auch in Deutschland vorkommen, die eine allerorten, die andere in südlicheren Gebirgsgegenden. Letztere zählt zu den größten Arten der Familie und verdient aus diesem Grunde an erster Stelle erwähnt zu werden. Der Alpen- oder Felsensegler, Berg- und Münsterspyr, Alpenhäkler, die Alpen-, Berg- und Gibraltarschwalbe, und wie er sonst noch genannt werden mag (Micropus melba, Cypselus melba, alpinus, gutturalis, gularis und layardi, Hirundo melba und alpina, Apus melba), erreicht eine Länge von 22, eine Breite von 55 — 56 em; die Fittichlänge beträgt 20, die Schwanzlänge 8,5 em. Alle Oberteile, die Kopfseiten und unteren Schwanzdecken haben dunkel rauchbraune Färbung, die Federn äußerst feine, bräunliche Endsäume. Ein ausgedehntes Kinn- und Kehlfeld sowie die Brust, Bauch- und Aftergegend sind weiß, so daß auf der Oberbrust nur ein braunes Band sichtbar wird, das, beiderseits den Raum zwischen Schnabelwurzel und Schulter einnehmend, auf
Segler: Allgemeines. Alpensegler.
der Mitte der Brust sich merklich verschmälert. Die Schwingen sind dunkler braunschwarz als die Federn der Oberseite und durch deutlich erzgrünen Schimmer ausgezeichnet; ihre Unterseite wie die der Steuerfedern glänzt graubraun. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel schwarz, der nackte Fuß ebenso gefärbt. Als den Brennpunkt des Verbreitungskreises dieses stattlichen Seglers haben wir das Mittelmeerbecken anzusehen. Von hier aus erstreckt sich das Wohngebiet einerseits bis zu
Alpensegler (Micropus melba) und Mauersegler (Micropus apus). 1/2 natürl. Größe.
den Küsten Portugals, den Pyrenäen und Alpen, anderseits bis zum Atlas und den Hochgebirgszügen Kleinasiens, buchtet sich aber nach Osten hin, dem Kaspischen Meere und Aralsee folgend, bis zum nördlichen Himalaja aus. Demgemäß bewohnt der Vogel alle geeigneten Gebirge Spaniens, insbesondere die der Mittelmeerküste, die Alpen an vielen Stellen, sämtliche höheren Gebirge Italiens und aller Inseln des Mittelländischen Meeres, die geeigneten Bergzüge der Balkanhalbinsel, die transsylvanischen Alpen, steile Felsenwände der Krim, des südlichen Ural und der Gebirge Turkistans bis Kaschmir, einzelne Stellen Persiens, wohl den größten Teil Kleinasiens, Syriens und Palästinas und endlich den Atlas als Brutvogel, siedelt sich als solcher aber gelegentlich auch weit jenseits der
Grenzen dieses ausgedehnten Gebietes an: so, nach Beobachtungen von Heuglins, in den Hochgebirgen von Abessinien, namentlich in den unzugänglichsten senkrechten Basaltwänden von Tenta in Woro Heimano, ebenso, laut Jerdon, hier und da in Ostindien an Felsenwänden, die seinen Anforderungen entsprechen. Auf keiner der genannten Ortlichkeiten aber ist der Alpensegler Standvogel, im Norden seines Gebietes vielmehr regelmäßiger Zug⸗, in den übrigen mindestens Strichvogel. Er erscheint weit früher als sein Verwandter, der Mauersegler, an der Südküste des Mittelländischen Meeres, laut Tristram bereits um die Mitte des Februar in Syrien, nach Krüpers Beobachtungen zu Ende des März in Griechenland, nicht viel später auch in der Schweiz. Der Zeitpunkt seines Kommens schwankt hier nach den jeweiligen Witterungsverhältnissen zwischen Ende März und Mitte April. Nach den von Girtanner mitgeteilten Beobachtungen des sehr zuverlässigen und verständnisvollen Reinhard, Oberwächters auf dem Münsterturme zu Bern, zeigen sich im Frühjahre 2—3 Stück, die mit gellendem Geschrei ihre alte Heimat umkreisen, um sofort mit der Überzeugung, daß diese noch vorhanden und von stundan zu beziehen sei, wieder zu verschwinden, bald nachher schon in größerer Gesellschaft zurückkehren, bis nach Verlauf von etwa 8 Tagen der ganze im Frühjahre auf 150 Stück zu veranschlagende Schwarm eingerückt ist. Wenn aber, was nicht gerade selten, nach ihrer Rückkehr noch herber und einige Tage lang dauernder Frost oder gar Schneefall eintritt, gehen ihrer viele zu Grunde. So berichtet Reinhard, daß er im Jahre 1860, gegen Ende April, nach einem heftigen Schneegestöber 23 tote Alpensegler von den Gängen und Balkengerüsten des Berner Münsterturmes habe aufnehmen können, erklärlicherweise aber nicht im stande sei, die Anzahl der überhaupt umgekommenen anzugeben. Vor mehreren Jahren fand auch Girtanner auf dem Rosenberge bei St. Gallen im Anfange des Sommers einen sehr ermatteten und äußerst abgemagerten Alpensegler auf der Erde liegen, der wahrscheinlich diesen Ausfall auf Nahrung von den mit neuem Schnee bedeckten Appenzeller Alpen aus unternommen hatte. Ebenso wie im Frühjahre richtet sich im Herbste der Abzug nach dem Süden nach den Witterungs- und Nahrungsverhältnissen, schwankt daher zwischen Mitte September und Anfang Oktober. Das Berner Münster wurde im Jahre 1866 Anfang Oktober, im Jahre 1867 am 7. Oktober verlassen. Dagegen waren die Vögel im Jahre 1867 am 12. Oktober noch vorhanden, obwohl sie durch Kälte und Schneegestöber so viel zu leiden gehabt hatten, daß auch um diese Zeit wieder mehrere von ihnen verhungert vorgefunden wurden. In einem an Girtanner gerichteten, mir freundlichst überlassenen Briefe vom 13. Oktober 1869 zeigt Reinhard den Abzug mit folgenden Worten an: „Die Alpensegler haben am 7. dieses Monats morgens um 7 Uhr die Reise nach Afrika angetreten. Einige Tage, bevor sie abzogen, sind sie alle Morgen ungefähr um dieselbe Stunde von dem Turme weggeflogen, in der Höhe, wo sie sich gesammelt, in einem Kreise umhergezogen und so hoch emporgestiegen, daß sie nur mit dem Fernrohre zu sehen waren, abends bei Sonnenuntergang aber wiedergekommen, um zu schlafen und auszuruhen. In dieser Zeit waren sie bei Nacht immer ruhig und still, was früher nicht der Fall war, wahrscheinlich infolge ihrer großen Ermüdung nach dem langen Fluge. Andere Jahre hat man noch nach dem Abzuge einige gesehen, die mehrere Tage um den Turm herumgeflogen sind. Dieses Jahr ist es ganz anders gewesen. Seit dem 7. Oktober sind sie alle verschwunden, und kein einziger hat sich mehr sehen lassen.“ Gelegentlich seines Zuges überschreitet der Alpensegler nicht allzu selten die nördlichen Grenzen seines Verbreitungsgebietes und ist demgemäß wiederholt im Norden Deutschlands und ebenso in Dänemark und auf den Britischen Inseln beobachtet worden. So wurde er am 8. Juni 1791 von Bechstein auf dem Thüringer Walde gesehen, am 22. März 1841 von dem Oberlehrer Bromirski auf dem Turme von Wittstock ergriffen, am 15. September WS