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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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wäre, das so großen Einfluß auf sie ausübe. Viele von denen, die noch lebend in das Haus kamen, lagen doch schon im Sterben, und von denen, die glücklich in das Zimmer gebracht wurden, starben die meisten in den ersten 24 Stunden, gewöhnlich weil sie die Leinen, auf welchen ihre bereits eingewöhnten Gefährten saßen, nicht beachteten, sondern gegen die Wände flogen. Hier erhielten sie sich flatternd lange Zeit; dann sanken sie langsam niederwärts, die Schwingen bewegend, entschieden kraftlos, bis sie auf etwas auffielen. Wenn dies der Boden war, erhoben sie sich wieder, aber nur, um von neuem gegen die Wände zu fliegen. Oft geschah es, daß sie hinter den verschiedenen Kasten und Büchsen niederfielen, die im Zimmer standen; dann hatten sie nicht mehr Raum genug, um sich zu erheben und starben unbeachtet. Dies war das Geschick von vielen, so daß von 25 nur 7 sich eingewöhnten. Sie freilich waren bald ganz zu Hause. „Ich muß hier bemerken, daß ihr Wesen sehr verschieden war. Einige zeigten sich mürrisch, verdrießlich und trotzig, andere sehr furchtsam, andere wieder vom ersten Augenblicke an liebenswürdig, fromm, zahm und zutraulich. „Mein gewöhnliches Verfahren, um sie an den Raum und an das Zuckergefäß zu gewöhnen, war sehr einfach. Wenn das Körbchen, in welchem man die Neulinge mir brachte, geöffnet wurde, flogen sie aus und gewöhnlich gegen die Decke, seltener gegen die Fenster. Nach einem Weilchen schwebten sie in der angegebenen Weise an den Wänden, ab und zu diese mit der Spitze ihres Schnabels oder mit der Brust berührend. Bei scharfer Beobachtung konnte man wahrnehmen, wenn sie erschöpft waren und zu sinken begannen. Dann ließen sie es sich in der Regel gefallen, daß man sie aufnahm und auf den Finger setzte. Hatte ich sie hier, so nahm ich ein wenig Zucker in den Mund und brachte ihre Schnäbel zwischen meine Lippen. Zuweilen begannen sie sofort zu saugen, manchmal war es notwendig, sie wiederholt dazu einzuladen; doch lernten sie es schließlich regelmäßig, und wenn einer von ihnen einmal aus meinem Munde genommen hatte, war er zu späterem Saugen immer bereit. Nach dieser ersten Lehre setzte ich den Gefangenen vorsichtig auf eine der Leinen, und wenn das Wesen des Vogels sanft war, blieb er hier auch sitzen. Später reichte ich ihm anstatt meiner Lippen ein Glas mit Sirup, und hatte er von diesem ein- oder zweimal geleckt, so fand er es auch auf, wenn es auf dem Tische stand, und nunmehr konnte ich ihn als gezähmt ansehen. Seine Zeit wurde jetzt geteilt zwischen kurzen Flügen im Zimmer und zeitweiligen Ruhepausen auf der Leine. Dabei kam es oft vor, daß zwei einander im Fluge verfolgten. Es schien mir, als ob diese Begegnungen freundschaftlicher Art seien. Nach genauerer Beobachtung wurde ich überzeugt, daß dieses beständige Abfliegen von der Leine nur den Zweck hatte, kleine, dem menschlichen Auge unsichtbare Kerbtiere zu fangen. Sehr häufig hörte ich das Schnappen mit dem Schnabel, und ein- oder zweimal sah ich auch, wie eine Fliege gefangen wurde, die für die Sehkraft des menschlichen Auges eben noch groß genug war. Gewöhnlich waren diese Ausflüge sehr kurz. Der Vogel durchmaß höchstens einen halben oder vollen Meter Entfernung und kehrte dann nach seinem Sitze zurück, ganz wie es die echten Fliegenfänger thun; denn Fliegenfänger, und zwar sehr vollkommene, sind auch die Kolibris. Einer niedrigen Schätzung nach darf ich annehmen, daß jeder mit wenig Unterbrechung in der Zeit vom frühen Morgen bis zum Abend wenigstens drei Kerbtiere in der Minute fing. In der Freiheit werden sie wahrscheinlich nicht so viel Beute auf diese Weise erwerben, weil sie hier hauptsächlich den kleinen Kerfen nachstreben, die das Innere der Blumen bewohnen; aber auch hier sieht man sie beständig in der angegebenen Weise ausfliegen. Meine Gefangenen flogen gelegentlich auch gegen die Wände und nahmen Fliegen aus den Spinnengeweben. „Eigentümlich war die Art und Weise ihres Herabkommens, wenn sie trinken wollten. Anstatt nämlich auf das Gefäß loszufliegen, führten sie unabänderlich 12 —20 Schraubengänge

aus, von welchen sie ein jeder ein wenig tiefer brachte. Sie kamen sehr häufig, um zu saugen, nahmen aber niemals viel auf einmal. Doch leerten ihrer fünf immerhin ein Weinglas täglich. Ihr Kot war stets flüssig und gleich dem Sirup, den sie eingenommen hatten. „Alle gingen erst spät zur Ruhe, und oft sah man sie noch bis zur Dämmerung jagen und umherschweifen. Sie waren auch während der Nacht sehr unruhig und konnten leicht aufgeregt werden. Trat man mit einem Lichte in das Zimmer, so setzte man jederzeit einen oder zwei von ihnen in Bewegung. Sie schienen dann denselben Schrecken zu empfinden wie im Anfange ihrer Gefangenschaft, flogen auch wie früher gegen die Wände und starben sogar vor Angst, wenn man nicht besonders auf sie achtete. „Nachdem meine gefangenen Kolibris das erwähnte Zimmer einige Zeit bewohnt hatten, setzte ich fünf in einen großen Käfig, dessen eine Seite mit Draht vergittert war. Ich hatte diesen Wechsel sehr gefürchtet und brachte sie deshalb des Abends in den Käfig, in der Hoffnung, daß die Nacht sie beruhigen werde. Schon früher waren sie durch das Sirupgefäß nach und nach in das Innere des Käfigs gewöhnt worden, das ihnen somit wenigstens kein unbekannter Raum mehr war. Nachdem ich die Thür geschlossen hatte, flatterten sie ein Weilchen; aber am nächsten Tage sah ich zu meinem Vergnügen, daß alle ruhig auf den Springhölzern saßen und auch von dem Sirup nahmen. Bald darauf brachte ich noch zwei Männchen zu ihnen und später auch ein Weibchen. Dieses hatte sich schon am nächsten Tage zu einem langschwänzigen Männchen gesellt, das bis dahin einen Sitzplatz allein innegehabt, und bemühte sich augenscheinlich, Liebe zu erwerben. Es hüpfte seitwärts auf der Sitzstange gegen ihn hin, bis es ihn berührte, spielte ihm zart in seinem Gesichte, schlug mit den Flügeln, erhob sich fliegend über ihn und that, als ob es sich auf seinen Rücken setzen wollte ꝛc. Er aber schien, wie ich zu meinem Bedauern sagen muß, höchst unhöflich oder gleichgültig gegen derartige Liebkosungen zu sein. „Ich hegte nun die größte Hoffnung, sie lebend nach England zu bringen, da ich meinte, daß die ärgsten Schwierigkeiten jetzt vorüber seien. Aber alle meine Hoffnungen wurden bald zerstört. Schon eine Woche, nachdem ich sie in den Käfig gebracht hatte, begann das Verderben. Zuweilen starben zwei an einem Tage. In der nächsten Woche hatte ich bloß noch einen einzigen, der den anderen auch bald nachfolgte Ich versuchte vergeblich, sie durch neue zu ersetzen; die ergiebigsten Jagdgründe waren aber jetzt verödet. Die Todesursache war unzweifelhaft der Mangel an Kerbtiernahrung; denn der Sirup, den sie fortwährend nahmen, konnte doch nicht genügen, sie zu erhalten. Alle, welche starben, waren ausnehmend mager und ihr Magen so zusammengeschrumpft, daß man ihn kaum erkennen konnte. Im größeren Raume hatten sie noch Kerbtiere fangen können, im Bauer war ihnen dies unmöglich gewesen.“ HYarell meint, wie Gosse noch bemerkt, daß es möglich sein könne, Nestjunge an Sirup zu gewöhnen, beweist damit aber nur, daß er niemals Tiere lebend gehalten hat. Auch Hunde kann man eine Zeitlang mit Zucker füttern: man ernährt sie damit aber nicht, sondern bereitet ihnen ein sicheres Ende. Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß es unmöglich ist, einen Kolibri längere Zeit mit Zucker oder Honig allein zu erhalten; aber ich bezweifle nicht, daß es möglich sein wird, diese lieblichen Vögel an ein Ersatzfutter zu gewöhnen. Anfänglich wird man sich hierbei auf Ameisenpuppen beschränken müssen; später aber kann man wahrscheinlich anstatt dessen fein zerstoßenen Zwieback, Quark und Eidotter anwenden. Um die Vögel zum Fressen zu bringen, wird man dasselbe Verfahren anzuwenden haben, das Gosse beschreibt, und während des Sommers wird für frische Blumen bestmöglich gesorgt werden müssen. So möchte es, meiner Ansicht nach, möglich sein, Kolibris lebend nach Europa zu bringen und sie hier wenigstens einige Zeit zu erhalten. Daß letzteres gelingen kann, geht aus Goulds Erfahrungen hervor. „Die amerikanischen

Kolibris“, sagt er, „die ich lebend hierher brachte, waren so gelehrig und furchtlos, wie ein großer Schmetterling oder irgend ein anderes Kerbtier bei ähnlicher Behandlung sein würde. Der Käfig, in welchem sie lebten, war 30 em lang, 15 em breit und 20 em hoch. In ihm befand sich ein kleiner Baumzweig, und an der Seite hing eine Glasflasche, die täglich mit Sirup und dem Dotter eines ungesottenen Eies gefüllt wurde. Bei dieser Nahrung schienen sie zu gedeihen und glücklich zu sein, doch nur während der Fahrt längs der Küste von Amerika und über das Atlantische Weltmeer, bis sie innerhalb des Einflusses des europäischen Klimas kamen. Auf der Höhe des westlichen Teiles von Irland gaben sich unverkennbare Zeichen der Abschwächung kund, und von dieser erholten sie sich nie mehr. Dennoch gelang es mir, einen von ihnen lebend nach London zu bringen. Hier starb er am zweiten Tage nach seiner Ankunft in meinem Hause.“ Die Schönheit und Zierlichkeit der Kolibris haben ihnen die Liebe aller Amerikaner erworben. Deshalb stellt man ihnen auch eigentlich nur dann nach, wenn ein sammelnder Europäer dies wünscht. In den alten Reisewerken und Naturgeschichten steht zu lesen, daß man die kleinen Vögel bloß mit Sand oder Wasser schießen könne. Audubon hat sich verleiten lassen, dies zu versuchen, und gefunden, daß die aus Wasser bestehende Ladung wohl das Gewehr einschmutzt, nicht aber Kolibris tötet. Feiner Vogeldunst ist vollkommen geeignet zur Jagd der Kolibris, falls man nur die rechte Ladung und die rechte Entfernung beim Schießen zu treffen weiß. Im übrigen verursacht die Jagd weder Mühe, noch beansprucht sie Geschicklichkeit. Man braucht sich nur unter einen blühenden Baum auf die Lauer zu legen und im geeigneten Augenblicke auf den vor der Blume schwebenden Kolibri zu schießen. Auf diese Art kann man im Laufe eines Vormittags so viele erlegen, wie man eben will. Wirklichen Nutzen gewähren die Toten übrigens nur dem Naturforscher; denn die alten Zeiten, in denen die vornehmen Mexikaner ihr Kleid mit Kolibribälgen schmückten, sind vorüber. Freilich ist es auch jetzt noch zeitweilig Mode, Damenhüte mit den Bälgen der reizenden Geschöpfe zu schmücken. Außer den Menschen scheinen die Kolibris wenige oder gar keine Feinde zu haben. Es ist kaum anzunehmen, daß sie dem Angriffe der Raubvögel oder der Raubtiere überhaupt ausgesetzt sind; denn es gibt kein Raubtier, das ihnen an Schnelligkeit gleichkäme. Die Jungen hingegen mögen oft die Beute der kletternden Raubsäugetiere oder der nesterplündernden Vögel werden: daraufhin würde wenigstens der Eifer schließen, mit welchem Kolibris derartige Vögel anzugreifen pflegen. Im allgemeinen scheinen die geflügelten Edelsteine wenig behelligt zu sein. Dies beweist schon die außerordentliche Anzahl, in welcher sie ungeachtet ihrer geringen Vermehrung überall auftreten. Früher hat man sich viel mit fabelhaften Feinden, die sie bedrohen sollen, beschäftigt; man hat namentlich die große Vogelspinne mit ihnen in Verbindung gebracht und geglaubt, daß sie von jener oft gefangen würden, wie Fliegen von der Kreuzspinne. Unsere heutige Kenntnis des Wesens der Kolibris berechtigt uns jedoch, an den von Fräulein Merian und von Palisot de Beauvois erzählten Geschichten dieser Art zu zweifeln, obschon wir annehmen dürfen, daß ein kleiner Kolibri von den starken Netzen größerer Spinnenarten wohl festgehalten und dann wohl auch von der Netzstrickerin angefressen werden wird. Die Kolibris sind aber nicht so täppisch, wie z. B. die kleinen Finken, von denen Bates einmal ihrer zwei in einem Spinnennetze eingewickelt fand: sie kennen diese Gefahr und wissen ihr, wie Bullocks Beobachtungen dargethan, mit Erfolg zu begegnen.

Die nächsten Verwandten der Kolibris, die Segler (Cypselidae), sind gleichfalls kleine, aber kräftig gebaute Vögel mit langgestrecktem Leibe, kurzem Halse und breitem, ziemlich flach gewölbtem Kopfe, der einen kleinen, äußerst kurzen, schwachen, dreieckigen, d. h. hinten verbreiterten, an der Spitze aber zusammengedrückten, etwas bogenförmigen Schnabel trägt, dessen Kinnladen sich so tief spalten, daß der Rachen sehr weit geöffnet werden kann. Die Flügel sind schmal und wegen der gekrümmten Schwingen säbelförmig gebogen; der Handteil trägt 10 Schwingen, von welchen die erste die längste oder bei einigen Arten höchstens etwas gegen die zweite verkürzt ist; am Armteile hingegen stehen nur 7— 8 Schwingen, die breit zugerundet und am Ende leicht ausgebuchtet, aber nicht spitzig sind wie die Handschwingen. Der Schwanz ist sehr verschieden gestaltet, bald länger, bald kürzer, bald seichter, bald tiefer ausgeschnitten, besteht aber immer nur aus 10 Federn. Die Füße sind kurz und verhältnismäßig kräftig, namentlich was den Laufteil betrifft, die kurzen Zehen mit seitlich zusammengedrückten, stark gebogenen und sehr spitzigen Krallen bewehrt. Das Gefieder ist im allgemeinen kleinfederig und derb, ausnahmsweise durch metallisch glänzende Färbung wie bei den Kolibris ausgezeichnet, gewöhnlich aber einfarbig und düster. Nach Nitzsch ähneln die Segler zwar den Schwalben wie in den äußeren Formen, so auch in einigen Verhältnissen des inneren Baues, allein sie entfernen sich in vielen Punkten gar sehr von ihnen und in einigen von allen Vögeln. Das Brustbein ist groß, länger als breit, nach hinten allmählich immer breiter werdend, ohne Spur einer häutigen Bucht oder Insel, am hinteren Rande mit hohem, großem Kiel. Die Vorderglieder sind durch die Kürze der Oberarmknochen und die Länge der Hand noch weit mehr ausgezeichnet als die der Schwalben, indem der Luft führende Oberarmknochen, der drei sonderbare, fast hakenförmige Fortsätze zeigt, nur die Länge des zweiten Gliedes, des Langfingers, hat und der Handteil im ganzen Vordergliede überwiegt. „Außer den Kolibris dürfte keine Vogelfamilie eine so ungewöhnlich lange Hand und einen so ungemein kurzen Oberarm haben. Ganz einzig ist die Gliederung der Fußzehen; denn statt der gewöhnlichen Steige—⸗ rung der Zahl der Zehenglieder, nach welcher der Daumen 2, die innere Vorderzehe 3, die mittlere 4 und die äußere 5 Glieder hat, ist die Zahl hier 2, 3, 3, 3, indem die äußere

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