Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Eingeborenen der Sambesigegend. Von Zweig zu Zweig der benachbarten Bäume flatternd und rufend, verlangt der Vogel Aufmerksamkeit und Berücksichtigung. Wird ihm geantwortet, wie die Eingeborenen zu thun pflegen, indem sie pfeifen und auf ihre Füße blicken, so fliegt er in einer bestimmten Richtung ab, setzt sich in einer kleinen Entfernung wieder nieder und hüpft von einem Baume zum anderen. Wenn ihm gefolgt wird, geht er weiter und leitet so den Menschen bis zu dem Bienenneste; ist dieses erreicht, so fliegt er weg, leitet jedoch nicht länger, und es erfordert daher eine gewisse Erfahrung, das Nest aufzufinden, selbst wenn der Führer deutlich einige wenige Bäume bezeichnet haben sollte. Kirk hat auch in Erfahrung gebracht, daß der Vogel, wenn ein ihm folgender Mann, nachdem er eine Zeitlang in der angegebenen Richtung gegangen ist, dann sich abwendet, zurückkehrt, um ein zweites Nest an einer anderen Stelle anzuzeigen. Unangenehm bei der Sache ist, daß er sehr häufig auch zu einem zahmen Bienenstocke führt, aus dem leicht erklärlichen Grunde, als die Biene dieselbe wie die wilde ist und die „Mussinga“ oder Bienenkörbe unfern der Bäume angebracht werden in der Absicht, die Bienen zu ihrer Besitznahme einzuladen. Die Absicht des Vogels richtet sich deutlich genug auf die jungen Bienen. Er führt zu Nestern ohne Honig und scheint ebenso erfreut zu sein, wenn anstatt des Honigs mit Larven gefüllte Waben aus dem Neste genommen werden. Bei den Raubzügen gegen Bienen mag den Honiganzeigern das dichte, harte Gefieder und die dicke Haut wesentlich zu statten kommen, d. h. in erwünschter Weise gegen die Stiche der Immen schützen. Daß diese sich nicht gutwillig ihrer Brut berauben lassen, ist erklärlich; von einem tödlichen Ausgange der Kämpfe zwischen Honigangeber und Bienen, von dem Levaillant berichtet, weiß aber keiner der neueren Beobachter etwas anzugeben. Außer den Larven der Immen und ihrer Verwandten sowie den bereits erwähnten Raupen stellen die Honigkuckucke unzweifelhaft anderweitigen Kerfen ebenfalls mit Eifer nach. Atmore beantwortet einige Fragen Layards sogar dahin, daß die bereits von Kirk erwähnte Art der Gruppe sich sogar an kleinen Vögeln vergreife, sie mit gleicher Raubgier wie ein Würger fange und verzehre, und daß er selbst einen erlegt habe, der eben beschäftigt gewesen sei, einen vor den Augen des Beobachters im Fluge gefangenen Sperling aufzufressen. Levaillant versichert, daß der weibliche Hoͤniganzeiger 3—4 weiße Eier in Baumhöhlungen auf den Mulm lege und sie in Gemeinschaft mit dem Männchen ausbrüte. Diese Angabe ist aber durch die Beobachtung der Gebrüder Verreaux mit aller Bestimmtheit als irrtümlich nachgewiesen worden. Die letztgenannten Naturforscher fanden, wie Hartlaub mitteilt, Eier oder Junge der verschiedenen Honiganzeiger, die Südafrika bewohnen, in den Nestern von Würgern, Grauvögeln, Spechten, Pirolen und ähnlichen Vögeln. Das Weib chen legt sein glänzend weißes Ei auf die flache Erde und trägt es mit dem Schnabel in das zuvor erwählte fremde Nest, nachdem es ein Ei herausgeworfen hat. Wenn der junge Honigkuckuck etwas herangewachsen ist, nach Verreaux' Beobachtungen etwa nach Monats-— frist, beginnen die Alten, ihn zu füttern und fordern ihn auf, das Nest der Stiefeltern zu verlassen. Verreaux beobachtete, daß ein Weibchen seine drei Eier in die Nester von drei verschiedenen kleinen Vögeln legte. Auch Atmore bezeichnet den von ihm beobachteten Honigkuckuck als einen Schmarotzer, der seine Eier unter anderen einem Spechte und einem Bartvogel zur Bebrütung anvertraut.
Honiganzeiger. — Kolibris: Allgemeines.
Das Kleinvogelgeschlecht der Schwirrvögel (Macrochires) umfaßt zwei sich äußerlich wenig ähnelnde Familien, die Segler und Kolibris, unter welchen wir letzteren die höhere Entwickelungsstufe zusprechen müssen. Die geringen Übereinstimmungen in Bau und Lebensweise beider werden ihre Einzeldarstellungen ersichtlich machen. „Unter allen belebten Wesen ist der Kolibri das schönste der Gestalt, das prächtigst der Färbung nach. Edelsteine und Metalle, denen unsere Kunst ihren Glanz gibt, lassen sich mit diesen Kleinodien der Natur nicht vergleichen. Ihr Meisterstück ist dieser kleine Vogel. Ihn hat sie mit allen Gaben überschüttet, welche den übrigen Vögeln nur vereinzelt beschieden worden sind. Leichtigkeit, Schnelle, Gewandtheit, Anmut und reicher Schmuck: alles ist diesem ihrem kleinen Lieblinge zu teil geworden. Der Smaragd, der Rubin, der Topas schimmern auf seinem Gewande, das er nie mit dem Staube der Erde beschmutzt; denn sein ganzes ätherisches Leben hindurch berührt er kaum auf Augenblicke den Boden. Er ist stets in der Luft, von Blume zu Blume gaukelnd, deren Frische und deren Glanz ihm eigen ist und deren Nektar er trinkt. „Der Kolibri bewohnt nur die Himmelsstriche, wo Blumen sich immerdar erneuern; denn diejenigen Arten seiner Familie, welche des Sommers bis in die gemäßigten Gürtel kommen, bleiben daselbst nur kurze Zeit. Sie scheinen der Sonne zu folgen, mit ihr vorund rückwärts zu gehen und auf Zephyrflügeln im Gefolge eines ewigen Frühlings zu wandeln.“ So schildert Buffon in seiner malerischen Weise; aber auch alle nach ihm folgenden Naturforscher, und selbst die ernstesten unter ihnen, stimmen in die Bewunderung dieser Prachtvögel ein. „Wen gäbe es wohl“, fragt Audubon, „der nicht bewundernd still stehen sollte, wenn er eins dieser lieblichen kleinen Geschöpfe erblickt, wenn es schwirrend durch die Luft schießt, sich in ihr wie durch Zauber festhält oder von Blume zu Blume gleitet, glänzend, als wäre es selbst nur ein Stück Regenbogen, das so lieblich ist wie das Licht selber?“ — „Der Kolibri“, meint Waterton, „ist der wahre Paradiesvogel. Man sehe ihn durch die Luft schießen mit der Schnelligkeit des Gedankens. Jetzt ist er eine Armeslänge vor deinem Gesichte, im Nu ist er verschwunden, und einen Augenblick später gaukelt er wieder um Blumen und Blüten. Jetzt gleicht er einem Rubin, jetzt einem Topas, bald darauf einem Esmerald und bald wiederum funkelndem Golde.“ — „Es gibt keine schöner gefärbte, zierlicher gebaute und zahlreichere Vogelfamilie auf der Erde“, sagt Burmeister, „als diese in jeder Hinsicht merkwürdigste und eigentümlichste unter den amerikanischen Vogelgestalten. Man muß die wundervollen Geschöpfe lebend in ihrem Vaterlande gesehen haben, um den ganzen Liebreiz ihrer Natur vollständig bewundern zu können.“ Die Größe der Kolibris (Trochilidae) schwankt in weiten Grenzen; denn einige kommen kleinen Bienenfressern an Leibesumfang gleich, andere sind kaum größer als eine Hummel. Der Leib ist in den meisten Fällen gestreckt oder scheint es wenigstens zu sein, weil der Schwanz oft bedeutende Länge hat; bei denjenigen Arten aber, welche nur einen stummelhaften Schwanz besitzen, fällt es sofort in die Augen, daß der Leibesbau sehr gedrungen und kräftig genannt werden muß. Der Schnabel ist pfriemenförmig gebaut, dünn, schlank, fein zugespitzt, gerade oder sanft gebogen, bald viel länger, bald nur ebenso lang wie der Kopf, mitunter fast von der Länge des Rumpfes, selten noch länger, sein Überzug eine feine, lederartige Hornscheide, die Spitze meist gerade, der Rand einfach, mitunter jene etwas hakig und dieser am vorderen Ende fein sägenartig gekerbt. Nach innen sind die Schnabelhälften tief ausgehöhlt; der Oberschnabel umfaßt den unteren und bildet mit ihm 42*
ein Rohr, worin die Zunge liegt. Nach hinten hebt sich der First als stumpfe Kante aus der Schnabelfläche hervor und zeigt neben sich eine seichte Furche, die zwar als Nasengrube anzusehen ist, aber die Nasenlöcher nicht enthält; denn diese, feine, langgezogene Längsspalten, liegen nicht in ihr, sondern viel weiter nach außen, unmittelbar neben dem Schnabelrande. Der enge, schmale, von nackter Haut ausgefüllte Kinnwinkel reicht mehr oder weniger in den Unterschnabel hinab, bei kurzen Schnäbeln ziemlich bis zur Mitte. Auffallend klein und zierlich gebaut sind die Füße. Der Lauf hat mitunter noch Befiederung, die indessen mehr anliegt als absteht. Die Zehen sind bald völlig getrennt, bald am Grunde etwas verwachsen und mit kurzen Tafelschildern gedeckt, die Krallen ungemein scharf, spitzig und beinahe ebensolang, in einzelnen Fällen fast länger als die Zehen selbst. Die Flügel sind lang, meist schmal und etwas sichelförmig gebogen. Die erste Schwinge ist immer die längste, hat auch gewöhnlich einen stärkeren Schaft als die übrigen und fällt insbesondere noch dadurch auf, daß die untere Schafthälfte sich, bei manchen Arten wenigstens, ungewöhnlich ausbreitet. Man zählt neun oder regelmäßiger zehn Federn an der Hand, aber nur sechs am Armteile des Flügels. Von den letzteren sind die vier vorderen gleich lang, die zweithintersten stufig abgekürzt; doch erreichen jene vier nicht ganz die Länge der letzten Handschwingen. Der Schwanz besteht immer aus zehn Federn; sie aber sind außerordentlich verschiedenartig gebildet. Sehr viele Arten haben einen Gabelschwanz; die äußersten Federn verlängern sich jedoch mehr oder weniger über die mittleren, bei einzelnen so, daß sie das Sechs- und Mehrfache von deren Länge erreichen, bei anderen nur wenig. Ihre Fahnen sind bei den einen der ganzen Länge nach ziemlich gleich oder gegen das Ende hin bis zu einem kaum bemerklichen Saume verkümmert, an deren Spitze aber wiederum zu einer rundlichen Scheibe verbreitert, so daß der Schwanz dadurch ein Anhängsel erhält, wie es ähnlich z. B. der Flaggendrongo zeigt, bei den anderen dagegen ungemein schmal, und die ganzen Federn erscheinen gleichsam nur als Schäfte, an denen beiderseits ein Säumchen zu sehen ist. Nicht selten kommt es vor, daß die Steuerfedern geradezu verkümmern, d. h. zu Gebilden geworden sind, die man eher Stacheln als Federn nennen möchte. Ebenso bemerkt man, daß der Schwanz gegabelt, aber nach außen hin doch abgerundet ist, so daß die Enden der Steuerfedern ausgebreitet eine Bogenlinie darstellen. Bei anderen endlich ist der Schwanz einfach abgerundet; die Mittelfedern sind dann entschieden die längsten. Das Gefieder ist ziemlich derb und im Verhältnis zur Größe des Vogels reichlich, besitzt fast gar keine daunigen Bestandteile und bekleidet den Leib durchaus nicht gleichmäßig, sondern verlängert sich an verschiedenen Stellen. So tragen einzelne Kolibris längere oder kürzere Kopfhauben, andere verlängerte Brustkragen oder bartähnliche Federbüschel ꝛc. Rund um das Auge bleibt ein ziemlich breiter Ring nackt. Die Augenlidränder sind mit kleinen schuppenartigen Federn anstatt der Wimpern besetzt. Das Kleid unterscheidet sich je nach Geschlecht und Alter mehr oder weniger, und zwar nicht bloß hinsichtlich seiner Färbung, sondern auch bezüglich der Schmuckfedern. Ob nur einmaliger Federwechsel stattfindet oder ob die Kolibris einer doppelten Mauser unterworfen sind, konnte mit Gewißheit noch nicht festgestellt werden. „Von dem inneren Baue des Kolibris“, sagt Burmeister, dessen Darstellung ich auch im Vorstehendenge folgt bin, „sind die Hauptzüge bekannt. Das Gerippe ist ungemein zierlich gebaut, das des Rumpfes größtenteils luftführend. Der Schädel hat sehr große Augenhöhlen, deren Scheidewand durchbrochen zu sein scheint. Im Halse sind 12—13 Wirbel vorhanden, im Rücken gewöhnlich 8 mit ebensovielen Rippen. Die Gabel ist kurz, fein, hat keinen Stiel und verbindet sich nicht mit dem Brustbeine. Letzteres wird nach hinten zu merklich breiter, ist dort abgerundet und nicht mit Buchten oder Lücken versehen. Der ungemein hohe Kamm tritt stark nach vorn hervor. Das Becken nähert sich durch seine kurze,
breite Form mehr dem der Spechte und Kuckucke als dem der Singvögel. Der Schwanz besteht aus 5—7 Wirbeln, je nachdem die vorderen sich mit dem Becken verbunden haben oder frei bleiben. Die Flügelknochen sind durch das lange Schulterblatt ebenso merkwürdig wie durch den sehr kurzen Ober- und Vorderarm. Der Handteil dagegen hat eine sehr bedeutende Länge. Die Knochen der Beine sind sämtlich sehr fein und ziemlich kurz; doch behalten die Zehen ihre gewöhnliche Gliederzahl. „Das Zungengerüst hat in der Anlage die meiste Ahnlichkeit mit dem der Spechte, insofern die langen Zungenbeinhörner gebogen am Hinterkopfe hinaufsteigen und darüber hinweg auf die Stirn übergehen, woselbst sie in der Ruhe bis an den Rand des Schnabels reichen. Die eigentliche Zunge besteht aus zwei am Grunde verwachsenen Fäden, die aber nicht an der Spitze geöffnet sind, sondern in eine abgeplattete, fast häutige Fläche auslaufen, die seitwärts mit kleinen feinen Zacken versehen ist. Diese hohlen Fäden scheinen nur Luft zu enthalten; wenigstens sah ich sie stets leer. Hinten verbinden sie sich miteinander, und hier ist ihre Höhlung mit lockerem Zellgewebe erfüllt. Die Zunge wird von da nach hinten zu ein wenig dicker und endet mit zwei kurzen, etwas auseinander gehenden glatten Ecken. Dieser Teil der Zunge ist stets so lang wie der Schnabel. Unmittelbar hinter den beiden Wurzelecken wird die Zunge fleischig und gleicht einem kurzen Stiele, dessen Oberfläche in Falten gelegt ist. Bis an den Kehlkopf verdickt sich diese Strecke, die dem Zungenbeinkörper entspricht, sehr allmählich und teilt sich dann in zwei Schenkel, die den Kehlkopf zwischen sich nehmen und neben den Ästen des Unterkiefers vorbei und zum Hinkerkopfe hinaufsteigen. Das sind die Zungenbeinhörner. Sie werden von einem Paare bandförmiger Muskeln begleitet, welche die Bewegung der Zunge bewirken. Der eine stärkere Muskel liegt hinter dem Zungenbeine, geht an ihm bis zur Zunge und dient zum Hinausstrecken der Fäden, wobei sich die gespaltene Scheide des Stieles der Zunge von deren Wurzel bis zum Kehlkopfe stark ausdehnt und eine vier- bis sechsfache Länge erhält. Das andere Muskelpaar geht von den Zungenbeinhörnern in der Mitte an deren Gelenke zwischen ihren Abschnitten aus, läuft über den Scheitel zur Stirn und heftet sich an die Wurzel des Schnabels vor der Stirn. Dieser Muskel zieht die Zunge zurück und verkürzt die Scheide zwischen der Zungenwurzel und dem Kehlkopfe. „Die Weichteile der Kolibris habe ich bei mehreren Arten untersucht, aber nichts besonders Merkwürdiges daran gefunden. Der Schlund dehnt sich am Halse zu einem länglichen Schlauche aus, ganz wie bei den Spechten und Kuckucken, ehe er in die Gabel tritt. Von da an zieht er sich wieder zusammen und geht durch eine sehr enge Mündung in den kleinen, kurzen Vormagen über, dem ein ganz auffallend kleiner, runder, wenig fleischiger Magen folgt. Jener ist auf der Innenseite mit netzförmigen Drüsenmaschen bekleidet, dieser ganz glatt und ohne Lederhaut. Die Blinddärme und die Gallenblase fehlen; dagegen ist die Leber sehr groß, zweilappig und der rechte Lappen entschieden der größere. Die Luftröhre teilt sich schon am Halse ziemlich weit vom Gabelbeine in zwei Schenkel, und an dieser Stelle bildet sich ein deutlicher unterer Kehlkopf von beinahe kugeliger Form, dessen ganze Unterfläche beiderseits von einem dünnen Muskel belegt ist, dem noch ein zweiter schmaler sich anreiht. Die Lungenflügel sind sehr klein, das Herz aber ist ungemein groß, über dreimal so groß wie der Magen. Auffallend groß und weit ist auch der an der linken Seite der Bauchhöhle herabsteigende Eileiter, wie die außerordentliche Größe der Eier dieses kleinen Vogels fordert. Der Eierstock dagegen und die Hoden sind klein und schwer zu finden. Das räumlich größte Organ des Rumpfes ist der außerordentlich starke, große Brustmuskel.“ Gegenwärtig kennen wir das Leben der verschiedenen Kolibris noch viel zu wenig, als daß wir im stande wären, die Unterschiede, die sich im Betragen dieser und jener Art unzweifelhaft bekunden werden, hervorzuheben. Jede Beschreibung, welche bisher entworfen