Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Molina beschrieb die Rarita oder Rara der Chilenen (Phytotoma rara, silens und bloxhami) und benannte sie nach ihrem Geschrei. Ihre Länge beträgt 17, die Breite 29, die Fittichlänge 9, die Schwanzlänge 6 em. Die Oberseite ist dunkel olivengrün, jede Feder mit schwärzlichem Schaftstriche und breitem, gelblichghrünem Rande geziert, die Unterseite gelbgrün mit dunkleren Strichen längs der Federschäfte, die Stirn rostrot, der Kopf
Rarita (Phytotoma rara). ½ natürl. Größe.
dunkler, mit schwarzen Schaftstrichen; Kehle und Bauch sind gelb, die Oberbrust und die Schwanzfedern von unten angesehen bis zum dunkeln Enddrittel rostrot, die Schwingen dunkelgrau, fast schwarz, licht gerandet, mit zwei weißen, durch die Enden der Deckfedern gebildeten Binden, die Schwanzfedern auf der Außenfahne und am Ende dunkel, auf der Innenfahne rostrot. Beim Weibchen sind alle Farben blässer und gräulicher. Schnabel und Füße sind schwarzgrau, die Iris ist hoch karminrot. „Wir haben den Pflanzenmähder“, sagt d'Orbigny, „auf dem östlichen Abhange der bolivianischen Andes oft gefunden, immer in trockenen, öden Gegenden des gemäßigten Gürtels, auf Hügeln und Ebenen, niemals aber in den heißen, feuchten und buschreichen Thälern, in welche er nicht herabzusteigen scheint. Man kann sagen, daß er im Getreidegürtel lebt; denn wir haben ihn niemals weder über noch unter dieser Grenze gesehen. Er hält sich immer in der Nähe der bewohnten und bebauten Gegenden auf und ist sehr gemein. Man sieht ihn während des ganzen Jahres allein, in Paaren oder in kleinen Gesellschaften unter Papageifinken, mit denen er die Weinberge und Gärten durchstreift und die Pflanzungen
verwüstet, indem er die Schößlinge abschneidet, die Früchte anbeißt ꝛc., und zwar geschieht dies ohne alle Scheu; denn bis jetzt hat man noch gutwillig sich von diesem Schmarotzer plündern lassen, ohne nach Mitteln zu suchen, ihn zu vertreiben. Der Flug ist kurz und niedrig, niemals ausgedehnt. Auf den Boden haben wir ihn nie herabkommen sehen. Sein oft wiederholter Ruf ist unangenehm. Er klingt wie das knirschende Geräusch einer Säge.“ Boeck und von Kittlitz vervollständigen diese Angaben. „Die Weinbeeren begannen jetzt reif zu werden“, sagt der letztere, „und in den Gärten zeigten sich zahlreiche Vögel, denen jene zur Nahrung dienen. In einem dieser Gärten, der ziemlich verwildert schien, erhielt ich bald hintereinander nicht weniger als sechs Stück von einem Vogel, der nur zu der damals noch für fabelhaft gehaltenen Gattung der Pflanzenmähder gehören konnte. Der Magen enthielt bei allen Weinbeeren und Reste von grünen Blättern; auch war die Schnabelsäge grün gefärbt. Ich sah diesen Vogel nie am Boden, sondern meist in den Wipfeln ziemlich hoher Obstbäume. Seine Trägheit und Sorglosigkeit ist groß. Von zwei nebeneinander sitzenden schoß ich den einen; der andere blieb ruhig sitzen, bis er ebenfalls daran kam.“ Boeck hebt ebenfalls die Schädlichkeit des Pflanzenmähders hervor. „Sein gezahnter Schnabel“, sagt er, „ist ein furchtbares Werkzeug zur Vernichtung der jungen Schößlinge, denen er äußerst verderblich wird, und dies um so mehr, da er besonders morgens und abends in der Dämmerung seinem Raube nachstellt. Dieser besteht vorzüglich in jungen Pflanzen, die er dicht am Boden abmäht, und von deren Safte sein Schnabel oft grün gefärbt ist. Kein Wunder, daß er gehaßt, gefürchtet und verfolgt wird. Lan dbeck vertilgt, was er vor sein Rohr bekommt; denn manche zarte Pflanze des Gartens ist schon von dem Pflanzenmähder vernichtet worden. Am Tage sitzt dieser häufig auf den Spitzen der Sträucher und Bäume, auf Pfählen der Umzäunung und ist nicht schwer anzuschleichen und zu erlegen. Auf dem Boden drückt und verbirgt er sich gern in die Furchen. Wären diese Tiere so scharenweise vorhanden wie andere Finken: es käme keine einzige Gemüsepflanze in der Provinz davon. Seine Nahrung zwingt ihn, sich in der Nähe von bebauten Plätzen aufzuhalten. Im Winter streicht er weg, wohin, weiß ich noch nicht.“ Gay urteilt milder als die genannten Forscher. „Diese Vögel“, sagt er, „richten in den Gärten einigen Unfug an, sind jedoch bei weitem nicht so schlimm, wie sie verschrieen werden. Auf dem Lande wird man kaum von einem irgendwie erheblichen, durch sie verursachten Schaden reden hören.“ Über das Brutgeschäft des Pflanzenmähders schweigen die neueren Beobachter; Molina aber erwähnt beiläufig, daß die Eier auf weißem Grunde rot getüpfelt sind. In der zweiten Unterfamilie vereinigt man die Schmuckraken (Ampelinae), die größten, zwischen Krähen- und Drosselgröße schwankenden Arten der Familie. Der Leib ist kräftig, der Hals kurz, der Kopf groß, der Flügel mittellang, mäßig spitzig, in ihm die dritte Schwinge die längste, der zwölffederige Schwanz ziemlich kurz und gerade abgeschnitten. Der Schnabel ändert in seinen Verhältnissen ab, ist aber im allgemeinen an der Wurzel platt gedrückt, auf dem Firste stumpfkantig, an der Spitze flach übergebogen und neben ihr mit einem schwachen Ausschnitte versehen, in welchen die Spitze des Unterkiefers sich einlegt. Die Kiefergelenkung beider Hälften liegt weit nach rückwärts, der Schnabel ist also tief gespalten und erinnert an den der Raken. Die Füße sind stark und kurz, nur zum Sitzen, kaum zum Gehen geeignet. Das Gefieder ist derb, nicht besonders großfederig und knapp anliegend. Bei der Zergliederung fällt namentlich der untere Teil des Kehlkopfes auf. Ihn bedecken entweder große glockenförmige Fleischkörper, oder die Luftröhrenäste über ihm sind —
Erste Ordnung: Baumvögel; fünfundzwanzigste Familie: Schmuckvögel. zu einer weiten Höhle ausgedehnt, die durch besondere Muskeln noch mehr vergrößert werden kann. Hierdurch wird das Stimmwerkzeug befähigt, die lauten Töne hervorzubringen, die den Mitgliedern der Familie eigen sind. Die Luftröhre ist gleich weit, flach, rund und an jeder Seite von einem schmalen, dünnen Muskelbande begleitet. Die Kropfvögel bewohnen die Urwaldungen Südamerikas, nähren sich fast oder ausschließlich von saftigen Früchten, leben in der Regel einsam, nur ausnahmsweise gesellig, sind träge und dumm, aber scheu und furchtsam. Einzelne Arten lassen selten einen Laut vernehmen, die meisten aber zeichnen sich durch auffallende Stimmen aus, und demzufolge sind sie den Eingeborenen auch wohl bekannt geworden.
Der Kapuzinervogel (Cephalopterus calvus, Gymnocephalus calvus und capucinus, Corvus calvus, Ampelis calva) vertritt eine von den Gattungen, in welche die
Kapuzinervogel (Cephalopterus calvus). 1/4 natürl. Größe.
u3 Unterfamilie zerfällt. Der starke und große Schnabel würde mit dem einer Krähe vollständig übereinstimmen, wenn er nicht bedeutend flacher wäre; der Fuß unterscheidet sich durch die Kürze und Stärke des Laufes und die verhältnismäßige Länge der Zehen von einem Krähenfuße; der ziemlich spitzige Flügel reicht bis auf die Mitte des kurzen Schwanzes hinab. Das knappe Gefieder läßt die Schnabelwurzel, den Zügel, die Stirn, den Scheitel, die Augengegend und die Kehle nackt. Vier steife Borsten stehen am Zügelrande. Die Färbung ist ein ziemlich gleichmäßiges Rostrotbraun, das auf dem Rücken etwas ins Olivengrüne spielt; die Schwingen und die Schwanzfedern sind schwarzbraun, die Oberarmschwingen rötlich überlaufen, die obersten Flügeldeckfedern olivengrünbraun, das Gesicht, der Schnabel und
Kapuzinervogel. Schirmvogel.
die Füße schwarz; das Auge ist dunkelbraun. Bei jungen Vögeln ist das kahle Gesicht mit weißlichen Daunen bekleidet, also immerhin von dem übrigen Gefieder sehr verschieden. Bei alten Vögeln sieht man nur einzelne Borstenhaare auf den betreffenden Stellen. Die Länge beträgt 42, die Fittichlänge 23, die Schwanzlänge 10 cm. Über die Lebensweise fehlen noch ausführliche Berichte. Wir wissen nur, daß der Kapuzinervogel paarweise die einsamen Waldungen des nördlichen Brasilien und Guayanas
Schirmvogel (Cephalopterus ornatus). 1/4 natürl. Größe.
bewohnt und sich höchstens bis zu einer Höhe von 400 m erhebt. Hier sieht man die Gatten eines Paares auf hohen Bäumen nebeneinander sitzen. Die Stimme, die der absonderliche Vogel in regelmäßigen Zwischenräumen ausstoßen soll, erinnert an das Blöken eines Kalbes und wird auf weithin vernommen. Früchte bilden die ausschließliche Nahrung. Das Betragen scheint nicht besonders anziehend zu sein; wenigstens wissen die Reisenden hierüber nichts Ausführlicheres zu berichten.
Der Stier⸗ oder Schirmvogel (Cephalopterus ornatus, Coracina cephaloptera und ornata) kennzeichnet sich durch einen starken, aufrichtbaren, helmförmigen Federbusch
auf dem Kopfe und einen runden, allseitig befiederten Hautlappen am Unterhalse. Das Gefieder ist ziemlich gleichmäßig schwarz, die Haube schwarzblau; die Federn des Mantels sind dunkel grünlichschwarz gesäumt, die Schwung- und Steuerfedern einfarbig dunkelschwarz. Alle kleineren Federn haben nahe der Wurzel weiße Schäfte. Das Auge ist grau, der Oberschnabel schwarzbraun, der Unterschnabel graubraun, der Fuß mattschwarz. Die Länge beträgt 51, die Fittichlänge 26, die Schwanzlänge 18 em. Das Weibchen ist beträchtlich kleiner, seine Haube schwächer, der Kehllappen kürzer und das Gefieder glanzloser. Der Schirmvogel bewohnt die Ostabhänge der Kordilleren Perus bis zu 1000 m Höhe und verbreitet sich hier über die obere Hälfte des Amazonenstromes bis zum Rio Negro und südwärts bis zur Grenze von Chile. Wenn man den Amazonenstrom aufwärts fährt, bemerkt man ihn zuerst nahe der Mündung des Madeira, laut Wallace regelmäßig auf Inseln, meist in kleinen Gesellschaften und stets im oberen Gelaube der höchsten Bäume. niemals auf dem Boden. Seine Nahrung besteht nach Tschudi aus Früchten verschiedener Bäume, nach Bates auch in Kerbtieren, zumal Käfern und Spinnen. Früchte von der Größe einer Pflaume werden ganz verschluckt und die Kerne später ausgewürgt, Kerbtiere vor dem Verschlingen erst zerstückelt. Bei solcher Bearbeitung der Beute wie beim Fressen überhaupt und ebenso beim Fliegen legt der Schirmvogel die Kopfhaube nach rückwärts und den Brustquast so dicht an den Leib, daß man ihn von dessen Gefieder nicht zu unterscheiden vermag. Sitzt er dagegen ruhig auf einem Zweige, so richtet er die Haube zu voller Höhe auf und läßt den Quast hängen; kauert er sich endlich zum Schlafen nieder, so legt er den Kopf bis zur Rückenmitte zurück, hockt mit angezogenen Beinen auf dem Aste, versteckt so Kopf, Hals und Füße vollständig und läßt nur noch Quast und Schirm sehen, die beide aus der Masse des übrigen Gefieders absonderlich hervorragen. Das Geschrei, das er besonders am frühen Morgen und gegen Sonnenuntergang hören läßt, und das ihm den Namen „Stiervogel“ verschafft hat, klingt schauerlich und gleicht dem fernen Brüllen eines Stieres. An der Hervorbringung des brüllenden Geschreies nimmt, wie Bates versichert, der fleischige Anhang teil. Vor dem Schreien breitet der Vogel seine Kopfholle, dehnt und schwenkt den hohlen Brustlappen, neigt den Kopf und stößt nunmehr sein Gebrüll aus. Wenn mehrere vereinigt sind und gleichzeitig brüllen, wird man eher an eine Kuhherde als an Vögel denken. Das kunstlose, aus Reisern erbaute Nest steht auf der Spitze der höchsten Bäume; das Gelege besteht aus 2 weißen Eiern. * Genauer als über Kapuziner- und Schirmvogel sind wir über die Glockenvögel (Ohas-morhynchus) unterrichtet. Sie gehören zu den kleineren Mitgliedern der Unterfamilie und kommen höchstens einer Taube an Größe gleich. Der Schnabel erreicht etwa die halbe Kopflänge, ist sehr platt gedrückt, viel breiter als hoch, auf dem wenig erhabenen Firste schwach gewölbt, an der Spitze sanft herabgeneigt, mit einem kleinen Zahne oder Ausschnitte versehen und auffallend weit gespalten, der Fuß kurzläufig, aber langzehig, der Flügel, in welchem die dritte und vierte Schwinge die längsten sind, ziemlich lang, bis zur Mitte des Schwanzes herabreichend, der mäßig lange Schwanz in der Mitte ein wenig ausgerandet, an den Seiten etwas abgerundet, das Gefieder dicht und kleinfederig, um den Schnabelrand nicht zu Borsten umgewandelt, die Färbung je nach dem Geschlechte verschieden. Bezeichnend sind Hautwucherungen in der Schnabelgegend, die wie bei unseren Truthähnen sich bald verlängern, bald verkürzen.
Der Glockenvogel oder Schmied ꝛc. (Chasmorhynchus nudicollis, Ampelis nudicollis und alba, Procnias nudicollis und alba) ist schneeweiß; die nackten Zügel
Schirmvogel. Glockenvogel. Glöckner. Araponga. Hämmerling.
und die nackte Kehle sind lebhaft spangrün. Das Auge ist silberweiß, der Schnabel schwarz, der Fuß fleischfarben. Das etwas kleinere Weibchen ist am Scheitel und an der Kehle schwarz, auf der Oberseite zeisiggrün, auf der Unterseite gelb, schwarz in die Länge gefleckt, am Halse weißlich und gelblich gestrichelt. Das junge Männchen ähnelt im ersten Jahre dem Weibchen, wird dann weiß gefleckt und erhält im dritten Jahre sein ausgefärbtes Kleid. Wie mich gefangene Glockenvögel belehrt haben, legen auch die alten Männchen nach jeder Mauser ein grünes Kleid an und erhalten das weiße immer erst durch Verfärbung. Die Länge beträgt 26, die Breite 50, die Fittichlänge 16, die Schwanzlänge 7 cm. G. Mützel nd Leben
Glockenvogel (Chasmorhynchus nudicollis). 3/8 natürl. Größe.
Von dieser zuerst beschriebenen Art der Gattung unterscheidet sich der Glöckner (Chasmorhynchus carunculatus) dadurch, daß das ebenfalls rein weiße Männchen auf der Schnabelwurzel einen hohlen, schwarzen, muskeligen Zipfel trägt, der mit einigen weißen Federchen besetzt ist, willkürlich ausgedehnt und eingezogen werden kann und in ersterem Falle wie ein Horn nach oben, im letzteren wie die sogenannte Nase des Truthahnes an der Seite des Schnabels herabhängt. Bei einer dritten Art, der wir den in Südamerika üblichen Namen Araponga lassen wollen (Chasmorhynchus variegatus, Ampelis variegatus), ist das nackte Kehlfeld mit Hautröhrchen bündelartig besetzt; bei dem Hämmerling (Chasmorhynchus tricarunculatus) endlich zieren die Stirnmitte und die Schnabelwurzel jederseits je ein 5—7 em langer Hautkegel.