Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
einem Zweige und scheint keinen anderen Gedanken zu hegen, als sie vor jeder Gefahr zu schützen und zu verteidigen. Die erhobenen und ausgebreiteten Federn des Hauptes glänzen im Strahle der Sonne; die weiße Brust leuchtet auf weithin. So sitzt es auf seiner Warte und läßt sein wachsames Auge rundum schweifen. Sollte es eine Krähe, einen Geier, einen Adler erspähen, gleichviel ob in der Nähe oder in der Ferne, so erhebt es sich jählings, ꝗᷓ 9— . —.——r..‚ñ—.—
Königsvogel (Tyrannus carolinensis) und Bentevi (Tyrannus sulfuratus). ½ natürl. Größe.
nähert sich dem unter Umständen doch recht gefährlichen Gegner und beginnt nun, ihn mit Wut anzugreifen. Es stößt auf seinen Feind hernieder, läßt seinen Schlachtruf ertönen, fällt wiederholt auf den Rücken des Gewaltigen herab und versucht, sich hier festzusetzen. In dieser Weise, den minder gewandten Gegner fortwährend durch wiederholte Schnabelstöße behelligend, folgt es ihm vielleicht 1 Em weit, bis es seine Pflicht gethan zu haben glaubt. Dann verläßt es ihn und eilt, wie gewöhnlich mit den Flügeln zitternd und beständig trillernd, zu dem Neste zurück. Es gibt wenige Falken, die sich dem Nistplatze des Königsvogels nähern; selbst die Katze hält sich soviel wie möglich zu Hause, und wenn sie wirklich erscheinen sollte, stürzt sich der
kleine Krieger, der ebenso furchtlos ist wie der kühnste Adler, mit so schneller und kräftiger Bewegung auf sie und bringt sie durch wiederholte Angriffe von allen Seiten derartig außer Fassung, daß Hinz in die Flucht geschlagen wird und beschämt nach Hause zieht. Der Tyrann fürchtet keinen seiner luftbeherrschenden Gegner, mit Ausnahme der Purpurschwalbe. Obwohl ihn diese oft im Beschützen des Nestes und Gehöftes unterstützt, greift sie ihn doch zuweilen mit solchem Nachdrucke an, daß sie ihn zum Rückzuge zwingt. Freilich übertrifft auch der Flug der Schwalbe den des Königsvogels so sehr an Schnelligkeit und Kraft, daß er sie befähigt, dem Stoße des kräftigeren Tyrannen, der ihr gefährlich werden könnte, ohne Mühe auszuweichen. Audubon führt ein Beispiel an, daß einige Purpurschwalben, die bis dahin mehrere Jahre lang die alleinigen Eigentümer eines Gehöftes gewesen waren, den tiefsten Haß gegen ein Paar Königsvögel an den Tag legten, die sich erdreistet hatten, ihr Nest auf einem dem Hause nahen Baume zu erbauen. Als das Weibchen des Paares zu brüten anfing, griffen die Schwalben das wachehaltende Männchen einige Tage unablässig an, stießen es trotz seines Mutes und seiner überlegenen Stärke wiederholt auf den Grund und quälten es so lange, bis es vor Ermattung starb. Dann wurde das vereinsamte Weibchen gezwungen, sich einen neuen Beschützer zu suchen. Da, wo es Kleefelder gibt, sieht man den Königsvogel oft über diesen schweben, sich plötzlich zwischen die Blüten stürzen, von dort aus sich wieder erheben und ein aufgescheuchtes Kerbtier wegschnappen. Dann und wann verändert er auch diese Jagd, indem er in sonderbaren Zickzacklinien hin und her fliegt, nach unten und oben sich wendet, als ob die ins Auge gefaßte Beute alle Künste des Fluges anwende, um ihm zu entkommen. Gegen den Monat August hin wird der Vogel verhältnismäßig stumm. Gleichzeitig stellt er sich auf den brach liegenden Feldern und Wiesen ein und lauert hier, auf irgend einem erhabenen Gegenstande sitzend, auf Kerbtiere, denen er jetzt ohne alle Umschweife nachfliegt, sobald er sie erspähte. Mit der gefangenen Beute kehrt er zu derselben oder einer ähnlichen Warte zurück, tötet sie hier und verschluckt sie dann. Sehr häufig fliegt er jetzt auch über große Ströme oder Seen hin und her, nach Art der Schwalben Kerfe verfolgend. In derselben Weise, wie diese Vögel, gleitet er auch über dem Wasser dahin, um zu trinken; wenn das Wetter sehr heiß ist, taucht er, um sich zu baden, in die Wellen, erhebt sich aber nach jedem Eintauchen auf einen niederen Baumzweig am Ufer und schüttelt das Wasser von seinem Gefieder ab. Der Königsvogel verläßt die mittleren Staaten früher als andere Sommergäste. Auf seinem Zuge fliegt er rasch dahin, indem er sechs- oder siebenmal seine Flügel schnell zusammenschlägt und dann auf einige Meter hin ohne Bewegung fortstreicht. In den ersten Tagen des September hat Audubon Flüge von 20 und 30 Stück in dieser Weise dahinfliegen sehen. Sie waren vollkommen lautlos und erinnerten durch ihren Flug lebhaft an die Wanderdrosseln. Auch während der Nacht setzen sie ihren Zug fort, und gegen den 1. Oktober hin findet man nicht einen einzigen mehr in den Vereinigten Staaten. Der Königsvogel verdient die vollste Freundschaft und Begünstigung des Menschen. Die vielen Eier des Hühnerhofes, die er vor der plündernden Krähe beschützt, die große Kükenzahl, die, dank seiner Fürsorge, vor der räuberischen Klaue des Falken gesichert ist, die Menge von Kerbtieren, die er vernichtet, wiegen reichlich die wenigen Beeren und Feigen auf, die er frißt. Sein Fleisch ist zart und wohlschmeckend; es werden deshalb auch viele der nützlichen Tiere erlegt — nicht deshalb, weil sie Bienen fressen, sondern weil die Louisianer sehr gern die „Bienenfresser“ verzehren. Einer der bekanntesten Tyrannen Brasiliens ist der Bentevi oder Häscher (Tyrannus sulfuratus, leucogaster und magnanimus, Saurophagus sulfuratus, Megarhynchus
sulfuratus und flavus, Lanius und Pitangus sulfuratus, Abbildung S. 548), so genannt von seinem deutsamen Geschrei. Er kennzeichnet sich durch kopflangen Schnabel, der entschieden höher als breit, fast kegelförmig gestaltet, auf dem Firste abgerundet, an der Spitze mit kräftigem Haken und daneben mit einer feinen, aber scharfen Kerbe versehen ist, kräftige Beine mit starken und hohen Läufen, verhältnismäßig lange Flügel und leicht ausgeschnittenen Schwanz, lange Zehen und sichelförmige Krallen. Der Schnabel ist von Borsten umgeben, die sich am ganzen Schnabelgrunde hinziehen und besonders am Zügelrande sehr stark sind. Das Gefieder ist derb und kleinfederig. Die Länge des Bentevi beträgt 26, die Fittichlänge 13, die Schwanzlänge 8 em. Das Gefieder der Oberseite ist grünlich ölbraun, das hollenartige der Scheitelmitte wie das der Unterseite schwefelgelb; die Stirn und ein Augenbrauenstreifen, Kehle und Vorderhals sind weiß, der übrige Scheitel, der Zügel und die Backen schwarz, die Flügeldeckfedern, die Schwingen und die Schwanzfedern rostrot gerandet, die Schwingen auch auf der Innenseite breit rostgelb gesäumt. Beim jungen Vogel sind die Farben des Gefieders unscheinbarer; der Scheitel ist ganz schwarz, das Flügel- und Schwanzgefieder breit rostrot gesäumt. Der Bentevi, einer der bekanntesten Vögel Südamerikas, bewohnt Nordbrasilien, Guayana und Trinidad und tritt fast allerorten, namentlich aber da, wo offene Triften mit Gebüschen abwechseln, sehr zahlreich auf. Man sieht ihn sozusagen auf jedem Baume und hört seine laute, durchdringende Stimme überall. Er scheut die Nähe der Wohnungen nicht, findet sich deshalb auch in den Pflanzungen, am Rande der Gebüsche und Waldungen und ebenso zwischen dem grasenden Rindviehe auf den Triften. Ein einzeln stehender Baum oder Strauch, ein erhabener Stein, eine Erdscholle, selbst der flache Boden oder das dichteste Geäste einer Baumkrone bilden seine Warte, von der er sich nach Beute umschaut. Er ist ein unruhiger, lebhafter, neugieriger und zänkischer Vogel, der unter lautem Rufen eifersüchtig sein Weibchen verfolgt und sich der Gattin halber auch oft mit seinesgleichen streitet: Schomburgk behauptet sogar, daß er mit seinen Artgenossen in ununterbrochenem Streite liege. Sein immerwährendes Geschrei, das von dem Männchen und dem Weibchen um die Wette ausgestoßen wird, erregt die Aufmerksamkeit jedes Ankömmlinges und ist von den Ansiedlern schon längst in verschiedene Sprachen übersetzt worden. In Brasilien hat man es durch „ben-te-vii“, in Montevideo und Buenos Ayres durch „bien-te-veo“ („Ich sehe dich wohl“), in Guayana durch „qu'est-ce qu'il-dit?“ übertragen, und der Vogel ist wegen dieser Außerungen sehr volkstümlich geworden. Aber er zieht noch in anderer Weise die Beachtung des Menschen auf sich; denn auch er ist ein echter Tyrann, der keinen Raubvogel ungeschoren vorüberziehen läßt. „Niemals wird er fehlen“, versichert der Prinz von Wied, „wenn es darauf ankommt, einen Raubvogel zu necken oder zu verfolgen.“ Es bleibt aber nicht beim bloßen Necken und Anschreien, sondern der Bentevi geht auch zu Thätlichkeiten über, indem er von oben herab auf die Räuber stößt oder sie überhaupt zu behelligen sucht, so gut er eben kann. Man sagt dem Bentevi nach, daß er sich nicht mit Kerbtieren begnüge, sondern auch kleine Vögel aus dem Neste hole, und diese Behauptung wird bestätigt durch eine Beobachtung Schomburgks, der bemerkte, daß dieser Tyrann von kleineren Vögeln mit wildem Geschrei verfolgt wurde. Daß er wirklich Fleisch frißt, unterliegt nach Azaras und d'Orbignys Versicherungen keinem Zweifel; denn er kommt sehr oft zu den Wohnungen heran und nascht von dem zum Trocknen aufgehangten Fleische, findet sich auch ein, wenn die Geier einen Schmaus halten, und ist flink bei der Hand, wenn von diesen beim gierigen Losreißen der Muskeln ein Brocken seitwärts geschleudert wird. Seine Hauptnahrung bilden aber doch die Kerbtiere: der Prinz von Wied fand nur Überreste von Käfern und Heuschrecken in seinem Magen. Die Jagd auf diese Beute betreibt der Bentevi ganz nach
Art seiner Verwandten. Er schaut von seiner Warte aus ringsum, folgt dem erspähten Kerbtiere fliegend nach, fängt auch das schnellste mit bewunderungswürdiger Sicherheit, kehrt zu seinem Sitze zurück und verzehrt es hier. Mit größeren Kerbtieren spielt er oft mehrere inuten lang, wie die Katze mit der Maus, bevor er sie verzehrt. Wie andere Kerbtierjäger frißt auch er zeitweilig Beeren. Gegen die Paarungszeit hin fliegt das Männchen dem erwählten oder zu kürenden Weibchen beständig nach, bietet alle Künste des Fluges auf, spielt mit der Holle, ruft fortwährend und sucht sich in anderer Weise liebenswürdig zu machen. Nachdem sich die Gatten geeinigt, schreiten sie zum Baue des Nestes, das ziemlich künstlich gefertigt ist. Der Prinz von Wied fand es im Frühjahre, d. h. Ende August oder Anfang September, in der Gabel eines dichten Strauches oder mäßig hohen Baumes. Es besteht aus einem dicken, großen, runden Ballen von Moos, Blättern, Halmen und Federn, an dem sich vorn ein kleiner, runder Eingang befindet. Das Gelege enthält 3—4 Eier, die auf blaß grünlichem Grunde, besonders gegen das stumpfe Ende hin, mit zerstreuten schwarzen und blaugrünen Flecken gezeichnet sind. Daß der Bentevi während der Brutzeit streitsüchtiger und mutiger ist als je, braucht nicht erwähnt zu werden: angesichts seines Nestes ist er ein wahrer Tyrann. Gefangene Häscher gelangen neuerdings nicht allzu selten auch in unsere Käfige und erwerben sich infolge ihres stolzen Selbstbewußtseins, ihrer fabelhaften Fluggewandtheit, die durch ein wunderbar scharfsichtiges Auge unterstützt, geleitet und geregelt wird, und durch ihre Ausdauer die Zuneigung jedes Pflegers. Schon Molina, der erste Naturbeschreiber Chiles, erwähnt eines in hohem Grade merkwürdigen südamerikanischen Vogels und berichtet über dessen Lebensweise sonderbare Dinge. „Der Pflanzenmähder“, sagt er, „nährt sich von Kräutern, hat aber die böse Eigenschaft, sie nicht eher zu fressen, als bis er den Stengel dicht an der Wurzel abgesägt hat. Oft schneidet er Pflanzen bloß zum Zeitvertreibe ab, ohne ein Blatt davon zu fressen. Die Einwohner befehden ihn daher ohne Unterlaß und geben den Knaben, die seine Eier ausnehmen, eine gute Belohnung. Da ihm diese Nachstellung bekannt ist, baut er sein Nest in die dichtesten Bäume und an schattige, wenig besuchte Orte. Ungeachtet dieser Vorsicht hat er sich sehr vermindert, und von dem Eifer, mit welchem ihn die Einwohner auszurotten suchen, darf man schließen, daß er sich nicht mehr erhalten wird, falls seine Nachkommenschaft nicht unterlassen sollte, ihren bösen Namen zu bethätigen.“ Lange Zeit hielt man die von dem Vogel verübten Übelthaten für eine der Fabeln, die Fremden erzählt und von diesen geglaubt zu werden pflegen; neuere Beobachtungen aber haben ergeben, daß wenigstens etwas an der Sache ist. Boeck, Freiherr von Kittlitz, d'hrbigny und Landbeck sind es, die Molina in gewisser Hinsicht rechtfertigen. Die Pflanzenmähder eröffnen die Familie der Schmuckvögel (Ampelidae) und werden als Vertreter einer besonderen Unterfamilie (Phytotominae) aufgefaßt, ähneln einzelnen Papageifinken, mehr aber noch gewissen Fruchtvögeln, unterscheiden sich aber von den einen wie von den anderen durch wesentliche Merkmale, insbesondere durch den Bau ihres Schnabels. Dieser ist kurz, stark, ebenso breit wie hoch, gegen die Spitze hin allmählich zusammengedrückt, auf dem Firste gewölbt, an den Schneiderändern eingezogen und vor ihnen mit deutlicher Zahnkerbe, in der vorderen Hälfte aber mit feinen Sägezähnen ausgerüstet; der an der Wurzel wulstig vortretende, breite Unterkiefer ist vorn ebenfalls gezähnelt, der kräftige, langzehige, vorn getäfelte Fuß mit starken Nägeln bewehrt, der
Flügel, in welchem die dritte und vierte Schwinge die längsten sind, abgerundet, der Schwanz breit und zugerundet, das Gefieder endlich dicht und weich.