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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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Die Glockenvögel sind in Südamerika heimisch. Der Schmied bewohnt Brasilien und ist hier in den Waldungen sehr häufig; der Glöckner ist in Guayana, die Araponga im nördlichen Südamerika, der Hämmerling in Costarica heimisch. Aus den bisher bekannt gewordenen Mitteilungen der reisenden Forscher scheint hervorzugehen, daß sich die Lebensweise dieser Vögel im wesentlichen ähnelt. Allerdings haben wir bis jetzt, dank den Forschungen Watertons, des Prinzen von Wied und Schomburgks, nur über Betragen und Sitten des Schmiedes und des Glöckners ausführlichere Berichte erhalten; sie aber stimmen so vollkommen überein, daß wir die eben ausgesprochene Ansicht wohl hegen dürfen. „Dieser merkwürdige Vogel“, sagt der Prinz von Wied vom Glockenvogel, „ist sowohl durch sein blendendweißes Gefieder sowie durch seine laute, hell klingende Stimme eine Eigenheit der prachtvollen brasilischen Waldungen und fällt dem Fremdlinge gewöhnlich sogleich und zuerst auf. Er ist überall verbreitet, wo Urwaldungen sind, in deren dunkelsten Verflechtungen er sich am meisten zu gefallen scheint. Doch kommt er nicht überall in gleicher Häufigkeit vor, scheint vielmehr gebirgigen Urwald besonders zu lieben. Seine Stimme ähnelt dem Tone einer hell klingenden Glocke, wird einzeln ausgestoßen, eine Zeitlang ausgehalten und auch öfters kurz hintereinander wiederholt. Dann gleicht sie den Lauten, die der Schmied hervorbringt, wenn er mit dem Hammer wiederholt auf den Amboß schlägt. Man vernimmt diese Stimme zu allen Stunden des Tages sehr häufig und auf weithin. Gewöhnlich halten sich mehrere der Vögel in einer passenden Gegend auf und reizen sich wechselseitig. Der eine schallt laut und hell mit einem einfachen Tone; der andere läßt das oft wiederholte, klingende Getön hören, und so entsteht an Stellen, wo viele dieser Vögel vereinigt sind, ein höchst sonderbares Konzert. Gewöhnlich wählt der Schmied seinen Stand auf einem der oberen dürren Aste eines gewaltigen Waldstammes und läßt von dort oben seine klingende, metallische Stimme erschallen. Man sieht alsdann den blendendweißen Vogel gegen den dunkelblauen Himmel gemalt, kann ihn aber von jener Höhe nicht herabschießen. Auch fliegt er gewöhnlich sogleich ab, sobald er etwas Fremdartiges bemerkt. An Stellen, wo der Wald niedriger ist, sitzen diese Vögel in einer dichten, dunkeln Laubmasse, wo man ihre Stimme vernimmt, ohne das schneeweiße Ziel erspähen zu können.“ „Inmitten der ausgedehnten Wildnisse“, schildert Waterton, „gewöhnlich auf dem dürren Aste einer alten Mora und fast immer außer aller Schußhöhe wird man den Glöckner bemerken. Kein Laut oder Gesang von irgend einem geflügelten Bewohner der Wälder, nicht einmal das deutlich ausgesprochene „‚Whip-poor-will' des Ziegenmelkers kann so in Erstaunen setzen wie das Geläute des Glöckners. Wie so viele der gefiederten Klasse, bezahlt er dem Morgen und dem Abend durch Gesang seinen Zoll; aber auch wenn die Mittagssonne Stillschweigen geboten und den Mund der belebten Natur geschlossen, ruft er noch sein heiteres Getön in den Wald hinaus. Man hört das Geläute, dann tritt eine minutenlange Pause ein, hierauf folgt wieder ein Glockenschlag und wiederum eine Pause, und so wechselt es zum dritten Male ab. Dann schweigt er 6 oder 8 Minuten lang, und hierauf beginnt er von neuem. Aktäon würde seine eifrigste Jagd unterbrechen, Maria ihr Abendlied verzögern, Orpheus selbst seinen Gesang aufgeben, um diesen Vogel zu belauschen, so süß, so neu, so romantisch ist der Klang seiner Stimme.“ „Ich vernahm“, sagt Schomburgk, wohl Waterton benutzend, „aus dem nahen Walde wunderbare Töne, wie ich sie noch nie gehört. Es war, als schlüge man zugleich an mehrere harmonisch gestimmte Glasglocken. Jetzt hörte ich sie wieder und nach einer minutenlangen Pause wieder und wieder. Dann trat ein etwas längerer Zwischenraum von etwa 6—8 Minuten ein, und von neuem erschallten die vollen harmonischen Töne. Eine ganze Zeit stand ich vor Erstaunen gefesselt und lauschte, ob sich die fabelhaften Klänge nicht abermals hören lassen würden: sie schwiegen, und voller Begierde wandte ich mich mit

meinen Fragen an meinen Bruder, von dem ich nun erfuhr, daß dies die Stimme des Glöckners sei. Kein Gesang, keine Stimme irgend eines der befiederten Bewohner der Wälder Guayanas, selbst nicht die so deutlich ausgesprochenen Worte der Ziegenmelker, hatten mich in gleiches Erstaunen versetzt wie die Glockentöne des Hämmerlings. Daß die Vögel in Guayana die Gabe der Sprache besaßen, hatte ich ja schon erfahren; solche Töne aber waren mir bisher noch gänzlich unbekannt geblieben, und meine Aufmerksamkeit konnte jetzt durch nichts anderes von diesem wunderbaren Sänger abgezogen werden. „In der Nähe der Küste gehört der Glöckner zu den Strichvögeln; am Demerara und Berbice erscheint er gewöhnlich im Mai und Juni; die unmittelbare Küste besucht er nie. Hohe Gebirgswaldungen scheint er am meisten zu lieben, jedoch nur bis zu einer Höhe von 400 — 500 m emporzusteigen. Seine zauberhaften, glockenreinen Töne läßt er meist von dem äußersten Gipfel der riesigen Morabäume erschallen, die er besonders dann gern auf—⸗ zusuchen scheint, wenn sich dort ein dürrer Zweig findet. Zwei Männchen habe ich nie auf demselben Baume bemerkt, wohl aber antworten sie sich gern von verschiedenen Bäumen her. Jeden Morgen begrüßen sie den jungen Tag mit ihren metallreinen Tönen und nehmen unter allen Sängern am spätesten Abschied von der scheidenden Sonne. In der Ruhe hängt der Schnabelzipfel seitlich herab; läßt der Glöckner aber seine Laute erschallen, so bläst er den Zipfel auf, der sich dann zugleich mit der Spitze um seine eigne Wurzel herumdreht. Stößt er bloß einen einzelnen Ton aus, so richtet sich der Zipfel augenblicklich empor, fällt aber unmittelbar nach dem Ausstoßen des Tones wieder um, beim nächsten Schreie abermals sich emporrichtend. Die Weibchen mit ihrem bescheidenen zeisiggrünen Gefieder sitzen nie so hoch wie die Männchen und halten sich stets in dem niederen Gezweige der Waldbäume auf. Mir sind überhaupt nur wenige vorgekommen, was wohl darin seinen Grund haben mag, daß das Weibchen vollkommen schweigsam ist und sich zugleich infolge seines grünen Gefieders nur sehr schwer aus dem ebenso grünen Laube der Bäume herausfinden läßt. Merkwürdig sehen die jungen Männchen in ihrem Übergangskleide von Grün zu Weiß aus. Im zweiten Jahre haben sie ein förmlich geschecktes Gefieder, und erst im dritten Jahre erhalten sie das Kleid ihres Vaters.“ Ich habe Gelegenheit gehabt, einen gefangenen Glockenvogel längere Zeit zu beobachten, und bin daher im stande, Vorstehendes zu ergänzen. Das allerdings laute und metallische, in der Nähe gehört aber sehr rauhe, etwas kratzende und wenig wohllautende, eher unangenehme Geschrei erinnert am meisten an die Stimmlaute der Froschlurche. Der Laut, den man am häufigsten und nach oftmaliger Zählung in Zwischenräumen von einer halben Sekunde 7—25mal nacheinander vernimmt, klingt in der Nähe wie „garréi“, wobei der erste Selbstlauter nur angedeutet wird, die letzten beiden dagegen hell und vernehmlich, dem Schlage eines Hammers auf den Amboß ähnlich klingen. Zuweilen hört man auch piepende Laute, die so schwach sind, daß sie schon in geringer Entfernung verklingen. Manchmal vertönt er seinen Hauptruf in ungewöhnlicher Weise, indem er ein heiseres „Grrr“ als Vorschlag ausstößt und diesem ein lautes, helles, langgezogenes „Jii“ anhängt. Wenn er einmal ruft, stößt er die Hauptlaute in Absätzen von 10—15 Sekunden Dauer aus, unterbricht sich jedoch manchmal, um mit verschiedenen Lauten abzuwechseln. Er bringt dann mehrere Male den Hauptlaut hervor, schweigt hierauf ein Weilchen, ruft nunmehr eine halbe Minute lang fast ununterbrochen in gewöhnlicher Weise, schweigt wiederum ein wenig und läßt endlich die Laute mit dem heiseren Vorschlage vernehmen. Die piependen Laute hört man nur, wenn er zusammengekauert auf einem Aste hockt und tiefster Ruhe pflegt, die lauten, gellenden dagegen, wenn er aufgerichtet sitzt oder sich bewegt. Je länger er schreit, um so erregter scheint er zu werden, so daß man nicht verkennen kann, daß er sich währenddem in einem Liebesrausche befindet oder balzt. Mit Beginn des

gellenden Geschreis hebt er den Kopf hoch empor, sperrt den Schnabel so weit auf, daß der Oberteil fast senkrecht, der Unterteil beinahe wagerecht steht, stößt, ohne den Schnabel zu schließen, die einzelnen Töne tief aus der Brust heraus, springt mit weit gespreizten Beinen rasch auf dem Zweige hin und her, hebt den Schwanz gestelzt über die Flügel, zittert auch auf Augenblicke mit letzteren und klappt erst mit dem letzten Laute die Kiefer wieder zusammen. Bei jedem Laute bewegt sich der Schnabel zuckend ein wenig, Hals, Brust und Unterleib aber erheblich; die Kehle wird gebläht, und das nackte Kehlfeld schwingt ersichtlich; die Brust hebt und senkt sich jählings, und die Erschütterung des ganzen Körpers ist so groß, daß man glauben möchte, die Brust müsse zerspringen. Erhöht sich die Erregung, so neigt er sich schief nach unten, bewegt schüttelnd den Kopf, insbesondere aber die Kehle, stelzt den Schwanz höher als je, streckt ein Bein aus, so weit er kann, krampft den Fuß des anderen zusammen, verdreht beide, wendet sich abwechselnd zur linken und rechten Seite und schnellt unter gleichzeitigem Ausstoßen des letzten, durch eine kurze Pause von den übrigen getrennten Hauptlautes zurück oder springt mit einem seitlichen Satze jählings auf eine andere Sitzstelle oder dreht sich auf einer Stelle mehrmals um sich selbst. Nach Verlauf von 1—2 Stunden ermattet er endlich und hockt dann schweigend auf einem Aste nieder, um zu ruhen. Daß er seinen Liebesrausch zuweilen mit seinem Tode besiegelt, hat der von mir beobachtete Glockenvogel, der beim Schreien tot von seiner Stange herabfiel, bewiesen. Beeren und Früchte scheinen die gewöhnliche Nahrung der Glockenvögel zu bilden. Der Prinz von Wied fand niemals Kerbtiere im Magen der vielen von seiner Gesellschaft erlegten Schmiede, die er untersuchte; Schomburgk dagegen behauptet, Reste von Kerfen im Magen des Glöckners bemerkt zu haben. Rote Beeren und rote, den Kirschen ähnliche Früchte, zuweilen auch eine kleine Art von Bohnen, kurz, immer Baumfrüchte sind die Nahrung derer gewesen, die der Prinz von Wied untersucht hat, dieselben Früchte, die nach seinen Beobachtungen fast alle übrigen Schmuckvögel fressen. „Es ist unbekannt“, sagt Waterton, „in welchem Teile Guayanas der Glöckner sein Nest macht.“ Schomburgk bestätigt diese Behauptung. „Merkwürdig ist, daß die Indianer weder die Nester, noch die Brutzeit des Vogels kennen, vielmehr allgemein behaupten, daß er nicht in Guayana brüte, sondern erst nach seiner Brutzeit im Lande erscheine.“ Auch der Prinz von Wied hat das Nest des Schmiedes nicht finden, noch von seinen brasilischen Jägern Nachricht darüber erhalten können, vermutet aber, daß es in den Zweigen eines dicht belaubten Baumes stehe und kunstlos gebaut sei. Gefangene Glockenvögel gelangen in der Neuzeit nicht allzu selten lebend in unsere Käfige, halten sich auch bei einfachem, aus gekochtem Reis, Möhren und Kartoffeln bestehendem Futter mehrere Jahre. ö * Die Klippenvögel (Rupicola), zu denen man nur drei Arten rechnet, gehören zu den größeren Arten der Familie. Sie kennzeichnen sich durch hohen, starken Schnabel mit scharf abgesetztem Firste, ungemein starke, plumpe, breitsohlige Füße, deren Außen- und Mittelzehe bis zum zweiten Gliede verwachsen sind, ziemlich lange Flügel, unter deren Schwingen die vierte die Spitze bildet und die erste sehr verkürzt und schmalspitzig ist, kurzen, breiten, gerade abgeschnittenen Schwanz und volles Gefieder, das besonders auf dem Bürzel entwickelt ist, auf dem Kopfe einen breiten, stehenden Kamm darstellt und auf dem Rücken aus breiten, abgestutzten Federn mit vortretenden Enden oder langen Spitzen besteht.

Die bekannteste Art ist der Klippenvogel (Rupicola erocea, aurantia, elegans und cyana, Pipra rupicola). Das reiche Gefieder des Männchens ist lebhaft orangerot; die Federn des Scheitelkammes sind dunkel purpurrot, die großen Flügeldeckfedern, die —:

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Schwingen und die Schwanzfedern, deren Grundfarbe braun ist, am Ende weißlich gerandet, alle Schwingen und Schwanzfedren außerdem am Grunde breit weiß gefleckt. Die Weibchen und die jungen Vögel sind einfarbig braun, die unteren Flügeldeckfedern orangerot, die Bürzel⸗ und Schwanzfedern licht rotgelbbraun; der Stirnkamm ist kleiner. Das Auge ist orangerot, der Schnabel blaß horngelb, der Fuß gelblich fleischfarben. Die Länge des Männchens beträgt 31, die Fittichlänge 18, die Schwanzlänge 10 cm. Das Weibchen ist erheblich kleiner. Gebirgsgegenden Guayanas und des nordöstlichen Teiles von Brasilien, die von Flüssen durchschnitten werden, sind die Heimat des Klippenvogels; Bergwälder und Gebirgsthäler,

Rlippenvogel (Rupicola crocea). ½0 natürl. Größe.

die reich an Felsen sind, bilden seinen Aufenthalt. In der Ebene findet er sich nie. Besonders gern hält er sich in der Nähe von Wasserfällen auf, und je zerklüfteter ein Flußthal ist, um so mehr scheint es ihm zu behagen. Im Juni und Juli kommt er von seinen Felsenzinnen herunter in den Wald, um sich an den jetzt gereiften Früchten gewisser Waldbäume zu sättigen. Viele Reisende haben über die Lebensweise dieses sonderbaren Vogels berichtet. A. von Humboldt beobachtete ihn an den Ufern des Orinoko, die Gebrüder Schomburgk fanden ihn an zwei Ortlichkeiten von Britisch-Guayana, auf dem felsenreichen Kanukugebirge und an den Sandsteinfelsen des Wenamu, an beiden Orten häufig und gesellschaftlich lebend, aber nähere Verbindung mit anderen Vögeln entschieden meidend. „Nachdem wir Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV 86

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