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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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Purpurschwalbe. — Pittas: Allgemeines.

größere Keckheit als unsere Rauchschwalbe, verfolgt namentlich Katzen, Hunde, Falken, Krähen und Geier mit größtem Eifer, fällt vorüberfliegende Raubvögel mit Ingrimm an und plagt sie so lange, bis sie sich aus der Umgebung ihres Nestes entfernt haben. Der Gesang ist nicht gerade klangreich, jedoch ansprechend. Das Gezwitscher des Männchens, das dieses zu Ehren seines Weibchens hören läßt, unterhält und erfreut auch deshalb, weil es zuerst mit am Morgen gehört wird und gewissermaßen ein Willkomm des Tages ist. In den meisten Staaten Mittelamerikas errichtet man der Purpurschwalbe, die fern vom Menschen ihr Nest in Baumhöhlungen anlegt, eigne Wohnungen nach Art unserer Starkasten oder hängt ihr ausgehöhlte und mit einem Eingangsloche versehene Flaschenkürbisse an die Bäume. Diese nimmt sie gern in Besitz, vertreibt aber, wie unser Segler, auch andere Höhlenbrüter aus ihnen und duldet überhaupt in der Nähe ihrer Behausung keinen anderen Vogel, der unter ähnlichen Umständen nistet wie sie. In den mittleren Staaten brütet sie zum ersten Male Ende April. Das Nest besteht aus dürren Zweigen mancherlei Art, aus Gräsern, grünen und trockenen Blättern, Federn und dergleichen. Das Gelege enthält 4—6 etwa 23 mm lange, 19 mm dicke, rein weiße Eier. Ende Mai ist die erste Brut flügge, Mitte Juli die zweite; in Louisiana und anderen südlichen Staaten wird wohl auch noch eine dritte herangezogen. Das Männchen hilft brüten und ist überhaupt außerordentlich aufmerksam gegen seine Gattin, schlüpft aus und ein und sitzt zwitschernd und singend stundenlang vor dem Eingange. Wenn sich Gelegenheit zum Brüten für mehrere Paare findet, herrscht unter diesen vollständigste Eintracht. Die noch zu erwähnenden Sperlingsvögel bilden die Abteilung der Schreivögel (Cla-matores). Ihr wichtigstes Kennzeichen besteht in der Beschaffenheit des unteren Kehlkopfes, der entweder nur von der Luftröhre gebildet wird oder bloß seitliche Muskeln besitzt. Unter den zehn Handschwingen ist die erste nur ausnahmsweise verkürzt. Der Lauf wird auf der Vorderseite stets mit Quertafeln bekleidet; Seitenschienen wie bei den Singvögeln kommen nie vor. Pittas oder Prachtdrosseln (Coloburis) nennen wir eine aus etwa 60 Arten bestehende Gattung wundervoll gefärbter Vögel, die in ihrem Baue an Wasserschwätzer und Schlüpfer, mehr aber noch an weiter unten zu beschreibende Sperlingsvögel erinnern, mit welchen sie die Familie und Unterfamilie der Wollrücken (Eriodoridae und Eriodorinae) bilden. Ihr Leib ist gedrungen gebaut, der Schnabel mittellang, aber auffallend kräftig, bei einigen Arten sehr stark, hart, seiner ganzen Länge nach zusammengedrückt, hochfirstig, auf der Firste gebogen und vor ihr schwach ausgeschweift; die Nasenlöcher sind durch eine nackte Haut halb geschlossen; der Fuß ist schlank und hochläufig, die innere Zehe mit der äußeren bis zum ersten Gelenke verbunden; der Flügel, in welchem die vierte und fünfte Schwinge die längsten sind, erreicht das Ende des stummelhaften, sehr kurzen, gerade abgestutzten Schwanzes. Das dichte Gefieder prangt bei den meisten Arten in prachtvollen Farben. Die Pittas treten am zahlreichsten im indischen Gebiete, insbesondere aber auf den Malayischen Inseln auf und finden sich außerdem nur noch in Westafrika, Australien und im heißen Gürtel Amerikas. Als Brennpunkt ihres Verbreitungsgebietes sieht Wallace die Sundainseln, namentlich Borneo und Sumatra, an. Über die Lebensweise mangeln noch immer eingehende Berichte; ich muß daher versuchen, ein Lebensbild der Gesamtheit zu zeichnen, indem ich die mir über verschiedene Arten bekannt gewordenen Mitteilungen zusammenstelle.

Als Vertreter der Gattung mag die Neunfarbenpitta, Nurang oder Neunfarbenvogel der Hindus (OColoburis bengalensis, C. brachyura, Pitta bengalensis, malaccensis und brachyura, Corvus brachyurus, Citta abdominalis, Turdus triostegus und coronatus, Brachyurus bengalensis, maculatus und coronatus), erwählt sein. Rücken, Schultern und Flügeldeckfedern sind blaugrün, die verlängerten Oberschwanzdeckfedern blaßblau, ein Augenbrauenstreif, Kinn, Brust und Halsseiten unter den Ohren weiß, die unteren Teile, mit Ausnahme eines scharlachroten Fleckens am Unterbauche und After, bräunlichgelb, ein Mittelstreifen, der über das Haupt, und ein Zügelstreifen, der durch das Auge verläuft, schwarz, die Schwingen schwarz mit weißlicher Spitze, die ersten

Neunfarbenpitta (Coloburis bengalensis). ½ natürl. Größe.

sechs Handschwingen auch weiß gefleckt, die Armschwingen außen blaugrün gerandet, die Steuerfedern schwarz, an der Spitze düsterblau. Das Auge ist nußbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß rötlichgelb. Die Länge beträgt 18, die Fittichlänge 11, die Schwanzlänge 4 em. Der Nurang ist über ganz Indien und Ceylon verbreitet und geeigneten Ortes überall häufig. ů Alle Prachtdrosseln bevorzugen diejenigen Teile des Waldes, welche möglichst dicht mit Gebüschen bestanden sind; einzelne siedeln sich jedoch auch auf steinigen Berggehängen an, welche kurzes Gestrüpp dürftig bedeckt. Die große Mehrzahl treibt sich in den jungfräulichen Waldungen jener Eilande umher, die für Europäer so gut wie unzugänglich sind. Dieser Aufenthalt erschwert nicht bloß die Jagd, sondern auch die Beobachtung im höchsten Grade. „Mein bester Jäger“, sagt Wallace, „hatte während meines zweimonatlichen Aufenthaltes auf Buru eine der dort vorkommenden Pittas oft gesehen, war aber niemals im stande gewesen, eine einzige von ihnen zu erlegen. Erst als er eine Nacht in einer

verfallenen Waldhütte zubrachte, wurde es ihm möglich, ihrer zwei zu schießen; aber dieser Erfolg beraubte mich auf längere Zeit seiner Dienste, weil er sich bei seiner Jagd in den Dornen so verletzt hatte, daß er 14 Tage lang zum Jagen unfähig war. Die einzige Ortlichkeit, wo es mir gelang, Prachtdrosseln zu beobachten und zu erlegen, war die Insel Lombok, wo eine Art von ihnen auf sandigem, mit niederem Gestrüppe überwachsenem Boden sehr häufig ist. Hier opferte ich der Jagd einen guten Teil meiner Zeit und wartete geduldig,‚ bis ich einen erfolgreichen Schuß auf die im Dickicht sichtbar gewordenen Vögel thun konnte.“ Die Bewegungen sollen höchst anmutig sein. Wallace sagt, daß es schiene, als ob sie sich niemals beeilten, was wohl bedeuten soll, daß sie nur selten fliegen. Sie hüpfen mit großen Sprüngen auf dem Boden dahin, setzen sich gelegentlich auf einen Baumstumpf oder auf einen Busch und fliegen nur, wenn sie sich hart verfolgt sehen, auf weitere Strecken in gerader Richtung unhörbar fort. Bernstein bemerkt, daß sie in ihrem Betragen entfernte Ahnlichkeit mit Steinröteln zeigen, mit großen Sprüngen auf dem Boden forthüpfen und jedesmal, wenn sie einen Augenblick still stehen, das kurze, aufgerichtete Schwänzchen bewegen. Sie setzen sich gern auf einige hervorragende Punkte, Steine und dergleichen, um sich von ihnen herab besser nach Kerbtieren umsehen zu können, die sie nicht selten hüpfend einige Schritt weit verfolgen. Jerdon nennt sie schlechte Flieger und hält es für möglich, daß sie von Stürmen förmlich verschlagen, also in Gegenden getrieben werden, in welchen sie sonst nicht vorkommen. So erscheinen sie im Karnatik bei Beginn der Hitze, wenn die heftigen Landwinde auftreten, und suchen dann, so scheu sie sonst sind, ängstlich Zuflucht in den Behausungen der Menschen, in einzeln stehenden Kasernen oder anderen Gebäuden, die ihnen Schutz gewähren. Der erste Nurang, den Jerdon sah, hatte sich in das Krankenhaus zu Madras geflüchtet; später erlangte er unter ähnlichen Umständen viele lebende. Gewöhnlich sieht man sie einzeln, ausnahmsweise aber kommt es vor, daß mehrere sich verbinden; Jerdon hat ihrer 34 zusammen gesehen. Die Stimme, die man übrigens selten vernimmt, ist so eigentümlich, daß man sie von der jedes anderen Vogels leicht unterscheiden kann. Sie besteht, laut Wallace, aus zwei pfeifenden Tönen, einem kurzen und einem längeren, der unmittelbar auf den ersten folgt. Wenn sich die Vögel vollständig sicher fühlen, wiederholen sie ihr Geschrei in den Zwischenräumen von I—2 Minuten. Bei einzelnen Arten besteht der Lockruf aus drei Noten: so soll der Nurang die Silben „ewitsch eia“, die australische Lärmpitta die Worte „want a watch“' deutlich ausrufen. Eigentlicher Gesang ist, wie es scheint, von den indischen Arten nicht gehört worden; dagegen nennt Thomson das Lied des Pulih, einer westafrikanischen Art, äußerst lieblich. „Der Vogel“, sagt er, „steht bei den Eingeborenen des Timnehgebietes in solchem Rufe, daß sie einen dichterisch beredten Mann mit dem Namen Pulih zu ehren suchen.“ Verschiedene Kerbtiere, namentlich Käfer und Netzflügler, Würmer und dergleichen, sind die Nahrung der Prachtdrosseln. Wiederholt ist behauptet worden, daß Ameisen die Haupt-— masse ihrer Speise bilden; Wallace aber sagt ausdrücklich, daß er niemals diese Kerfe in dem Magen der von ihm erlegten gefunden und ebensowenig sie auf Ameisen jagen gesehen habe. Gould hält es für möglich, daß die australischen Arten neben den Kerfen auch Beeren und Früchte fressen, hat aber Bestimmtes hierüber nicht beobachten können. An die Drosseln erinnern die Pittas insofern, als sie ihre Beute nur vom Boden auflesen, an die Wasserschwätzer darin, daß sie oft bis an die Fersen im Wasser herumwaten und hier ihre Jagd betreiben. Alle Arten der Gattung, von deren Brutgeschäfte man Kunde erhalten hat, bauen ihr kunstloses, aus feinen Reisern und leicht zusammengefügten Halmen bestehendes Nest auf oder dicht über dem Boden; Bernstein fand es ziemlich gut versteckt hinter einer Erdscholle.

I

Strange berichtet, daß alle Nester, welche er in Australien sah, auf dem Knorren eines Feigenbaumes ziemlich nahe am Boden standen, außen aus Reisig gebaut und innen mit Moos, feinen Blättern und Rinden ausgelegt waren. Ein Nest, das Jerdon untersuchte, war hauptsächlich aus Wurzeln und anderen biegsamen Pflanzenstengeln zusammengebaut und inwendig spärlich mit Haaren ausgelegt. Die Eier, die Bernstein erhielt, waren länglich eirund und von glänzend weißer Farbe, die vier Eier, die Strange untersuchte, auf eigelblichem Grunde mit unregelmäßigen braunen und tief weingrauen Flecken, solche, welche Jerdon erhielt, auf grünlichweißem Grunde mit wenigen roten und einzelnen dunkelfarbigen Flecken gezeichnet. Ob beide Geschlechter brüten, oder ob nur das Weibchen allein sich diesem Geschäfte hingibt, ist zur Zeit noch nicht bekannt; wohl aber wissen wir, daß beide Eltern ihre Brut außerordentlich lieben und bei herannahender Gefahr durch die bekannte List der Verstellung den Feind von ihr abzulenken suchen. Hodgson sagt von der in Nepal vorkommenden Art, daß sie sehr leicht gefangen werden könne; Strange versichert, daß man die australische Art durch Nachahmung ihres eigentümlichen Rufes bis vor die Mündung der Flinte zu locken vermöge. Auf den Aruinseln betreiben die Papuaknaben mit bestem Erfolge die Jagd der dort wohnenden Prachtdrosseln, indem sie behende zwischen den Büschen hindurchkriechen und ihre kleinen Bogen sehr geschickt zu handhaben wissen. Der geübte Jäger entdeckt, laut Wallace, das Erscheinen einer Pitta zuerst an dem Rasseln der Blätter und nimmt einen Schimmer wahr, wenn der Vogel bei seinen leichten Bewegungen in günstiger Weise beleuchtet wird. Regt jener sich unvorsichtig, so zeigt ihm ein blitzartiges Glänzen an, daß sein Wild sich fliegend in Sicherheit brachte. Bernstein fing zwei alte Pittas in Schlingen, die er um das Nest gelegt hatte, und hielt beide längere Zeit im Käfige. In den ersten Tagen waren sie zwar etwas scheu, gewöhnten sich jedoch bald ein und wurden schon nach der ersten Woche so zahm, daß sie das Futter aus der Hand nahmen. Am liebsten fraßen sie kleine Heuschrecken, Ameisenpuppen, Termiten und dergleichen. Erstere suchten sie durch Aufstoßen auf den Boden von den harten Füßen und Flügeldecken zu befreien, fraßen diese jedoch nachträglich auch noch. Die Körper der Tiere selbst drehten sie so lange im Schnabel herum, bis sie so zu liegen kamen, daß sie mit dem Kopfe voraus verschluckt werden konnten. Während des Tages hielten sie sich ausschließlich auf dem Boden ihres Käfigs auf und machten von den Sitz⸗— stangen selbst nachts nur ausnahmsweise Gebrauch. Nach Europa gelangten bisher, soviel uns bekannt, nur zwei Arten. „Unsere im gleichen Schritte fortschreitende Reihe mußte an der Spitze ein unerwartetes Hindernis gefunden haben: die Bewegung stockte. Voll Befürchtung eilte ich dorthin: die ersten des Zuges standen vor einem braunen, 4—5 m breiten Bande; denn so und nicht anders sah der dichtgedrängte Heerzug der Wanderameise aus, der eben unseren Pfad kreuzte. Zu warten, bis dieser vorüber war, hätte uns zu lange aufgehalten, der Durchbruch dieses Heeres mußte im raschen Laufe unter gewaltigen Sprüngen erzwungen werden. Bis an die Kniee mit den wütend gewordenen Kerfen bedeckt, durchbrachen wir die dichte Reihe, ohne uns jedoch, trotzdem wir sie mit den Händen zerquetschten und mit den Füßen zerstampften, ganz vor den schmerzhaften Bissen der gereizten Tiere retten zu können. Greift ein solches Heer, von dem niemand weiß, woher es kommt, noch wohin es zieht, auch alles an, das sich ihm auf seinem Wege entgegenstellt, so hat es doch ebenfalls seine Feinde, namentlich unter den Vögeln, die es stets in großer Anzahl begleiten.“ So schildert Schomburgk und berichtet sodann einiges über die Lebensweise jener Vögel, welche ich nun zunächst leiblich beschreiben will.

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