Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Erste Ordnung: Baumvögel; einundzwanzigste Familie: Schwalben. Hauses ihr Wesen treiben, und mehr noch durch Ratten und Mäuse gefährdet. Zu diesen Feinden gesellt sich hier und da der Mensch. In Italien wie in Spanien werden alljährlich Hunderttausende von Schwalben durch Bubenjäger vertilgt, obgleich ein Sprichwort der Spanier sagt, daß derjenige, welcher eine Schwalbe umbringe, seine Mutter töte.
Höhlenschwalbe (Hirundo rufula) und Felsenschwalbe (Clivicola rupestris). 12 natürl. Größe.
Im Käfige sieht man die Rauchschwalbe selten. Es ist nicht unmöglich, sie jahrelang zu erhalten; sie verlangt aber die größte Sorgfalt hinsichtlich ihrer Pflege und belohnt diese eigentlich doch nur in geringem Maße.
Im Südosten Europas gesellt sich zu der Rauchschwalbe die derselben Gattung angehörige, gleichgroße Höhlenschwalbe, Alpen⸗ oder Rötelschwalbe (Hirundo rufula, alpestris, daurica und capensis, Cecropis rufula und capensis, Lillia rufula). Oberkopf, Hinterhals, Mantel, Schultern und längste obere und untere Schwanzdecken sind tief stahlblauschwarz, ein schmaler Brauenstrich, die Schläfe, ein breites Nackenband und der Bürzel dunkel braunrot, Kopf⸗ und Halsseiten, Unterteile und vordere obere Schwanzdecken
roströtlichgelb, Kehle und Kropf fein schwarz in die Länge gestrichelt, Flügel und Schwanz einfarbig glänzend schwarz. Das Auge hat tiefbraune, der Schnabel schwarze, der Fuß hornbraune Färbung. Griechenland und Kleinasien scheinen der Brennpunkt des Verbreitungsgebietes der Höhlenschwalbe zu sein; in Italien, wo sie ebenfalls regelmäßig vorkommt, tritt sie weit seltener, im übrigen Südeuropa nur als Besuchsvogel auf; nach Deutschland hat sie sich verflogen. Außer Griechenland und Kleinasien bewohnt sie Persien und Kaukasien; auf ihrer Winterreise durchstreift sie den Nordosten Afrikas. In Mittelasien wird sie durch eine verwandte Art vertreten. Lebensweise, Wesen und Betragen, Sitten und Gewohnheiten, leibliche und geistige Begabungen der Höhlenschwalbe entsprechen dem von der Rauchschwalbe gezeichneten Lebensbilde fast in jeder Hinsicht. Aber die Höhlenschwalbe hat sich bis jetzt nur ausnahmsweise bewegen lassen, ihre ursprünglichen Brutstätten mit dem Wohnhause des Menschen zu vertauschen, legt vielmehr nach wie vor ihr Nest in Felshöhlen an. Demgemäß bewohnt sie ausschließlich Gegenden, in denen steilwandige Felsenmassen ihr Wohnung gewähren, jedoch weniger die höheren als die unteren Lagen der Gebirge. Auch sie ist ein Zugvogel, der annähernd um dieselbe Zeit wie die Rauchschwalbe, in Griechenland in den ersten Tagen des April, frühstens in den letzten des März eintrifft, und im August und September das Land wieder verläßt. Unmittelbar nach ihrer Ankunft begibt sie sich an ihre Brutplätze, und in den ersten Tagen des Mai liegen bereits die 4—5 durchschnittlich 20 mm langen und 15 mm dicken, rein weißen Eier im Neste. Letzteres hängt stets an der Decke passender Höhlen, wird aus denselben Stoffen erbaut wie das der Haus- oder Mehlschwalbe, ist aber merklich größer als das der einen oder der anderen, fast kugelrund, ganz zugebaut, mit einer langen, oft gebogenen Eingangsröhre versehen und innen dicht mit Federn ausgekleidet. Wenn irgend möglich, bildet auch diese Schwalbe Siedelungen. Der verhältnismäßig kurze und deshalb sehr breit erscheinende, auf dem Firste scharf gebogene Schnabel, die ungewöhnlich kräftigen Füße, deren äußere und mittlere Zehen bis zum ersten Gelenke miteinander verbunden und wie die Läufe gefiedert sind, die starkschwingigen Flügel, der kurze, seicht gegabelte Schwanz und das glatte, anliegende Gefieder gelten als die wesentlichen Kennzeichen einer anderen Schwalbengattung, der die bei uns überall häufig vorkommende Mehlschwalbe, Fenster-, Giebel-, Dach-, Kirch-,
Stadt⸗, Leim⸗, Lehm⸗, Laubenschwalbe (Chelidonaria urbica, Chelidon urbica, fenestrarum, rupestris und minor, Hirundo urbica, Abbildung S. 520) angehört. Ihre Länge beträgt 14, die Breite 27, die Fittichlänge 10, die Schwanzlänge 7em. Das Gefieder ist auf der Oberseite blauschwarz, auf der Unterseite und auf dem Bürzel weiß. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß, soweit er nicht befiedert, fleischfarben. Bei den Jungen ist das Schwarz der Oberseite matter und das Weiß an der Kehle unreiner als bei den Alten. Die Mehlschwalbe teilt mit der Rauchschwalbe so ziemlich dasselbe Vaterland, geht aber weiter nach Norden hinauf als letztere. In Deutschland scheint sie Städte zu bevorzugen: sie ist es, deren Nistansiedelungen man hier an großen und alten Gebäuden sieht. Außer Europa bewohnt sie in gleicher Häufigkeit den größten Teil Sibiriens. Von ihrer Heimat aus wandert sie einerseits bis in das Innere Afrikas, andrerseits bis nach Südasien, um hier den Winter zu verbringen. Sie trifft meist einige Tage später ein als die Rauchschwalbe, verweilt dafür aber länger in Europa und namentlich in Südeuropa: wir sahen sie noch am 2. November die Alhambra umfliegen. Doch bemerkt man sie auf ihrer afrikanischen
Reise regelmäßig in Gesellschaft ihrer Verwandten. Im Frühjahre kommt sie einzeln an; vor dem Herbstzuge versammelt sie sich zu großen Gesellschaften, die zuweilen zu unschätzbaren Schwärmen anwachsen, auf den Dächern hoher Gebäude scharen und dann, gewöhnlich gleich nach Sonnenuntergang, zur Reise aufbrechen. Gelegentlich dieser Wanderung ruhen sie sich wohl auch im Walde auf Bäumen aus. In ihrem Wesen zeigt die Mehlschwalbe viel Ahnlichkeit mit der Rauchschwalbe; bei genauerer Beobachtung aber unterscheidet man sie doch sehr leicht von dieser. „Sie scheint“, wie Naumann sagt, „ernster, bedächtiger und einfältiger zu sein als jene, ist minder zutraulich, doch auch nicht scheu, fliegt weniger geschwind, jedoch schnell genug, aber mehr und öfter schwebend, meistens höher als jene. Ihr Flug ist sanft, nicht so außerordentlich schnell und abwechselnd, doch aber auch mit sehr verschiedenartigen Wendungen und Schwenkungen, bald hoch, bald tief.“ Bei Regenwetter schwingt sie sich oft zu außerordentlichen Höhen empor und jagt wie die Seglerarten in jenen Luftschichten nach Nahrung. Sie ist geselliger als ihre Verwandten, vereinigt sich jedoch nur mit anderen ihrer Art. Mit der Rauchschwalbe hält sie Frieden, und bei allgemeiner Not oder auf der Wanderung schart sie sich mit dieser zu einem Fluge; unter gewöhnlichen Umständen aber lebt jede Art abgesondert für sich, ohne gegen die andere besondere Zuneigung zu zeigen. Innerhalb des Verbandes wird der Frieden übrigens oft gestört, und zumal bei den Nestern gibt es viel Zank und Streit, nicht bloß mit anderen nestbedürftigen Mehlschwalben, sondern auch mit dem Sperlinge, der gerade das Nest dieser Schwalbe sehr häufig in Besitz nimmt. Die Stimme unterscheidet sie leicht von der Rauchschwalbe. Der Lockton klingt wie „schär“ oder „skrü“, der Ausdruck der Furcht ist ein zweisilbiges „Skier“, der Gesang, wie Naumann sagt, „ein langes, einfältiges Geleier sich immer wiederholender, durchaus nicht angenehmer Töne“. Er gehört unter die schlechtesten aller Vogelgesänge. Hinsichtlich der Nahrung der Mehlschwalbe gilt ungefähr dasselbe, was von der Rauchschwalbe gesagt wurde; jedoch kennen wir nur zum geringsten Teile die Kerbtiere, denen sie nachstrebt, und namentlich die Arten, die sie in den hohen Luftschichten und, wie es scheint, in reichlicher Menge erbeutet, sind uns vollkommen unbekannt. Stechende Kerbtiere fängt sie ebensowenig wie die Rauchschwalbe; der Giftstachel würde ihr tödlich sein. „Einer sehr rüstigen, hungernden, flugbaren, jungen Schwalbe dieser Art“, erzählt Naumann, „hielt ich eine lebende Honigbiene vor; aber kaum hatte sie selbige in dem Schnabel, als sie auch schon in die Kehle gestochen war, die Biene von sich schleuderte, traurig ward und in weniger denn 2 Minuten schon ihren Geist aufgab.“ Bei uns zu Lande nistet die Mehlschwalbe fast ausschließlich an den Gebäuden der Städte und Dörfer; in weniger bewohnten Ländern siedelt sie sich massenhaft an Felswänden an, so, nach eignen Beobachtungen, in Spanien wie an den Kreidefelsen der Insel Rügen, ebenso, laut Schinz, an geeigneten Felswänden der Schweizer Alpen. Unter allen Umständen wählt sie sich eine Stelle, an welcher das Nest von oben her geschützt ist, so daß es vom Regen nicht getroffen werden kann, am liebsten also die Friese unter Gesimsen und Säulen, Fenster- und Thürnischen, Dachkränze, Wetterbretter und ähnliche Stellen. Zuweilen bezieht sie auch eine Höhlung in der Wand und mauert den Eingang bis auf ein Flugloch zu. Das Nest unterscheidet sich von dem der Rauchschwalbe dadurch, daß es stets bis auf ein Eingangsloch zugebaut wird, von oben also nicht offen ist. Die Gestalt einer Halbkugel ist vorherrschend; doch ändert das Nest nach Ort und Gelegenheit vielfach ab. Der Bau geschieht mit Eifer, ist aber eine lange Arbeit, die selten unter 12—14 Tagen vollendet wird; gewöhnlich werden viele Nester dicht neben- und aneinander gebaut. Das Pärchen benutzt das einmal fertige Nest nicht nur zu den zwei Bruten, die es in einem Sommer macht, sondern auch in nachfolgenden Jahren, fegt aber immer erst den
— Unrat aus und trägt neue Niststoffe ein. Schadhafte Stellen werden geschickt ausgebessert, sogar Löcher im Boden wieder ausgeflickt. Das Gelege besteht aus 4—6 zartschaligen schneeweißen, 18 mm langen, 13 mm dicken Eiern, die nach 12 —I3 Tagen von dem allein brütenden Weibchen gezeitigt werden. Das Männchen versorgt sein Weibchen bei gutem Wetter mit genügender Nahrung; bei schlechtem Wetter hingegen ist dieses genötigt, zeitweise die Eier zu verlassen, und dadurch verlängert sich dann die Brütezeit. Auch das Wachstum der Jungen hängt wesentlich von der Witterung ab. In trockenen Sommern fällt es den Eltern nicht schwer, die nötige Kerbtiermenge herbeizuschaffen, wogegen in ungünstigen Jahren Mangel und Not oft recht drückend werden. Bei frühzeitig eintretendem kalten Herbstwetter geschieht es, daß die Eltern ihre Jungen verhungern lassen und ohne sie die Winterreise antreten müssen: Malm fand in Schweden Nester, in welchen die halb erwachsenen Jungen tot in derselben Ordnung lagen, die sie, als sie noch lebten, eingehalten hatten. Unter günstigen Umständen verlassen die Jungen nach ungefähr 16 Tagen das Nest und üben nun unter Aufsicht der Alten ihre Glieder, bis sie kräftig und geschickt genug sind, um selbst für ihren Unterhalt zu sorgen. Anfangs kehren sie allabendlich noch nach dem Neste zurück, das auch den Eltern bisher zur Nachtruhe diente. „Vater, Mutter und Kinder“, berichtet Naumann, „drängen sich darin zusammen, oft 7—8 Köpfe stark, und der Raum wird dann alle Abende so beengt, daß es lange währt, ehe sie in Ordnung kommen, und man sich oft wundern muß, wie das Nest, ohne herab zu fallen oder zu bersten, ihre vielen Balgereien aushält. Der Streit wird oft sehr ernstlich, wenn die Jungen, wie es in großen Siedelunger oft vorkommt, sich in ein fremdes Nest verirren, aus welchem sie von den brütenden Alten und Jungen, die im rechtmäßigen Besitze ihres Eigentums sich tapfer verteidigen, immer hinausgebissen und hinabgeworfen werden.“ Baumfalke und Merlin sind die schlimmsten Feinde der Mehlschwalbe. Die Nester werden von der Schleiereule und dem Schleierkauze, zuweilen auch wohl von Wieseln, Ratten und Mäusen geplündert. Mancherlei Schmarotzer plagen Alte und Junge; vor anderen ‚ Gegnern schützt sie ihre Gewandtheit. Nur mit einem Vogel noch haben sie hartnäckige Kämpfe zu bestehen: mit dem Sperlinge nämlich, und diese Kämpfe arten oft in Mord N und Totschlag aus. „Gewöhnlich“, sagt Naumann, „nimmt das Sperlingsmännchen, sobald die Schwalben das Nest fertig haben, Besitz davon, indem es ohne Umstände hineinkriecht und keckzum Eingangsloche herausguckt, während die Schwalben weiter nichts gegen diesen Gewaltstreich thun können, als im Vereine mit mehreren ihrer Nachbarn unter ängstlichem Geschrei um das Nest herumzuflattern und nach dem Eindringlinge zu schnappen, jedoch ohne es zu wagen, ihn jemals wirklich zu packen. Unter solchen Umständen währt es doch öfters einige Tage, ehe sie es ganz aufgeben und den Sperling im ruhigen Besitze lassen, der es denn nun bald nach seiner Weise einrichtet, nämlich mit vielen weichen Stoffen warm ausfüttert, so daß allemal lange Fäden und Halme aus dem Eingangsloche hervorhängen und den vollständig vollzogenen Wechsel der Besitzer kundthun. „Weil nun die Sperlinge so sehr gern in solchen Nestern wohnen, hindert deren Wegnahme die Schwalben ungemein oft in ihren Brutgeschäften, und das Pärchen, welches das Unglück gar zweimal in einem Sommer trifft, wird dann ganz vom Brüten abgehalten. Ich habe sogar einmal gesehen, wie sich ein altes Sperlingsmännchen in ein Nest drängte, worin schon junge Schwalben saßen, über diese hersiel, einer nach der anderen den Kopf einbiß, sie zum Neste hinauswarf und nun Besitz von diesem nahm, wobei sich denn der Übelthäter recht aufblähte und hiernach gewöhnlich sich bestrebte, seine That durch ein lang anhaltendes lautes Schilken kundzuthun. Auch Feldsperlinge nisten sich, wenn sie es haben können, gern in Schwalbennester ein. Ein einfältiges Märchen ist es übrigens, daß die Schwalben den Sperling aus Rache einmauern sollen. Er möchte dies wohl nicht abwarten.
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Ihr einziges Schutzmittel ist, den Eingang so eng zu machen, daß sie selbst nur sich eben noch durchpressen können, während dies für den dickeren Sperling unmöglich ist und ihn in der That von solchen Nestern abhält, an welchen dieser Kunstgriff angewendet wurde.“ Bei uns zu Lande ist auch die Mehlschwalbe geheiligt; in Italien und Spanien dagegen lassen es sich die Knaben zum Vergnügen gereichen, sie an einer feinen Angel zu fangen, die mit einer Feder geködert wurde. Die Schwalbe sucht diese Feder für ihr Nest aufzunehmen, bleibt an der Angel hängen und wird dann von den schändlichen Buben in der abscheulichsten Weise gequält. Die Erdschwalben (Clivicola) kennzeichnen sich durch verhältnismäßig langen, sehr feinen, flachen, seitlich stark zusammengedrückten Schnabel mit frei vor dem Stirngefieder liegenden Nasenlöchern, zarte Füße mit seitlich zusammengedrückten Läufen und schwächlichen Zehen, deren mittlere und äußere untereinander verbunden sind, lange und spitzige Flügel, seicht gegabelten Schwanz und lockeres, unscheinbares Gefieder. Deutschland und Europa überhaupt beherbergen zwei Arten der Gattung, denen alle übrigen bekannten hinsichtlich ihrer Lebensweise ähneln.