Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
wobei man deutlich das Zusammenklappen des Schnabels hört, und kehrt auf dieselbe Stelle, von welcher er ausflog, zurück. Sein Flug ist schön, ziemlich schnell, oft flatternd mit wechselweise stark ausgebreiteten und dann wieder sehr zusammengezogenen Schwingen und Schwanz. Im Gezweige der Bäume hüpft er nicht umher, und ebensowenig kommt er zum Boden herab. Seine Stimmmittel sind sehr gering. Der Lockton ist ein langweiliges „Tschi tschi“, der Ausdruck der Zärtlichkeit ein verschieden hervorgestoßenes „Wistet“, der Angstruf ein klägliches „Tschireckteckteck“, das mit beständigem Flügelschlagen begleitet wird, der Gesang ein leises, zirpendes Geschwätz, das der Hauptsache nach aus dem Locktone besteht und nur durch dessen verschiedenartige Betonung etwas abändert.
Fliegenfänger (Muscicapa grisola) und Trauerfliegenfänger (Muscicapa atricapilla). ½ natürl. Größe.
Fliegende Kerbtiere mancherlei Art, vor allem Fliegen, Mücken, Schmetterlinge, Libellen und dergleichen, bilden seine Nahrung. Ist die erlangte Beute klein, so verschluckt er sie ohne weiteres; ist sie größer, so stößt er sie vor dem Verschlingen gegen den Ast, bis er Flügel und Beine abgebrochen hat. Bei schöner Witterung erlangt er seine Nahrung mit spielender Leichtigkeit, bei Regenwetter muß er, wie die Schwalben, oft Not leiden. Dann sieht man ihn ängstlich Bäume umflattern und nach Fliegen spähen, kann auch beobachten, wie er, immer fliegend, die glücklich entdeckte Fliege oder Mücke von ihrem Sitzplatze wegnimmt oder sich, namentlich zu gunsten seiner Jungen, sogar entschließt, Beeren zu pflücken. Die Jungen, die an Regentagen dürftig hingehalten werden, sitzen hungernd und klagend auf den Zweigen, die Eltern umflattern Häuser, Bäume, auch wohl größere, Fliegen herbeiziehende Säugetiere, kommen mit leerem Schnabel in die Nähe beerentragender Gebüsche, beispielsweise Johannisbeersträucher, stürzen sich in einem Bogen von oben nach unten —
nieder, reißen eine Beere von der Traube ab und tragen diese sofort den Jungen zu. Dies wiederholt sich mehrmals während weniger Minuten; vorher aber sehen sie sich immer erst nach Kerfen um, und man bemerkt leicht, daß ihnen Beeren nur ein schlechter Notbehelf sind. Einzelne Fliegenfänger sieht man höchst selten, Familien nur dann, wenn die Jungen eben ausgeflogen sind und noch von den Alten gefüttert werden; denn das Pärchen, und insbesondere das Männchen, verteidigt das einmal erkorene Gebiet eifersüchtig und hartnäckig gegen jeden Eindringling derselben Art. Kleinen und harmlosen Vögeln gegenüber zeigt es sich höchst friedfertig, größere, die ihm und namentlich dem Neste gefährlich werden könnten, verfolgt es mit Mut und Kühnheit. Wenn das Paar nicht gestört wird, brütet es nur einmal im Jahre. Das Nest steht an sehr verschiedenen Stellen, wie sie dem Aufenthalte des Vogels entsprechen, am liebsten auf abgestutzten, niederen Bäumen, namentlich alten Weidenköpfen, sonst auf kleinen Zweigen dicht am Schafte eines Baumes, zwischen Obstgeländern, auf einem Balkenkopfe unter Dächern, in weiten Baumhöhlen, Mauerlöchern, nach Liebes Erfahrungen auch in Schwalbennestern, wird aus trockenen, feinen Wurzeln, grünem Moose und ähnlichen Stoffen zusammengetragen, innen mit Wolle, einzelnen Pferdehaaren und Federn ausgefüttert und sieht immer unordentlich aus. Anfang Juni sind die 4—5, durchschnittlich 18 mm langen, 13 mm dicken, auf blaugrünlichem oder lichtblauem Grunde mit hell rostfarbigen Flecken gezeichneten, aber vielfach abändernden Eier vollzählig und werden nun, abwechselnd vom Männchen und Weibchen, binnen 14 Tagen ausgebrütet. Die Jungen wachsen rasch heran, brauchen aber lange Zeit, bevor sie selbst ordentlich im Fluge fangen können. Von der Kindesliebe des Fliegenfängers teilt Naumann eine rührende Geschichte mit. „Einst fing ein loser Bube ein altes Weibchen beim Neste, in welchem vier kaum halbflügge Junge saßen, und trug alle zusammen in die Stube. Kaum hatte der alte Vogel die Fenster untersucht, aber keinen Ausweg zur Flucht gefunden, als er sich schon in sein Schicksal fügte, Fliegen fing, die Jungen damit fütterte und dies so eifrig trieb, daß er in äußerst kurzer Zeit die Stube gänzlich davon reinigte. Um ihn nun mit seiner Familie nicht verhungern zu lassen, trug der Knabe beide zum Nachbar; hier war die Stube ebenfalls bald gereinigt. Jetzt trug er ihn wieder zu einem anderen Nachbar, mit dessen Fliegen ebenso schnell aufgeräumt wurde. Er trug ihn abermals weiter, und so ging die Fliegenfängerfamilie im Dörfchen von Stube zu Stube und befreite die Bewohner von ihrer lästigen Gesellschaft, den verhaßten Stubenfliegen. Auch mich traf die Reihe, und aus Dankbarkeit bewirkte ich nachher der ganzen Familie die Freiheit. Die Jungen wuchsen bei dem niemals fehlenden Futter sehr schnell und lernten auch bald selbst Fliegen fangen.“ Katzen, Marder, Ratten, Mäuse und nichtswürdige Buben zerstören oft das Nest des Fliegenfängers, rauben die Eier oder töten die Brut. Die alten Vögel hingegen scheinen wenig von Feinden behelligt zu werden. Der vernünftige Mensch gewährt ihnen nachdrücklichst seinen Schutz. Der Fliegenfänger gehört, wie alle verwandten Vögel, zu den nützlichsten Geschöpfen und leistet durch Wegfangen der lästigen Kerfe gute Dienste. Eigentlich schädlich wird er nie, obgleich er zuweilen eine Drohne wegfängt. In der Gefangenschaft ist er unterhaltend und auch deshalb, mehr aber als Fliegenjäger sehr beliebt. Der Trauerfliegenfänger, Trauervogel, Loch- oder Dornfink, Mohren-oder Totenköpfchen, Schwalbengrasmücke, Meerschwarzblättchen, Baumschwälbchen (Muscicapa atricapilla, nigra, ficedula, maculata, muscipeta, luetuosa, alticeps, fuscicapilla, atrogrisea und speculifera, Motacilla und Sylvia ficedula, Rubetra anglicana, Emberiza luctuosa, Hydemela und Ficedula atricapilla, Abbildung S. 510), ist im Hochzeitskleide auf der ganzen Oberseite tief schwarzgrau, einfarbig oder mehr oder weniger auad
ↄ512 Erste Ordnung: Baumvpögel; zwanzigste Familie: Fliegenfänger. deutlich schwarz gefleckt; die Stirn, die ganze Unterseite und ein Schild auf den Flügeln, gebildet durch die drei letzten Handschwingen, die Außenfahne der Schulterfedern und die Armdecken, sind weiß. Das Weibchen ist oben braungrau, unten schmutzig weiß; seine Vorderschwingen sind einfach schwarzbraun, die drei hintersten weiß gesäumt, die drei äußersten Schwanzfedern auf der Außenfahne weiß. Sehr ähnlich sehen die Jungen aus. Das Auge ist dunkelbraun, Schnabel und Füße sind schwarz. Die Länge beträgt 13, die Breite 23, die Fittichlänge 7,5, die Schwanzlänge 5,5 em.
Der merklich größere Halsbandfliegenfänger (Muscicapa collaris, albicollis, albifrons, streptophora und melanopteéra) ist oft mit dem Trauervogel verwechselt worden, und die Weibchen beider Arten sind auch in der That schwer zu unterscheiden. Das alte Männchen des letztgenannten erkennt man an seinem weißen Halsbande; dem Weibchen fehlen die lichten Säume an den Schwungfedern. Die Länge beträgt 15,6, die Breite 25/4, die Fittichlänge 8,4, die Schwanzlänge 5,5 em. Der Trauervogel bewohnt alle Länder Europas südlich von Großbritannien und dem mittleren Skandinavien und wandert im Winter durch Kleinasien, Palästina und Nordafrika bis in die Waldländer jenseits des Wüstengürtels; der Halsbandfliegenfänger dagegen bevölkert mehr den Süden unseres Erdteiles, namentlich Italien und Griechenland, verbreitet sich von dort aus bis in das südöstliche Deutschland, gehört im Norden unseres Vaterlandes zu den Seltenheiten und wandert etwa ebensoweit wie der Verwandte. Diesen sieht man bei uns zu Lande in allen ebenen Gegenden, wenigstens während seines Zuges. Er trifft in der letzten Hälfte des April bei uns ein und zieht Ende August und Anfang September wieder von uns weg. Die Männchen pflegen eher zu erscheinen als die Weibchen und uns früher zu verlassen. Im Betragen scheinen sich die beiden so nahe verwandten Arten nicht zu unterscheiden. Die Trauerfliegenfänger sind muntere, gewandte Vögel, die während des ganzen Tages sich bewegen und auch dann, wenn sie auf einem Zweige ruhen, noch mit dem Flügel zucken oder mit dem Schwanze auf- und niederwippen. Nur wenn das Wetter sehr ungünstig ist, sitzen sie traurig und still auf einer Stelle; bei günstiger Witterung dagegen bethätigen sie ihre ungemein heitere Laune, flattern munter von Zweig zu Zweig, erheben sich spielend in die Luft, necken sich harmlos mit ihresgleichen, lassen ihre sanfte, kurz abgebrochene Lockstimme, ein angenehmes „Pittpitt“ oder „Wettwett“, häufig vernehmen und begleiten jeden Laut mit einer entsprechenden Flügel- und Schwanzbewegung. Im Frühjahre singt das Männchen fleißig und gar nicht schlecht. Der einfache, schwermütig klingende Gesang erinnert einigermaßen an den des Gartenrotschwanzes. Eine Strophe, die hell pfeifend wie „wutiwutiwu“ klingt, ist besonders bezeichnend. Der Trauerfliegenfänger beginnt schon lange vor Sonnenaufgang, wenn die meisten Stimmen anderer Waldsänger noch schweigen, und wird dadurch dem, der ihn hört, um so angenehmer. Der Ruf des Halsbandfliegenfängers ist ein gedehntes „Zieh“, der Lockton ein einfaches „Tak“, der Gesang laut und abwechselnd, aus den Gesängen anderer Vögel entlehnt, dem des Blaukehlchens, durch mehrere hervorgewürgte Töne dem des Rotschwanzes ähnlich. Einer, den Graf Gourey besaß, „fing sein Lied mit „zih zih zih' an, worauf ein schwermütig klingender Pfiff folgte; dann hörte man die Töne zizizi“ so scharf hervorgestoßen, daß man glaubte, eine Nachtigall wollte anfangen zu schlagen. Nach diesen wurde der Gesang ganz blaukehlchenartig; das „Zizi' schien als Grundstimme fortzutönen, während man mehrere tiefe Töne hörte, von denen einige flötend klangen, die anderen aber hervorgewürgt wurden, als wenn sie der Vogel mit Gewalt hervorstoßen müßte. Auch kam dann und wann ein gewisses, dem der
Meisen ähnliches „Zizitä“ und ein dem der Grillen fast gleich lautendes Gezirpe vor. Nur einige der Strophen wurden schnell durchgeschlagen, die anderen aber langsam vorgetragen. Jemand, der mehrere dieser Vögel besaß, sagte, daß sie in ihrem Gesange viel Rotschwanzartiges hätten und, je nachdem sie in den Auen neben guten oder schlechten Sängern gewohnt, bessere oder schlechtere Strophen hören ließen, was ganz mit meinen Erfahrungen übereinstimmt.“ Der Flug ist schnell, gewandt und, wenn er länger fortgesetzt wird, wellensörmig, der Gang auf dem Boden ebenso schwerfällig wie bei irgend einem anderen dieser kaum gehfähigen Vögel. Beide Fliegenfänger jagen derselben Beute nach wie ihr gefleckter Verwandter, beide jagen in der gleichen Weise, und beide fressen im Notfalle Beeren. Bei trübem Wetter durch—
Halsbandfliegenfänger (Muscicapa collaris) und Zwergfliegenfänger (Muscicapa parva). ½ natürl. Größe.
flattern sie die BaAumkronen und nehmen fliegend die sitzenden Kerfe von den Blättern weg; bei günstiger Witterung erheben sie sich oft hoch in die Luft, um eine erspähte Fliege, Mücke, Bremse, einen Schmetterling, eine Heuschrecke ꝛc. aufzunehmen; selbst vom Boden heben sie zuweilen ein Kerbtier auf, aber auch das geschieht nur fliegend. Wie alle Vögel, welche sich viel bewegen, sind sie sehr gefräßig und deshalb fast ununterbrochen in Thätigkeit. Laubwaldungen, in denen alte, hohe und teilweise hohle Bäume stehen, sind die liebsten Brutorte der Trauerfliegenfänger. Sie suchen sich hier eine passende Höhlung und füllen diese liederlich mit Moos und feinen Wurzeln aus, die innen durch Federn, Wolle, Haare eine sorgfältig geordnete Ausfütterung erhalten. In Ermangelung solcher Höhlen bauen sie ihr Nest auch wohl in dicht verworrene Zweige nahe am Stamme oder auf alte Baumstümpfe. Das Gelege besteht aus 5—6 Eiern, die 18 mmn lang, 13 mm dick, zartschalig, blaß grünspanfarbig sind und von beiden Geschlechtern abwechselnd bebrütet werden. Im Verlaufe Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 33
von etwa 14 Tagen sind die Eier gezeitigt, in weiteren 3 Wochen die Jungen ausgeflogen; sie werden dann aber noch lange Zeit von den Eltern geführt und geleitet. In Gegenden, in welchen die Trauerfliegenfänger regelmäßig brüten, kann man sie durch zweckmäßig eingerichtete Nistkästchen in bestimmten Gärten oder Baumpflanzungen festhalten, und sie werden dann oft überraschend zahm. „Ein Trauerfliegenfänger“, erzählt Baldamus, „der in einem Nistkasten meines Gartens brütete, hatte sich durch mein öfters wiederholtes Beobachten seiner Brutgeschäfte dermaßen an außergewöhnliche Störungen gewöhnt, daß er ruhig auf dem Neste sitzen blieb, wenn ich den Kasten in die Stube brachte und den Deckel abnahm, um das trauliche Tierchen zu zeigen.“ Derselbe Vogel gab, wie Baldamus später berichtet, einst zu einem anmutigen Scherze Veranlassung. Zwei Vogelkundige ersten Ranges, Prinz Lucian Bonaparte und Schlegel, besuchten Baldamus und stritten sich mit ihm über diesen Fliegenfänger und seinen Verwandten. Die weltberühmten Gelehrten vertraten den Standpunkt der Balgforscher, ohne jedoch Baldamus, einen hochbegabten Beobachter des Tierlebens, überzeugen zu können. Zum Beweise für seine Ansicht holte letzterer das Nistkästchen mit dem brütenden Fliegenfängerweibchen vom Baume herab, brachte es ins Zimmer, öffnete den Deckel des Kästchens und entschied den Streit zu seinen gunsten. Trauerfliegenfänger werden gern im Käfige gehalten, zählen auch zu den angenehmsten Stubenvögeln und erfreuen ebensowohl durch ihr zahmes und artiges Wesen, wie durch ihren Gesang. Wenn man sie frei im Zimmer umherfliegen läßt, säubern sie es gründlich von Fliegen und Mücken und werden so zahm, daß sie ihrem Pfleger die vorgehaltenen Fliegen aus der Hand nehmen. In Deutschland verfolgt die nützlichen Vögel glücklicherweise niemand; in Italien findet leider das Gegenteil statt. Während des Herbstzuges lauert hier vornehm und gering mit allerlei Netzen und Fallen auch auf sie, und leider ist ihr Fang nur zu ergiebig. Auf jedem Markte sieht man während der Zugzeit Hunderte dieser Vögel, die meuchlings gemordet wurden, um die abscheuliche Schleckerei zu befriedigen. Es wird erzählt, daß ehedem auf der Insel Cypern die so erbeuteten Fliegenfänger und ähnliche Vögel mit Weinessig und Gewürz eingemacht und in besonderen Töpfen oder Fässern verpackt wurden. Solche Gefäße sollen in Menge nach Italien versandt worden sein. Gegenwärtig scheint man sich nicht mehr so viel Mühe zu geben, der alte Unfug aber steht noch in voller Blüte. Im Osten und Südosten unseres Vaterlandes lebt noch ein Mitglied der Familie, der