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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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vom Männchen vorgetragen; unmittelbar auf sie aber folgt die Antwort des Weibchens, ein unangenehmes Kreischen oder Krächzen, das sich schwer nachahmen und noch viel schwerer beschreiben läßt. Das Weibchen des Scharlachwürgers schließt sein Kreischen erst nach Schluß des ganzen Tonsatzes seines Gatten an, das des Flötenwürgers fällt gewöhnlich schon beim zweiten Tone ein; das eine wie das andere aber beweist einn Taktsinn, der in Erstaunen setzen muß: es läßt nie auf sich warten. Zuweilen kommt ees auch vor, daß das Weibchen anfängt; dann kreischt es gewöhnlich drei-, vier-, sechsmal nacheinander, ehe das Männchen einfällt. Geschieht es endlich, so beginnt das Pfeifen von neuem und geht mit gewohnter Regelmäßigkeit weiter. Ich habe mich durch die verschiedensten Versuche überzeugt, daß beide Geschlechter zusammenwirken; ich habe bald das Männchen, bald das Weibchen erlegt, um mich der Sache zu vergewissern. Schießt man das Weibchen vom Baume herab, so verstummt natürlich sofort das Kreischen, und das Männchen wiederholt ängstlich seinen Pfiff mehrmals nacheinander. Erlegt man das Männchen, so kreischt oder knarrt das Weibchen. Die Beobachtung und Belauschung dieser Vögel gewährt im Anfange viel Vergnügen; das fortwährend wiederholte Tonstück aber wird zuletzt doch unerträglich: die Regelmäßigkeit, die ewige Gleichförmigkeit ermüdet. So entzückt man anfangs ist von der Reinheit der Flötentöne, so verwundert über das Kreischen, so erstaunt über die Art und Weise des Vortrags, schließlich bekommt man das Ganze so satt, daß man es verwünscht, wenn man es hört. Leider bin ich nicht im stande, mit Sicherheit anzugeben, welche Kerbtiere die Flötenwürger bevorzugen. Daß sie sich zu gewissen Zeiten vorzugsweise von Ameisen nähren, hat schon Rüppell beobachtet; nebenbei stellen sie aber auch den verschiedensten anderen Käfern nach und namentlich deren Raupen und Larven. Ob sie auch Nester plündern, muß dahingestellt bleiben; mir scheint es nicht wahrscheinlich. Das Fortpflanzungsgeschäft ist zur Zeit noch gänzlich unbekannt. 2

Von australischen Buschwürgern ist der Falkenwürger (Falcunculus frontatus, Lanius frontatus) hervorzuheben. Er ist ein kräftig gestalteter, angenehm gezeichneter Vogel von 16 em Länge, der viele Ahnlichkeit mit unserer Finkmeise hat, sich aber durch den sehr kräftigen Schnabel sofort unterscheidet. Dieser ist in der That falkenartig, obgleich der Haken des Oberschnabels und der Zahn nicht besonders ausgebildet sind. Die Färbung des Gefieders ist in beiden Geschlechtern eine sehr ähnliche. Die Oberteile sind olivenfarbig, die Unterteile hochgelb, eine Binde über die Stirn und die Kopfseiten, mit Ausnahme eines vom Auge aus nach dem Nacken verlaufenden schwarzen Bandes, weiß, die Haube, die Kehle und ein Teil des Vorderarmes schwarz, die Vorder- und Armschwingen schwarzbraun, breit grau gesäumt, die Steuerfedern, bis auf die äußersten und die Spitzen der übrigen rein weißen, wie die Schwingen gefärbt. Das Auge ist rötlichbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß bläulichgrau. Das Weibchen unterscheidet sich durch geringere Größe und grünlichere Kehlfärbung vom Männchen. Nach Gould sind die Falkenwürger auf den Süden Australiens beschränkt. Die eben beschriebene Art bewohnt Neusüdwales, eine ihr nahestehende zweite Westaustralien. Wo sie vorkommen, finden sie sich überall, sowohl im dichten Gestrüppe als auch auf Bäumen der offenen Ebene. Sie sind munter und lebhaft wie die ihnen so ähnlichen Meisen, klettern auch wie diese längs der AÄste dahin, um nach Nahrung zu suchen, nehmen ähnliche Stellungen an und spielen oft mit ihrer Haube. Ihre Hauptnahrung besteht in Beeren und auch in Kerbtieren, die sie von den Blättern ablesen oder unter der Rinde der dickeren Aste hervorziehen. Sie beweisen sehr große Geschicklichkeit, sich ihre Nahrung zu verschaffen

und wissen namentlich ihren scharfen Schnabel vielfach zu verwenden, indem sie mit ihm die Rinde abbrechen und das morsche Holz zerstören. Kein Vogel derselben Größe besitzt, nach Goulds Behauptung, eine ähnliche Kraft im Schnabel wie dieser Würger; er gebraucht ihn auch mit Erfolg zu seiner Verteidigung. Hinsichtlich der Fortpflanzung gilt wahrscheinlich dasselbe, was bei dem Verwandten beobachtet wurde. Von ihm fand Gould ein Nest im Oktober auf den höchsten und schwächsten Zweigen eines Gummibaumes in einer Höhe von etwa 16 meüber dem Boden. Es

Fallenwürger (Falcunculus frontatus). e natürl. Größe.

ähnelte einer tiefen Mulde und war aus zaseriger Gummibaumrinde zusammengebaut, mit Spinnweben überzogen und innen mit feinen Gräsern gefüttert. Die Eier waren auf glänzend weißem Grunde, namentlich gegen das stumpfe Ende hin, mit dunkel ölfarbigen Flecken gezeichnet. Die etwa 100 Arten zählende, über Australien, die Malayischen Inseln, Südasien und Afrika verbreitete Familie der Raupenfresser (Campephagidae) begreift in sich mittelgroße oder kleine Vögel mit mäßig langem oder kurzem, am Grunde verbreitertem, auf dem Firste gewölbtem oder gebogenem, schwachhakigem und zahnlosem Schnabel, kurzläufigen,

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schwachen Füßen, mittellangen Flügeln, in denen die dritte und vierte oder die vierte und fünfte Schwinge die längsten sind, und ziemlich langem, rundem oder abgestuftem Schwanze. Das Gefieder des Rückens pflegt in eigentümlicher Weise steif zu sein; die Federn um den Schnabel sind in schwache Borsten umgewandelt. Die Färbung ist bei den meisten ein mannigfach schattiertes Grau, bei einigen aber ein sehr lebhaftes Rot oder Gelb. Über die Lebensweise mangeln noch ausführlichere Berichte. Wir wissen, daß die Raupenfresser sich in Wäldern und Gärten aufhalten, gewöhnlich zu kleinen Gesellschaften vereinigt sind, fast ausschließlich auf Bäumen und hier von Kerbtieren mancherlei Art leben, die sie entweder von den Zweigen der Bäume ablesen oder im Fluge fangen. Einige sollen auch Beeren verzehren, wie die der Familie verwandten Fliegenfänger unter Umständen ebenfalls thun.

Als Vertreter der Familie mag der Mennigvogel (Pericrocotus speciosus und princeps, Turdus speciosus, Muscipeta und Phoenicornis princeps) erwählt sein. Die Kennzeichen der Gattung, die er vertritt, liegen in dem ziemlich kurzen Schnabel, der breit am Grunde, aber nicht gerade niedrig und auf dem Firste leicht gebogen ist, in den kurzläufigen, schwachen Füßen, deren mittellange Zehen mit stark gebogenen Krallen bewehrt, in den mittellangen Flügeln, in denen die vierte und fünfte Schwinge die längsten, und in dem mittellangen Schwanze, dessen mittlere Federn gerade abgeschnitten sind, wogegen die drei seitlichen sich verkürzen. Die Länge des männlichen Vogels beträgt 23, die Breite 32, die Fittich⸗- und Schwanzlänge je 11 em. Beim Männchen sind die Oberseite, die Schwingen und die beiden mittleren Schwanzfedern glänzend blauschwarz, der Unterrücken, ein breites Band über die Flügel, das durch einen Flecken an der Außenfahne der Schwingen und einige Deckfedern gebildet wird, die seitlichen Schwanzfedern und die ganze Unterseite von der Brust an prächtig scharlachrot. Beim Weibchen sind alle Farben mehr gräulich, der Vorderkopf, der Rücken und die Oberschwanzdecken grünlichgelb, die Schwingen düster schwarz, gelb gefleckt, die mittleren Schwanzfedern dunkelgelb gespitzt, die übrigen Federn hochgelb, mit dunklerer Querzeichnung. Das Auge ist braun, der Schnabel und die Füße sind schwarz. Ein großer Teil des nördlichen Indien, der Himalaja bis nach Assam, die Nordwestund Mittelprovinzen, Bengalen, Assam und das nördliche Barma sowie das südliche China sind die Heimat dieses prachtvollen Vogels; sein Hauptaufenthalt sind die Waldungen, nach Oates bis zu Höhen von annähernd 2000 m. Wie andere Arten der Familie, vereinigt er sich zu kleinen Gesellschaften, die sich den Tag über in dem Gezweige umhertreiben und von den Blättern und Blüten Kerbtiere aufnehmen oder sie nach Art der Meisen von den unteren Teilen der Zweige ablesen, zuweilen, wenn auch selten, emporsteigen, aber auch zum Boden herabkommen. Sein oft wiederholter Ruf ist lebhaft, aber ansprechend. Jerdon, dem ich das Vorstehende entnommen habe, berichtet über andere Arten, deren Lebensweise mit der des beschriebenen Vogels ebenso übereinstimmt wie Gestalt und Färbung. Aus diesen Berichten erfahren wir, daß die Mennigvögel sich gewöhnlich auf lichtkronigen Bäumen aufhalten, meist in Flügen von 5 oder 6 Stück, die Geschlechter oft getrennt, daß sie munter umherhüpfen und Kerbtiere aufnehmen oder sie nach echter Fliegenfängerart in der Luft verfolgen. Für einzelne Arten scheinen Schmetterlinge das hauptsächlichste, wenn auch nicht ausschließliche Futter zu bilden. Ein Nest, das man Jerdon brachte, war ziemlich sorgfältig aus Wurzeln, Fasern und Moos zusammengebaut und enthielt 3 Eier, die auf weißem Grunde spärlich mit ziegelroten Punkten gezeichnet waren. Nach Hodgson beginnt die Brutzeit im April; das wunderschöne becherförmige, aus Moos und feinen Würzelchen gebaute, mit Flechten und Spinnweben ausgekleidete Nest wird an irgend einem

dünnen Zweige eines Baumes angebracht. Eier, die Hutton fand, waren auf grauwei⸗ ßem Grunde gelbbraun und dunkel purpurfarbig gezeichnet. Die Gefangenschaft scheinen die Mennigpögel nicht zu vertragen; Hamilton versichert wenigstens, daß sie im Käfige bald dahinwelken und sterben. Über die Lebensweise eines anderen Mennigvogels, der auf den Philippinen, in China und Ostsibirien lebt und ein sehr bescheidenes graues Kleid trägt, teilt Radde noch einiges mit. Er traf den Vogel in den Wäldern des Burejagebirges in Flügen von 15 bis 20 Stück und glaubt, daß diese Gesellschaften sich zur Brutzeit in Paare auflösen, die Gegend nicht verlassen und auf dem Bureja brüten. Die Flüge hausten besonders gern in einem lichten, von Eichen und Rüstern gebildeten Hochwalde und trieben sich hier lärmend

Mennigvogel (Pericrocotus speciosus). ½ natürl. Größe.

in den Kronen der höchsten Bäume umher, verrieten sich daher in den sonst so stillen Wäldern schon auf sehr bedeutende Entfernungen. Sie waren, obgleich sehr häufig, so scheu und wachsam, daß Radde nur zwei von ihnen erlegen konnte. Einmal aufgescheucht, schwärm⸗— ten sie in beträchtlicher Höhe, suchten sodann die obersten Spitzen zu gemeinsamer Ruhe und ließen nunmehr wiederum geschwätzig ihre kurz abgebrochenen Töne vernehmen. Von Indern und Chinesen werden auch Mennigvögel gefangen gehalten, überleben aber selten den Verlust ihrer Freiheit oder erweisen sich überhaupt als sehr hinfällig, gelangen daher nicht in unsere Käfige. Der Leib der Fliegenfänger (Muscicapidae) ist gestreckt, der Hals kurz und der Kopf einigermaßen breit, der Schnabel stark und kurz, an der Wurzel breiter, von oben nach unten zusammengedrückt, auf dem Firste kantig, an der Spitze des Oberkiefers herabgebogen und vor ihr eingekerbt, der Fuß kurz und schwach, seine äußere Zehe mit der mittleren verwachsen, der Flügel ziemlich lang, in ihm die dritte Schwinge die längste, der

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Schwanz mittellang, entweder gerade abgestutzt oder seicht ausgeschnitten, das Gefieder locker und weich, um den Schnabelgrund borstig, seine Färbung in der Regel nach Geschlecht und Alter verschieden. Die Fliegenfänger, von denen man über 300 Arten kennt, bevölkern die Osthälfte der Erde, besonders zahlreich die Gleicherländer; in Amerika finden sich nur wenige Arten. Sie bewohnen die Waldungen und Baumpflanzungen, leben mehr auf Bäumen als im Gebüsche und kommen selten auf den Boden herab. Auf einem möglichst freien Aste sitzend, der weite Umschau gewährt, spähen sie nach Kerbtieren, fliegen ihnen gewandt nach, nehmen sie mit dem Schnabel auf und kehren hierauf gewöhnlich auf ihren Stand zurück. Bei schlechtem Wetter, namentlich wenn sie Junge zu versorgen haben, pflücken sie auch Beeren. Sie sind fast den ganzen Tag über in Thätigkeit, munter, unruhig und behende, angesichts des Menschen wenig scheu, Raubvögeln gegenüber kühn und dreist. Abweichend von verwandten Vögeln, lassen sie ihre Stimme selten vernehmen, am häufigsten selbstverständlich während der Paarungszeit, welche die Männchen sogar zu einem wenn auch sehr einfachen und leisen Gesange begeistert. Das Nest, ein lockerer, roh zusammengefügter, aber warm ausgefütterter Bau, wird entweder in Baumhöhlen oder zwischen Astgabeln, gewöhnlich nahe am Stamme, angelegt. Das Gelege enthält 4—5 Eier, die von beiden Eltern ausgebrütet werden. Nachdem die Jungen groß geworden, schweifen die Eltern noch eine Zeitlang mit ihnen umher; hierauf treten sie, sehr frühzeitig im Jahre, ihre Winterreise an, die sie bis in die Urwaldungen Mittelafrikas führt und erst im Spätfrühjahre endet. Cabanis rechnet zu der Familie der Fliegenfänger auch einen in Deutschland wohlbekannten Vogel, unseren Seidenschwanz, und erhebt ihn zum Vertreter der Unterfamilie der Drosselschnäpper (Bombycillinae), die außerdem nur noch wenige Arten zählt, und deren Merkmale die folgenden sind. Der Leib ist gedrungen, der Hals kurz, der Kopf ziemlich groß, der Schnabel kurz und gerade, an seiner Wurzel von oben nach unten zusammengedrückt und deshalb breit, an der Spitze schmal und erhaben, die obere Kinnlade länger und breiter als die untere, auf dem Firste wenig gewölbt, an der Spitze sanft herabgebogen, vor ihr mit einem kleinen Ausschnitte versehen, der Fuß ziemlich kurz und stark, die äußere mit der mittleren Zehe durch ein kurzes Häutchen verbunden, der Flügel mittellang und spitzig, weil die erste und zweite Schwinge alle übrigen an Länge überragen, der zwölffederige Schwanz kurz, das Gefieder reichhaltig und seidenweich, auf dem Kopfe zu einer Holle verlängert. *

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