Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Der Seidenschwanz, Seidenschweif, Böhmer, Zuser, Pfeffer-, Kreuz- Sterbeoder Pestvogel, Winterdrossel, Schneeleschke ꝛc. (Bombycilla garrula und bohemica, Ampelis garrulus, Lanius garrulus, Garrulus bohemicus, Bombyeiphora oder Bombycivora garrula und poliocephala, Parus bombyceilla), ist ziemlich gleichmäßig rötlichgrau, auf der Oberseite gewöhnlich dunkler als auf der Unterseite, die in Weißgrau übergeht; Stirn und Steißgegend sind rötlichbraun, Kinn, Kehle, Zügel und ein Streifen über dem Auge schwarz, die Handschwingen grauschwarz, an der Spitze der äußeren Fahne licht goldgelblich gefleckt, an der inneren Fahne weiß gekantet; die Armschwingen enden in breite horn- oder pergamentartige Spitzen von roter Färbung; die Steuerfedern sind schwärzlich, an der Spitze licht goldgelb; auch sie endigen in ähnlich gestaltete und gleich gefärbte Spitzen wie die Armschwingen. Bei dem Weibchen sind alle Farben unscheinbarer und namentlich die Hornplättchen weniger ausgebildet. Die Jungen sind dunkelgrau, viele ihrer
Federn seitlich licht gerandet; die Stirn, ein Band vom Auge nach dem Hinterkopfe, ein Strich längs der bleich rostgelben Kehle und der Unterbürzel sind weißlich, die Unterschwanzdeckfedern schmutzig rostrot. Die Länge beträgt 20, die Breite 35, die Fittichlänge 12, die Schwanzlänge 6 em. Unser Seidenschwanz gehört dem Norden Europas, Asiens und Amerikas an. Die ausgedehnten Waldungen im Norden unseres Erdteiles, die entweder von der Fichte allein oder von ihr und der Birke gebildet werden, sind als seine eigentliche Heimat anzusehen;
Seidenschwanz (Bombyeilla garrula). ½2 natürl. Größe.
sie verläßt er nur dann, wenn bedeutender Schneefall ihn zur Wanderung treibt. Streng genommen hat man ihn als Strichvogel anzusehen, der im Winter innerhalb eines beschränkten Kreises hin- und herstreicht, von Nahrungsmangel gezwungen, die Grenzen des gewöhnlich festgehaltenen Gebietes überschreitet und dann auch zum Wandervogel wird. In allen nördlich von uns gelegenen Ländern ist er eine viel regelmäßigere Erscheinung als in Deutschland. Schon in den russischen und polnischen Wäldern oder in den Waldungen des südlichen Skandinavien findet er sich fast in jedem Winter ein. Bei uns zu Lande erscheint er so unregelmäßig, daß das Volk eine beliebte Zahl auch auf ihn angewandt hat und behauptet, daß er sich nur alle 7 Jahre einmal zeige. In der Regel treffen die vom nordischen Winter vertriebenen Seidenschwänze erst in der letzten Hälfte des November bei uns ein und verweilen bis zur ersten Hälfte des März; ausnahmsweise aber geschieht es,
daß sie sich schon früher einstellen, und ebenso, daß sie noch länger bei uns sich gefallen. Dies ist denn auch der Grund gewesen, daß man geglaubt hat, einzelne Paare hätten bei uns genistet, während wir jetzt genau wissen, daß die Nistzeit des Seidenschwanzes erst in das Spätfrühjahr fällt. Während ihres Fremdenlebens in südlicheren Gegenden, und also auch bei uns, sind die Seidenschwänze stets zu mehr oder minder zahlreichen Gesellschaften vereinigt und halten sich längere oder kürzere Zeit in einer bestimmten Gegend auf, je nachdem sie ihnen reichlichere oder spärlichere Nahrung gibt. Es kommt vor, daß man sie in dem einen Winter da, wo sie sonst sehr selten erscheinen, wochen-, ja selbst monatelang in großer Menge antrifft, und wahrscheinlich würde dies noch viel öfter geschehen, wenn sie nicht gar zu häufig erbarmungslos verfolgt würden; ihre Schönheit erscheint, wie man meinen möchte, dem ungebildeten, rohen Menschen so unverständlich, daß er nichts anderes zu thun weiß, als sie zu vernichten. Möglich ist freilich, daß die beklagenswerten Vögel noch unter den Nachwirkungen eines alten Aberglaubens zu leiden haben. In früheren Jahren wußte man sich das unregelmäßige Erscheinen der Seidenschwänze nicht zu erklären, sah sie als Vorausverkündiger schwerer Kriege, drückender Teurung, verschiedener Seuchen und anderer Landplagen an und glaubte, sie deshalb hassen und verfolgen zu dürfen. Der Seidenschwanz gehört nicht zu den bewegungslustigen Wesen, ist vielmehr ein träger, fauler Gesell, der nur im Fressen Großes leistet, und entschließt sich deshalb ungern, den einmal gewählten Platz zu verlassen. Deshalb zeigt er sich da, wo er Nahrung findet, sehr dreist oder richtiger einfältig, erscheint z. B. mitten in den Dörfern oder selbst in den Anlagen der Städte und bekümmert sich nicht im geringsten um das Treiben der Menschen um ihn her. Aber er ist keineswegs so unverständig, wie es im Anfange scheinen will; denn wiederholte Verfolgung macht auch ihn vorsichtig und scheu. Anderen Vögeln gegenüber benimmt er sich verträglich oder gleichgültig: er bekümmert sich auch um sie nicht. Mit seinesgleichen lebt er, solange er in der Winterherberge verweilt, in treuer Gemeinschaft. Gewöhnlich sieht man die ganze Gesellschaft auf einem Baume, möglichst nahe nebeneinander, viele auf einem einzigen Zweige, die Männchen vorzugsweise auf den Spitzen der Kronen, solange sie hier verweilen, unbeweglich auf einer und derselben Stelle sitzen. In den Morgen⸗ und Abendstunden sind sie regsamer, fliegen nach Nahrung aus und besuchen namentlich alle beerentragenden Bäume oder Gesträuche. Zum Boden herab kommen sie höchstens dann, wenn sie trinken wollen, hüpfen hier unbehilflich umher und halten sich auch nie längere Zeit in der Tiefe auf. Im Gezweige klettern sie, wenn sie fressen wollen, gemächlich auf und nieder. Der Flug geschieht in weiten Bogenlinien, ist aber leicht, schön und verhältnismäßig rasch, die Flügel werden abwechselnd sehr geschwind bewegt und ausgebreitet. Die gewöhnliche Lockstimme ist ein sonderbar zischender Triller, der sich durch Buchstaben nicht versinnlichen läßt. Mein Vater sagt, daß der Lockton wie das Schnarren eines ungeschmierten Schubkarrens klinge, und dieser Vergleich scheint mir gut gewählt zu sein. Außer dem Locktone vernimmt man zuweilen noch ein flötendes Pfeifen, das, wie Naumann sich ausdrückt, gerade so klingt, als wenn man sanft auf einem hohlen Schlüssel bläst; dieser Laut scheint zärtliche Gefühle zu bekunden. Der Gesang ist leise und unbedeutend, wird aber mit Eifer und scheinbar mit erheblicher Anstrengung vorgetragen. Die Weibchen singen kaum minder gut oder nicht viel weniger schlecht, wenn auch nicht so anhaltend wie die Männchen, die im Winter jeden freundlichen Sonnenblick mit ihrem Liede begrüßen und sich fast das ganze Jahr hindurch hören lassen. In seiner Heimat dürften während des Sommers die aller Beschreibung spottenden Mückenschwärme die hauptsächlichste, falls nicht ausschließliche Nahrung des Seidenschwanzes Seidenschwanz: Verbreitung. Wanderungen. Wesen. Stimme. 507 aa
bilden; im Winter dagegen muß er sich mit anderen Nahrungsstoffen, zumal Beeren, begnügen. Die Kerbtierjagd betreibt er ganz nach Art der Fliegenfänger; die Beeren liest er gemächlich von den Zweigen ab, zuweilen auch wohl vom Boden auf. Auffallend ist, daß die gefangenen sich um Kerbtiere, die ihnen vorgeworfen werden, nicht kümmern. „Den Drosselarten“, sagt Naumann, „die man in der Gefangenschaft hält, kann man keine größere Wohlthat erweisen, als wenn man ihnen manchmal ein Kerbtier gibt. Sie sind begierig danach und fangen die Fliegen, die sich an ihren Freßnapf setzten. Allein das thut kein Seidenschwanz. Die Fliegen setzen sich oft genug ungestraft an seinen Schnabel. Von allen Seidenschwänzen, die ich gezähmt hatte, berührte kein einziger weder ein Kerbtier, noch eine Kerbtierlarve, noch einen Regenwurm.“ Daß es in der Freiheit anders ist, können wir gegenwärtig mit Bestimmtheit behaupten. Wahrhaft widerlich wird der Seidenschwanz wegen seiner außerordentlichen Freßgier. Er verzehrt täglich eine Nahrungsmenge, die fast ebensoviel wiegt wie sein Leib. Gefangene bleiben stets in der Nähe des Futternapfes sitzen, fressen und ruhen abwechselnd, um zu verdauen, geben das Futter nur halbverdaut von sich und verschlingen, räumt man ihren Gebauer nicht immer sorgfältig aus, den eignen Unrat wieder. Bis in die neueste Zeit war das Fortpflanzungsgeschäft des Seidenschwanzes gänzlich unbekannt. Erst im Jahre 1857, am 16. Juni, gelang es Wolley, Nest und Ei aufzufinden; die Entdeckung war jedoch schon im Jahre vorher von seinen Jagdgehilfen gemacht worden. Wolley hatte sich vorgenommen, ohne dieses Nest nicht nach England zurückzukehren, und weder Mühe noch Kosten gescheut, um sein Ziel zu erreichen. Nachdem die ersten Nester gefunden worden waren, legte sich, wie es scheint, die halbe Bewohnerschaft Lapplands auf das Suchen, und schon im Sommer 1858 sollen über 600 Eier eingesammelt worden sein. Die Nester stehen regelmäßig auf Fichten, nicht allzu hoch über dem Boden, wohl im Gezweige verborgen und sind größtenteils aus Baumflechten gebaut; in ihre Außenwand sind einige dürre Fichtenzweige eingewebt, innen sind sie mit Grashalmen und einigen Federn gefüttert. Das Gelege besteht aus 4—7, gewöhnlich aber aus 5 Eiern und ist in der zweiten Woche des Juni vollzählig. Die Eier sind etwa 24 mm lang, 18 mm dick und auf bläulich oder rötlich blauweißem Grunde spärlich, am Ende dichter, kranzartig, mit dunkel- und hellbraunen, schwarzen und violetten Flecken und Punkten bestreut. Auf dem Vogelherde oder in den Dohnen berückt man den Seidenschwanz ohne Mühe. „Fällt eine Schar in den Dohnensteg“, berichtet Naumann, „so kommen nur wenige dieser harmlosen Fresser mit dem Leben davon. Sie fliegen der Reihe nach so lange aus einer Dohne in die andere, bis sie sich fangen, und es ist gar nichts Seltenes, daß sich ihrer zwei auf einmal in einer Dohne erhängen; denn wenn schon einer, die Schlinge an dem Halse, mit dem Tode ringt, so hält das einen anderen nicht ab, noch nach den Beeren zu fliegen, die der erste übrigließ, um sich noch in den übrigen Schlingen zu fangen. Ebenso unbesonnen und sorglos zeigen sie sich, wenn sie an den Vogelherd kommen, wo sie auf dem sogenannten Straͤuchherde, den man für die Drosselarten stellt, in Menge gefangen werden. Es bedarf nur eines guten Lockvogels ihrer Art, um sie herbeizulocken; kaum sind sie angekommen, so fällt auch gleich die ganze Herde ein, und versieht man da den rechten Zeitpunkt nicht, so bekommt man alle auf einen Zug. Zaudert man aber so lange, bis sich einzelne satt gefressen haben, so fliegen sie nach und nach alle auf einen nahen Baum und sitzen da so lange, bis sie von neuem hungrig werden, was aber eben nicht lange dauert. Dann kommen sie jedoch nur einzeln, und man muß zuziehen, wenn nur erst einige wieder auf dem Herde sitzen. Die übrigen fliegen zwar, wenn einige gefangen werden, weg, aber nie weit, und kaum ist der Vogelsteller mit dem Wiederaufstellen der Netze fertig und in seiner Hütte, so sind sie auch schon wieder da, und es kommt selten einer davon. Doch habe
ich gefunden, daß diese dummen Vögel im Herbste, bei voller Nahrung, doch etwas schüchterner als im Winter sind, und obiges paßt daher hauptsächlich auf den Winterfang.“ Im Käfige ergibt sich der Seidenschwanz, ohne Kummer zu zeigen, in sein Schicksal, geht sofort an das Futter und erfreut ebensowohl durch seine Farbenschönheit wie durch sanftes Wesen, hält sich in einem weiten, an kühlen Orten aufgestellten Gebauer auch viele Jahre. Ihn gefangen zu halten, ist jedermann berechtigt; ihn nutzlos nur um des Magens willen zu erlegen, erscheint aus dem Grunde ungerechtfertigt, daß er im Freien niemals schädlich, durch Aufzehren verderblicher Kerbtiere eher nützlich wird und im Winter den kahlen Bäumen zum höchsten Schmucke gereicht. Der Fliegenfänger, Graufliegenfänger, Mückenfänger, Fliegenschnäpper,
Hütick, Spieß-, Kot- und Nesselfink, Toten- und Pestilenzvogel, Schurek, Regenpieper (Muscicapa grisola, Sylvia pestilencialis, Butalis grisola, africana, montana, alpestris, domeéstica und pinetorum), eröffnet die gleichnamige Gattung (Muscicapa) und Unterfamilie (Muscicapinae) und kennzeichnet sich durch den etwas gestreckten Schnabel und das beiden Geschlechtern gemeinsame, gefleckte Kleid. Die Oberseite ist tiefgrau, der Schaft jeder Feder schwarz, der Scheitel schwarzgrau, etwas lichter gefleckt, jede Feder weiß oder tiefgrau gekantet, wodurch eine leichte Fleckenzeichnung entsteht; die ganze Unterseite ist schmutzig weiß, auf den Seiten der Brust rostgelblich überflogen, an den Kehlseiten und längs der Brust mit tiefgrauen, verwaschenen Längsflecken gezeichnet; die lichtgrauen Spitzenkanten an den Schwingendeckfedern bilden zwei wenig hervortretende Flügelbinden. Das Auge ist braun, Schnabel und Füße sind schwarz. Beim Weibchen sind alle Farben blässer; beim Jungen ist die Oberseite weißlich und grau gepunktet und braun und rostgelb getüpfelt, die Unterseite weißlich, in der Gurgelgegend und auf der Brust grau quer gefleckt. Die Länge des Männchens beträgt 14, die Breite 25, die Fittichlänge 8, die Schwanzlänge 6 em. Mit Ausnahme der nördlichsten Länder Europas bewohnt der Fliegenfänger alle Breitenund Höhengürtel unseres heimatlichen Erdteiles. In Südeuropa ist er gemein; nach Osten hin verbreitet er sich bis zum Kaukasus und Altai; gelegentlich seiner Winterreise wandert er bis in die Waldungen Innerafrikas: ich habe ihn noch recht häufig in den Wäldern am Blauen Nil gesehen. Er ist durchaus nicht wählerisch, sondern nimmt mit jedem Busche vorlieb, welcher nur einigermaßen seinen Ansprüchen genügt. Hohe Bäume, namentlich solche, welche am Wasser stehen, bieten ihm alles zu seinem Leben Erforderliche. Das Treiben des Menschen scheut er nicht, siedelt sich deshalb häufig inmitten der Dorfschaften, ja selbst eines Gehöftes an, haust aber auch ebensogut an Orten, die der Mensch nur selten besucht. Das Wohngebiet eines Paares beschränkt sich oft auf einen Hektar, unter Umständen sogar auf einen noch geringeren Raum. Je nachdem die Witterung günstig oder ungünstig ist, erscheint er zu Ende des April oder im Anfange des Mai, gewöhnlich paarweise, schreitet bald nach seiner Ankunft zur Fortpflanzung und verläßt uns wieder Ende August oder Anfang September. Genau dasselbe gilt für Südeuropa: in Spanien beobachteten wir ihn auch nicht früher und nicht länger als in Deutschland. Der Fliegenfänger ist ein sehr munterer und ruheloser Vogel, der den ganzen Tag über auf Beute auslugt. In der Höhe eines Baumes oder Strauches auf einem dürren Aste oder anderweitig hervorragender Zweigspitze sitzend, schaut er sich nach allen Seiten um, wippt ab und zu mit dem Schwanze und wartet, bis ein fliegendes Kerbtier in seine Nähe kommt. Sobald er es erspäht hat, fliegt er ihm nach, fängt es mit vieler Geschicklichkeit,