Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Erste Ordnung: Baumvögel; achtzehnte Familie: Würger. In Griechenland, viel häufiger aber noch in Ägypten und Nubien, lebt neben dem genannten noch eine Art der Gattung, der Maskenwürger (Lanius nubicus, personatus und leucometopon, Enneoctonus nubicus und personatus, Leucometopon nubicus). Oberseite, Zügel, Flügel und Schwanz sind bläulichschwarz, die Unterteile rostgelblich, die Seiten roströtlich, Stirn und Brauen, Schultern, Kehle und Bürzel, die Hand⸗ B
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Rotkopfwürger (Lanius senator), Maskenwürger (Lanius nubicus) und Tschagra (Malaconotos erythropterus).
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schwingen an der Wurzel, die Armschwingen und kleinen Handdecken schmal, am Ende weiß, die mittelsten sechs Schwanzfedern ganz schwarz, die äußersten rein weiß mit schwarzem Schaft, die übrigen weiß und schwarz. Das Auge ist braun, Schnabel und Fuß sind schwarz. Die Länge beträgt 16, die Fittichlänge 9, die Schwanzlänge 8 cm. Der Maskenwürger gehört zu den seltensten Vögeln Griechenlands, ist aber in Kleinasien und Palästina ebenso häufig wie in Südägypten und Mittelnubien. Hier verweilt er nach meinen Beobachtungen jahraus, jahrein; in den übrigen Ländern, die als seine Heimat bezeichnet werden müssen, erscheint er früher oder später im Jahre, so in Palästina
—* —— —RRh Maskenwürger. Rotschwanzwürger. 497 bereits im März, in der Umgegend von Smyrna zu Anfang April, in Griechenland „mit dem Rosenstare als letzter Zugvogel“. Auf seiner Wanderung besucht er Abessinien und die oberen Nilländer, streift auch wohl bis jenseits des Gleichers hinüber. In Griechenland bewohnt er während des Sommers heidenartige, mit einzelnen Olbäumen bestandene Strecken, in Kleinasien die Olbaumpflanzungen der Ebene wie die Kiefernwaldungen der Gebirge, in Agypten und Nubien die kleinen Mimosengehölze zwischen Feldern und Weiden des Nilthales oder aber reine Dattelpalmenwälder. Mehr als jeder andere europäische Würger bevorzugt er hohe Bäume zu seinen Warten. Hier sitzt er, und von hier aus fliegt er, ganz nach Art der Verwandten, auf Beute aus; von den Spitzen solcher Bäume herab trägt er auch sein ansprechendes Liedchen vor. Letzteres ist, ebenso wie der Gesang seiner Verwandten, größtenteils erborgtes Eigentum anderer Sänger, daher reichhaltiger oder eintöniger, je nachdem das von ihm bewohnte Gebiet mehr oder weniger verschiedenartige Singvögel beherbergt. Nach meinen und anderer Beobachtungen ist er minder raubgierig als die Verwandten und läßt sich für gewöhnlich an allerlei Kerbtieren genügen; doch dürfte auch er ein Nest oder ein kleines unbehilfliches Vögelchen ebensowenig verschonen wie ein anderer seines Geschlechtes. Tristram fand ihn scheu; ich und alle übrigen Beobachter lernten ihn im Gegenteile als auffallend vertrauensseligen Vogel kennen. Das Nest steht, nach Lindermeyer, auf der Spitze des höchsten Olbaumes seines Brutgebietes, nach Krüper und Tristram dagegen entweder in einer Astgabel oder auf der Mitte eines wagerechten, halbtrockenen Astes, so, daß es von oben durch einen aufsteigenden Ast oder herabhängende Blätter gedeckt ist, oft so weit vom Stamme entfernt, daß man es mit der Hand nicht erreichen kann. Es besteht ebenfalls zumeist aus frischen Pflanzenstengeln, ist aber, weil in der äußeren Umwandung des zierlichen Napfes aufgesammelte Faden und Lumpen verwebt werden, so fest gebaut, daß es ein oder zwei Jahre im Freien aushält. Das Gelege der ersten Brut bilden 6—7, das der zweiten Brut 3—4 Eier; erstere findet im Mai, letztere zu Ende Juni statt. Die Eier sind merklich kleiner als die des Rotkopfwürgers, manchmal auch ebenso groß und auf lehmfarbenem, ins Weißliche ziehendem Grunde mit größeren oder kleineren, nahe dem stumpfen Ende zu einem Kranze zusammenfließenden, ölbraunen Tupfen und Brandflecken gezeichnet. Nachdem auch die Jungen der zweiten Brut erwerbs⸗ und wanderfähig geworden sind, verläßt der Maskenwürger seine nördlichen Brutgebiete, Griechenland bereits im August, Kleinasien erst im September, wandert wahrscheinlich über die in Südägypten und Nubien weilenden Artgenossen hinweg und gelangt so allmählich in die angegebene Winterherberge. Ein jung eingefangener Maskenwürger, den Krüper pflegte, ließ sich ebenso leicht an Gebauer und Futter gewöhnen wie andere Verwandte.
Der Vollständigkeit halber mag erwähnt sein, daß noch eine Art der Gattung, der Rotschwanzwürger (Lanius phoenicurus, cristatus, fulvus, bengalensis, melanotis, superciliosus, ferrugiceps, rutilans und ruficaudus, Enneoctonus phoenicurus, Oto-meéla phoenicura und cristata), auf Helgoland erbeutet worden ist, also unter den europäischen und sogar deutschen Vögeln Aufnahme gefunden hat. Dieser in Turkistan und Südsibirien, vom Alakul bis in die Amurländer als Brutvogel lebende, außerdem in China, Japan, Indien und auf Ceylon und den Sundainseln vorkommende Würger ist auf der Oberseite dunkel zimtrostrot, in der Zügelgegend schwarz; Stirn, Vorderkopf und ein breiter Augenbrauenstreifen sind weiß, die Unterteile ebenso, seitlich roströtlich verwaschen, die Süwingen und Deckfedern schwarzbraun, die Armschwingen außen rostbraun gerandet, die Steuerfedern matt rostbraun, die mittleren beiden braun, die seitlichen am Ende schmal Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 32
fahlweiß gesäumt. Das Auge hat braune, der Schnabel schwarze, der Fuß hornschwarze Färbung. Das Weibchen ist düsterer gefärbt und auf Brust und Seiten mit schmalen, verwaschenen, dunkeln Querlinien schwach gesperbert. Die Länge beträgt etwa 20, die Fittichlänge 9, die Schwanzlänge 8,5 em. In Afrika, Indien und Australien lebt die artenreiche Unterfamilie der Buschwürger (Malaconotinae). Ihre Merkmale liegen in dem gestreckten, kurzhakigen, undeutlich gezahnten Schnabel, den schwächlichen Füßen, den ziemlich langen Flügeln, dem kurzen, kaum gesteigerten Schwanze und dem sehr reichen, namentlich auf dem Bürzel entwickelten, oft prachtvollen Gefieder. Hinsichtlich ihrer Lebensweise scheinen die meisten Buschwürger sich sehr zu ähneln. Sie bewohnen paarweise oder in kleinen Trupps die Waldungen, halten sich in den dichtesten Kronen der Bäume oder in Gebüschen auf, lassen sich wenig sehen, um so öfter aber hören, und tragen deshalb zur Belebung der Wälder nicht wenig bei. Kerbtiere dürften die ausschließliche Nahrung aller hierher gehörigen Arten bilden; wenigstens liegt noch keine Beobachtung vor, daß sie sich auch an größeren Wirbeltieren vergreifen. Über die Fortpflanzung wissen wir so gut wie nichts, weil überhaupt das Leben dieser Vögel noch sehr der Erforschung bedarf. Wiederholt ist behauptet worden, daß der auf Seite 496 bildlich dargestellte Tschagra (Malaconotos erythropterus, Lanius erythropterus, senegalus, cucullatus und tschagra, Tamnophilus und Pomatorhynchus erythropterus, Telephonus erythropterus, Tschagra erypthropterus und orientalis), Vertreter der Buschwürger im engeren Sinne (Malaconotus), auch in Spanien vorgekommen sei; alle Nachforschungen aber, die ich angestellt, haben mir die Unrichtigkeit jener Angabe bewiesen. Der Tschagra ist gestreckt gebaut, sein Schnabel schlank und schwachhakig, der Fuß hochläufig und schwächlich, der Flügel kurz und sehr abgerundet, da die fünfte und sechste Schwinge die Spitze bilden, der Schwanz lang und stark abgestuft. Das Gefieder ist auf dem Oberrücken bräunlichgrau, auf der Unterseite licht aschgrau; ein breiter Streifen, der sich über den ganzen Kopf erstreckt, und ein zweiter schmaler, der durch das Auge verläuft, sind schwarz; zwischen beiden zieht sich, der Augenbraue vergleichbar, eine vorn weiße, nach hinten mehr lichtgelbe Binde dahin; die Schwingen sind grau auf der Außenfahne, aber breit rostbraun gesäumt, so daß diese Färbung, wenn der Vogel den Flügel anlegt, zur vorherrschenden wird, die Oberarmschwingen licht fahl gesäumt, die beiden mittleren Schwanzfedern grau, dunkler gebändert, alle übrigen schwarz, breit weiß zugespitzt, die äußersten auch auf der Außenfahne licht gesäumt. Das Auge ist rotbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß bleigrau mit grünlichem Schimmer. Die Länge beträgt 21, die Breite 26, die Fittichlänge 8, die Schwanzlänge gem. Das Verbreitungsgebiet des Tschagra umfaßt ganz Afrika mit alleiniger Ausnahme des äußersten Nordostens. Hier begegnet man dem sehr auffallenden Vogel diesseits des 18. Grades nördlicher Breite nicht, wogegen er in den Atlasländern vorkommt. Im Gebirge von Abessinien steigt er, laut von Heuglin, bis zu etwa 2000 m Höhe empor. Sein Betragen weicht von dem der Verwandten wesentlich ab. Er lebt nur im dichtesten Gebüsche und unmittelbar über der Erde, nicht aber in der Höhe der Baumkronen, obwohl er, hart verfolgt, zu diesen aufsteigt. Sein Raubgebiet ist der flache Boden. Auf ihm läuft er mit einer Gewandtheit umher, wie kein zweiter Würger sie besitzt. Wenn man seiner
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zum ersten Male ansichtig wird, glaubt man eine Drossel, nicht aber einen Würger zu erkennen. Solange wie möglich versteckt er sich zwischen Gras und Gestrüpp, bringt man ihn endlich zum Auffliegen, so streicht er mit rasch schwirrenden Flügelschlägen, auf welche dann ein kurzes Schweben folgt, dicht über dem Boden dahin, einem zweiten Busche zu. Auch er lebt paarweise oder einzeln, nur nach der Brutzeit in kleineren Gesellschaften, wahrscheinlich in Familien. Den Lockton bezeichnet von Heuglin als hell, voll und wohlklingend, den Silben „dui dui dut dut“ etwa vergleichbar, und teilt als besondere Eigentümlichkeit des Vogels mit, daß er, dessen wenig fettiges Gefieder Wasser begierig aufsaugt, nach heftigen Gewitterregen hoch in die Luft steigt und durch rasche, zitternde Bewegung der Schwingen ein eigentümliches, dem Schnurren der Spechte ähnliches Geräusch hervorbringt. Eier, die Heuglin im September erhielt, waren 23 mm lang, 17 mm dick, feinschalig und auf wei— ßem, rostbräunlich überflogenem Grunde, nach dem stumpfen Ende zu dichter, mit gräulichen und lebhaft rotbraunen Strichelchen gezeichnet. Bei dem mir hinsichtlich seines Freilebens durch eigne Anschauung bekannt gewordenen
Scharlachwürger (Malaconotus erythrogaster, M. weroei, Laniarius erythrogaster, Lanius und Dryoscopus erythrogaster) ist die Oberseite glänzend schwarz, die Unterseite bis auf den ledergelblichen Steiß prachtvoll scharlachrot, das Auge gelb, der Schnabel schwarz, der Fuß bleifarbig. Die Länge beträgt ungefähr 23, die Breite 34, die Fittich- und Schwanzlänge je 10 em.
Der Flötenwürger (Malaconotus aethiopicus, Laniarius, Turdus, Lanius, Telephonus und Dryoscopus aethiopicus) ist auf der ganzen Oberseite, mit Ausnahme einer weißen Flügelbinde, schwarz, auf der Unterseite rein weiß mit rosenrotem Anfluge, das Auge rotbraun, der Schnabel schwarz, der Fuß blaugrau. Seine Länge beträgt 35, die Breite 33, die Fittichlänge 10, die Schwanzlänge 9 em. Der Scharlachwürger findet sich im ganzen östlichen Mittelafrika, jedoch mehr in den Urwaldungen der Ebenen als im Gebirge. Er ist ein wahrer Schmuck der Wälder Seine hochrote Brust schimmert schon von weitem durch das dichteste Geäst der üppig grünenden Bäume, und der Vogel muß selbst dem ungeübten Beobachter auffallen, da er nicht bloß schön, sondern auch beweglich, und nicht nur beweglich, sondern auch redselig ist. Im Gebirge scheint ihn der Flötenwürger, der hier noch in einem zwischen 2 — 3000 m Höhe gelegenen Gürtel vorkommt, zu vertreten, ersetzt ihn wenigstens, soweit es sich um die Stimme handelt. Beide Arten leben immer paarweise. An geeigneten Orten sind sie sehr häufig: es wohnt Paar bei Paar, und die hellen Flötentöne, die im Anfange entzücken, vernimmt man hier so oft, daß sie fast zur Plage werden. Das Paar behauptet ein kleines Gebiet, dessen Durchmesser 150 Schritt betragen mag, mit Hartnäckigkeit und verteidigt es gegen jeden Eindringling. Dazu ist es gezwungen, denn bei der Häufigkeit dieser Vögel ist jeder zusagende Ort besetzt, und das einzelne Paar muß sich begnügen. In der Regel vernimmt man die Flötenwürger viel eher, als man sie sieht; denn das dichteste Gebüsch ist ihr bevorzugter Aufenthalt, und von ihm aus fliegen sie nur dann auf Hochbäume empor, wenn diese geschlossene Kronen besitzen, die sie möglichst verdecken. Sie halten sich im laubigen Geäste auf, freilich ohne sich thatsächlich zu verbergen; denn ihre lebhaften Farben schimmern eben doch auch durch das dichteste Grün hindurch, und wenn sie wirklich dem Auge entrückt sind, dann findet der Beobachter sie bald durch das Gehör auf. Hinsichtlich ihres Betragens haben sie unzweifelhaft größere Ahnlichkeit mit den Drosseln als mit den Würgern. Ich erinnere mich nicht, sie jemals auf der Spitze eines 32*
hervorragenden Zweiges, nach Würgerart auf Kerbtiere lauernd, gesehen zu haben; sie bewegten sich stets im Inneren der Gebüsche und Baumkronen und liefen hier mit großer Gelenkigkeit längs der Zweige dahin, diese und die Blätter gründlich nach Nahrung absuchend. Auf dem Boden sieht man sie seltener; doch geschieht es wohl bisweilen, daß sie hier umherhüpfen; bei der geringsten Störung aber fliegen sie augenblicklich wieder in ihre dichten Wipfel empor. Ihr Flug ist schlecht und von dem der Würger durchaus verschieden. Er besteht fast ausschließlich aus schnell wiederholten Flügelschlägen, die kaum durch gleitendes
Flötenwürger (Malaconotus aethiopicus). 3½ natürl. Größe.
Schweben unterbrochen werden. Das Bemerkenswerteste im Betragen dieser Vögel ist aber unbedingt die Art und Weise, wie sie ihren Gesang zum besten geben. Es handelt sich hier nicht um ein Lied, sondern nur um einzelne Töne, klangvoll wie wenige andere, die sehr häufig wiederholt, aber von beiden Geschlechtern gemeinschaftlich hervorgebracht werden. Der Ruf des Scharlachwürgers ähnelt dem verschlungenen Pfiffe unseres Pirols; der Ruf des Flötenwürgers besteht aus drei, seltener zwei glockenreinen Lauten, die sich etwa im Umfange einer Oktave bewegen. Er beginnt mit einem mittelhohen Tone, auf welchen erst ein tieferer und dann ein bedeutend höherer folgt. Die ersten beiden liegen im Umfange einer Terz, die letzten beiden im Umfange einer Oktave auseinander. Diese drei Glockentöne werden ebenso wie der Pfiff des Scharlachwürgers nur