Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Grauling (Brachyprorus einoreus). ½3 natürl. Größe.
mehr als halbkugeltiefen Napfes erreicht hat. Schon zum Aufbaue der Scheibe verwendet der kluge Vogel Pferdehaare; zur Herstellung der Wandungen benutzt er sie in reichlicher Menge derart, daß sie allenthalben den Lehm zusammenhalten und zur Befestigung des Ganzen wesentlich beitragen. Die Wandung des Nestes besitzt unten eine Stärke von etwa 25, oben am Rande von nur 15 mm. Die innere Auskleidung besteht, falls sie überhaupt vorhanden, aus einer dünnen Schicht von Halmen und Haaren. Seitdem ich vorstehende Beobachtungen sammelte, haben die Graulinge auch unter anderer Pfleger Obhut gebaut und gebrütet.
Grauling. Alpenkrähe. 47⁵ In der vierten Unterfamilie vereinigen wir die Felsenraben (Pyrrhocoracinae), gestreckt gebaute, laͤngflügelige und kurzschwänzige Arten mit schwächlichem, zugespitztem und etwas gebogenem, meist lebhaft gefärbtem Schnabel, zierlichen Füßen, verhältnismäßig langen Flügeln und schillerndem Gefieder. 2
Die Alpenkrähe, Steinkrähe, Krähendohle, Gebirgs- oder Feuerrabe, Eremit, Klausrabe oder Turmwiedehopf (Pyrrhocorax graculus und rupestris, Fregilus graculus, europaeus, erythropus und himalayanus, Corvus graculus, Gracula pyrrhocorax und eremita, Coracia gracula und erythrorhamphos), zeichnet sich durch langgestreckten, dünnen und bogenförmigen Schnabel aus. Dieser ist, wie die mittel—⸗ hohen, kurzzehigen Füße, prächtig korallenrot gesärbt, das Auge dunkelbraun, das Gefieder gleichmäßig glänzend grün- oder blauschwarz. Die Länge beträgt 40, die Breite 82, die Fittichlänge 27, die Schwanzlänge 15 em. Das Weibchen ist kaum kleiner, äußerlich überhaupt nicht vom Männchen zu unterscheiden. Die jungen Vögel lassen sich an ihrem glanzlosen Gefieder erkennen; auch sind bei ihnen Schnabel und Füße schwärzlich. Nach der ersten Mauser, wenige Monate nach ihrem Ausfliegen, erhalten sie das Kleid der Alten. Unsere europäischen Alpen in ihrer ganzen Ausdehnung, die Karpathen, der Balkan, die Pyrenäen und fast alle übrigen Gebirge Spaniens, auch einige Berge Englands und Schottlands und alle Gebirge vom Ural und Kaukasus an bis zu den chinesischen Zügen und dem Himalaja bis nach Bhutan, ebenso die Kanarischen Inseln, der Atlas und die höchsten Berggipfel Abessiniens, beherbergen diesen in jeder Hinsicht anziehenden und beachtenswerten Vogel. In den Schweizer Alpen ist er selten, in Spanien aber, wenigstens an vielen Orten, außerordentlich zahlreich. Dort bewohnt er nur das eigentliche Hochgebirge, einen Gürtel hart unter der Schneegrenze, und versteigt sich häufig bis in die höchsten Alpenspitzen; in Spanien begegnet man ihm schon an Felsenwänden, die sich bis zu höchstens 200 oder 300 m über das Meer erheben. Im Himalaja belebt unser Vogel, wie Blanford und Stoliezka feststellten, einen Höhengürtel von 3000 5000 m. In den Rhätischen Gebirgen nistete er noch vor 70 Jahren in den Glockenstühlen und Sparren fast aller hochgelegenen Bergdörfer, während er gegenwärtig, meist infolge der Umgestaltung dieser Türme, gezwungen in die Felsenwildnisse zurückgekehrt ist. Im höchsten Gürtel des Gebirges überwintert er nicht, wandert vielmehr im Oktober tiefer gelegenen Felswänden oder südlicheren Gegenden zu. Bei dieser Gelegenheit soll er in Scharen von 400—600 Stück an den Hospizen erscheinen, bald aber wieder verschwinden. Doch erhielt Stölker mitten im Winter eine in den höchsten Gebirgsthälern der Schweiz erlegte Alpenkrähe. In Spanien und wahrscheinlich ebenso in allen südlicheren Gebirgsländern ist diese Stand- oder höchstens Strichvogel; denn es mag wohl möglich sein, daß sie im Winter das Hochgebirge verläßt und in tiefere Thäler herabgeht, wie es Alfred Walter auch aus Turkmenien berichtet, wo sie zeitweise aus irgend welchen Gründen vom Kopet-dagh bis in die Ebenen herabkommt. Das Tief⸗- oder selbst das Hügelland besucht sie immer nur ausnahmsweise; doch habe ich selbst sie einmal im Winter in den Weinbergen oberhalb Mainz gesehen. Nach unseren Beobachtungen erinnert die Alpenkrähe lebhaft an die Dohle, fliegt aber leichter und zierlicher und ist auch noch klüger und vorsichtiger als diese. Wenn man durch die Gebirge Murcias oder Andalusiens reist, hört man zuweilen von einer Felsenwand tausendstimmiges Geschrei herniederschallen und glaubt, es zunächst mit unserer Turmdohle zu thun zu haben, bis die Masse der Vögel sich in Bewegung setzt und man nun leicht an dem zierlicheren und rascheren Fluge, bei günstiger Beleuchtung wohl auch bei der weithin sichtbaren Korallenfarbe des Schnabels, die Alpenkrähe erkennt. Beobachtet man die Tiere
länger, so bemerkt man, daß sie mit einer gewissen Regelmäßigkeit auf den bestimmten Plätzen erscheinen und sie mit derselben Regelmäßigkeit wieder verlassen. In den frühesten Morgenstunden fliegen sie auf Nahrung aus, kehren gegen 9 Uhr vormittags auf ihre Wohnplätze zurück, verweilen hier kürzere Zeit bis zur Tränke, suchen von neuem Nahrung und erscheinen erst in den heißen Mittagsstunden wiederum auf ihrer Felsenwand. Während der Mittagshitze halten sie sich in schattigen Felsenlöchern verborgen, beobachten aber genau
Alpenkrähe (Pyrrhocorax graeulus) und Alpendohle (Pyrrhocorax alpinus). ½ natürl. Größe.
die nächste Umgebung und lassen nichts Verdächtiges vorüber, ohne es mit lautem Geschrei zu begrüßen. Vorbeistreichende Adler werden von der ganzen Bande streckenweise verfolgt und mutig angegriffen, jedoch mit sorgfältigster Berücksichtigung der betreffenden Art; denn vor dem gewandten Habichtsadler nehmen sich die klugen Vögel wohl in acht, verbergen sich sogar vor ihm noch tiefer in ihre Felsenhöhlen, während sie sich um den Geieradler gar nicht kümmern. In den Nachmittagsstunden fliegen sie abermals auf Nahrung aus, und erst mit Sonnenuntergang kehren sie, nachdem sie nochmals getrunken haben, zu den Wohnund Schlafplätzen der Gesellschaft zurück.
Eigentümlich ist es, daß die Alpenkrähe nur gewisse Ortlichkeiten bewohnt und in anderen, scheinbar ebenso günstigen, fehlt. So findet sie sich, nach Bolle, nur auf Palma, nicht aber auf einer anderen der Kanarischen Inseln. „Während dort zahlreiche Schwärme sowohl die heißen, grottenreichen Thäler des Küstengebietes wie die hochgelegenen, im Winter mit Schnee bedeckten Bergzinnen bevölkern, haben die in der Entfernung von wenigen Meilen dem Auge weithin sichtbaren, aus dem Meere auftauchenden Gebirgskämme von Teneriffa, Gomera und Ferro die Auswanderungslust dieser fluggewandten Bewohner der hohen Lüfte noch nie gereizt. Scheu, flüchtig und höchst gesellig beleben die Ansiedelungen der Alpenkrähen auf das angenehmste und fesselndste die entzückenden Landschaften jener unvergleichlichen Insel. Ihr Leben scheint ein immerwährendes, heiteres Spiel zu sein; denn man sieht sie einander fortwährend jagen und sich necken. Ein leichter, zierlich schwebender Flug voll der künstlichsten, anmutigsten Schwenkungen zeichnet sie aus. Auf frisch beackerten Feldern fallen sie in Herden von Tausenden nieder; auch an einsamen aus den Felsen hervorsprudelnden Quellen sah ich sie oft zahlreich zur Tränke kommen.“ Erst wenn man beobachtet, welche Gegenstände die Alpenkrähe hauptsächlich zu ihrer Nahrung wählt, erkennt man, wie geschickt sie ihren bogenförmigen Schnabel zu verwenden weiß. Nach meinen Erfahrungen ist sie nämlich fast ausschließlich ein Kerbtierfresser, der nur gelegentlich andere Nahrung aufnimmt. Heuschrecken und Spinnentiere, darunter Skorpionen, dürften in Spanien die Hauptmasse ihrer Mahlzeiten bilden, und dieser Tiere weiß sie sich mit größtem Geschicke zu bemächtigen. Sie hebt mit ihrem langen Schnabelkleinere Steine in die Höhe und sucht die darunter versteckten Tiere hervor, bohrt auch, wie die Saatkrähe, nach Kerfen in die Erde oder steckt ihren Schnabel unter größere Steine, deren Gewicht sie nicht bewältigen kann, um hier nach ihrer Lieblingsspeise zu forschen. Während der Brutzeit und der Aufzucht ihrer Jungen plündert sie auch wohl die Nester kleinerer Vögel und schleppt die noch unbehilflichen Jungen ihren hungrigen Kindern zu; im Notfalle nimmt sie sogar Aas an. Die Brutzeit fällt in die ersten Monate des Frühlinges. In Spanien fanden wir Anfang Juli ausgeflogene Junge. Das Nest selbst haben wir nicht untersuchen können; denn auch auf der Iberischen Halbinsel behält die Alpenkrähe die löbliche Gewohnheit bei, die Höhlen unersteiglicher Felsenwände zu dessen Anlage zu wählen. Nach Girtanners Untersuchungen bestehen Ober- und Unterbau nur aus dünnen, nach obenhin immer feiner werdenden Wurzelreisern einer oder sehr weniger Pflanzen; die Nestmulde aber ist mit einem äußerst dichten, festen, nicht unter 6 em dicken Filze ausgekleidet, zu dessen Herstellung annähernd alle Säugetiere des Gebirges ihren Zoll an Haaren lassen mußten. Wollflocken vom Schafe sind mit Ziegen- und Gemsenhaaren, große Büschel weißer Hasenhaare mit solchen des Rindes sorgfältig ineinander verarbeitet worden. „Wo das Nest sich an den Felsen. anschmiegte, ist der Filz noch ziemlich hoch an ihm aufgetürmt worden, um Feuchtigkeit und Kälte möglichst vollkommen von Mutter und Kindern abzuhalten.“ Die 4—5 Eier, die auch in den Hochalpen bereits gegen Ende April vollzählig zu sein pflegen, sind 44 mm lang, 29 mm dick und auf weißlichem oder schmutzig graugelbem Grunde mit hellbraunen Flecken und Punkten gezeichnet. Wie lange die Brutzeit währt, weiß man nicht. Wahrscheinlich brütet das Weibchen allein, während beide Eltern unter großem Geschreie und Gelärme das schwere Geschäft der Auffütterung ihrer Kinder teilen. Letztere verlassen das Nest gegen Ende Juni, werden aber noch längere Zeit von ihren Eltern geleitet und unterrichtet. Auch während der Brutzeit leben die Alpenkrähen in derselben engen Verbindung wie in den übrigen Monaten des Jahres. Sie sind gesellschaftliche Vögel im vollen Sinne des Wortes. Ganz ohne Neckereien geht es freilich nicht ab, und möglicherweise bestehlen sich auch die Genossen eines Verbandes nach bestem Können und Vermögen; dies aber ist.
Rabenart und stört die Eintracht nicht im geringsten. Bei Gefahr steht sich der ganze Schwarm treulich bei, und jeder beweist unter Umständen wirklich erhabenen Mut. So beobachteten wir, daß verwundete Alpenkrähen von den gesunden unter lautem Geschreie umschwärmt wurden, wobei letztere ganz unverkennbar die Absicht bekundeten, den unglücklichen Genossen beizustehen. Eine Alpenkrähe, die wir flügellahm geschossen und aus dem Auge verloren hatten, fanden wir 8 Tage später wieder auf, weil eine Felsenritze, in welcher sie sich versteckt hatte, fortwährend von anderen Mitgliedern der Ansiedelung umschwärmt wurde. Es unterlag für uns kaum einem Zweifel, daß dies nur in der Absicht geschah, die Kranke durch Zutragen von Nahrung zu unterstützen. Als Feinde, die den behenden, klugen und vorsichtigen Vögeln schaden können, zählt Girtanner Wanderfalke, Habicht und Sperber, außerdem aber auch den Turmfalken auf, welch letzterer sich namentlich der Nester gern bemächtigt und um einen Nistplatz oft lange und hartnäckig mit den Alpenkrähen streitet, jedoch auch deren unmündige Junge aus dem Neste hebt. Auch der Uhu mag manche alte, der Fuchs wie der Marder manche junge Alpenkrähe erwürgen. Alle Raben sind anziehende Käfigvögel; kein einziger aber kommt nach meinem Dafürhalten der Alpenkrähe gleich. Sie wird unter einigermaßen sorgsamer Pflege bald ungemein zahm und zutraulich, schließt sich ihrem Pfleger innig an, achtet auf einen ihr beigegebenen Namen, folgt dem Rufe, läßt sich zum Aus- und Einfliegen gewöhnen und schreitet, entsprechend untergebracht und abgewartet, im Käfige auch zur Fortpflanzung. Ihre zierliche Gestalt und lebhafte Schnabel- und Fußfärbung, ihre gefällige Haltung, Lebhaftigkeit und Regsamkeit, Neugierde und Wißbegier, ihr Selbstbewußtsein, Lern- und Nachahmungsvermögen bilden unversiegliche Quellen für fesselnde und belehrende Beobachtung. Mit der Zeit wird sie zu einem Haustiere im besten Sinne des Wortes, unterscheidet Bekannte und Fremde, erwachsene und unerwachsene Leute, nimmt teil an allen Ereignissen, beinahe an den Leiden und Freuden des Hauses, befreundet sich auch mit anderen Haustieren, sammelt allmählich einen Schatz von Erfahrungen, wird immer klüger, freilich auch immer verschlagener und bildet zuletzt ein beachtenswertes Glied der Hausbewohnerschaft. Ihre Haltung ist überaus einfach. Sie nährt sich zwar hauptsächlich von Fleisch, nimmt aber fast alle übrigen Speisen an, die der Mensch genießt. Weißbrot gehört zu ihren Leckerbissen, frischer Käse nicht minder; sie verschmäht aber auch kleine Wirbeltiere nicht, obwohl sie sich längere Zeit abmühen muß, um eine Maus oder einen Vogel zu töten oder zu zerkleinern. Schwache Vögel fällt sie mit großer Wut an, und auch gleich starke, Häher und Dohlen z. B., mißhandelt sie abscheulich. Ihre Zuneigung beschränkt sich auf menschliche Wesen. Die nahe verwandte Alpendohle oder Schneekrähe, Berg- und Steindohle, Schneedachel, Flütäfie und Alpenamsel (Pyrrhocorax, montanus, planiceps und forsythi, Fregilus pyrrhocorax, Abbildung S. 476) unterscheidet sich von der Alpenkrähe durch nur kopflangen und verhältnismäßig stärkeren Schnabel von gelber Färbung sowie amsel-, nicht krähenartiges Gefieder. Dieses ist bei alten Vögeln samtschwarz, bei jungen mattschwarz, der Fuß bei jenen rot, bei diesen gelb. Hinsichtlich der Größe ist zwischen Alpenkrähe und Alpendohle kaum ein Unterschied, und Lebensweise und Betragen sind ebenfalls im wesentlichen dieselben. Auch die Alpendohle verbreitet sich fast über das ganze nördlich altweltliche Gebiet. Sie ist in den Alpen überall gemein, in Spanien ziemlich selten, in Griechenland und Italien häufiger als die Alpenkrähe zu finden, tritt außerdem in Kleinasien, Kaukasien, Persien, Südsibirien und Turkistan auf, bewohnt überhaupt alle Hochgebirge Mittelasiens und lebt im Himalaja bis nach Bhutan nicht minder häufig als die Verwandte. Im Altai