Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
und Parrox in Ostsibirien dasselbe zu hören bekamen, ihnen sogar eine Kiefer, in deren Höhlung ein Paar gebrütet haben sollte, gezeigt wurde; indessen stimmen alle Beobachter, die in Deutschland, Osterreich, Dänemark, Skandinavien und der Schweiz Nester untersuchten, darin überein, daß letztere im dichten Geäste verschiedener Nadelbäume, insbesondere den Fichten, außerdem in Tannen, Arven, Lärchen, in einer Höhe von 4—10 müber dem Boden angelegt werden. Laut Vogel wählt das Paar zum Standorte seines Nestes am liebsten einen freien und sonnigen, also nach Süden oder Südosten gelegenen Berghang und hier auf dem erkorenen Baume Äste nahe am Stamme. Die Baustoffe trägt es oft von weither zusammen. Unter hörbarem Knacken bricht es dünne und dürre, mit Bartflechten behangene Reiser von allen Nadelbaumarten seines Brutgebietes, auch wohl von Eschen und Buchen ab, legt diese lockerer oder dichter zum Unterbaue zusammen, schichtet darauf eine Lage Holzmoder, baut nunmehr die Mulde vollends auf, durchflicht auch wohl die Außenwände, vielleicht der Ausschmückung halber, mit grünen Zweigen und kleidet endlich das Innere mit Bartflechten, Moos, dürren Halmen und Baumbast aus. Unter regelrechten Verhältnissen findet man das volle Gelege um die Mitte des März, im Norden vielleicht erst im Anfange des April. Es besteht aus 3—4 länglich-eirunden, durchschnittlich 34 mm langen, 25 mm dicken Eiern, die auf blaß blaugrünem Grunde mit veilchenfarbenen, grün- und lederbraunen, über die ganze Fläche gleichmäßig verteilten, am stumpfen Ende zuweilen zu einem Kranze zusammenfließenden Flecken gezeichnet sind. Das Weibchen brütet, der frühen Jahreszeit entsprechend, sehr fest und hingebend; das Männchen sorgt für Sicherung und Ernährung der Gattin, welche die ihr gebrachte Atzung, mit den Flügeln freudig zitternd, begierig empfängt. Nach 17 — 19 Tagen sind die Jungen gezeitigt, werden von beiden Eltern mit tierischen und pflanzlichen Stoffen ernährt und mutig beschützt, verlassen etwa 25 Tage nach ihrem Ausschlüpfen das Nest und treiben sich, zunächst noch von den Eltern geführt und geleitet, im dichtesten Walde umher, bis sie selbständig geworden sind und nunmehr die Lebensweise ihrer Eltern führen können. Sie sind, nach Girtanners Beobachtungen, „schon im Neste ganz die Alten in verjüngtem Maßstabe, aber gedrungene, unschöne Gestalten von steifer Haltung. In ihren linkischen, eckigen Bewegungen, besonders aber in ihrem eigentümlichen Zucken mit dem Oberkörper nach hinten erinnern sie am ehesten an junge Spechte. Mit dem Schwanze wippen sie wie Würger. Als Nahrungsruf lassen sie eintöniges Gegilfe hören, zwischen welches sich jedoch bald das verfeinerte Gerätsche der Alten mischt.“ Solange das Weibchen brütet, verhält es sich möglichst lautlos, um das Nest nicht zu verraten, fliegt, gestört und vertrieben, lautlos ab und kehrt ebenso zum Neste zurück, sieht sogar von einem nahestehenden Baume stumm dem Raube seiner Brut zu, vereinigt sich auch nicht mit seinem Männchen, dessen Wandel, Thun und Treiben ebenso heimlich, verborgen, laut- und geräuschlos ist; wenn jedoch die Jungen heranwachsen, geht es lebhafter am Neste her, weil deren Begehrlichkeit durch das auf weithin vernehmliche Geschrei sich äußert und auch die Alten, wenigstens bei herannahender Gefahr, ihrer Sorge durch ängstliches Schnarren Aus-— druck verleihen oder durch heftige Verfolgung aller vorüberfliegenden Raubvögel sich bemerklich machen. Nachdem die Jungen ausgeflogen sind, vereinigen sich mehrere Familien und streifen gesellig umher. Dies geschieht fast immer hastig, unruhig, aber doch mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Der ganze Flug zerstreut sich rasch im Walde, durchfliegt ihn in gerader Richtung, sammelt sich von Zeit zu Zeit auf hohen Bäumen, in Sibirien namentlich auf abgestorbenen Lärchen, und fliegt dann weiter, durch wechselndes Erscheinen und Verschwinden dem Auge eine größere Menge vortäuschend, als wirklich vorhanden ist. Während seiner winterlichen Streifereien wird der Tannenhäher ohne sonderliche Mühe auf dem Vogelherde oder unter geköderten Netzen gefangen. Er gewöhnt sich bald an Käfig
und Gefangenkost, zieht zwar Fleisch allem übrigen Futter vor, nimmt aber mit allen genießbaren Stoffen vorlieb. Ein angenehmer Stubenvogel ist er nicht. Täppisch und etwas unbändig gebärdet er sich, arbeitet und meißelt an den Holzwänden des Käfigs herum und hüpft rastlos von einem Zweige auf den anderen. Mit schwächeren Vögeln darf man ihn nicht zusammensperren; denn seine Mordlust ist so groß, daß er sich schwer abhalten läßt, sie zu überfallen. Er packt dann, wie Naumann beobachtete, sein Schlachtopfer mit dem Schnabel, kneipt ihm das Genick ein, öffnet durch einige Hiebe den Kopf, frißt zuerst das Gehirn und dann alles übrige. Einer fraß sogar Eichhörnchen, ohne daß man diesen vorher das Fell abzustreifen brauchte. Boje und ich haben an einem gefangenen eine Mordlust wahrgenommen, wie solche wohl Falken, kaum aber Raben zeigen. Am anmutigsten erscheint der Vogel, wenn er mit Aufknacken der Nüsse beschäftigt ist. Diese nimmt er geschickt zwischen die Fänge, dreht sie, bis das stumpfe Ende nach oben kommt, und zermeißelt sie rasch, um zu dem Kerne zu gelangen. Er bedarf viel zu seinem Unterhalte und ist fast den ganzen Tag über mit seiner Mahlzeit beschäftigt. Bei uns zu Lande würde der Nußknacker schädlich werden können; in seiner Sommerheimat macht er sich verdient. Ihm hauptsächlich soll man die Vermehrung der Arven danken, er soll es sein, der diese Bäume selbst da anpflanzt, wo weder der Wind noch der Mensch die Samenkörner hinbringen kann. Raben mit verhältnismäßig kurzem, auf dem Firste stark gebogenem Schnabel werden in der Unterfamilie der Schweifkrähen (Dendrocittinae) vereinigt. Die Mitglieder der Unterfamilie verbreiten sich über die warmen Länder der Alten Welt, insbesondere über Südasien, bewohnen die Waldungen und leben im ganzen nach Art unserer Elstern und Häher. * Wohl die bekanntesten Glieder der Gruppe sind die Baumelstern (Dendrocitta), ziemlich große Vögel mit kurzem, zusammengedrücktem, stark gebogenem Schnabel, mäßig starken oder kurzen Füßen, kurzen, sehr gerundeten Flügeln, deren fünfte oder sechste Schwinge am längsten ist, und verlängertem, keilförmigem Schwanze, in welchem die zwei Mittelfedern weit hervorragen. Als Vertreter der Gattung mag die Wanderelster oder der Landstreicher, Kotri,
Maha⸗lat, Chand ꝛc. der Inder (Dendrocitta rufa, vagabunda und pallida, Pica rufa und vagabunda, Crypsirhina rufa, vagabunda und pallida, Temnurus rufus und vagabundus, Lanius und Corvus rufus, Coracias vagabunda und Glaucopis rufa, Abbildung S. 473) gelten. Ihre Länge beträgt 41, die Fittichlänge 15, die Schwanzlänge 26 cm. Kopf, Nacken und Brust sind rußbraun oder schwärzlichbraun, auf dem Vorderkopfe, Kinne und der Brust am dunkelsten, von da an mehr gräulich, die Unterteile von der Brust an rötlich oder fahlgelblich, Schulterfedern, Rücken und obere Schwanzdeckfedern dunkelrötlich, die Flügeldeckfedern und die Außenfahnen der Schwingen zweiter Ordnung lichtgrau, fast weiß, die übrigen Schwingen schwarz, die Steuerfedern aschgrau mit schwarzen End spitzen. Der Schnabel ist schwarz, der Fuß dunkel schieferfarben, das Auge blutrot. Die Wanderelster ist über ganz Indien verbreitet und kommt außerdem in Assam, Tenasserim, China und, nach Adams, auch in Kaschmir, überhaupt im Himalaja, wie Oates anführt, bis zu 2000 m Höhe vor. Sie ist überall häufig, namentlich aber in den waldigen Ebenen ansässig. In den nördlichen Teilen Indiens sieht man sie in jeder Baumgruppe
und in jedem Garten, auch in unmittelbarer Nähe der Dörfer. Sehr selten begegnet man einer einzigen, gewöhnlich einem Paare und dann und wann einer kleinen Gesellschaft. Diese sliegt langsam und in wellenförmigen Linien von Baum zu Baum und durchstreift während des Tages ein ziemlich ausgedehntes Gebiet, ohne sich eigentlich einen Teil davon zum bestimmten Aufenthaltsorte zu erwählen. Auf den Bäumen findet die Wanderelster alles, was sie bedarf; denn sie ernährt sich zuweilen lange Zeit ausschließlich von Baumfrüchten, zu anderen Zeiten aber von Kerbtieren, die auf den Bäumen leben. Die Eingeborenen versichern, daß auch sie Vogelnester ausnehme und nach Würgerart jungen Vögeln nachstelle. Smith beobachtete, daß einer dieser Vögel in den Schattenraum des Hauses flog, hier zunächst junge Pflanzen abbiß und hierauf einen Käfig mit kleinen Vögeln besuchte, die nach und nach sämtlich von ihm getötet und gefressen wurden; Buckland behauptet sogar, daß ein anderer Landstreicher Fledermäuse gejagt habe. Die Brutzeit fällt in die Monate April bis Juli und, wie Oates glaubt, auch noch in spätere Zeit; das Nest wird hoch in dem Wipfel irgend eines stattlichen Baumes von dornigem Gezweige angelegt und mit Gras ausgepolstert. Die Eier, gewöhnlich 5 an der Zahl, sind sehr verschieden gefärbt, lachsfarben bis grünlichweiß und hell braun- oder purpurrot sowie olivenbraun gezeichnet. Von den Indern scheint der schmucke Vogel oft in Gefangenschaft gehalten zu werden, da auch wir ihn nicht selten lebend erhalten. Bei guter Pflege dauert er vortrefflich in der Gefangenschaft aus, wird auch bald sehr zahm. Raben mit Finkenschnabel sind die Gimpelhäher, wie ich sie genannt habe (Brachyprorus), ausgezeichnet durch hohen, seitlich zusammengedrückten, an der Wurzel verbreiterten, auf dem Firste stark gebogenen, in die Stirn einspringenden Schnabel mit großen, runden, frei liegenden Nasenlöchern, sehr kräftige Füße, mittellange Flügel, unter deren Schwingen die dritte und vierte die Spitze bilden, langen, breiten, stark abgerundeten Schwanz und verhältnismäßig hartes, breites, kurzes, glatt anliegendes Gefieder. Der Grauling (Brachyprorus éeinereus, Struthidea und Brachystoma cinerea, Abbildung S. 474) ist fast einfarbig bräunlich-aschgrau; die schmalen Federn auf Kopf, Hals und Brust zeigen etwas hellere Endspitzen; die Schwingen und Flügeldecken sind oliven-, die hinteren Armdecken schwarzbraun wie die Innenfahne der Schwingen, die Schwanzfedern rauchbraun mit metallisch scheinendem Außensaume. Der Augenring ist perlweiß, der Schnabel wie der Fuß schwarz. Die Länge beträgt etwa 30, die Fittichlänge 15, die Schwanzlänge 17 em. Über das Freileben des Graulings, der neuerdings nicht allzu selten in unsere Käfige gelangt und in Gefangenschaft vortrefflich ausdauert, liegen nur dürftige Berichte vor. Gould, der den Vogel als eine der auffallendsten Erscheinungen der gefiederten Welt Australiens ansieht, begegnete ihm im Inneren der südlichen und östlichen Teile des Erdteiles und zwar in Nadelwaldungen, meist in Gesellschaften von 3—4 Stück, die namentlich in den Wipfelzweigen rasch und ruhelos umherhüpften, von Zeit zu Zeit die Flügel breiteten und dabei rauhe, ungefällige Töne ausstießen, im ganzen aber sich nach Rabenart benahmen und von Kerbtieren ernährten. Das Nest fand Gilbert in einem kleinen Buschgehölze, auf dem wagerechten Zweige eines Baumes aufgeklebt. Es besteht aus Schlamm, ist innen mit Gras ausgelegt und enthält 4 etwa 30 mm lange und 22 mm breite, auf weißem Grunde mit rötlichbraunen, purpurbraunen und kleinen grauen Flecken, namentlich am dickeren Ende, bedeckte Eier.
Wanderelster. Grauling. Gefangene Vögel dieser Art, die ich längere Zeit pflegte, gaben mir Gelegenheit, eingehendere Beobachtungen anzustellen. Selbst unter Raben fallen die Graulinge durch ihre außerordentliche Beweglichkeit und Rastlosigkeit auf. Hinsichtlich der ersteren erinnern sie in mancher Beziehung an die Häher, springen aber leichter und bewegen auch die — Flügel kräftiger als diese. Ihre Stellung ist sehr verschieden, eine besondere Lieblingsstellung von ihnen diejenige, welche unser Zeichner dem Leben abgelauscht und vortrefflich
Wanderelster (Doudrocitta rufa).
½ natürl. Größe.
wiedergegeben hat. Die Stimmlaute, die zwischen Krächzen und Seufzen ungefähr in der Mitte liegen, wie sich während der Paarungszeit leicht beobachten läßt, sind vielfacher Vertönung fähig. Gesellig, verträglich und friedfertig, bekümmern sich die Graulinge um andere Vögel, die denselben Raum mit ihnen teilen, so lange nicht, als diese sie selbst in Ruhe lassen; während der Brutzeit aber ändert sich ihr Wesen insofern, als sie jede Annäherung irgend eines Vogels an das Nest sofort zurückweisen. Bei dieser Gelegenheit zeigen sie sich als ebenso mutige wie kampffähige Gegner und gebrauchen nicht allein den Schnabel, sondern auch die Klauen in gefährlicher Weise. Je abstoßender nach außen, um so zärtlicher benehmen sich die Gatten gegeneinander. Die sonst so rauhen Laute des Männchens gewinnen nun, wenn es sich liebebegehrend dem Weibchen naht, eine Sanftheit und Gefälligkeit, die man ihm nie zugemutet haben würde, und seine Liebeswerbungen werden aus dem Grunde besonders anmutig, als es das Weibchen mit zierlichen Schritten umgeht und zeitweilig mit einem Flügel förmlich überdeckt. Währenddem beginnt auch der Bau des Nestes, der, wie mir scheinen wollte, vom Weibchen allein ausgeführt wird. Nachdem sich dieses für einen mehr oder minder wagerecht verlaufenden, nicht allzu schwachen Ast und eine bestimmte Stelle auf ihm entschieden
hat, beginnt es, dessen Oberfläche mit Lehm zu bestreichen, bringt letzteren klümpchenweise herbei, befeuchtet ihn mit Speichel, durchknetet ihn sehr sorgfältig und trägt ihn endlich langsam auf; denn es wartet wie andere Kleibevögel stets so lange, bis eine Schicht vollkommen trocken geworden ist. Um die Unterlage des Nestes herzustellen, wird zuerst eine länglichrunde, wagerecht liegende Scheibe zu beiden Seiten des Astes in Angriff genommen und auf dieser sodann allmählich die Mulde aufgebaut, bis das ganze Nest die Gestalt eines