All public Sources
Public document

Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
AskTalkView media
Reading progressPage 108 of 178

Schopfhäher (Cyanocitta eristata). ½ natürl. Größealle Nester aus, die er finden kann, frißt die Eier und die Jungen auf und greift sogar verwundete Vögel von bedeutender Größe oder wehrhafte Säugetiere an. Alle Arten von kleinen Säugetieren und Vögeln, alle Kerbtiere, Sämereien und dergleichen bilden seine Nahrung. Er ist, wie Audubon sagt, listig im höchsten Grade, verschlagen und tückisch, aber mehr herrschsüchtig als mutig, bedroht die Schwachen, fürchtet die Starken und flieht selbst vor gleich Starken. Deshalb hassen ihn denn auch die meisten Vögel und beweisen große Angst, wenn er sich ihren Nestern nähert. Drosseln und dergleichen vertreiben ihn, wenn sie ihn gewahren; er aber benutzt ihre Abwesenheit, stiehlt sich sacht herbei und frißt die

Eier oder zerfleischt die Jungen. „Ich habe ihn“, sagt Audubon, „einen ganzen Tag lang von einem Neste zum anderen fliegen sehen und beobachtet, daß er sie mit derselben Regelmäßigkeit besuchte wie ein Arzt, der von einem seiner Kranken zu dem anderen geht. Dies geschah einzig und allein in der Absicht, um die Eier auszutrinken. Auf junge Küchlein wagte er wiederholte Angriffe, ward aber von der Glucke zurückgescheucht.“ Im Herbste erscheint er scharenweise auf Ahornen, Eichen und anderen Früchte tragenden Bäumen, frißt sich dort satt und trägt auch wohl Massen der Körner oder Eicheln an bestimmten Plätzen zusammen, in der Absicht, im Winter von ihnen zu schmausen. Dabei befördert er allerdings die Besamung der Wälder; doch ist dieser Nutzen wohl kaum hoch anzuschlagen. Je nach der Gegend brütet er ein- oder zweimal im Jahre. Sein Nest wird aus Zweigen und anderen dürren Stoffen aufgebaut und innen mit zarten Wurzeln ausgelegt. Das Gelege bilden 4—5 Eier, die etwa 30 mm lang, 22 mm dick und auf olivenbraunem Grunde mit dunkeln Flecken bezeichnet sind. Das Männchen hütet sich, während das Weibchen brütet, das Nest zu verraten, ist still und lautlos und macht seine Besuche so heimlich wie möglich. Die Jungen werden vorzugsweise mit Kerbtieren groß gefüttert. Jung aus dem Neste genommene Blauhäher werden bald zahm, müssen jedoch abgesondert im Gebauer gehalten werden, weil sie andere Vögel blutgierig überfallen und töten. Ein Gefangener, der in einem Gesellschaftskäfige lebte, vernichtete nach und nach die sämtliche Mitbewohnerschaft. Auch alte Vögel dieser Art gewöhnen sich leicht an den Verlust ihrer Freiheit. Audubon erzählt, daß er einmal gegen 30 Stück habe fangen lassen, in der Absicht, sie mit sich nach Europa zu nehmen und ihnen hier die Freiheit zu geben. Die Vögel wurden in gewöhnlichen Fallen, die mit Mais geködert waren, berückt und dem Forscher gebracht, sobald sie sich gefangen hatten. Audubon steckte die ganze Gesellschaft in einen Käfig. Der zuletzt gekommene pflegte sich erschreckt und vorsichtig in eine Ecke zu drücken und verweilte gewöhnlich in dieser Stellung während des ersten Tages still und ruhig mit einem ihm sonst völlig fremden Ausdrucke von Dummheit; die anderen rannten neben ihm dahin und über ihn weg, ohne daß er sich rührte. Nahrungsmittel, die man ihm vorhielt, beachtete er kaum. Berührte man ihn mit der Hand, so kauerte er sich nieder und blieb nun regungslos auf dem Boden hocken. Der nächste Tag änderte jedoch ein derartiges Benehmen; dann war auch der frisch gefangene wieder vollständig Häher, nahm seinen Maiskolben, hielt ihn hübsch zwischen den Füßen, hämmerte mit seinem Schnabel darauf, spaltete die Hülse, um zu den Körnern zu gelangen, und bewegte sich so ungezwungen wie möglich. Als der Käfig wohl besetzt war, gewährte das beständige Hämmern der Vögel erheiternde Unterhaltung. Es war, wie Audubon sagt, als ob eine Menge Schmiede beschäftigt wären. Außer dem Maise fraßen die Blauhäher übrigens auch Früchte aller Art und mit besonderem Wohlbehagen frisches Fleisch. Unter sich waren sie verträglich und überhaupt recht liebenswürdige Gesellen. Dann und wann erhob einer einen Lärmschrei, und dieser erregte auch unter den übrigen einen ebenso großen Aufruhr wie unter Umständen draußen im Walde. Audubon erreichte seinen Zweck, unsere europäischen Wälder mit Blauhähern zu bevölkern, nicht. Seine Vögel überstanden die Reise vortrefflich, bekamen zuletzt aber kleine Schmarotzer in solcher Menge, daß sie daran, aller Gegenmittel ungeachtet, zu Grunde gingen. So brachte er nur einen einzigen nach London. In der Neuzeit kommt der Blauhäher öfter nach Europa und ist deshalb fast in jedem Tiergarten eine regelmäßige Erscheinung. Bis jetzt aber hat sich noch niemand gefunden, der Audubons Vorsatz ausgeführt und einige Vögel dieser Art in unseren Wäldern freigelassen hätte. Sicherlich würden sie diesen einen großen Schmuck verleihen; Verdienste aber um die Wälder dürften sie sich ebensowenig erringen wie ihr europäischer Vertreter.

Die größeren Falkenarten und wahrscheinlich auch mehrere Eulen Amerikas sind schlimme Feinde des Blauhähers. Mit dem kleinen Sperlingsfalken balgt er sich, wie Gerhardt berichtet, fortwährend herum; doch sollen seine Kämpfe mit diesen gewandten Räubern und mit den Sperbern unblutig sein, also mehr des Spieles wegen geschehen. Nach Gerhardts Meinung ist bald der Falke, bald der Häher der angreifende Teil.

Im Hochlande Mexikos vertritt den Blauhäher der vielleicht noch schönere Diademhäher (Cyanocitta diademata, Cyanogarrulus, Lophocorax und Cyanurus diadematus), der sich besonders durch seine hohe, aufrichtbare Haube auszeichnet. Kopf und Haube sind ultramarinblau, der Vorderkopf silbern kobaltblau, der Vorderteil der Haube lebhaft blau, die Nasenfedern, der Zügel und die Kopfseiten schwarz, die Wangen und Ohrdecken bläulich verwaschen, ein Brauenflecken über und ein kleinerer runder unter den Augen weiß, die Oberteile im allgemeinen grünlichblau, auf dem Unterrücken und den oberen Schwanzdeckfedern lebhafter und mehr kobaltblau, die Kinnfedern gräulichweiß, die übrigen Unterteile licht kobaltblau, auf Kehle und Brust purpurblau, die Flügel tiefer blau als der Rücken, die Handschwingen außen licht grünblau gesäumt, alle größeren Deckfedern und ebenso die Armschwingen und die tiefblauen Schwanzfedern dicht schwarz gebändert. Das Auge ist braun, der Schnabel wie der Fuß schwarz. Die Länge beträgt etwa 29, die Fittichlänge wie die Schwanzlänge 14 em. Über die Lebensweise liegen verschiedene Berichte vor; da die amerikanischen Vogelkundigen jedoch Formen, die wir als Arten auffassen, nur als Abarten bezeichnen, läßt sich nicht immer mit Sicherheit bestimmen, welche der fünf verwandten Haubenhäher sie meinen. Im allgemeinen geht aus ihren Schilderungen hervor, daß die Vögel da, wo sie leben, häufig auftreten, wenig scheu, geschwätzig und im höchsten Grade neugierig sind, daher zur Belebung der Waldungen wesentlich beitragen, zumal sie nach Häherart die Stimmen der verschiedensten Vögel nachahmen und einzelne Teile aus den Liedern aller mit ihnen zusammenwohnenden gefiederten Waldbewohner zum besten geben. Während des Sommers verlassen sie den Wald nicht, im Winter dagegen besuchen sie die Nähe der Häuser und spähen mit Diebesgelüsten nach allem für sie Genießbaren umher, bewahren bei ihren Raubzügen auch, ganz gegen sonstige Gewohnheit, tiefes Stillschweigen, gerade als ob sie sich der Gefahr ihrer Unternehmungen bewußt wären. Im Walde dagegen schweigen sie selten und teilen eine Entdeckung, die ihre ununterbrochene Neugier sie machen ließ, der ganzen Welt durch lautes Geschrei mit, folgen auch dem Wanderer, der ihre vom Menschen noch wenig heimgesuchten Wildnisse betritt, auf weithin, als ob sie dessen Thun und Treiben auf das genaueste beobachten wollten. Coues, der sie vielfach beobachtete, spricht ihnen alle Bescheidenheit und Zurückhaltung, die kleine Vögel bekunden, gänzlich ab und nennt sie Strolche, die für jede Art von Abenteuern, gleichviel, ob solche ihnen Beute oder nur Vergnügen einbringen, gefahrlos oder mit Gefahr verbunden sind, stets bereit erscheinen. Zuweilen ziehen sie einzeln, in der Regel aber in Gesellschaft gleichgearteter Genossen auf diebische Unternehmungen aus, unterstützen sich gegenseitig und nehmen dabei mit, was sie erlangen können. Bei einer solchen Gelegenheit beobachtete Coues einen Trupp, der auf seinem Kriegspfade durch einen dicht verwachsenen Busch zu der Hoffnung angeregt sein mochte, in ihm ein Vogelnest mit Eiern oder sonst etwas Passendes für den allezeit fertigen Schnabel oder wenigstens einen Gegenstand der Unterhaltung zu finden. Zum allergrößten Vergnügen entdeckte die Gesellschaft eine kleine Eule, die dieses Versteck gewählt hatte, um in ihm geschlossenen Auges der Ruhe und Verdauung zu pflegen. Unsäglicher Lärm erhob sich, und entsetzt entflohen alle kleineren Vögel, während die Bande, vielleicht ⸗ꝛ⁴t....

in Erinnerung an irgend eine vom Geschlechte der Eulen dem ihrigen zugefügte Übelthat, den hilflosen, verdutzten Nachtvogel anschrie, dieser aber, das Gefieder sträubend, mit dem Schnabel knappend, fauchend und den Kopf rundum drehend, die Häher zu schrecken suchte. Letztere aber wurden kühner und zudringlicher, bis endlich das Opfer ihrer Angriffe sein Heil in der Flucht suchte und einem benachbarten Wacholdergebüsche zueilte, in der Hoffnung, 464 ö Erste Ordnung: Baumpögel; siebzehnte Familie: Raben.

Diademhäher (Cyanocitta diademata). / natürl. Größe.

sich hier zu verbergen. Sofort flogen alle Häher hinterdrein, und wahrscheinlich wäre der Streit nicht zum Vorteile der Eule ausgefallen, hätte der Beobachter nicht zunächst die letztere und sodann vier von den zudringlichen Hähern erlegt. Der Diademhäher frißt alles, was genießbar ist, vom Eie, jungen oder kleinen Vogel an bis zum Kerbtiere herunter, der Hauptsache nach aber doch die verschiedensten Pflanzenstoffe, harte Ba4umsamen ebensowohl wie Früchte und Beeren. Im Gebirge scheinen die Samen der Nadelbäume einen nicht unbeträchtlichen Teil seiner Mahlzeiten auszumachen, wenigstens sah ihn Coues sehr häufig an den Zapfen arbeiten; ebenso oft begegnet man ihm auch in den Eichenwaldungen oder in Wacholdergebüschen, auf Ahornbäumen oder

Beerengesträuchen ꝛc. Wo er sich aber auch zeigen möge: von sämtlichem kleinen Geflügel gehaßt und gefürchtet ist er überall. Doch auch er hat seine Feinde. Alle die kleinen Tyrannen und Fliegenfänger, ja selbst die Spechte greifen ihn an und suchen ihn in die Flucht zu schlagen. Der Mensch verfolgt ihn selten und vielleicht niemals mit Eifer und Haß; denn seine Farbenschönheit, die Zierlichkeit seiner Zeichnung, die Lebendigkeit seines Wesens gewinnen ihm mehr Freunde, als er verdient. Unter den Goldgräbern und anderen Bergleuten auf eigne Faust hat er meist nur gute Freunde. Seine Allgegenwart unterhält, seine Erscheinung und sein Auftreten erfreut diese von der übrigen Welt abgeschlossenen Leute, und seine neugierige Zudringlichkeit rechtfertigt die Schonung, die man ihm zu teil werden läßt, kirrt ihn aber mit der Zeit so, daß er vor der Hütte des Goldgräbers sich einfindet, um wegzunehmen, was ihm an Nahrung gereicht wird. Zudem will seine Jagd geübt sein. Ihm blindlings zu folgen, wäre vergeblich; geduldiges Lauern oder Erregen seiner maßlosen Neugier führt eher zum Ziele. Über das Fortpflanzungsgeschäft finde ich keine Angabe; nur die Eier werden beschrieben. Sie sind etwa 34 mm lang, 23 mm breit und auf blaß und düster bläulichgrünem Grunde mehr oder minder dicht, gewöhnlich gleichmäßig mit kleinen oliven- und lichterbraunen Flecken gezeichnet. Gefangene, die ich gesehen habe, unterscheiden sich nicht von ihren nächsten Verwandten. * In Süd- und Mittelspanien tritt eine Art der Blauelstern (OCyanopolius), die

Spanische Blauelster (Cyanopolius cookii, Pica, Cyanopica und Dolometis cookii), unter den europäischen Vögeln zu den schönsten gehörig, auf. Kopf und der obere Teil des Nackens sind samtschwarz, Rücken und Mantel blaß bräunlichgrau, Kehle und Wangen grauweiß, die Unterteile licht fahlgrau, Flügel und Schwanz licht blaugrau, die Handschwingen außen weiß gesäumt. Das Auge ist kaffeebraun, Schnabel und Füße sind schwarz. Die Länge beträgt 36, die Breite 42, die Fittichlänge 14, die Schwanzlänge 21 em. Das Weibchen ist um 3 em kürzer und ein wenig schmäler. Bei den Jungen sind alle Farben matter; das Schwarz des Kopfes und das Blau der Schwung- und Steuerfedern ist unscheinbar, das Grau des Unterkörpers unrein und der Flügel durch zwei graue, wenig in die Augen fallende Binden gezeichnet. Man begegnet der Blauelster in allen Teilen Süd- und Mittelspaniens, da, wo die immergrüne Eiche zusammenhängende Waldungen bildet. Sie ist fast undenkbar ohne diesen Baum, dessen dichte Krone ihr Obdach und Schutz gewährt, dessen dunkles Laub sie trotz ihres Prachtgewandes versteckt und dem Auge entzieht. Deshalb auch wird sie da, wo diese Eiche nur vereinzelt auftritt, nicht gefunden: in den östlichen Provinzen fehlt sie gänzlich, und nach Norden hin reicht sie nicht über Kastilien hinaus. In Nordwestafrika, namentlich in Marokko, lebt sie ebenfalls; in Ostsibirien wird sie durch eine nahe verwandte Art (Cyanopolius cyanus) vertreten. Wo sie vorkommt, ist sie häufig. Sie ist gesellig und stets zu zahlreichen Banden vereinigt; aber sie meidet die Nähe des Menschen und findet sich daher nur ausnahmsweise in der Nähe von bewohnten Gebäuden. Dagegen besucht sie sehr oft, hauptsächlich des Pferdemistes halber, die Straßen. In ihrem Betragen ähnelt sie der gemeinen Elster sehr. Sie geht und fliegt, ist klug und vorsichtig und leistet im Verhältnis zu ihrer Größe dasselbe wie diese. Ihre Stimme aber ist ganz verschieden von der unserer Elster; sie klingt ungefähr wie „krrih“ oder „prrih“, langgezogen und abgebrochen, und wenn der Vogel schwatzt, wie „elikklikklikkli“, dem heiteren Rufe des Grünspechtes entfernt ähnlich. Verfolgt, benimmt sich die Blauelster wie der Häher' sie verläßt das Gebiet nicht, hält sich aber immer außerhalb Schußweite, fliegt von Baum zu Baum, zeigt Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 30

Continue reading
Page 108 of 178