Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
Bei seinen Ausflügen nach einzeln stehenden Eichbäumen fällt er dem Wanderfalken zur Beute. Nachts bedroht ihn der Uhu und vielleicht auch der Waldkauz; das Nest endlich wird durch den Baummarder geplündert. Andere gefährliche Gegner scheint der wehrhafte Gesell nicht zu haben; der Bestand der Häher vermehrt sich in besorgniserregender Weise. Wettergestählt und nicht wählerisch in seiner Nahrung, klug, listig und verschmitzt, hat der Vogel ohnehin wenig zu leiden. Vierfüßige Raubtiere entdeckt er gewöhnlich eher, als sie ihn, und verleidet ihnen durch fortwährendes Verfolgen und fürchterliches Schreien oft genug die Jagd. Dem Menschen gegenüber zeigt er sich stets vorsichtig und, wenn er einmal verscheucht wurde, ungemein scheu, foppt auch den Jäger nach Herzenslust und ärgert ihn, weil er andere Tiere vor ihm warnt. So sind leider alle Bedingungen für seine stetige Vermehrung gegeben. Der Fang ist Sache des Zufalles. Einer oder der andere nascht von den Beeren auf Vogelherden oder in Dohnenstegen und kommt dabei lebend in die Gewalt des Menschen; die Mehrzahl aber, die man in Gefangenschaft sieht, wurde jung aus dem Neste genommen. An alt eingefangenen hat man wenig Freude, weil sie selten zahm werden; jung aufgezogene hingegen können ihrem Besitzer viel Vergnügen gewähren. Auch sie lernen unter Umständen einige Worte nachplaudern, öfters kurze Weisen nachpfeifen. Daß sie im Gesellschaftsbauer nicht geduldet werden dürfen, braucht kaum erwähnt zu werden; denn ihre Raubsucht verleugnen sie nie. An der nördlichen und östlichen Grenze des Verbreitungskreises unseres Eichelhähers beginnt das Wohngebiet des Unglückshähers (Garrulus infaustus, Perisoreus in-taustus, Pica infausta, Corvus infaustus, russicus und sibiricus, Lanius infaustus, Abbildung S. 458). Von dem vorstehend beschriebenen Verwandten unterscheiden ihn vor allem der sehr schlanke, auf dem Firste bis gegen die Spitze hin gerade, vor ihr sanft abwärts, längs der Dillenkante stärker gebogene, vor der Spitze schwach gezahnte Schnabel, sodann der kurzläufige Fuß, der etwas gesteigerte Schwanz und das sehr weiche, strahlige, auf dem Kopfe nicht verlängerte Gefieder. Letzteres ist auf Oberkopf und Nacken rußbraun, auf Rücken und Mantel düster bleigrau, auf Hinterrücken und Bürzel fuchsrot, auf Kinn, Kehle und Brust schwach grünlichgrau, auf Bauch und Steiß rötlich; die Federn, welche die Nasenlöcher decken, sind schmutzig gelbbraun, die Schwingen innen rußbraun, außen bräunlichgrau, an der Wurzel meist rötlich, die größeren Flügeldeckfedern mehr oder minder vollständig lebhaft rotbraun, die kleinen Deckfedern bräunlichgrau, die Steuerfedern, mit Ausnahme der beiden mittleren bleigrauen, lebhaft fuchsrot, die beiden Paare zunächst der Mittelfedern an der Spitze bleigrau. Das Auge ist dunkelbraun, der Schnabel wie der Fuß schwarz Die Länge beträgt 31, die Breite 47, die Fittich- wie die Schwanzlänge 14 em. Das Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Finnmarken bis zur Insel Sachalin und von der nördlichen Baumgrenze bis zum 60. Breitengrade, in Sibirien wohl noch etwas weiter nach Süden hinab. Von hier aus besucht er dann und wann niedere Breiten und hat sich bei dieser Gelegenheit wiederholt auch in Deutschland eingefunden. Innerhalb seines Wohngebietes ist er nicht gerade selten, kaum irgendwo aber so häufig wie unser Häher. In den Waldungen zu beiden Seiten des unteren Ob kann er keine seltene Erscheinung sein, da wir ihm bei unserem flüchtigen Durchstreifen der Gegend mehrere Male begegneten. Seinen Aufenthalt scheint er besonders da zu nehmen, wo die Bäume sehr dicht und auf feuchtem Grunde stehen, auch mit langen Bartflechten behangen sind. Hier macht sich der Vogel durch seinen Ruf bald bemerklich. Paarweise oder in kleinen Gesellschaften durchzieht er den Wald, durchsucht rasch die Bäume und fliegt weiter. Sein Betragen ist höchst anmutig, aber mehr dem eines Häherlinges als dem unseres Hähers ähnelnd, der Flug von dem des letztgenannten gänzlich verschieden, ungemein leicht
und sanst, meist gleitend, wobei die roten Schwanz- und Flügelfedern sehr zur Geltung kommen. Weite Strecken durchmißt auch der Unglückshäher nicht, fliegt vielmehr, soviel ich habe beobachten können, immer nur von einem Baume zum anderen oder höchstens über eine Lichtung hinweg dem nächsten dichten Bestande zu. Im Gezweige hüpft er mit jedesmaliger Zuhilfenahme der Flügel überaus rasch und gewandt umher, indem er entweder mit weiten
Nußknacker (Nucifraga caryocatactes) und Unglückshäher (Garrulus infaustus). ½ natürl. Größe.
Sprüngen auf und nieder klettert, oder aber förmlich rutschend längs eines Zweiges dahinläuft; geschickt hängt er sich auch, obschon meist in schiefer Richtung zur Längsachse des Baumes, nach Art eines Spechtes an die Stämme, um hier etwas auszuspähen. Auf dem Boden habe ich ihn nur ein einziges Mal gesehen, als eine kleine Gesellschaft am Waldrande an dem steil abfallenden Ufer erschienen war. Aber auch hier hing er sich an die fast senkrechte Wand, arbeitete ein wenig mit dem Schnabel und flog sodann wiederum zum nächsten Baume auf. Der Lockton ist ein klangvolles „Güb güb“; laute, kreischende Laute vernahm ich nur von verwundeten, die jammervoll klagenden, die ihm zu seinem Namen verholfen haben, dagegen niemals.
Beide Gatten eines Paares wie auch die Glieder eines Trupps hängen treu aneinander. Das erste Männchen, welches ich schoß, nachdem ich das Weibchen gefehlt, fiel flügellahm vom Baume herab und erhob, als ich es aufnehmen wollte, ein ziemlich lautes, wie „gräe geräe“ klingendes Kreischen. Sofort eilte das Weibchen, beständig lockend, herbei, setzte sich in meiner unmittelbaren Nähe auf einen Baum, kam aber, als ich den schreienden Gefährten ergriffen hatte, bis auf 2 mean mich heran, lockte fortwährend und verharrte so zäh in der Nähe seines unglücklichen Genossen, daß ich diesen endlich wieder auf den Boden werfen mußte, um zurückgehend die richtige Entfernung zum Schusse nehmen zu können; anderenfalls würde ich es in Fetzen zerschossen haben. Als aus der bereits erwähnten Gesellschaft einer erlegt wurde, kamen alle übrigen sofort zur Stelle, um sich über das Schicksal ihres Gefährten zu vergewissern, und verließen erst, nachdem noch ein zweiter Schuß gefallen war, den Unglücksort. Von anderen Beobachtern, die weit mehr Gelegenheit zur Beobachtung des Vogels hatten als ich während unserer eiligen Reise durch Westsibirien, erfahren wir wenig mehr als genaue Angaben über das Vorkommen; alle aber stimmen darin überein, daß sie den Unglückshäher als einen überaus zutraulichen und neugierigen Gesellen bezeichnen. Nilsson behauptet, daß er Holzmachern zuweilen auf den Hut fliege; Schrader erzählt, daß er mit den Renntierlappen auf vertrautestem Fuße lebe und sie oder ihre Herden zu den Ruheplätzen geleite, die harmlosen Hirten aber bestimmt vom Jäger unterscheide. Am eingehendsten berichten Wolley über Fortpflanzung und Gefangenleben, Sommerfelt, Collet und Sundström über die Nahrung. Hinsichtlich letzterer erweist sich unser Vogel als echter Häher, weil Allesfresser im vollsten Sinne des Wortes. Im Herbste und Winter bilden Beeren und Sämereien, namentlich solche der Arve und anderer Nadelholzbäume, wohl den Hauptteil seiner Mahlzeiten. Die von uns erlegten Unglückshäher hatten fast ausschließlich Beeren und Kerbtierreste im Ma-— gen. Später, wenn hoher Schnee die Beerengesträuche verdeckt, nimmt er zu den Nadelholzzapfen seine Zuflucht. Er klettert wie eine Meise im Gezweige herum, zerbricht die Zapfen auf einem stärkeren Aste und hämmert und klaubt die Samen heraus. Gegen den Winter hin legt er sich Vorratskämmerchen an und speichert in ihnen oft eine Menge von Körnern auf, muß aber freilich häufig genug erfahren, daß Eichhörnchen und Mäuse oder Spechte und Meisen seine Schätze plündern. Während der Brutzeit des Kleingeflügels wird er zu einem ebenso grausamen Nesträuber wie der Eichelhäher, verzehrt auch erwachsene kleine Vögel und kleine Säugetiere, die er erlangen kann, frißt von dem zum Trocknen auf—⸗ gehängten Renntierfleische oder den in Schlingen gefangenen Rauchfußhühnern, soll sogar Aas angehen. Nordvy teilte mir mit, daß der Unglückshäher, der am Varanger Fjord nicht selten ist, bereits im März zum Nestbaue schreite, spätestens aber im April brüte. Das Nest, das er mir gab, war ein großer Bau, welcher äußerlich aus Reisern, Gräsern, Moos und dürren Flechten bestand, innen aber eine außerordentlich dichte Lage von Haaren und vor allem von Schneehuhnfedern enthielt, die eine ebenso weiche wie warme Nestmulde bildeten. Alle Nester, die durch Wolleys Jäger gesammelt wurden, standen auf Fichten, nahe am Stamme und meist so niedrig, daß man sie vom Boden aus mit der Hand erreichen konnte. Die 3—5 Eier sind etwa 31 mm lang, 21 mm dick und auf schmutzigweißem bis blaß grünlichweißem Grunde mit rötlichgrauen Schalen- und lichter oder dunkler braunen Oberflecken verschiedener Größe gezeichnet. Beide Eltern lieben ihre Brut sehr, verhalten sich am Neste ganz still, um es nicht zu verraten, und suchen bei Gefahr durch Verstellung den Feind zu täuschen und abzulenken, hüpfen oder gaukeln auf dem Boden dahin, als ob ihre Flügel gelähmt wären und sie so leicht eine Beute des Jägers werden könnten, führen diesen dann
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ein Stück fort, heben sich plötzlich auf und fliegen davon, um im weiten Bogen zu den Jungen zurückzukehren. Wolleys Leute fanden um die Mitte des Mai in den meisten Nestern mehr oder weniger erwachsene Junge. Eine Brut, die sie in einen Käfig setzten, um sie von den Alten auffüttern zu lassen, wurde von diesen befreit, indem die klugen Vögel den Verschluß des Bauers öffneten. Nach mancherlei Mühen gelang es Wolley, fünf lebende Unglückshäher zu erhalten und glücklich nach London zu bringen. Sie mit Schlingen zu fangen, verursachte keinerlei, die Eingewöhnung im Käfige um so mehr Schwierigkeiten. Lebhaftere und listigere Vögel als sie, kann es, wie der Genannte glaubt, nicht geben; die gefangenen erregten überall Bewunderung. Ihre weittönenden und mannigfaltigen Stimmlaute hielten alle Buben in beständiger Aufregung. Die Knaben versuchten die Stimmlaute der Häher nachzuahmen, und diese antworteten wiederum jenen. Nachbarn und Wohlfahrtsbeamte erwiesen sich duldsam, weil auch sie durch die Vögel unterhalten wurden. Leider lebten letztere nicht lange. Der Nordhälfte Amerikas gehören die Blauhäher (Cyanocitta) an. Ihr Leib ist schlank, der Schnabel kurz, stark, kaum gewölbt und spitzig, der Flügel kurz, in ihm die vierte und fünfte Schwinge länger als alle übrigen, der Schwanz lang und stark abgerundet, das Gefieder weich, sanft und glänzend, das Kopfgefieder zu einer Haube verlängert.
Die bekannteste Art der wenig artenreichen Gattung ist der Schopfhäher (Oyanoceitta cristata, Pica eristata, Corvus, Garrulus, Cyanurus, Cyanocorax und Cyanogarrulus cristatus). Das Gefieder der Oberseite ist der Hauptfarbe nach glänzend blau; die Schwanzfedern sind durch schmale dunkle Bänder und die Flügelfedern durch einzelne schwarze Endflecken gezeichnet, die Enden der Armschwingen, der größeren Flügeldeckfedern und die seitlichen Schwanzfedern aber wie die Unterseite von der Brust an weiß oder grauweiß gefärbt, die Kopfseiten blaßblau, ein ringförmiges Band, das vom Hinterkopfe an über den Augen weg nach dem Oberhals verläuft, und ein schmales Stirnband, das sich zügel—⸗ artig nach den Augen zu verlängert, tiefschwarz. Das Auge ist graubraun, der Schnabel und die Füße sind schwarzbraun. Die Länge beträgt 28, die Breite 41, die Fittichlänge 14, die Schwanzlänge 13 em. Alle Naturforscher stimmen darin überein, daß der Schopfhäher, der Blue Jay, wie die Amerikaner ihn nennen, eine Zierde der nordamerikanischen Waldungen ist. Demungeachtet hat sich der Vogel wenige Freunde erwerben können. Er ist allerwärts bekannt und überall gemein, in den meisten Gegenden Standvogel, nur in den nördlichen Staaten Strichoder Wandervogel. Sein Leben ist mehr oder weniger das unseres Eichelhähers. Er bevorzugt die dichten und mittelhohen Wälder, ohne jedoch die hochstämmigen zu meiden, kommt gelegentlich in die Fruchtgärten herein, schweift beständig von einem Orte zum anderen, ist auf alles aufmerksam, warnt durch lautes Schreien andere Vögel und selbst Säugetiere, ahmt verschiedene Stimmen nach, raubt nach Verhältnis seiner Größe im weitesten Umfange, kurz ist in jeder Hinsicht ebenbürtiger Vertreter seines deutschen Verwandten. Die amerikanischen Forscher geben ausführliche Nachrichten über seine Lebensweise und teilen manche ergötzliche Geschichte mit. Wilson nennt ihn den Trompeter unter den Vögeln, weil er, sobald er etwas Verdächtiges sieht, unter den sonderbarsten Bewegungen aus vollem Halse schreit und alle anderen Vögel dadurch warnt. Sein Geschrei klingt, nach Gerhardt, wie „titullihtu“ und „göckgöck“; der gewöhnliche Ruf ist ein schallendes „Käh“. Gerhardt erwähnt, daß er die Stimme des rotschwänzigen Bussards, Audubon, daß er den Schrei des Sperlingsfalken aufs täuschendste nachahme und alle kleinen Vögel der
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Nachbarschaft dadurch erschrecke, daß er ferner, wenn er einen Fuchs, einen Waschbär oder ein anderes Raubtier entdeckt hat, dieses Ereignis der ganzen Vogelwelt anzeige, jeden anderen Häher der Nachbarschaft und alle Krähen herbeirufe und dadurch die Raubtiere aufs äußerste ärgere. Eulen plagt er so, daß sie möglichst eilig ihr Heil in der Flucht suchen müssen. Dagegen ist er selbst ein sehr gefräßiger und schädlicher Raubvogel, plündert rücksichtslos