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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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sic) fortwährend, läßt sich aber niemals nahe genug kommen. Ihre Jagd verursacht des: halb besondere Schwierigkeiten, und diese wachsen, sobald sie einmal mißtrauisch geworden ist. Überhaupt zeigt sie etwas außerordentlich Unstetes. Sie ist thatsächlich keinen Augen-bli ruhig, sondern fortwährend in Bewegung. Ein Flug dieser anmutigen Vögel durchsucht und durchstöbert das ganze Gebiet, das er beherrscht. Einige sind auf dem Boden, andere in den dichten Wipfeln der Eichen, diese in niedrigen, jene in hohen Gebüschen beschäftigt. Auf freien Pläten zeigt sich die Gesellschaft nur dann, wenn kein Mensch in der Nähe ist; jedes Fuhrwerk scheucht sie in das Gebüsch zurüc. So kommt es, daß man Blauelstern zwar fortwährend sehen, aber vielleicht nicht eine einzige von ihnen erlegen kann. Die Brutzeit fällt erst in die mittleren Frühling8smonate: in der Umgegend Madrids brütet die Blauelster nicht vor Anfang Mai. Zum Standorte des Nestes wählt sie gern hohe Bäume, nicht ihre sonst so heiß geliebten immergrünen Cichen, sondern regelmäßig Ulmen und andere hochftämmige Waldbäume. C3 kann vorkommen, daß mehrere Nester auf einem Baume stehen; in einem sehr kleinen Umkreise werden gewiß alle Nester gefunden, die eine Gesellschaft überhaupt erbaut; denn die Blauelster gibt auch während der Brutzeit ihren geselligen Verband nicht auf. Das Nest. ähnelt dem unseres Hähers3 oder richtiger vielleicht einem Würgerneste. Nur der Unterbau besteht aus dürren Neisern, das eigentliche Nest hingegen aus grünen und weichen Pflanzenzweigen, Stengeln von Heidegras und Kräutern aller Art, die nach innen zu immer sorgfältiger ausgefucht, auch wohl mit Ziegenhaaren und Wolle bedeckt werden. Das Gelege zählt 5-9 durchschnittlich 27 mm lange,

gleichsam darüber noch mit olivenbraunen Punkten und Tüpfeln, am dickeren Ende zuweilen kranzartig gezeichnet sind. Nach E. Reys Erfahrungen legt der Häherkuckuck seine Eier auch in die Nester dieser Art. Gefangene Blauelstern sind seltene, aber allerliebste Erscheinungen in unseren Käfigen, halten sich sehr gut und werden, freundlich gepflegt, ebenso zahm wie andere Raben. *

Der Nußknacker oder Tannenhäher, Nußrabe, Nußkrähe, Nußbeißer, Nußpicker, Nußprangl, Nußjäägg, Spechtrabe, Stein-, Schwarz-, Berg- und Birkhäher, Bergjäck, Zirbelkrähe, Zirbelkrach, Zirmgratschen ꝛc. (Nucifraga caryocatactes, Corvus caryocatactes, Caryocatactes nucifraga ꝛc., Abbildung S. 458), vertritt neben fünf anderen Arten die sich über Nordeuropa, Nordasien und dem Westen Nordamerikas verbreitende Gattung der Nußhäher (Nucikfraga). Sein Leib ist gestreckt, der Hals lang, der Kopf groß und platt, der Schnabel lang, schlank und rundlich, auf dem Firste gerade oder kaum merklich gekrümmt, an der Spitze niedrig und in einen wagerecht liegenden, breiten Keil auslaufend, der Fuß ziemlich lang und stark mit mäßig langen Zehen, die mit kräftigen und deutlich gebogenen Nägeln bewehrt sind, der Flügel mittellang, stumpf, mit sehr stark abgestuften Schwingen, unter denen die vierte die längste ist, der Schwanz mittellang und gerundet. Das Gefieder ist dicht und weich, der Hauptfarbe nach dunkelbraun, auf Scheitel und Nacken ungefleckt, an der Spitze jeder einzelnen Feder mit einem rein weißen, länglichrunden Flecken besetzt; die Schwingen und Schwanzfedern sind glänzend schwarz, letztere an der Spitze weiß; dieselbe Farbe zeigen auch die Unterschwanzdeckfedern. Die Augen sind braun, der Schnabel und die Füße schwarz. Die Länge beträgt 36, die Breite 59, die Fittichlänge 19, die Schwanzlänge 12 cem. Der Tannenhäher ist Jahresvogel in deutschen Gebirgen, so in den Bayrischen Alpen, im Harz und Riesengebirge. Auch in Ostpreußen wird er gefunden. Häufiger als bei uns ist er in den Alpen der Schweiz und Osterreichs, wie in Skandinavien und den russischen Ostseeprovinzen. In

Nordrußland und Sibirien wird er durch den Dünnschnäbeligen Tannenhäher (Nueifraga macrorhyncha) vertreten, der bei uns als unregelmäßiger Wintergast erscheint. Ob letzterer als besondere Art anzusehen ist, lassen wir dahingestellt. Im Folgenden sehen wir von einer Trennung ab. Geschlossene Nadelwälder unserer Hochgebirge sowie die ausgedehnten Waldungen des Nordens der Alten Welt bilden den Aufenthalt des Tannenhähers, für dessen ständiges Vorkommen die Zirbelkiefer maßgebend ist. Auf unseren Alpen begegnet man ihm ebenso regelmäßig wie im hohen Norden, am häufigsten immer da, wo die gedachten Bäume wachsen. Aber auch er zählt zu den Zigeunervögeln, nimmt seinen Aufenthalt im wesentlichen je nach dem Gedeihen oder Nichtgedeihen der Zirbelnüsse, bewohnt daher im Sommer gewisse Striche in Menge und fehlt in anderen benachbarten gänzlich. So tritt er in den mittleren Teilen Schwedens sehr häufig auf, während er den größten Teil Norwegens nur während seiner Reise besucht. Letztere findet ebenso unregelmäßig statt wie die des Seidenschwanzes. In manchen Jahren ist er während des Winters in Deutschland überall zu finden; dann vergehen wieder viele Jahre, ehe man nur einen einzigen zu sehen bekommt. Im hohen Norden wandert er regelmäßiger, aber nicht immer gleich weit und nicht in jedem Herbste in derselben Anzahl; denn einzig und allein das Mißraten der Zirbelnüsse treibt ihn vom Norden nach dem Süden hin oder vom Gebirge in die Ebene hinab. Dies geschieht wie bei allen Zigeunervögeln in dem einen Jahre früher, in dem anderen später. Vogels sorgfältige Beobachtungen machen es glaublich, daß wir im mittleren und nördlichen Deutschland 30*⁷

immer nur hochnordische Gäste, nicht aber solche, welche den Alpen entstammen, zu sehen bekommen, wogegen letztere es sind, die zeitweilig, manchmal sehr frühzeitig im Sommer, in den tieferen Lagen ihres Wohngebirges erscheinen. Solange sie dort wie hier genügende Nahrung finden, wandern sie nicht, streichen vielmehr nur in sehr beschränktem Grade; wenn ihnen aber die Heimat nicht genügenden Unterhalt bietet, verlassen sie diese, um anderswo ihr tägliches Brot zu suchen. Kronprinz Erzherzog Rudolf von Osterreich sah sie im Salzkammergute und in Obersteiermark bereits im Juli des Jahres 1878 in namhafter Menge in den tieferen Thälern des Gebirges; wir beobachteten in Nordwestsibirien Anfang September 1876, zuerst am achten dieses Monats, unzählbare, sicherlich Tausende enthaltende Schwärme in südlicher Richtung dem Ob entgegenziehend, offenbar in der Absicht, in den im oberen Gebiete des Stromes gelegenen Zirbelbeständen sich festzusetzen. Mißrät die Zirbelnuß, so verlassen sie auch deren Bestände und streichen weiter nach Süden, durchwandern bei dieser Gelegenheit ganz Südskandinavien, Dänemark, Norddeutschland, Belgien und Nordfrankreich, Nordrußland, Sibirien und Nordchina und beenden ihre Wanderungen erst im südlichsten Deutschland, Südfrankreich, Südrußland, den Donautiefländern und den südlichsten Waldländern Nordasiens. Ob solche Wandergäste auch die Alpen überfliegen, bleibt fraglich, da diejenigen, welche man in Norditalien, auf Sardinien und in Südostfrankreich beobachtet und erlegt hat, ebensogut den Alpen wie dem Norden entstammen können. Außerst selten bleibt ein Paar dieser Wandergäste in den mitteldeutschen Gebirgen oder in den norddeutschen Waldungen zurück, um zu brüten, wogegen der den Alpen benachbarte Schwarzwald wohl allsommerlich brütende Paare beherbergt. Mein Vater hat nicht unrecht, wenn er sagt, daß der Tannenhäher mit dem Eichelhäher kaum mehr Ähnlichkeit habe als mit einem Spechte. Der Vogel sieht ungeschickt, sogar tölpisch aus, ist aber ein gewandter und munterer Gesell, der auf dem Boden gut geht und mit sehr großer Geschicklichkeit auf den Asten und Stauden herumhüpft oder sich wie die Meisen an den Stamm klebt, daß man wohl sagen kann, er klettere an den Bäumen herum. Wie ein Specht hängt er sich an Stämme und Zweige, und wie ein Specht meißelt er mit seinem scharfen Schnabel in deren Rinde, bis er sie stückweise abgespaltet und die unter ihr sitzende Beute, die er witterte, erlangt hat. Sein Flug ist leicht, aber ziemlich langsam, mit starker Schwingung und Ausbreitung der Flügel. Die Stellung ist verschieden. Gewöhnlich zieht er die Füße an, trägt den Leib wagerecht, den Kopf eingezogen und läßt die Federn hängen: dann hat er ein plumpes Ansehen, während er schmuck und schlank erscheint, wenn er den Leib erhebt, den Kopf in die Höhe richtet und das Gefieder knapp anlegt. Ungeachtet seines leichten Fluges fliegt er übrigens, falls er nicht auf der Reise ist, ungern weit, läßt sich vielmehr gewöhnlich, wenn er nicht geradezu aufgescheucht ist, bald wieder nieder. Während des Tages ist er viel beschäftigt, jedoch nicht so unruhig und unstet wie der Eichelhäher. Seine Stimme ist ein kreischendes, weittönendes „Kräck kräck kräck“, dem er im Frühjahre oft wiederholt ein „Körr körr“ zufügt. Während der Brutzeit vernimmt man, jedoch nur, wenn man sich ganz in seiner Nähe befindet, auch wohl einen absonderlichen, leisen, halb unterdrückten, bauchrednerischen Gesang. Seine Sinne scheinen wohl entwickelt zu sein. An Verstand steht er einzelnen Mitgliedern seiner Familie wahrscheinlich nach; dumm aber, wie er gescholten worden, ist er nicht. In seinen Wildnissen kommt er so wenig mit dem Menschen zusammen, daß er sich diesem gegenüber bei seinen Reisen oft recht einfältig benimmt; erfährt er jedoch Nachstellungen, so beweist auch er, daß er verständig ist. Er flieht dann vor dem Menschen ebenso ängstlich wie vor anderen ihm von jeher wohlbekannten Feinden, zum Beispiel Raubsäugetieren und Raubvögeln. Im Hügelgürtel ist es, laut von Tschusi, der eigne und fremde Beobachtungen in ansprechender Weise zusammengestellt hat, vorzüglich der Haselstrauch, dessen Nüsse die uui

Tannenhäher lieben. Sobald die Haselnüsse reifen, versammeln sich alle Nußknacker der ganzen Gegend auf den Strecken, wo der Strauch wächst. Zu dieser Zeit fliegen sie viel herum, und ihre Stimme ist fast überall zu hören. Der Morgen wird dem Aufsuchen der Nahrung gewidmet; gegen Mittag verschwinden die bis dahin eifrig arbeitenden Nußknacker im Walde; in den späteren Nachmittagsstunden zeigen sie sich wieder, wenn auch minder zahlreich als am Morgen, in den Büschen. In den Morgenstunden nimmt ihr Schreien und Zanken kein Ende. Jeden Augenblick erscheinen einige, durch jenes Geschrei herbeigelockt, und ebenso fliegen andere, die ihren dehnbaren Kehlsack zur Genüge mit Nüssen angefüllt haben, schwerbeladen und unter sichtlicher Anstrengung dem Walde zu, um ihre Schätze dort in Vorratskammern für den Winter aufzuspeichern. Um die Mittagszeit pflegen fast alle im dichten Unterholze der Waldungen wohlverdienter Ruhe. In den späten Nachmittagsstunden erscheinen sie wiederum, schreien wie am Morgen, setzen sich aber oft halbe Stunden lang auf die höchste Spitze einer Tanne oder Fichte, um von hier aus Umschau zu halten. Im Berggürtel oder in den hochnordischen Waldungen sind es die Zirbelnüsse, die sie zu ähnlichen Ausflügen veranlassen. Schon um Mitte Juli, vor der Reife dieser Nüsse, finden sie sich, wenn auch zunächst noch in geringer Anzahl, auf den zapfentragenden Arven ein; bei vollständiger Reife der Frucht erscheinen sie in erheblicher Menge und unternehmen nunmehr förmliche Umzüge von Berg zu Thal und umgekehrt, beladen sich auch ebenso wie jene, welche die Haselsträucher plündern. Nach Wiedemanns Beobachtungen fliegen sie in Tirol, Zirbelnüsse sammelnd, während des ganzen Tages auf und nieder, benutzen dabei gewisse hervorragende Bäume, um auf ihnen ein wenig zu rasten, und beenden ihre Ernte erst, wenn der in der Höhe frühzeitig fallende Schnee sie der Tiefe zutreibt. Beim Sammeln ihrer Vorräte verfahren sie sehr geschickt. Solange sie noch hinlänglich viele Haselnüsse zu pflücken haben, setzen sie sich einfach auf die fruchtbehangenen Zweige; wenn die Büsche jedoch fast abgeerntet sind, halten sie sich, wie Vogel sah, über den wenigen noch vorhandenen Nüssen rüttelnd in der Luft und pflücken sie in solcher Stellung. An den Zapfen der Arve oder Zirbel und anderer Nadelbäume krallen sie sich mit den Nägeln fest, brechen mit kräftigen Schnabelhieben die Schuppen auf und gelangen so zu den Samen, deren Schalen sie mittels Zusammendrücken des Schnabels öffnen. Haselnüsse werden auf bestimmten Plätzen mit geschickt geführten Schnabelhieben gespalten. Abgesehen von Hasel- und Zirbelnüssen frißt der Tannenhäher Eicheln, Bucheln, Tannen-„Fichten- und Kiefernsamen, Getreide, Ebereschen- oder Vogel⸗-, Weißdorn-, Faulbaum-, Erd-⸗, Heidel⸗ und Preißelbeeren, sonstige Sämereien und Früchte, allerlei Kerbtiere, Würmer, Schnecken und kleine Wirbeltiere aller Klassen, ist überhaupt kein Kostverächter und leidet daher selbst im Winter keine Not. Eine Zeitlang hält er sich an seine Speicher; sind diese geleert, so erscheint er in den Gebirgsdörfern oder wandert aus, um anderswo sein tägliches Brot zu suchen. Über das Brutgeschäft des Nußknackers haben wir erst in den beiden letzten Jahrzehnten sichere Aufschlüsse erhalten. Ein Nest zu finden, ist auch dann schwierig, wenn ein Paar in unseren Mittelgebirgen nistet; die eigentlichen Brutplätze des Vogels aber sind die Waldungen seiner wahren Heimat, Dickichte, die kaum im Sommer, noch viel weniger, wenn der Nußknacker zur Fortpflanzung schreitet, begangen werden können. Nach Schütts und Vogels Erfahrungen werden die Nester schon Anfang März gebaut und in der letzten Hälfte des Monats die Eier gelegt; um diese Zeit aber liegen die Waldungen des Gebirges ebenso wie die nordischen Wälder noch in tiefem Schnee begraben und sind schwer oder nicht zugänglich. Der Forscher muß also einen schneearmen Frühling abwarten, bevor er überhaupt an das Suchen eines Nestes denken kann. Mein Vater erfuhr, daß im Vogtlande ein Nußknackernest in einem hohlen Baume gefunden worden sei, und diese Angabe erscheint keineswegs unglaublich, da auch Dybowski

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