Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
geht schrittweise, ungefähr wie ein Rabe, trägt sich aber anders; denn sie erhebt den langen Schwanz und bewegt ihn wippend, wie Drossel oder Rotkehlchen thun. Ihr schwerfälliger, durchaus von dem der eigentlichen Raben verschiedener Flug erfordert häufige Flügelschläge und wird schon bei einigermaßen starkem Winde unsicher und langsam. Der Rabe fliegt zu seinem Vergnügen stundenlang umher; die Elster gebraucht ihre Schwingen nur, wenn sie muß. Sie bewegt sich von einem Baume zum anderen oder von dem ersten Gebüsche zu dem nächsten unnützerweise niemals. Ihre Sinne scheinen ebenso scharf zu sein wie die der Raben, und an Verstand steht sie hinter diesen durchaus nicht zurück. Sie unterscheidet genau zwischen gefährlichen und ungefährlichen Menschen oder Tieren: den ersteren gegenüber ist sie stets auf ihrer Hut, den letzteren gegenüber dreist und unter Umständen grausam. Gesellig wie alle Glieder ihrer Familie, mischt sie sich gern unter Raben und Krähen, schweift auch wohl mit Nußhähern umher, vereinigt sich aber doch am liebsten mit anderen ihrer Art zu kleineren oder größeren Flügen, die gemeinschaftlich jagen, überhaupt an Freud und Leid gegenseitig den innigsten Anteil nehmen. Gewöhnlich sieht man sie familienweise. Ihre Stimme ist ein rauhes „Schak“ oder „Krak“, das auch oft verbunden wird und dann wie „Schakerak“ klingt. Diese Laute sind Lockton und Warnungsruf und werden je nach der Bedeutung verschieden betont. Im Frühlinge vor und während der Paarungszeit schwatzt sie mit staunenswertem Aufwande von ähnlichen und doch verschiedenen Lauten stundenlang, und das Sprichwort ist deshalb wohl begründet. Kerbtiere und Gewürm, Schnecken, kleine Wirbeltiere aller Art, Obst, Beeren, Feldfrüchte und Körner bilden die Nahrung der Elster. Im Frühjahre wird sie sehr schädlich, weil sie die Nester aller ihr gegenüber wehrlosen Vögel unbarmherzig ausplündert und einen reichbewohnten Garten buchstäblich verheert und verödet. Auch den Hühner- und Entenzüchtern, den Fasanerien und dem Federwilde wird sie lästig, fängt sogar alte Vögel, und diese, wie Naumann sagt, oft ganz unvermutet, weil sie beständig mit ihnen in Gesellschaft ist, jene sich vor ihr nicht fürchten und so in ihrer Sicherheit von ihr übertölpeln lassen. Ebenso betreibt sie freilich auch Mäusejagd und fängt und verzehrt viele schädliche Kerbtiere, Schnecken und sonstiges unnützes Gewürm, tritt aber überall als ein so räuberischer Vogel auf, daß sie unzweifelhaft unter nützlichen Tieren schlimmer haust als unter schädlichen, daher zu den letzteren gezählt werden muß. Die Norweger behaupten, daß die Elster am Weihnachtstage das erste Reis zu ihrem Horste trage; in Deutschland geschieht dies gewöhnlich nicht vor Ende Februar. Das Nest wird bei uns auf den Wipfeln hoher Bäume und nur da, wo sich der Vogel ganz sicher weiß, in niedrigen Büschen angelegt. Dürre Reiser und Dornen bilden den Unterbau; hierauf folgt eine dicke Lage von Lehm und nun erst die eigentliche Nestmulde, die aus feinen Wurzeln und Tierhaaren besteht und sehr sorgsam hergerichtet ist. Das ganze Nest wird oben, bis auf einen seitlich angelegten Zugang, mit einer Haube von Dornen und trockenen Reisern versehen, die zwar durchsichtig ist, den brütenden Vogel aber doch vollständig gegen etwaige Angriffe der Raubvögel sichert. Das Gelege besteht aus 7—8, durchschnittlich 33 mm langen, 23 mm dicken, auf grünem Grunde braun gesprenkelten Eiern. Nach einer Brutzeit von 3 Wochen entschlüpfen die Jungen und werden nun von beiden Eltern mit Kerbtieren, Regenwürmern, Schnecken und kleinen Wirbeltieren groß gefüttert. Vater und Mutter lieben die Kinderschar ungemein und verlassen sie nie. Wir haben erfahren, daß eine Elster, auf welche wir geschossen hatten, mit dem Schrotkorn im Leibe noch fortbrütete. Wenige Vögel nähern sich mit größerer Vorsicht ihren Nestern als die Elstern, die alle möglichen Listen gebrauchen, um jene nicht zu verraten. In Spanien muß die Elster oft in derselben Weise Pflegemutterdienste verrichten wie die Nebelkrähe in Agypten: der Häherkuckuck vertraut ihr dort seine Eier an, und sie unterzieht sich der Elster: Verbreitung. Wesen. Stimme. Fortpflanzung. 447
Pflege des Findlings mit derselben Liebe, die sie ihren eignen Kindern erweist. Werden diese geraubt oder auch nur bedroht, so erheben die Alten ein Zetergeschrei und vergessen nicht selten die ihnen eigne Vorsicht. Um ein getötetes Junges versammeln sich alle Elstern der Umgegend, die durch das Klagegekrächze der Eltern herbeigezogen werden können. Jung aus dem Neste genommene Elstern werden außerordentlich zahm, lassen sich mit Fleisch, Brot, Quark, frischem Käse leicht auffüttern, zum Aus- und Einfliegen gewöhnen, zu Kunststückchen abrichten, lernen Lieder pfeifen und einzelne Worte sprechen und bereiten dann viel Freude, durch ihre Sucht, glänzende Dinge zu verstecken, aber auch wieder Unannehmlichkeiten. Der Mensch, der dem Kleingeflügel seinen Schutz angedeihen läßt, wird früher oder später zum entschiedenen Feinde der Elster und vertreibt sie erbarmungslos aus dem von ihm überwachten Gehege. Auch der Aberglaube führt den Herrn der Erde gegen sie ins Feld. Eine im März erlegte und an der Stallthür aufgehangene Elster hält, nach Ansicht abergläubischer Leute, Fliegen und Krankheiten vom Viehe ab; eine in den zwölf Nächten geschossene, verbrannte und zu Pulver gestoßene Schalaster aber ist ein unfehlbares Mittel gegen die fallende Sucht. Liebe, dessen trefflichem Berichte über die Brutvögel Thüringens ich vorstehende Angaben entnehme, meint, daß der letzterwähnte Aberglaube wesentlich dazu beigetragen habe, die früher in Thüringen häufigen Elstern zu vermindern: so viele von ihnen wurden erlegt, verbrannt und zerstoßen, um das fallsuchtheilende „Diakonissinnenpulver“ zu erzielen. Ihre List und Verschlagenheit macht übrigens selbst dem geübtesten Jäger zu schaffen und fordert Verstand und Tücke des Menschen heraus. Außer dem Menschen stellen wohl nur die stärkeren Raubvögel dem pfifsigen und mutigen Vogel nach. Am schlimmsten treibt es der Hühnerhabicht, gegen dessen Angriffe nur dichtes Gebüsch rettet. Eine von ihm ergriffene Elster schreit nach Naumanns Beobachtungen kläglich und sucht sich mit grimmigen Bissen zu verteidigen: was aber der Habicht gepackt hat, muß sterben. * Mittel- und südamerikanische Raben sind die Blauraben (OCyanocoraz), mit etwa kopflangem oder etwas kürzerem, starkem, geradem, in der Vorderhälfte etwas zusammengedrücktem, auf dem kantigen Firste sanft gewölbtem, an der Wurzel in Borsten gehülltem Schnabel, ziemlich starken, hochläufigen Füßen, kurzen Flügeln, unter deren Schwingen die fünfte und sechste die Spitze bilden, und ziemlich langem, sanft gerundetem Schwanze.
Der Kappenblaurabe (Cyanocorax chrysops und pileatus, Pica chrysops und pileata, Corvus und Cyanurus pileatus, Uroleuca pileata), eine der verbreitetsten Arten der Gattung, erreicht eine Länge von 35—37 und eine Breite von 45 em; sein Fittich mißt 15, sein Schwanz 17 em. Stirn, Zügel und Oberkopf, Halsseiten, Kehle und Vorderhals bis zur Brust herab sind kohlschwarz, Nacken, Rücken, Flügel- und Schwanzfedern, soweit letztere nicht von den Schwingen bedeckt werden, ultramarinblau, an der Wurzel schwarz, die Unterteile von der Brust an bis zum Steiße, die Unterflügeldeckfedern und die Schwanzspitze gelblichweiß; über und unter dem Auge steht ein breiter, halbmondförmiger Flecken von himmelblauer Färbung, an der Wurzel des Unterschnabels ein ähnlicher; ersterer ist oben silbern gesäumt. Das Auge ist gelb, der Schnabel wie der Fuß schwarz. Das Verbreitungsgebiet umfaßt das ganze wärmere Südamerika und erstreckt sich nach Süden hin bis Paraguay. Hier hat unser Vogel an Hudson einen trefflichen Beschreiber gefunden. Der Blaurabe, der von den Spaniern Uracca oder Elster genannt wird, bekundet durch die kurzen Fittiche, den langen Schwanz und das knappe Gefieder sowie endlich durch die zum Klettern wohl eingerichteten Beine, daß er kein Vogel der Pampas ist,
vielmehr von seinen heimischen Waldungen aus sich allmählich das letztere Gebiet erobert hat. In der That findet er sich hier auch nur da, wo Bäume gedeihen. Während des Winters ist er hier ein beklagenswerter Vogel; denn mehr als irgend ein anderer scheint er von der Kälte zu leiden. Ein Schwarm, der aus 10 — 20 Stück besteht, sucht allabendlich dichte Zweige vor dem Winde geschützter Bäume auf; die Vögel setzen sich, um zu schlafen, so dicht nebeneinander, daß sie nur einen einzigen Klumpen bilden. Nicht selten hocken WWNe..
Kappenblaurabe (Cyanocorax ehrysops). / natürl. Größe.
einige buchstäblich auf den Rücken der anderen, und der Klumpen bildet so eine vollständige Pyramide. Demungeachtet wird mehr als einem von ihnen die Kälte verhängnisvoll; denn nicht selten findet man erstarrte oder erfrorene Blauraben unter den Schlafplätzen. Wenn der Morgen schön ist, begeben sie sich auf einen hohen, der Sonne ausgesetzten Baum, wählen hier die Zweige der Ostseite, breiten die Schwingen und recken sich mit Vergnügen in den Sonnenstrahlen, verweilen auch in dieser Stellung fast regungslos Woder 2 Stunden, bis das Blut sich wieder erwärmt hat und das Federkleid vom Taue trocken geworden ist. Auch während des Tages sieht man die Vögel oft sich sonnen und gegen Abend Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 29
auf der Westseite der Bäume die letzten Strahlen des wärmenden Gestirnes auffangen. Nur ihre Fruchtbarkeit und der Überfluß an Nahrung befähigt sie, ihre Stelle unter den Pampasvögeln zu behaupten; entgegengesetzten Falls würde die Kälte, ihr einziger Feind, sie sicherlich ausrotten. Mit Beginn des warmen Frühlingswetters zeigt sich die Uracca ganz anders als früher. Sie wird lebendig, laut, heiter und lustig. Ununterbrochen wandert der Schwarm von einem Platze zum anderen, ein Vogel einzeln und unstet neben den Genossen herfliegend, jeder einzelne aber fortwährend in kläglicher Weise schreiend. Dann und wann läßt auch wohl einer seinen Gesang vernehmen: eine Reihe langgedehnter, pfeifender Töne, von denen die ersten kräftig und laut, die anderen matter und immer matter ausgestoßen werden, bis das Ganze plötzlich in einem innerlichen, dem tiefen Atmen oder Schnarchen des Menschen ähnelnden Gemurmel sein Ende findet. Naht jemand dem Schwarme, so schreien die Vögel so unerträglich laut, schrillend und anhaltend, daß der Eindringling, heiße er Mensch oder Tier, in der Regel froh ist, der Nachbarschaft der Schreihälse wieder zu entrinnen. Gegen die Brutzeit hin vernimmt man übrigens, wahrscheinlich von den Männchen, auch sanfte und zarte, plaudernde oder schwatzende Laute. Nunmehr teilen sich die Schwärme in Paare und zeigen sich mißtrauisch in ihrem ganzen Auftreten. Ihr Nest wird in der Regel auf hohen, dornigen Bäumen aus sehr starken Reisern errichtet, meist aber nur lose und so liederlich gebaut, daß die Eier durchscheinen, zuweilen sogar durchfallen. Nester von besserer Bauart, welche innen mit Federn, trockenen oder grünen Blättern ausgekleidet sind, werden schon seltener gefunden. Das Gelege enthält 6—7, im Verhältnis zur Größe des Vogels umfangreiche Eier, manchmal auch mehr: einmal fand Hudson sogar 14 in einem Neste und konnte, da er die Vögel von Beginn des Baues an beobachtete, feststellen, daß sie von einem Paare herrührten. Ihre Grundfärbung ist ein schönes Himmelblau; die Zeichnung besteht aus einer dicht aufgetragenen, weißen, zarten, kalkartigen Masse, die anfänglich leicht abgewischt oder abgewaschen werden kann. Die Häßlichkeit der jungen Blauraben ist sprichwörtlich und der Ausdruck „Blaurabenkind“ zur Bezeichnung eines Menschen geworden, der aller Anmut entbehrt. Abgesehen von ihrer Häßlichkeit, zeichnen sich die Jungen auch durch ihre Unsauberkeit aus, so daß ein mit 6 oder 8 von ihnen gefülltes Nest ebensowenig vor den Augen als vor der Nase Gnade findet. Dagegen ist der Eindruck des Geschreies der Jungen stets ein erheiternder, weil ihre Stimmlaute an das schrillende Gelächter eines Weibes erinnern. Ein in unmittelbarer Nähe von Hudsons Hause errichtetes Nest gab Gelegenheit, das Betragen der Alten zu beobachten. Bei Ankunft der futterbringenden Alten brachen die Jungen in ein so zügelloses, wild tobendes Geschrei aus, daß man ihnen ohne Lächeln kaum zuhören konnte. Jung dem Neste enthobene Blauraben werden bei einiger Pflege bald außerordentlich zahm und benehmen sich in der Gefangenschaft etwa nach Art unserer Dohlen oder Elstern, zeichnen sich aber dadurch zu ihrem Vorteile aus, daß sie mit ihresgleichen auch jetzt noch Frieden halten. Im Freien verzehren sie zwar vorzugsweise Kerbtiere, rauben aber doch auch allerlei kleine Säugetiere, Vögel und Kriechtiere; in Gefangenschaft ernährt man sie mit dem, was auf den Tisch kommt. Dank ihrer Anspruchslosigkeit gelangen sie jetzt recht oft in unsere Käfige. K Die Kittas oder Laubelstern (Cissa) sind zierlich gebaute Vögel mit lebhaft gefärbtem Kleide. Ihr Schnabel ist fast kopflang, dick, stark, von der Wurzel an gekrümmt, an der Spitze übergebogen, der Fuß lang und stark mit kräftigen, mittellangen, durch tüchtige Nägel bewehrten Zehen; in den runden Flügeln sind die vierte und die fünfte Schwinge
Schweifkitta (Cissa erythrorhyncha). ½/ natürl. Größe.
die längsten; der Schwanz ist entweder sehr lang und abgestuft oder kurz und abgerundet.
Die Schweifkitta (Cissa erythrorhyncha und sinensis, Urocissa erythrorhyncha, sinensis und brevivexilla, Corvus erythrorhynchus, Coracias melanocephalus, Psilorhynchus sinensis, Calocitta erythrorhyncha und sinensis) ist eine der schönsten Arten der Gattung. Die Länge beträgt 53, die Fittichlänge 19, die Schwanzlänge 42 em. Kopf, Hals und Brust sind mit Ausnahme eines weißen Längsbandes, das über das Haupt und den Rücken verläuft und allmählich in Blau übergeht, tiefschwarz, Rücken und Mantel licht kobaltblau, die oberen Schwanzdeckfedern ebenso gefärbt, aber breit schwarz zugespitzt, die Unterteile von der Brust an weißlich, mit einem Schimmer ins Rötlichaschfarbene, die Flügel glänzend kobaltblau, die Innenfahnen der Schwingen aber schwarz, alle Federn weiß zugespitzt, die Steuerfedern blau, die Mittelfedern an der Spitze weiß, die übrigen weiß und schwarz. Das Auge ist scharlachrotbraun, der Schnabel korallenrot, der Fuß blaß zinnoberrot. 29*