Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel
zahlreich, daß sie es den Raben gern erlauben, auf ihrem Rücken herumzuhacken, selbst wenn das Blut danach läuft; denn der Rabe begnügt sich nicht mit den Kerbtieren, sondern frißt auch die eiternden Wunden aus. Das Nest fand von Heuglin im März auf einer unzugänglichen Stelle über einem Wasserfalle, die mit Schlingpflanzen gänzlich überwachsen war, so daß der Horst in diesen angebracht zu sein schien.
Der Zwerg unter unseren deutschen Raben ist die Dohle, Turmkrähe, Thalke, Thalicke, Dachlücke, Geile, Kaike, Elke und Tschokerle (Colaeus monedula, Corvus
Erzrabe (Coxvus erassirostris). 30 natürl. Größe.
monedula, collaris und spermolegus, Monedula turrium, arborea, septentrionalis und spermolegus, Lycus moneédula und collaris), die des kurzen und starken, oben wenig gebogenen Schnabels wegen als Vertreterin einer besonderen Gattung (Oolaeus) angesehen wird. Ihre Länge beträgt 33, die Breite 65, die Fittichlänge 22, die Schwanzlänge 13 em. Das Gefieder ist auf Stirn und Scheitel dunkelschwarz, auf Hinterkopf und Nacken aschgrau, auf dem übrigen Oberkörper blauschwarz, auf der Unterseite schiefer- oder grauschwarz, der Augenring silberweiß, der Schnabel wie der Fuß schwarz. Die Jungen unterscheiden sich durch schmutzigere Farben und graues Auge. W. Preyer berichtet, daß er oft in größeren Dohlenschwärmen, besonders in der Rheinpfalz, Stücke bemerkt habe, die am ganzen Körper weiß gesprenkelt waren, und hält die weißen Flecken für Zeichen hohen Alters. Weiße oder isabellweiße Dohlen sind nicht allzu selten. Auch die Dohle findet sich nicht bloß im größten Teile Europas, sondern ebenso in vielen Ländern Asiens, nach Norden hin mindestens so weit, wie der Getreidebau reicht, sich
verbreitend; auch in bergigen Gebieten Turkmeniens und bis in den westlichen Himalaja ist sie Brutvogel und streift während des Winters zahlreich bis in das Pandschab. Im Süden Europas ist sie seltener als in Deutschland, nirgends aber so häufig wie in Rußland und Sibirien. Bei uns zu Lande tritt sie keineswegs allerorten, sondern nur hier und da auf, ohne daß man hierfür einen stichhaltigen Grund zu finden wüßte. Wo sie vorkommt, bewohnt sie hauptsächlich die alten Türme der Städte oder andere hohe Gebäude, deren Mauern ihr passende Nistplätze gewähren; außerdem begegnet man ihr in Laubwäldern, namentlich in Feldgehölzen, in denen hohle Bäume stehen. In Rußland und Sibirien bevölkert sie alle Dörfer in Menge, wird den Blockhäusern zum reizenden Schmucke und nistet unter Schindeldächern, hinter den zurückgeklappten Fensterladen und wo sie sonst noch eine Höhlung oder Lücke findet, die ihrem Neste Raum gewährt. In Spanien trafen wir die wenigen Flüge, denen wir begegneten, unter eigentümlichen Umständen an. Ungeachtet die vielen und in jeder Hinsicht geeigneten Kirchen dieses Landes ihr die passendsten Wohnplätze bieten, sahen wir sie doch niemals in Städten oder Dörfern, sondern einzig und allein in den öden, fast unbewohnten Teilen des sogenannten Campo oder des nicht der Bewässerung unterworfenen Landstriches. Hier herbergten ihre Schwärme in steil abfallenden Wänden der vom Wasser ausgewaschenen Schluchten. Ein unfern wohnender Bauer erzählte uns, daß vor wenigen Jahren ein Paar Dohlen in der Nähe seines Gehöftes erschienen sei und sich in einer jener Schluchten angesiedelt habe. Die ausgeflogenen Jungen wären bei den Alten geblieben und hätten das nächste Jahr mit diesen gebrütet. Von Jahr zu Jahr habe der Schwarm zugenommen, bis er die jetzt bedrohliche Stärke erreicht habe; denn keine Frucht gäbe es in der Nähe seiner Behausung, die von diesen ungebetenen Gästen verschont bliebe. Kein Tier auf der weiten Erde sei so hungrig und gefräßig wie die Dohle. Ihr sei alles recht und nichts vor ihr sicher, nicht einmal die Stachelfeigen, die sie geschickt aus ihrer Stachelhülle herauszuschälen wisse. Die Dohle ist ein munterer, lebhafter, gewandter und kluger Vogel. Unter allen Umständen weiß sie ihre muntere Laune zu bewahren und die Gegend, in welcher sie heimisch ist, in wirklich anmutiger Weise zu beleben. Außerordentlich gesellig, vereinigt sie sich nicht nur mit anderen ihrer Art zu starken Schwärmen, sondern mischt sich auch unter die Flüge der Krähen, namentlich der Saatkrähen, tritt sogar mit diesen die Winterreise an und fliegt ihnen zu Gefallen möglichst langsam; denn sie selbst ist auch im Fluge sehr gewandt und gleicht hinsichtlich des letzteren mehr einer Taube als einer Krähe. Das Fliegen wird ihr so leicht, daß sie sich sehr häufig durch allerhand kühne Wendungen zu vergnügen sucht, ohne Zweck und Ziel steigt und fällt und die mannigfachsten anmutigsten Schwenkungen in der Luft ausführt. Sie ist ebenso klug wie der Rabe, zeigt aber nur dessen liebenswürdige Seiten. Lockend stößt sie ein wirklich wohllautendes „Jäk“ oder „Djär“ aus; sonst schreit sie „kräh“ und „krijäh“. Ihr „Jäk jäk“ ähnelt dem Lockrufe der Saatkrähe auf das täuschendste, und dies mag wohl auch mit dazu beitragen, beide Vögel so häufig zu verbinden. Während der Zeit ihrer Liebe schwatzt sie allerliebst, wie überhaupt ihre Stimme biegsam und wechselreich ist. Dies erklärt, daß sie ohne sonderliche Mühe menschliche Worte nachsprechen oder andere Laute, z. B. das Krähen eines Hahnes, nachahmen lernt. Hinsichtlich der Nahrung kommt die Dohle am nächsten mit der Saatkrähe überein. Kerbtiere aller Art, Schnecken und Würmer bilden unzweifelhaft die Hauptmasse ihrer Mahlzeiten. Die Kerbtiere liest sie auf den Wiesen und Feldern zusammen oder von dem Rücken der größeren Haustiere ab; dem Ackersmanne folgt sie, vertrauensvoll hinter dem Pfluge herschreitend; auf den Straßen durchstöbert sie den Mist und vor den Häusern den Abfall; Mäuse weiß sie geschickt, junge Vögel nicht weniger gewandt zu fangen, und Eier gehören zu ihren besonderen Lieblingsgerichten. Nicht minder gern frißt sie Pflanzenstoffe, — :F WMñ¹W
namentlich Getreidekörner, Blattspitzen von Getreide, Wurzelknollen, keimende und schossende Gemüse, Früchte, Beeren und dergleichen, kann daher in Gärten und Obstpflanzungen wenn nicht empfindlich, so doch merklich schädlich werden, plündert in Rußland und Sibirien auch Getreidefeimen und Tennen. Ob man deshalb berechtigt ist, sie als überwiegend schädlichen Vogel zu bezeichnen, erscheint mir zweifelhaft; ich möchte im Gegenteile annehmen, daß der von ihr auf Flur und Feld gestiftete Nutzen den von ihr verursachten Schaden mindestens ausgleicht, wenn nicht übertrifft. Die Dohle zieht im Spätherbste mit den Saatkrähen von uns weg und erscheint zu derselben Zeit wie diese wieder im Vaterlande; nicht wenige ihres Geschlechtes überwintern jedoch auch in Deutschland, insbesondere in unseren Seestädten; ebensowenig verlassen alle Dohlen Rußland und Sibirien, so streng der Winter hier auch auftreten möge. Ihre Winterreise dehnt sie bis Nordwestafrika, Nordwestasien und Indien aus. In Agypten haben sie weder von Heuglin noch ich jemals beobachtet, obgleich Rüppell sie dort häufig gefunden haben will; in den Atlasländern dagegen kommt sie vor, und in Spanien, Süditalien, Griechenland, Kleinasien, Armenien, Kaukasien und Kaschmir, woselbst sie freilich überall auch brütet, ist sie regelmäßiger Wintergast. Sobald der Frühling wirklich zur Herrschaft gelangt ist, haben alle Paare die altgewohnten Brutplätze wieder bezogen, und nun regt sich hier tausendfältiges Leben. Einzelne Dohlen nisten unter Saatkrähen, die große Mehrzahl aber auf Gebäuden. Hier findet jede Mauerlücke ihre Bewohner; ja es gibt deren gewöhnlich mehr als Wohnungen. Deshalb entsteht viel Streit um eine geeignete Niststelle, und jede baulustige Dohle sucht die andere zu übervorteilen, so gut sie kann. Nur die schärfste Wachsamkeit schützt ein Paar vor den Diebereien des anderen; ohne die äußerste Vorsicht wird Baustelle und Nest erobert und gestohlen. Das Nest selbst ist verschieden, je nach dem Standorte, gewöhnlich aber ein schlechter Bau aus Stroh und Reisern, der mit Heu, Haaren und Federn ausgefüttert wird. Das Gelege bilden 4—6, etwa 35 mm lange, 25 mm dicke, auf blaß blaugrünlichem Grunde schwarzbraun getüpfelte Eier. Die Jungen werden mit Kerbtieren und Gewürm groß gefüttert, äußerst zärtlich geliebt und im Notfalle auf das mutigste verteidigt. „Läßt sich“, sagt Naumann, „eine Eule, ein Milan oder Bussard blicken, so bricht die ganze Armee mit gräßlichem Geschrei gegen ihn los und verfolgt ihn stundenweit. Wenn sich die Jungen einigermaßen kräftig fühlen, machen sie es wie die jungen Krähen, steigen aus den Nestern und setzen sich vor die Höhlen, in welchen sie ausgebrütet sind, kehren aber abends wieder ins Nest zurück, bis sie sich endlich stark genug fühlen, die Alten aufs Feld zu begleiten.“ Ungeachtet der starken Vermehrung nehmen die Dohlenscharen nur in einzelnen Städten erheblich, in anderen dagegen nicht oder doch nicht merklich zu, ohne daß hierfür die Ursache erkenntlich wäre. „Was wird aus den zahlreichen Jungen?“ fragt Liebe. „Wanderfalken und Uhus sind jetzt in Mitteldeutschland viel zu selten geworden, als daß sie wesentlich schaden könnten, und die Unbilden der Witterung thun den abgehärteten und klugen, in den Ortschaften angesiedelten Allesfressern sicher nichts.“ Der Mensch befehdet sie bei uns zulande nicht, thut aber auch denen, welche wandern, wenig zuleide, und die außerdem noch zu nennenden Feinde, Hauskatze, Marder, Iltis und Habicht, können dem Bestande doch ebenfalls so erhebliche Verluste nicht zufügen, daß sich ihr geringer Zuwachs erklären ließe. Kein Rabe wird häufiger gefangen gehalten als die Dohle. Ihr heiteres Wesen, ihre Gewandtheit und Klugheit, ihre Anhänglichkeit an den Gebieter, ihre Harmlosigkeit und ihre Nachahmungsgabe endlich sind wohl geeignet, ihr Freunde zu erwerben. Ohne Mühe kann man jung aufgezogene gewöhnen, aus- und einzufliegen. Sie gewinnen das Haus ihres Herrn bald lieb und verlassen es auch im Herbste nicht oder kehren, wenn sie wirklich die Winterreise mit anderen ihrer Art antreten, im nächsten Frühjahre nicht selten zu ihm zurück. Dohle: Verbreitung. Wesen. Fortpflanzung. Begabung. 445
In Deutschland ist verschiedentlich der Glaube verbreitet, daß die Dohlen beim Herannahen der Cholera diejenigen Städte verlassen, in welche die gefürchtete Seuche demnächst einziehen werde. Es ist schon richtig, daß die Dohlen zeitweilig scheinbar auswandern, aber sie weichen nicht vor der Cholera, sondern ziehen zur Zeit der Fruchtreife einfach in die Gefilde. Langschwänzige Raben sind die Elstern (Pica), deren Merkmale in dem im ganzen wie bei den Krähen gebildeten, auf dem Firste jedoch stärker gebogenen Schnabel, den hochläufigen Füßen, kurzen, gerundeten Flügeln, unter deren Schwingen die fünfte die Spitze bildet, mehr als körperlangem, stark gesteigertem Schwanze und reichem Gefieder gefunden werden. Die Elster, Alster, Schalaster, Acholaster, Algarde, Heste, Heister, Argerst,
Gartenrabe ꝛc. (Pica rustica, caudata, vulgaris, melanoleuca, albiventris, europaea, germanica, septentrionalis, biemalis, megaloptera, media, varia, sericea, bottanensis, butanensis, tibetana, japonica, chinensis und bactriana, Corvus piea und rusticus, Garrulus picus, Cleptes pica und hudsonicus), erreicht eine Länge von 45— 48 und eine Breite von 55—58 em, wobei 26 em auf den Schwanz und 18 em auf den Fittich zu rechnen sind. Kopf, Hals, Rücken, Kehle, Gurgel und Oberbrust sind glänzend dunkelschwarz, auf Kopf und Rücken ins Grünliche scheinend, die Schultern, ein mehr oder minder vollständiges, oft nur angedeutetes Querband über den Rücken sowie die Unterteile weiß, die Schwingen blau, außen wie die Handschwingendecken grün, innen größtenteils weiß und nur an der Spitze dunkel, die Steuerfedern dunkelgrün, an der Spitze schwarz, überall metallisch, zumal kupferig schillernd. Das Auge ist braun, der Schnabel wie der Fuß schwarz. Bei den Jungen ist die Färbung gleich, jedoch matt und glanzlos. Mehrere Abarten, zum Teil auch ständig vorkommende, sind als besondere Arten aufgestellt worden, mit Sicherheit jedoch nicht zu unterscheiden. Das Verbreitungsgebiet der Elster umfaßt Europa und Asien vom nördlichen Waldgürtel an bis Persien und Kaschmir; in Turkmenien brütet sie, laut Alfred Walter, auch in den Ebenen, in Kaschmir, laut Oates, in Höhen, die über 1500 meund bis 2500 mliegen, ist auch um Kelat in Belutschistan heimisch, wird aber, soviel bis jetzt bekannt ist, im Himalaja nicht östlich von Kaschmir gefunden. Im oberen Barma ist sie zur Winterzeit in der Umgegend von Bhamo beobachtet worden. In den meisten Ländern und Gegenden tritt sie häufig auf, in anderen fehlt sie fast gänzlich. So sieht man sie in vielen Provinzen Spaniens gar nicht, wogegen sie in anderen gemein ist; auch hohe Gebirge, baumfreie Ebenen und ausgedehnte Waldungen meidet sie größtenteils. Feldgehölze, Waldränder und Baumgärten sind ihre eigentlichen Wohnsitze. Sie siedelt sich gern in der Nͤähe des Menschen an und wird da, wo sie Schonung erfährt, ungemein zutraulich oder richtiger aufdringlich. In Skandinavien, wo man sie gewissermaßen als heiligen Vogel des Landes ansieht, nimmt sie nicht in den Gärten, sondern in den Gehöften selbst ihre Wohnung und baut auf besonders für sie hergerichteten Vorsprüngen unter den Dächern ihr Nest. Sie ist, wo sie vorkommt, Standvogel im vollsten Sinne des Wortes. Ihr eigentliches Wohngebiet ist klein, und sie verläßt es niemals. Wird sie in der Gemarkung eines Dorfes ausgerottet, so währt es lange Jahre, bevor sie allgemach von den Grenzen her wieder einrückt. Nur im Winter streift sie, obgleich immer noch in sehr beschränktem Grade, weiter umher als sonst. In Lebensweise und Betragen erinnert die Elster zwar vielfach an die Krähen, unterscheidet sich aber doch in mehrfacher Hinsicht nicht unwesentlich von den Verwandten. Sie A. H ⁸Sì. ᷣ..