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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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Anstrengung, die der Rat der guten Stadt Leipzig machte, um sich der Saatkrähen, welche sich auf den hohen Pappeln der Promenade angesiedelt hatten, zu entledigen. Zuerst wurde die bewehrte Mannschaft aufgeboten, hierauf sogar die Scharfschützen in Bewegung gesetzt: nichts wollte fruchten. Da griff man, wie es schien in Verzweiflung, zu dem letzten Mittel: man zog die blutrote Fahne des Umsturzes auf. Buchstäblich wahr: rote Fahnen flatterten unmittelbar neben und über den Nestern lustig im Winde, zum Grauen und Entsetzen aller friedliebenden Bürger. Aber die Krähen ließen sich auch durch das verdächtige Rot nicht vertreiben. Erst als man ihnen ebenso hartnäckig ihre Nester immer und immer wieder zerstörte, verließen sie den Ort. Mancherlei Übelthaten sind allerdings nicht geeignet, urteilslose Menschen mit den Saatkrähen zu befreunden; wer aber ihre Nützlichkeit würdigt, wird sie wenigstens in Feldgehölzen, die von Wohnungen entfernt sind, gern gewähren lassen. So groß auch die Menge ist, die eine Ansiedelung bevölkert: mit den Massen, welche sich gelegentlich der Winterreise zusammenschlagen, kann sie nicht verglichen werden. Tausende gesellen sich zu Tausenden, und die Heere wachsen um so mehr an, je länger die Reise währt. Sie verstärken sich nicht bloß durch andere Saatkrähen, sondern auch durch Dohlen. „In dem ungünstigen Frühlinge 1818“, erzählt mein Vater, „sah ich einen Schwarm dieser Krähen an der Kante eines Waldes. Er bedeckte im Umkreise mehrerer Quadratkilometer alle Bäume und einen großen Teil der Felder und Wiesen. Gegen Abend erhob sich der ganze Schwarm und verfinsterte da, wo er am dichtesten zusammengedrängt war, im eigentlichen Sinne die Luft. Die Bäume des nahen Fichtenwaldes reichten kaum hin, den unzähligen Vögeln Schlafstellen abzugeben.“ Ziehende Saatkrähen entfalten alle Künste des Fluges. Über die Berge fliegt der Schwarm gewöhnlich niedrig, über die Thäler oft in großer Höhe dahin. Plötzlich fällt es einer ein, 30—100 m herabzusteigen; dies aber geschieht nicht langsam und gemächlich, sondern jäh, sausend, so wie ein lebloser Körper aus großer Höhe zu Boden stürzt. Der einen folgen sofort eine Menge andere, zuweilen der ganze Flug, und dann erfüllt die Luft ein auf weithin hörbares Brausen. Unten, hart über dem Boden angekommen, fliegen die Saatkrähen gemächlich weiter, erheben sich hierauf allgemach wieder in die Höhe, schrauben sich nach und nach mehr empor und ziehen kaum eine Viertelstunde später, dem Auge als kleine Pünktchen erscheinend, in den höchsten Luftschichten weiter. Im Süden Europas oder in Nordafrika sieht man selten so große Flüge der Saatkrähe wie bei uns. Das gewaltige Heer, das sich allgemach sammelte, hat sich nach und nach wieder in einzelne Haufen zerteilt; diese aber suchen verschiedene Ortlichkeiten bestmöglich auszubeuten. Aber es geht ihnen, namentlich in Afrika, oft recht schlimm in der Fremde. Das fruchtbare Nilthal scheint für alle eingewanderten Saatkrähen nicht Raum und Nahrung genug zu haben. Sie fliegen dann in die umliegenden Wüsten nach Futter aus, sinden es nicht und erliegen zu Hunderten dem Mangel. Die Mosesquellen in der Nähe von Sues werden von Palmen umgeben und letztere von den schwarzen Wintergästen zum Schlafplatze gewählt. Hier fand ich einmal den Boden bedeckt von toten Saatkrähen, buchstäblich Hunderte von Leichen nebeneinander. Sie alle waren verhungert. Die Feinde, die der Saatkrähe nachstellen, sind dieselben, welche auch die verwandten Arten bedrohen. In Gefangenschaft ist sie weniger unterhaltend und minder anziehend, wird daher auch seltener im Käfige gehalten als Rabe und Dohle. Junge Krähen aller Arten werden in verschiedenen Gegenden von der ärmeren Bevölkerung gern gegessen und liefern überhaupt ein gar nicht übelschmeckendes Gericht. Das Fleisch alter Vögel ist freilich nichts weniger als empfehlenswert, wird aber dennoch in unfruchtbaren Teilen unseres Vaterlandes ebenfalls als Nahrungsmittel verwendet, spielt sogar in

)‚—. —— —————ß‚— — — —..——p——— — 440 Erste Ordnung: Baumpögel, siebzehnte Familie: Raben. einigen Bezirken eine ganz wichtige Rolle im Haushalte der Bewohner. Über Jagd, Fang und Nutzung der Krähen auf der Kurischen Nehrung hat E. Doberleit in der Jagdzeitung „Der Weidmann“ jüngst ausführlich berichtet. Unserem Gewährsmanne war es zunächst auch ganz unglaubhaft erschienen, daß man Krähen massenweise in Netzen fangen und zum Winter einsalzen könne; er konnte sich aber persönlich von der vollständigen Richtigkeit solcher Mitteilungen überzeugen. „Ich muß hier erläuternd bemerken“, schreibt Doberleit, „daß der Fang in der Zugzeit von den Eingeborenen erwerbsmäßig betrieben wird oder vielmehr betrieben werden muß. Die armen Fischer der Kurischen Nehrung, die tage- und wochenlang, wie es im vergangenen Winter geschehen, ohne Verbindung mit dem Festlande leben, können trotz ungeheurer Anstrengungen auf dem Haffe wenig oder gar nichts fangen, da ö furchtbare Schneeverwehungen und die außerordentliche Stärke des Eises das Fischen von selbst verbieten, so daß sie andere Nahrungsquellen suchen müssen, um das bißchen Dasein zu fristen. In früherer Zeit gehörte sogar zur Kalende eine bestimmte Anzahl Krähen, wie ö mir Herr Pfarrer E. in N. versicherte. „Es sind zum Fange auf der ganzen Nehrung sogenannte Krähenhütten aus Fichtenästen zu Tausenden aufgeführt; ich selbst habe bei meinem Jagdzuge von Cranz bis Rositten 245 Stück gezählt. Vor diesen liegen ziemlich große Netze, mit kleinen Fischen als Köder besetzt, außerdem Netze mit Lockkrähen, die mittels Schnuren an Pfählen befestigt sind. Das Netz wird mit losem Sande bestreut, um es unsichtbar zu machen. Da nun die Krähen längs der Nehrung zu Tausenden und aber Tausenden aus Schweden, Norwegen und besonders aus Rußland herüberziehen, so gelingt es, sie massenhaft mit nicht zu großer Mühe zu erbeuten. Als wir nach kurzer Wanderung auf dem Fangplatze anlangten, standen die Netze schon bereit, die Bügel wurden im Sande befestigt und der Köder verteilt. Wir verschwanden in unseren Hütten, und es dauerte gar nicht lange, als einige der sauberen Gesellschaft zu schreien anfingen und sich, ins Netz fliegend, auf die Lockspeise warfen. Es folgten immer mehr, und sobald das Netz ziemlich voll war, zog der betreffende Fänger die Schnur an, und Dutzende von Schwarzröcken saßen fest. Darauf stürzte der Mann rasch hervor und schlug mit einem Stocke unbarmherzig dem Gesindel die Schädel ein. Dies muß so schnell wie möglich geschehen, da die Krähen einen ungeheuern Lärm erheben und ihre Brüder zu Hunderten heraneilen, um den Gefallenen ein Grablied zu singen oder sie zu rächen. „Die Krähenfänger haben eine solche Fertigkeit im Beseitigen der getöteten Krähen und im Instandsetzen der Netze, daß die Geschichte, ehe man sich's versieht, von neuem beginnt, was um so mehr zu bewundern ist, als es äußerst schwer fällt, in dem losen Sande rasch zu handeln. So geht es den ganzen Tag, und wenn nun der Abend heranrückt, finden sich die Träger ein, um die Beute nach Hause zu schaffen, wo sie in heißem Wasser gebrüht, gerupft, ausgenommen, eingesalzen und in Fässern für die Zeit der Not aufbewahrt wird. Sie bildet den Wintervorrat der Bewohner dieser unwirtlichen Sanddünen.“

Südlich des 18. Grades nördlicher Breite begegnet man zuerst einem durch sein Gefieder sehr ausgezeichneten, kleinen, schwachschnäbeligen Raben, der über Afrika und Madagaskar verbreitet ist: dem Schildraben (Corvus scapulatus, scapularis, dauricus, curvirostris, leuconotus, phaeocephalus und madagascariensis, Corax und Pterocorax scapulatus). Er ist glänzend schwarz, auf Brust und Bauch sowie am unteren Nacken aber breit bandförmig gezeichnet, blendend weiß. Das dunkle Gefieder schillert, das lichte glänzt wie Atlas. Das Auge ist lichtbraun, der Schnabel und die Füße sind schwarz. Die Länge beträgt 45—50, die Fittichlänge 35, die Schwanzlänge 16 em. Das Wohngebiet des Schildraben erstreckt sich vom Meeresgestade bis zu 4000 m Höhe. Im ganzen Sudan und auch in den Tiefebenen Abessiniens ist er eine regelmäßig

vorkommende, wenn auch nicht gerade gemeine Erscheinung. Er tritt in der Ebene überall, im Gebirge dagegen an manchen Orten gar nicht auf. Ich habe ihn gewöhnlich paarweise gefunden. Zuweilen vereinigen sich übrigens mehrere Paare zu einer kleinen Gesellschaft, die jedoch niemals längere Zeit zusammenbleibt. In größeren Scharen habe ich ihn nicht bemerkt. Hartmann sagt, daß ihn der Vogel nicht bloß durch seine Befiederung, sondern auch durch sein heiteres Wesen an die Elster erinnert habe: ich meinesteils glaube gefunden zu haben, daß er unseren Kolkraben mehr als allen übrigen Verwandten entspricht. Sein Flug ist gewandt, leicht, schwebend und sehr schnell; dabei nimmt sich der Vogel prächtig

Schildrabe (Corvus scapulatus). ½ natürl. Größe.

aus. Die spitzigen Schwingen und der abgerundete Schwanz geben ihm beinahe etwas Falkenartiges, und der weiße Brustflecken schimmert auf weit hin. Sein Gang ist ernst und würdevoll, aber doch leicht und fördernd, seine Stimme ist ein sanftes „Kurr“. In allen Gegenden, wo der Schildrabe häufig ist, hat er sich mit dem Menschen befreundet. Scheu fand ich ihn nur in manchen Teilen der Samhara; doch war es auch hier mehr die fremdartige, ihm auffallende Erscheinung des Europäers als die Furcht vor dem Menschen überhaupt, die ihn bedenklich machte. Am Lagerplatze einer Karawane scheut er sich auch vor dem Europäer nicht mehr. In den Küstendörfern der Samhara ist er regelmäßiger Gast; im Dorfe Ed sah ich ihn auf den Firsten der Strohhütten sitzen wie die Nebel⸗ oder Saatkrähe auf unseren Gebäuden. Sein Horst wird auf einzelnen Bäumen der Steppe oder des lichteren Waldes angelegt und enthält in den ersten Monaten der großen Regenzeit 3—4 Eier. Ich habe sie nicht gesehen, aber genügende Beschreibungen von ihnen erhalten. Sie scheinen denen der übrigen Raben in jeder Hinsicht zu ähneln. Gegen die

Jungen zeigt sich das Elternpaar außerordentlich zärtlich, und mutvoll stößt es falkenartig auf den sich nahenden Menschen herab. Im ganzen Ostsudan wie in Abessinien wird der Schildrabe von dem Menschen geduldet oder, wenn man will, nicht beachtet. Als eigentlich unreinen Vogel betrachtet man ihn nicht; doch fällt es niemand ein, sich seiner zu bemächtigen und sein Fleisch zu benutzen. In Gefangenschaft benimmt er sich ganz ähnlich wie der Kolkrabe. Als ein anderer würdiger afrikanischer Vertreter der Gattung darf der Erzrabe (Corx-vus crassirostris, Corvultur und Archicorax crassirostris) gelten. Sein riesiger, mehr als kopflanger, ungewöhnlich dicker, ober- und unterseits stark gekrümmter, seitlich zusammengedrückter, an den Wurzelseiten mit einer breiten, abgeflachten Furche versehener, an der Wurzel nicht mit Borsten bekleideter Schnabel, lange Flügel, in denen die 4. und 5. Schwinge die längsten sind, und der ziemlich bedeutend abgestufte Schwanz sind seine wichtigsten Kennzeichen. Er erreicht eine Länge von 70 em, bei 47 em Flügel- und 24 em Schwanzlänge. Das kohlschwarze Gefieder der Halsseiten schillert dunkel purpurfarbig, das übrige blauschwarz; die kleinen Deckfedern des Flügelbugs sind dunkel kastanienbraun und schwarz gemischt; ein weißer birnförmiger Flecken bedeckt Hinterkopf und Nacken. Das Auge ist kastanienbraun, der Schnabel wie der Fuß schwarz, an der Spitze weiß. Über die Lebensweise dieses riesigen Raben berichtet von Heuglin in eingehender Weise. Der Vogel ist Bewohner der Gebirge im nördlichen Ostafrika, insbesondere Abessiniens und der Somalhochländer, westlich wahrscheinlich bis tief ins Innere Afrikas verbreitet, aber nur in Höhen von 1200 m aufwärts bis zur Schneegrenze ansässig. Hier, auf Hochebenen und mit Vorliebe in der Nähe von Viehgehegen oder Schlachtplätzen, lebt er paarweise oder in kleinen Gesellschaften, den Menschen weder scheuend noch fürchtend. Man sieht ihn nach Art seiner Verwandtschaft viel auf dem Boden umherlaufen oder über Triften, Feldern und Niederlassungen dahinschweben, selten bäumen, öfter auf einzeln stehenden Felsen oder Hausdächern ruhen und scharfen Auges sein Gebiet durchspähen, vernimmt auch nicht selten seinen rauhen, kolkrabenartigen Ruf oder seinen verhältnismäßig schwachen, rätschenden Lockton. Gesellig und verträglich wie die meisten anderen Raben, lebt er mit den Aasvögeln in gutem Einvernehmen, läßt sich durch sie jedoch nicht vom Aase vertreiben. Im Notfalle frißt er Käfer und andere Kerbtiere, wahrscheinlich auch Fruchtstoffe maͤncherlei Art; seine Hauptnahrung besteht jedoch in Fleischabfällen und Knochen. Ihnen zu Gefallen besucht er die Ortschaften, folgt er den Herden oder ebenso den Heeren. Während der Kriegs-— züge gegen die Galla, an welchen von Heuglin halb gezwungen teilnehmen mußte, war er in Gemeinschaft des Geieradlers, Aasgeiers, Schmarotzermilans und eines anderen Raben steter Begleiter der Krieger, und nicht selten sah ihn der Reisende auch auf menschlichen Leichen sitzen, diesen zuerst die Augen aushacken und dann den Leib zerreißen. Unser Gewährsmann hat zwar nie beobachten können, daß er lebende Tiere angreift, zweifelt jedoch nicht im geringsten, daß er dies thue. Wahrscheinlich ähnelt er in jeder Beziehung und so auch hinsichtlich seiner räuberischen Thätigkeit seinem Verwandten, dem südafrikanischen

Geierraben (Corvus albicollis), dessen Betragen Levaillant gezeichnet hat. Dieser Rabe frißt zwar ebenfalls vorzugsweise Aas, greift aber auch lebende Tiere, namentlich Schafe und junge Gazellen an, hackt ihnen die Augen und die Zunge aus und tötet und zerreißt sie. Nicht minder folgt er den Herden der Büffel, Rinder und Pferde, selbst dem Nashorne und dem Elefanten, die ihm ebenfalls Nahrung zollen müssen. Hätte er die nötige Kraft, er würde diesen Tieren gefährlich werden; so aber muß er sich begnügen, mit seinem Schnabel die wunden Stellen zu bearbeiten, die durch Zecken und Maden verursacht werden. Diese Quälgeister der Säugetiere finden sich bei vielen von ihnen so

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