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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

PDF document823 original pagesPublished 1891
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besiedelt sie mit dieser dieselben Bergzüge, bildet, wie ich beobachtet habe, mit ihr sogar gemeinschaftliche Flüge. „Wie zum Saatfelde die Lerche, zum See die Möwe, zum Stalle und der Wiese die Ammer und der Hausrotschwanz, zum Kornspeicher die Taube und der Spatz, zum Grünhage der Zaunkönig, zum jungen Lerchenwalde die Meise und das Goldhähnchen, zum Feldbache die Stelze, zum Buchwalde der Fink, in die zapfenbehangenen Föhren das Eichhorn gehört“, sagt Tschudi, „so gehört zu den Felsenzinnen unserer Alpen die Bergdohle oder Schneekrähe. Findet der Wanderer oder Jäger auch sonst in den Bergen keine zwei- oder vierfüßigen Alpenbewohner: eine Schar Bergdohlen, die zankend und schreiend auf den Felsenvorsprüngen sitzen, bald aber schrill pfeifend mit wenigen Flügelschlägen auffliegen, in schneckenförmigen Schwenkungen in die Höhe steigen und dann in weiten Kreisen die Felsen umziehen, um sich bald wieder auf einem davon niederzulassen und den Fremden zu beobachten, findet er gewiß immer, sei es auf den Weiden über der Holzgrenze, sei es in den toten Geröllhalden der Hochalpen, ebenso häufig auch an den nackten Felsen am und im ewigen Schnee. Fand doch von Dürrler selbst auf dem Firnmeere, das die höchste Kuppe des Tödi, mehr als 3500 müber dem Meere, umgibt, noch zwei solcher Krähen und Meyer bei seiner Ersteigung des Finsteraͤarhorns in einer Höhe von über 4000 müber dem Meere noch mehrere Stücke. Sie gehen also noch höher als Schneefinken und Schneehühner und lassen ihr helles Geschrei als eintönigen Ersatz für den trillernden Gesang der Flüelerche und des Zitronfinken hören, welcher fast 1000 m tiefer den Wanderer noch so freundlich begleitete. Und doch ist es diesem gar lieb, wenn er zwischen ewigem Eise und Schnee wenigstens diese lebhaften Vögel sich noch schwärmend herumtreiben und mit dem Schnabel im Firne nach eingesunkenen Kerbtieren hacken sieht. „Wie fast alle Alpentiere gelten auch die Schneekrähen für Wetterverkündiger. Wenn im Frühlinge noch rauhe Tage eintreten oder im Herbste die ersten Schneefälle die Hochthalsohle versilbern wollen, steigen diese Krähen scharenweise, bald hell krächzend, bald laut pfeifend, in die Tiefe, verschwinden aber sogleich wieder, wenn das Wetter wirklich rauh und schlimm geworden ist. Auch im härtesten Winter verlassen sie nur auf kurze Zeit die Alpengebiete, um etwa in den Thalgründen dem Beerenreste der Büsche nachzugehen, und im Januar sieht man sie noch munter um die höchsten Felsenzinnen kreisen. Sie fressen übrigens wie die anderen Rabenarten alles Genießbare; im Sommer suchen sie bisweilen die höchsten Bergkirschenbäume auf. Land- und Wasserschnecken verschlucken sie mit der Schale (im Kropfe einer an der Spiegelalpe im Dezember geschossenen Bergdohle fanden wir 13 Landschnecken, unter denen kein leeres Häuschen war) und begnügen sich in der ödesten Nahrungszeit auch mit Baumknospen und Fichtennadeln. Auf tierische Überreste gehen sie so gierig wie die Kolkraben und verfolgen in gewissen Fällen selbst lebende Tiere wie echte Raubvögel. Im Dezember 1853 sahen wir bei einer Jagd in der sogenannten Ohrligrube am Säntis mit Erstaunen, wie auf den Knall der Flinte sich augenblicklich eine große Schar von Schneekrähen sammelte, von denen vorher kein Stück zu sehen gewesen. Lange kreisten sie laut pfeifend über dem angeschossenen Alpenhasen und verfolgten ihn, solange sie den Flüchtling sehen konnten. Um ein unzugängliches Felsenriff des gleichen Gebirges, auf welchem eine angeschossene Gemse verendet war, kreisten monatelang, nachdem der Leichnam schon knochenblank genagt war, die krächzenden Bergdohlenscharen. Mit großer Unverschämtheit stoßen sie angesichts des Jägers auf den stöbernden Dachshund. Ihre Beute teilen sie nicht in Frieden. Schreiend und zankend jagen sie einander die Bissen ab und beißen und necken sich beständig; doch scheint ihre starke gesellige Neigung edler Art zu sein. Wir haben oft bemerkt, wie der ganze Schwarm, wenn ein oder mehrere Stück aus ihm weggeschossen wurden, mit heftig pfeifenden Klagetönen eine Zeitlang noch über den erlegten schwebte.

„Ihre oft gemeinsamen Nester sind in den Spalten und Höhlen der unzugänglichsten Kuppen angelegt. Das einzelne Nest ist flach, groß, besteht aus Grashalmen und enthält in der Brütezeit fünf kräheneigroße, etwa 26 mm lange, 38 mm dicke Eier mit dunkelgrauen Flecken auf hell aschgrauem Grunde. Die Schneekrähen bewohnen gewisse Felsengrotten ganze Geschlechter hindurch und bedecken dort den Boden oft dick mit ihrem Kote.“ Über das Gefangenleben gilt genau dasselbe, was von der Alpenkrähe gesagt werden kann; ich wenigstens habe an meinen Pfleglingen der einen wie der anderen Art irgendwie erhebliche Unterschiede nicht beobachten können. „Dieser Vogel ist einer von denjenigen“, sagt Savi, „die sich am leichtesten zähmen lassen und die innigste Anhänglichkeit an ihren Pfleger zeigen. Man kann ihn jahrelang halten, frei herumlaufen und fliegen lassen. Er springt auf den Tisch und ißt Fleisch, Früchte, besonders Trauben, Feigen, Kirschen, Schwarzbrot, trockenen Käse und Dotter. Er liebt die Milch und zieht bisweilen Wein dem Wasser vor. Wie die Raben hält er die Speisen, die er zerreißen will, mit den Klauen, versteckt das übrige und deckt es mit Papier, Splittern und dergleichen zu, setzt sich auch wohl daneben und verteidigt den Vorrat gegen Hunde und Menschen. Er hat ein seltsames Gelüste zum Feuer, zieht oft den brennenden Docht aus den Lampen und verschluckt ihn, holt ebenso des Winters kleine Kohlen aus dem Kamine, ohne daß es ihm im geringsten schadet. Er hat eine besondere Freude, den Rauch aufsteigen zu sehen, und so oft er ein Kohlenbecken wahrnimmt, sucht er ein Stück Papier, einen Lumpen oder einen Splitter, wirft es hinein und stellt sich dann davor, um den Rauch anzusehen. Sollte man daher nicht vermuten, daß dieser der „brandstiftende Vogel' (Kvis incendiaria) der Alten sei? „Vor einer Schlange oder einem Krebse und dergleichen schlägt er die Flügel und den Schwanz und krächzt ganz wie die Raben; kommt ein Fremder ins Zimmer, so schreit er, daß man fast taub wird; ruft ihn aber ein Bekannter, so gackert er ganz freundlich. In der Ruhe singt er bisweilen, und ist er ausgeschlossen, so pfeift er fast wie eine Amsel; er lernt selbst einen kleinen Marsch pfeifen. War jemand lange abwesend und kommt zurück, so geht er ihm mit halb geöffneten Flügeln entgegen, begrüßt ihn mit der Stimme, fliegt ihm auf den Arm und besieht ihn von allen Seiten. Findet er nach Sonnenaufgang die Thür geschlossen, so läuft er in ein Schlafzimmer, ruft einige Male, setzt sich unbeweglich aufs Kopfkissen und wartet, bis sein Freund aufwacht. Dann hat er keine Ruhe mehr, schreit aus allen Kräften, läuft von einem Orte zum anderen und bezeugt auf alle Art sein Vergnügen an der Gesellschaft seines Herrn. Seine Zuneigung setzt wirklich in Erstaunen; aber dennoch macht er sich nicht zum Sklaven, läßt sich nicht gern in die Hand nehmen und hat immer einige Personen, die er nicht leiden mag, und nach denen er pickt.“ * In den Wüsten, die im Inneren Asiens, zwischen dem Aralsee und Tibet, sich erstrecken, hausen absonderliche Rabenvögel, die Sharpe in der Unterfamilie der Felsenraben unterbringt. Der Schnabel der vier bekannten Arten, welche die Gattung der Wüstenhäher (Podoces) bilden, ist ziemlich lang und im ganzen, oben von der Wurzel bis zur Spitze gleichmäßig und sanft, unten sehr schwach gebogen, oberseits kaum über den Unterschnabel verlängert, der Fuß schlank, sein Laufteil doppelt so hoch wie die Mittelzehe lang, mit kräftigen, stark gebogenen Nägeln bewehrt, der Flügel mittellang, in ihm die vierte Schwinge die längste, der Schwanz mäßig lang, am Ende sanft abgerundet, das Gefieder reich und weich, nach Geschlecht und Atler wenig oder nicht verschieden gefärbt.

Das Urbild der Gattung ist der Saxaulhäher (Podoces panderi, Corvyus, Pica und Garrulus panderi). Seine Länge beträgt ungefähr 25, die Fittichlänge 12, die

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Schwanzlänge 10 em. Alle Oberteile sind schön hell aschgrau, Kehle und Vorderhals etwas lichter, die Unterteile weißlichgrau, licht weinrot überflogen, die unteren Schwanzdecken fast weiß, ein breiter, bis zum weiß umrandeten Auge reichender Zügelstrich und ein dreieckiger, nach unten verbreiterter Flecken am Unterhalse schwarz, die Schwingen weiß, die ersten beiden außen und an der Spitze, die übrigen nur im Spitzendrittel schwarz, alle auch ebenso geschaftet, stahlblau glänzend, die Armschwingen und großen Flügeldecken an der Wurzel schwarz, im übrigen weiß, die letzten Schulterfedern bis auf einen nach hinten zu mehr und mehr sich verschmälernden Endrand schwarz, wodurch zwei weiße und ebenso viele schwarze Binden gebildet werden, die Steuerfedern schwarz mit grünlichem Metallglanze.

Saxaulhäher (Podoces panderi). ½ natürl. Größe.

Das Auge hat braune, der Schnabel wie der Fuß bleigraue Färbung. Männchen und Weibchen unterscheiden sich nicht, junge Vögel durch schmutzig hell bräunlichgraue Hauptfärbung, Fehlen des schwarzen Zügelstreifens und des Halsfleckens, Glanzlosigkeit der Schwingen und schwächeren Glanz der Steuerfedern. Obwohl der Saxaulhäher bereits im Jahre 1823 von Eversmann entdeckt und später von einzelnen Reisenden wiederholt beobachtet wurde, danken wir doch erst Bogdanow eine im Jahre 1877 veröffentlichte Lebensschilderung des Vogels. Seine Heimat ist die im Osten des Aralsees zwischen Syr-darja und Amu-darja gelegene Einöde Kysyl-kum, eine Sandwüste im vollen Sinne des Wortes, „eben und grenzenlos wie ein offenes, aber im Sturmesschwunge erkaltetes Meer“, in welcher außer seltsamem Getier nur wenige wunderbare Pflanzen, insbesondere aber der Saxaul- oder Widderholzstrauch dürftiges Leben fristen. Hier auf dem Sande lebt der Vogel; selten nur verläuft er sich bis auf den Lehmboden, niemals auf steinigen Grund dieser Wüste; in der Nähe von Flüssen und Seen begegnet man ihm ebensowenig. Mit Bestimmtheit kann man sagen, daß er niemals trinkt und keines Wassers bedarf (2). In der Sandwüste sucht er solche Stellen auf, wo die Sandhügel mit sehr spärlichem Wachstum bedeckt sind, wo die Wüstensträucher einzeln zerstreut und Brehm, Tierleben. 3. Auflage. IV. 31

voneinander weit entfernt stehen. Wahrscheinlich aber rückt er nach Norden hin vor, hat wenigstens den Syr-darja bereits überschritten. Weiteres über das Vorkommen berichtet in neuester Zeit Alfred Walter: „Der westlichste Platz in den turkmenischen Wüsten, wo wir den Vogel noch selten antrafen, liegt nordöstlich von Askhabad bei den Brunnen von Balkuju, woselbst ein Pärchen am 24. Februar 1886 erlegt wurde. Sarudnoi fand ihn östlicher bei Dort-kuju im Mai desselben Jahres. Häufig findet er sich in der Sandwüste, die sich zwischen Merw und dem Amu-darja dehnt, so namentlich bei Utsch-adshi und Repetek im hohen Sande mit Saxaulbeständen. Südwärts am Murghab und in der Hochwüste an der Afghanengrenze fehlt der Vogel entschieden, soll aber am Tedschen unterhalb von Serachs gefunden worden sein. Es scheint also, daß seine südliche Verbreitungsgrenze durch den lehmigen Steppenstreifen gezogen wird, welcher mit der Achal-teke-, Tedschen- und Merw⸗ Oase die turkmenische Wüste gegen Süden zum Abschlusse bringt.“ Einzeln und ungesellig verlebt der Saxaulhäher den größten Teil des Jahres in seinem Gebiete, ohne zu wandern. Den ganzen Tag über läuft er, in der Nähe der Sträucher und im Sande Nahrung suchend, mit weiten Schritten, weder springend noch hüpfend, sondern nach Art der Hühnervögel eilfertig und ungewöhnlich rasch dahinrennend, innerhalb seines Wohnkreises umher. Kein einziger Rabe schreitet so weit aus wie er. Bei Gefahr läuft er von einem Saxaulstrauche zum anderen, versteckt sich hinter jedem und lugt bald von der einen, bald von der anderen Seite hervor. Zum Auffliegen entschließt er sich selten. Ebenso selten und wohl nur, um von einem erhöhten Punkte weitere Umschau zu halten, setzt er sich auf die Spitzen eines Strauches. Sein Flug erinnert an den der Elster, des Hähers und des Würgers. Für gewöhnlich betreibt er seine Geschäfte schweigsam; doch vernimmt man dann und wann auch einen aus mehreren grellen, hohen, abgerissenen, dem Jauchzen der Spechte nicht unähnlichen Tönen bestehenden Schrei von ihm. Ungestört beschäftigt er sich fast beständig mit Aufnahme seiner Nahrung, die er entweder vom Boden aufliest oder zwischen dem Gewurzel der Gesträuche hervorwühlt. Im Frühlinge und Sommer fand Bogdanom fast nur Käferlarven in dem Magen der von ihm getöteten Stücke, wahrscheinlich die verschiedener Trauerkäfer, welche die Wüste in Menge bewohnen, seltener die Reste dieser Käfer selbst. Bereits im August muß sich der Vogel, weil die Käfer um diese Zeit zu verschwinden beginnen, nach anderer Nahrung umsehen und mit den Samen des Saxaul und anderer Wüstensträucher begnügen. Diese Sämereien bilden wahrscheinlich sein ausschließliches Winterfutter. Im Spätherbste gesellt er sich den Viehherden der Kirgisen zu und untersucht den Mist, um irgend welche Nahrung zu erlangen. Bei dieser Gelegenheit nähert er sich nicht allein den Karawanenstraßen, sondern auch den Jurten der Kirgisen, ohne irgendwie Scheu vor dem Menschen zu verraten. Schon im Winter, wahrscheinlich im Februar, vereinigen sich die so ungeselligen Vögel zu Paaren, um zur Fortpflanzung zu schreiten. Bis dahin hatte ein Begegnen zweier Saxaulhäher, besonders zweier gleichen Geschlechtes, stets einen Kampf zur Folge, nach dessen Beendigung beide wiederum auseinander liefen. Wie es sich nunmehr verhält, vermag Bogdanow nicht zu sagen, da er weder das eheliche Leben des Vogels beobachten, noch dessen Nest und Eier auffinden konnte. Letztere, mit denen uns Fedtschenko bekannt gemacht hat, sind etwa 30 mm lang, 20 mm dick und auf graugrünlichem Grunde überall, gegen das dicke Ende hin kranzartig, mit verschieden großen, dunkel graugrünen und feinen blaßroten Punkten gezeichnet. Die Nester, die nicht weiter beschrieben werden, standen in Mannes-⸗ höhe über dem Boden auf den oben genannten Sträuchern. Fedurin, ein Begleiter Bog-— danows, fand am 23. April ein Saxaulhäherpaar mit zwei ausgeflogenen Jungen, und letzterer schließt daraus, daß die Legezeit schon in den ersten Tagen des März beginnen muß.

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