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Brehms Tierleben, Band 4: Die Vögel I — Baumvögel

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Saxaulhäher. Flötenvogel.

Die letzte Unterfamilie vereinigt die Lärmkrähen (Streperinae), möglicherweise Verbindungsglieder der Raben- und Würgerfamilie. Sie kennzeichnen der gestreckt kegelförmige, an der Wurzel breite, seitlich zusammengedrückte, mit dem Firste in die Stirn eindringende, auf ihr bis gegen die Spitze hin fast gerade, an der Spitze hakig übergebogene Schnabel, der echt rabenartige Fuß, der lange, spitzige Flügel und der mittellange, gerade abgeschnittene oder sanft gerundete Schwanz. Das australische Reich ist die Heimat der Lärmkrähen. Hier leben sie an geeigneten Orten, ungewöhnlich behende auf dem Boden laufend, nicht minder gewandt im Gezweige sich bewegend, aber nicht gerade leicht und sicher fliegend. Kleine Tiere verschiedener Klassen, insbesondere Schrecken, kleine Wirbeltiere, Früchte, Körner und Sämereien bilden ihre Nahrung. „Wenige Vögel“, sagt Gould, „sind zierlicher oder beleben die Gegend, in welcher sie erscheinen, in anmutigerer Weise als sie, sei es durch ihre gewandten Bewegungen auf und über dem Boden, oder sei es durch ihre laut schallenden Flötentöne, die sie im Sitzen wie im Fliegen hören lassen.“ Sie fliegen meist in Gesellschaften zu 4—6 Stück, wahrscheinlich in Familien, aus den beiden Eltern und ihren Kindern bestehend. Ihre Nester werden aus Reisig aufgebaut und mit Gräsern und anderen passenden Stoffen ausgefüllt; das Gelege enthält 3—4 Eier. Die Jungen, die von beiden Eltern aufgefüttert und sehr mutig verteidigt werden, erhalten schon nach der ersten Mauser das ausgefärbte Kleid.

Der Flötenvogel (Strepera tibicen, Gymnorhina tibicen, Coracias, Barita und Cracticus tibicen), der in neuerer Zeit ein Bewohner aller Tiergärten geworden ist, kommt einer Saatkrähe an Größe ungefähr gleich. Seine Länge beträgt 43, die Fittichlänge 27, die Schwanzlänge 14 cm. Das Gefieder ist der Hauptsache nach schwarz, auf Nacken, Unterrücken, den oberen und unteren Schwanzdeckfedern und den vorderen Flügeldeckfedern aber weiß. Das Auge ist rötlich nußbraun, der Schnabel bräunlich aschgrau, der Fuß schwarz. Nach Gould ist der Flötenvogel besonders in Neusüdwales häufig und ein in hohem Grade ins Auge fallender Vogel, der die Gefilde sehr schmückt, da, wo man ihn nicht verfolgt oder vertreibt, in die Gärten der Ansiedler hereinkommt, bei einiger Hegung sogar die Wohnungen besucht und ihm gewährten Schutz durch größte Zutraulichkeit erwidert. Sein buntes Gefieder erfreut das Auge, sein eigentümlicher Morgengesang das Ohr. Offene Gegenden, die mit Baumgruppen bewachsen sind, bilden seine bevorzugten Wohnsitze; deshalb zieht er das Innere des Landes der Küste vor. Die Nahrung besteht hauptsächlich aus Heuschrecken, von denen er eine unschätzbare Menge verzehrt. Im August beginnt und bis zum Januar währt die Brutzeit, da jedes Pärchen zweimal nistet. Das runde und offene Nest wird aus Reisholz und Blättern erbaut und mit zarteren Stoffen, wie sie eben vorkommen, ausgefüttert. Die 3—4 Eier, die das Gelege ausmachen, konnte Gould nicht erhalten; dagegen beschreibt er die eines sehr nahen Verwandten. Sie sind auf düster bläulichweißem, zuweilen ins Rötliche spielendem Grunde mit großen braunroten oder licht kastanienbraunen Flecken zickzackartig gezeichnet. Als Gould Australien bereiste, gehörte ein gefangener Flötenvogel noch zu den Seltenheiten; gegenwärtig erhalten wir ihn häufig lebend. Er findet viele Liebhaber und ist in Tiergärten geradezu unentbehrlich. Schon der schweigsame Vogel zeigt sich der Teilnahme wert; allgemein anziehend aber wird er, wenn er eines seiner sonderbaren Lieder beginnt. Ich habe Flötenvögel gehört, die wunderherrlich sangen, viele andere aber beobachtet die nur einige fugenartig verbundene Töne hören ließen. Jeder einzelne Laut des Vortrages ist volltönend und rein; nur die Endstrophe wird gewöhnlich mehr geschnarrt als geflötet. Unsere Vögel sind, um es mit zwei Worten zu sagen, geschickt im Ausführen, aber 31

. — 484 Erste Ordnung: Baumvögel; achtzehnte Familie: Würger. ungeschickt im Erfinden eines Liedes, verderben oft auch den Spaß durch allerlei Grillen, die ihnen gerade in den Kopf kommen. Gelehrig im allerhöchsten Grade, nehmen sie ohne Mühe Lieder an, gleichviel, ob diese aus beredtem Vogelmunde ihnen vorgetragen, oder ob sie auf einer Drehorgel und anderweitigen Tonwerkzeugen ihnen vorgespielt werden. Sämtliche Flötenvögel, die ich beobachten konnte, mischen bekannte Lieder, namentlich beliebte Volksweisen, in ihren Gesang; sie scheinen diese während der Überfahrt den Matrosen abgelauscht zu haben. Bekannte werden regelmäßig mit einem Liede erfreut, Freunde mit einer gewissen Zärtlichkeit begrüßt. Die Freundschaft ist jedoch noch leichter verscherzt als gewonnen;

Flötenvogel (Strepera tibicen). 9½0 natürl. Größe.

denn nach meinen Erfahrungen sind diese Raben sehr heftige und jähzornige, ja rachsüchtige Geschöpfe, die sich bei der geringsten Veranlassung, oft in recht empfindlicher Weise ihres Schnabels bedienen. Erzürnt, sträuben sie das Gefieder, breiten die Flügel und den Schwanz aus und fahren wie ein erboster Hahn gegen den Störenfried los. Auch mit ihresgleichen leben sie viel im Streite und Kampfe, und andere Vögel fallen sie mörderisch an. Ihre Haltung im Käfige verursacht keine Schwierigkeiten. Sie bedürfen allerdings tierischer Nahrung, nehmen aber auch gern mit Pflanzenstoffen vorlieb. Fleisch, Brot und Früchte bilden den Hauptteil ihrer Mahlzeit. Gegen die Witterung zeigen sie sich wenig empfindlich, können auch ohne Gefahr während des Winters im Freien gehalten werden. Die Würger (Laniidae) bilden eine fast 300 Arten zählende, über die ganze Erde verbreitete Familie, deren Merkmale in dem kräftigen, seitlich zusammengedrückten, deutlich

gezahnten und hakig übergebogenen Schnabel, den kurzen, breiten, abgerundeten Flügeln, in denen die dritte oder vierte Schwinge über alle anderen verlängert zu sein pflegt, und in dem ziemlich oder sehr langen, abgestuften, aus zwölf Federn bestehenden Schwanze liegen. Das Gefieder ist regelmäßig reich, etwas locker und weich, die Zeichnung angenehm und wechselvoll, bei gewissen Arten aber sehr übereinstimmend. Kleine Waldungen, die von Feldern und Wiesen umgeben sind, Hecken und Gebüsche in den Feldern, Gärten und einzeln stehende Bäume bilden die Aufenthaltsorte der Würger, die höchsten Zweigspitzen hier ihre gewöhnlichen Ruhe- und Sitzpunkte. Die meisten nordischen Arten sind Sommervögel, die regelmäßig wandern und ihre Reisen bis Mittelafrika ausdehnen. Lebensweise und Betragen erinnern ebensosehr an das Treiben der Raubvögel wie an das Gebaren mancher Raben. Sie gehören ungeachtet ihrer geringen Größe zu den mutigsten, raubsüchtigsten und mordlustigsten aller Vögel. Ihre Begabungen sind nicht besonders ausgezeichnet, aber sehr mannigfaltig. Ihre Stimme ist eintönig und ihr eigentlicher Gesang kaum der Rede wert; ihr Flug ist schlecht und unregelmäßig, ihr Gang hüpfend, gleichwohl überraschen und fangen sie gewandtere Vögel, als sie selbst sind, ebenso wie sie ihren Gesang wesentlich verbessern, indem sie, scheinbar mit größter Mühe und Sorgfalt, anderer Vögel Lieder oder wenigstens einzelne Strophen und Töne daraus ablauschen und das nach und nach Erlernte, in sonderbarer Weise vereinigt und verschmolzen, zum besten geben. Einzelne Arten sind, dank dieser Gewohnheit, wahrhaft beliebte Singvögel, die Freude und der Stolz mancher Liebhaber. Auch die Würger sind eigentlich Kerbtierfresser; die meisten Arten aber stellen ebenso dem Kleingeflügel nach und werden um so gefährlicher, als sie von diesem meist nicht gewürdigt und mit ungerechtfertigtem Vertrauen beehrt werden. Ruhig sitzen sie minutenlang unter anderen Singvögeln, singen wohl auch mit diesen und machen sie förmlich sicher: S. da plötzlich erheben sie sich, packen unversehens einen der nächstsitzenden und würgen ihn ab, als ob sie Raubvögel wären. Sonderbar ist ihre Gewohnheit, gefangene Beute auf spitzige Dornen zu spießen. Da, wo ein Pärchen dieser Vögel haust, wird man selten vergeblich nach derartig aufbewahrten Kerbtieren und selbst kleinen Vögeln oder Kriechtieren und Lurchen suchen. Von dieser Gewohnheit her rührt der Name „Neuntöter“, den das Volk gerade diesen Räubern gegeben hat. Das Nest ist gewöhnlich ein ziemlich kunstreicher Bau, welcher im dichtesten Gestrüpp oder wenigstens im dichtesten Geäste angelegt und meist mit grünen Pflanzenteilen geschmückt ist. Das Gelege besteht aus 46 Eiern, die vom Weibchen allein ausgebrütet werden, während das Männchen inzwischen die Ernährung seiner Gattin übernimmt. Die ausgeschlüpften Jungen werden von beiden Eltern geatzt, ungemein geliebt und bei Gefahr aufdas mutigste verteidigt, auch nach dem Ausfliegen noch längere Zeit geführt, geleitet und unterrichtet und erst spät im Herbste, ja wahrscheinlich sogar erst in der Winterherberge der elterlichen Obhut entlassen. Die Familie ist neuerdings in Abteilungen zerfällt worden, die als Unterfamilien aufgefaßt werden mögen. Unter ihnen stellen wir die der Wächter oder Heckenwürger (Laniinae) obenan, weil unsere europäischen Arten ihr angehören. Ihre Merkmale liegen in dem sehr kräftigen, seitlich zusammengedrückten, mit einem Zahne ausgerüsteten Schnabel, den starken, hochläufigen, mittellangzehigen, mit spitzigen Nägeln bewehrten, auf dem Laufe mit großen Platten getäfelten Füßen, den mäßig langen, gerundeten Flügeln und dem ziemlich langen, gesteigerten Schwanze. *

Erste Ordnung: Baumvpögelz achtzehnte Familie: Würger.

Die gleichnamige Gattung (Lanius), welche die Urbilder der Familie umfaßt, kennzeichnet sich durch mittellangen, sehr kräftigen, seitlich zusammengedrückten, auf dem Firste fast geraden, vor ihm hakig herab- und übergebogenen, durch einen scharfeckigen Zahn verstärkten Schnabel, mittelhochläufige, freizehige Füße, mäßig lange Flügel, unter deren Schwingen die vierte die Spitze bildet, und langen und breiten, am Ende stark abgerundeten oder keilförmigen Schwanz. Der würdigste Vertreter dieser Gattung ist der Raubwürger, Würg-, Wehr-, Wahr-und Ottervogel, Würgengel, Wächter, Buschfalke, Waldherr, Wildwald, Metz—- ger und Abdecker, Berg-, Busch-, Krik-, Kriegel-, Wild-, Kraus- und Straußelster (Lanius excubitor, eineéreus und rapax, Collyrio excubitor). Seine Länge beträgt 26, die Breite 36, die Fittichlänge 10, die Schwanzlänge 12 em. Das Gefieder ist auf der Oberseite, bis auf einen langen, weißen Schulterflecken gleichmäßig hell aschgrau, auf der Unterseite rein weiß; ein breiter schwarzer, weiß umrandeter Zügelstreif verläuft durch das Auge. Im Flügel sind die großen Handschwingen von der Wurzel bis zur Hälfte, die Armschwingen an der Wurzel, die Oberarmschwingen an der Spitze und inneren Fahne weiß, im übrigen aber wie die Deckfedern der Schwingen schwarz. Im Schwanze sind die beiden mittleren Federn schwarz; bei den übrigen tritt diese Färbung mehr und mehr zurück, und reines Weiß wird dafür vorherrschend, die fünfte Außenfeder ist bis auf einen großen schwarzen Flecken auf der Mitte der inneren Fahne und die äußere bis auf einen schwarzen Schaftstreifen ganz weiß. Das Auge ist braun, der Schnabel schwarz, der Fuß bleigrau. Das Weibchen unterscheidet sich durch unreinere Farben, der junge Vogel durch eine schwach wellenförmige Zeichnung, die zumal auf der Brust hervortritt. Neben dem Raubwürger leben in Europa Verwandte, die, zum Teil wenigstens, als: eigne Arten aufgefaßt werden dürfen, von einzelnen Forschern jedoch nur als Abarten angesehen werden.

Der Großwürger (Lanius major, mollis, septentrionalis und borealis), der Sibirien entstammt, wiederholt aber auch in Deutschland erlegt wurde, ähnelt dem Raubwürger, unterscheidet sich von ihm jedoch durch den einfachen, weißen Spiegel auf der zweiten bis zehnten Handschwinge, das Fehlen von Weiß auf den Armschwingen, die breitere weiße Spitzenzeichnung der letzteren und die weiße Außenfahne der äußersten Schwanzfeder, überhaupt größere Ausdehnung der weißen Zeichnung am Schwanze. Die Länge beträgt 24,, die Fittichlänge 11,5, die Schwanzlänge 10,6 em.

Der Spiegelwürger (Lanius homeyeri) dagegen, der die Gegend um die untere Wolga und die Krim bewohnt, sich jedoch ebenfalls nach Deutschland verflogen hat, unterscheidet sich vom Raubwürger durch die viel größere Ausdehnung der weißen Flügelspiegel, weiße Stirn, Augenbrauenstreifen und Bürzel und viel Weiß im Schwanze. Seine Länge beträgt 25,3, die Fittichlänge 11,5, die Schwanzlänge 11 em.

Der Südliche Raubwürger oder Hesperidenwürger (Lanius meridionalis, Collyrio meridionalis), aus Südeuropa, ist oberseits tief aschgrau, unterseits hell weinrötlich, an den Kopfseiten, Kinn und Kehle sowie den Unterschwanzdecken weiß, der schwarze Zügel oberseits schmal weiß gesäumt; die Schwingen sind schwarz, die dritte bis fünfte Handschwinge an der Wurzel, die hinteren Armschwingen am Ende, die längsten Schulterfedern ganz weiß, die Schwanzfedern schwarz, die äußerste bis über die Hälfte, die zweite weniger, die dritte und vierte nur noch am Ende weiß. Die Länge beträgt 24, die Breite 32, die Fittich- und Schwanzlänge 11 em.

Unser Raubwürger lebt, vielleicht mit ANusnahıne des äußersten Südens, in allen Ländern Europas und in einem großen Teile Asiens als Stand- oder Strichvogel, in No1rd-afrika und Südasien al3 Zugvogel. In den Monaten September bis November und Februar bis April sieht man ihn am häufigsten, weil er dann streicht. Jm Winter kommt er gern bis in die Nähe der Ortschaften; im Sommer hält er sich paarweise an Waldrändern oder auf einzeln stehenden Bäumen des freien Feldes auf. Feldhölzer oder Waldränder, die an

Naubwürger (Lanius excubitor) und Neuntöter (Lanius collurio). 3 natürl. Größe.

Wiesen oder Viehweiden grenzen, sind seine Lieblingspläge; hier pflegt er auch sein Nest anzulegen. Er ist, wie e3 scheint, im Gebirge ebenso häufig wie in der Cbene und fehlt nur den Hochalpen oder sumpfigen Gegenden. Wer ihn einmal kennen gelernt hat, wird ihn mit keinem seiner deutschen Verwandten verwechseln; denn er zeichnet sich vor allen ebenso durch sein Wesen wie durch seine Größe aus. Gewöhnlich sieht man ihn auf der höchsten Spike eines Baumes oder Strauches, der weite Umschau gestattet, bald aufgerichtet mit gerade herabhängendem Schwanze, bald mit wagerecht getragenem Körper ziemlich regungslo3 sien. Sein Blick schweift rastlos umher, und seiner Aufmerksamkeit entgeht ein vorüberfliegender Raubvogel ebensowenig wie ein am Boden sich bewegendes Kerbtier,

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